Samstag, 15. Oktober 2016

Das Wasserdampfprinzip und der Bayer

Die Reizwörter lauten:
Schatzkästchen – Wasserdampf – beschützen – pflegen – unbeobachtet

Jonas hatte die Herbstferien bei seinen Großeltern verbracht. Viel zu schnell waren die zwei Wochen vergangen. So viel hatten sie zu tun gehabt. Mit Opa hatte er den Garten winterfest gemacht, Rasen und Sträucher durch einen letzten Schnitt gepflegt. Den Strauchschnitt und das Laub hatten sie dann auf die Rosenwurzeln gelegt, um sie vor Kälte und Frost zu schützen. Das war viel Arbeit gewesen, aber es war lustig, denn zu jeder Blume oder Pflanze hatte Opa eine kleine Geschichte zu erzählen. Opas Wissen in dieser Richtung war ein wahres Schatzkästchen, das niemals leer zu sein schien.

Zur Belohnung für die harte Arbeit hatte Oma ihn ins Kino eingeladen. Mit dem Bus waren sie in die Stadt gefahren. Das war herrlich, denn Jonas war noch nie mit dem Bus gefahren. Stimmt nicht ganz, einmal waren sie von der Schule aus in den Zoo gefahren mit dem Bus. Aber das war etwas Anderes. Da waren ja nur Kinder aus seiner Klasse mitgefahren. Er musste daran denken, wie ihnen der Lehrer erklärt hatte, dass sie, nachdem sie die beschlagenen Scheiben mit allerlei Unsinn bemalt hatten und dann wieder sauber wischen mussten, durch ihre Atemluft die Scheiben zum Beschlagen gebracht hatten. Das Wasserdampfprinzip, hatte Herr Maurer gesagt, der jede Gelegenheit nutzte, um seinen Schülern die Hintergründe zu erklären. In einem unbeobachteten Moment hatte Jonas die Scheibe erneut angehaucht und ein Herz hineingemalt. J. und J. stand drin, Jonas und Julie, mehr wird an dieser Stelle nicht verraten.

Im Stadtbus aber waren die unterschiedlichsten Menschen unterwegs, das fand Jonas interessant. Er machte sich Gedanken über jeden einzelnen von ihnen. Der Mann mit dem bayrischen Schnauzbart mit den nach oben gezwirbelten Enden vor ihm, ob der wohl tatsächlich aus Bayern kam? Jonas hätte ihn gern gefragt, traute sich aber nicht. Möglicherweise würde er ihn auch gar nicht verstehen, weil er ja kein Bayrisch konnte.

„Oma, kannst du Bayrisch?“, fragte Jonas die Oma.

„Nein, eigentlich nicht. Jedenfalls kann ich es nicht sprechen, aber verstehen kann ich das meiste! Warum fragst du?“, wollte Oma wissen.

Jonas deutete auf den Mann. „Der kommt doch bestimmt aus Bayern, oder?“

„Warum glaubst du das?“, fragte Oma und sah nun genauer hin.

„Na, der Bart sieht so aus!“

„Das heißt noch gar nichts, vielleicht mag er einfach nur einen langen Schnauzbart tragen. Das machen viele.“

„Ja, aber dieser Bart ist so nach oben gezwirbelt, das sieht man doch nicht so oft, außer in Bayern!“, wandte Jonas ein. Er hatte nämlich im Fernsehen die Eröffnung des Oktoberfestes in München gesehen und da gab es sehr viele Männer, die genau so einen Bart hatten wie der Mann vor ihnen.

Oma tippte dem fremden Mann auf die Schulter. „Entschuldigen Sie!“, sagte sie. Jonas schämte sich vorsichtshalber schon im Vorhinein. Sie würde ihn doch jetzt nicht fragen, ob er aus Bayern kommt? Das war ja megapeinlich. „Können Sie mir sagen, wie spät es ist?“, fragte Oma jetzt.

Der Mann schaute auf die Uhr und antwortete: „Gern, es ist auf die Minute genau 15.30 Uhr!“

„Danke schön!“, sagte Oma und schaute ein wenig verwirrt aus der Wäsche. „Hast ja gehört, er kommt nicht aus Bayern!“, flüsterte sie Jonas zu. „Das war reines Hochdeutsch!“

Der Mann grinste, bei so einem Zwirbelschnauzbart konnte er das kaum verbergen, der zitterte sogar ein wenig, der Bart.

Oma merkte das auch. Sie lief rot an, was Jonas lustig fand. Er konnte sich das Lachen nicht verkneifen, Oma auch nicht und der Mann konnte sich nun ebenfalls nicht mehr zusammenreißen.

Das Lachen der Drei war so ansteckend, dass nach und nach sämtliche Fahrgäste mit einstimmten. Als sich alle wieder beruhigt hatten, stand der Bärtige auf und erklärte: „Der junge Mann wollte wissen, ob ich aus Bayern komme. Er hat sich aber nicht getraut zu fragen, sondern seine Oma musste das machen. Und: was soll ich euch sagen? Sie haben recht. I bin a Boar, a waschta sogar, aba weil mi do niemand vastäd, rede i liaba Houchdeitsch, wisst ihr! Da Bua hod des richtig eakannt.

Wieder lachten alle, alles in allem war die Fahrt viel zu schnell vergangen und Jonas nahm sich vor, demnächst Bayrisch zu lernen, jo mei, wenn’s ihm Spaß macht.


© Regina Meier zu Verl

Bitte lest auch bei meinen Kolleginnen:


Kommentare:

  1. Schönen guten Morgen, liebe Regina!
    War gerade schon bei Martina zu Besuch und bin nun gespannt, was für einen Text du aus den Wörtern zauberst.
    Ach, so Großeltern-Enkel-Geschichten mag ich sehr gern. Vielleicht deshalb, weil ich ohne Oma und Opa auskommen musste. Ich stelle es mir so schön vor, wenn man so eine Anlaufstelle hat, in der man so willkommen ist, so viel fürs Leben lernt (ohne es zu merken). Jemand der mehr Verständnis und Zeit als die Eltern, aber einen genauso doll liebt. Und das finde ich hier nun auch wieder. Und dieses schöne Gefühl der heilen Welt nehme ich jetzt gerne mit in meinen Tag.

    ♥ ♡ ♥ ♡ ♥ ♡ ♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  2. Liebe Regina,
    Ja der Bayer verrät sich entweder durch seinen Schnurrbart, der Lederhosen oder wenn er Bayrisch redet. Schön Deine Geschichte. Übrigens, noch Gratulation zur 100. Geschichte, hoffentlich werden es noch weitere 100. Wann ziehst du um? Liebe Grüße Eva

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  3. Schade, dass die gute Lore noch nicht hier war. Na sag mal, du traust dich was. Da schreibst du bayrisch. Aber ich weiß ja, dass du ein kleines bayrisches Handbuch besitzt. ;-) Ich bin gespannt, wie ein Flitzebogen, was die Lore schreibt - ob du Fehler gemacht hast hihihi!!! -- Herrliche Geschichte - hab ich sehr gerne gelesen!! LG! Martina

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  4. Liebe Regina,
    ich hatte schon überlegt, ob Du Dir die Sätze von Lore hast übersetzen lassen. :-)
    Manchmal mache ich es wie Jonas, beobachte die Leute zum Beispiel in einem Café und mache mir so meine Gedanken. Das macht echt Spaß.
    Spaß hatte ich übrigens auch beim Lesen Deiner Geschichte. Auch Dir gratuliere ich zur 100. Reizwortgeschichte.
    Liebe Wochenendgrüße
    Astrid

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  5. Liebe Regina,
    herzlichen Glückwunsch zur 100. Reizwort-Geschichte!
    Ich habe meine schon lange nicht mehr gezählt - aber bis zu dieser Marke habe ich mit Sicherheit noch ein Jahr Zeit... **seufz**
    Ich musste furchtbar lachen über Deine "Bayerische" Geschichte. Nicht wegen es Dialekts (obwohl ich mich natürlich gewundert habe, woher DU den kannst...), sondern weil ich den "Zwirbelschnurrbart" erst mal als "Zwiebelschnurrbart" gelesen habe! Oje ... :-)
    Übrigens sitze ich auch ab und zu - so wie Astrid - irgendwo, beobachte die Menschen, die an mir vorbeilaufen, und treibe meine Studien...
    Ich wünsche Dir einen schönen Sonntag - und hoffe, dass wir auch Deine 200. Geschichte feiern dürfen!
    Liebe Grüße
    Christine

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  6. Hahaaa wenn a preiss bairisch reen wui, obwohl war gar nicht sooo schlecht, nur der Anfang
    ' i bin aa beier, a waschechta sooga'
    Vielleicht steht es in dem Büchlein, das ich dir einmal geschenkt habe anders, ich habe es o geschreiben wie es in meinen ohren kling , Hahhha....
    Auf jeden Fall eine schöne Geschichte, siehste auch eine bayrische Freundschaft kann inspirieren.#Wünsche dir ein schönes Wochenende, LGLore

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  7. Liebe Regina,
    auch von mir herzlichen GLückwunsch zur 100.sten Reizwortgeschichte! Es ist Dir wieder eine sehr schöne Geschichte von der Feder gesprungen :O)
    Hab einen guten Start in eine schöne Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße , Deine Claudia ♥

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  8. meinen herzlichsten Glückwunsch, so eine nette Geschichte zum 100dersten!
    Sehr witzig geschreiben, ich hab echt gelacht, typisch sieht man hier darin wie sehr wir doch schon von Jugend an darauf geprägt sind beim ÄUSSEREN auf den Mensch zu schleißen..sehr lhrreich dazu um Vorurteile abzubauen!
    Leichte Feder aus deiner Hand, ich sags ja immer liebe Gina, darin bist du unübertrefflich!


    lieben Gruß Angel

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