Donnerstag, 15. September 2016

Reizwortgeschichte: Der neue Schüler

Topf - Tränen - verirren - dunkelrot - mutig
Das sind die Reizwörter für diese Geschichte. Lest bitte auch bei:




Der neue Schüler

„Jeder Schüler darf sich heute ein Tier aussuchen, über das er in der nächsten Stunde berichten möchte!", sagte Frau Funke. „Das ist eure Hausaufgabe für morgen!"
„Das ist kinderleicht, ich nehme unsere Katze Milli!", rief Lisa. Sofort riefen alle durcheinander, bis Frau Funke energisch auf das Pult klopfte, um sich Gehör zu verschaffen. ​
„Keine Bange! Jeder kommt an die Reihe", rief sie den aufgeregten Kindern zu. 
Die beruhigten sich nur langsam. Hannes aber schnipste in einem fort weiter mit den Fingern. Er war sehr aufgeregt. 
„Unser Hund ist seit Samstag verschwunden", brüllte er nun so laut, dass es jeder verstehen konnte. „Er ist vorher noch nie weggelaufen! Überall haben wir ihn gesucht!"
„Oh, das tut mir leid, Hannes. Habt ihr auch im Tierheim angerufen? Vielleicht hat er sich verirrt", sagte Frau Funke. Die Mitschüler waren ganz still geworden. Das musste schrecklich für Hannes sein. Heute war ja schon Dienstag, das hieß, dass der Hund schon den dritten Tag weg war.
Annika und Lars schauten sich verschwörerisch an. Jeder von beiden wusste, was der andere dachte, nämlich: ‚Der Hannes hat gar keinen Hund!‘
Hannes war neu in der Klasse. Die Familie war erst in den Sommerferien in die kleine Stadt gezogen. Er wohnte im Haus neben Annika. Einen Hund hatte noch nie jemand bei ihm gesehen. Überhaupt bekam man die ganze Familie kaum zu Gesicht. Manchmal saß Hannes vor der Haustür, ganz allein. Sicher hätte er gern mitgespielt, wenn Annika mit Lars im Garten tobte. Aber es war bei einem einzigen Versuch geblieben. Hannes hatte seine Regeln durchsetzen wollen und das gefiel den anderen Kindern im Viertel gar nicht. Sie meinten, dass er sich ihnen anpassen müsste, weil er neu war. Es half auch nichts, dass er behauptete, sein Onkel habe eine Jugendmannschaft trainiert und deshalb kenne er die „richtigen“ Regeln.  
„Was ist es denn für ein Hund?“, wollte Frau Funke nun wissen. „Vielleicht können wir alle ein wenig die Augen aufhalten!“
„Er ist riesig!“, prahlte Hannes und hielt die Hand ungefähr in Höhe seiner eigenen Schulter hoch. „Er hat ein schwarzes Fell, es ist seidenweich und er gehorcht nur mir!“
„Na ja, so richtig gut gehorcht er ja wohl nicht, wenn er weggelaufen ist!“ Das kam von Lars. Annika verstand, was er damit sagen wollte. Die anderen Kinder aber hackten nun auf Lars ein.
„Lars, du bist herzlos und ungerecht!“, schrie Mareike und lief vor Wut dunkelrot an. Sie mochte den Hannes gut leiden und wollte ihm so gern helfen. Sie selbst hatte auch keinen leichten Stand in der Klasse und versuchte immer wieder Anschluss zu bekommen.
Frau Funke fand es ganz schön mutig von Mareike, dass sie sich so einsetzte für Hannes.
„Was hältst du davon, wenn wir in der letzten Stunde alle gemeinsam nach deinem Hund suchen?“, fragte sie den Jungen. „Wie heißt er denn?“
Hannes stotterte: „Er heißt … er heißt Flo-Flo-Florian! Ja, so heißt er!“
Lars grölte: „Der weiß nicht mal, wie sein Hund heißt, wenn er denn überhaupt einen hat!“
„Wie kannst du so etwas behaupten, Lars?“ Frau Funke war nun verärgert. Immer dieser Lars, so ein vorlauter Junge.
„Er hat doch recht!“, behauptete Annika. „Der Hannes wohnt neben uns und einen Hund habe ich noch nie bei ihm gesehen. Er will sich nur wichtigmachen! Außerdem ist er voll blöd!“
„Annika, jetzt reicht es aber. Hier wird niemand beschimpft, nicht in meiner Klasse!“ Frau Funke, die sonst immer mit ruhiger Stimme zu den Kindern sprach, wurde nun laut. Kurzerhand bat sie den Hannes, doch einen Moment draußen auf sie zu warten. Er verließ mit hängenden Schultern und Tränen in den Augen den Klassenraum.
„Ich erwarte, dass ihr euch ruhig verhaltet, während ich draußen bin. Höre ich nur ein lautes Wort, dann werde ich euch eine gesalzene Zusatzaufgabe geben!“, sagte Frau Funke und folgte Hannes in den Flur.
Niemand traute sich, laut zu reden. Annika flüsterte ihrer Tischnachbarin etwas zu, aber die wollte gar nichts hören. Die Kinder waren nicht sicher, wem sie trauen sollten. So etwas hatten sie noch nie erlebt, eine schwierige Situation.
Lars fühlte sich gar nicht gut. Er hätte den Mund halten sollen. Es ging ihn ja gar nichts an und vielleicht hatte er sich ja auch getäuscht und der Hannes hatte doch einen Hund, den er eben einfach noch nicht zu Gesicht bekommen hatte. Wer weiß, vielleicht war er gefährlich und Hannes‘ Eltern hielten ihn im Haus, um die anderen Kinder nicht zu gefährden. Lars bekam Bauchschmerzen. In seinem Bauch rumorte es und auch in seinem Kopf ging alles durcheinander.
„Vielleicht war es falsch, den Hannes so bloßzustellen!“, flüsterte Annika ihm zu. Auch ihr Gewissen regte sich und das fühlte sich gar nicht gut an.
Als Frau Funke die Klasse wieder betrat, waren alle Kinder mucksmäuschenstill. Gebannt schauten alle die Lehrerin an. Sie kam allein zurück, setzte sich ans Pult und schaute ihre Schüler streng an.
„Hannes wird gleich abgeholt!“, erklärte sie. „Ich habe seine Mutter angerufen, die kommt gleich. Ich möchte, dass ihr mir nun gut zuhört!“
Die Kinder nickten. Sie waren ganz still, kein Wörtchen, kein Stühle scharren, keine dummen Bemerkungen.
„Hannes ist mit seiner Familie in unsere Stadt gezogen. Seinen Hund Florian musste er zurücklassen, weil in der neuen Wohnung der Eltern keine Hunde erlaubt sind. Also musste er bei den Großeltern bleiben. Hannes liebt seinen Hund sehr und auch der Florian vermisst sein Herrchen wohl. Deshalb ist er am Samstag weggelaufen und bisher weiß niemand, wo er geblieben ist. Ihr könnt euch sicher vorstellen, wie traurig der Hannes sowieso schon ist und nun das hier. Lars und Annika, ihr habt einfach etwas behauptet, was ihr gar nicht wissen könnt, auch wenn es euch so erschien. Das war nicht richtig und ich möchte, dass ihr heute Nachmittag hingeht und euch entschuldigt! Und nun nehmt eure Hefte raus, ich möchte den Unterricht fortsetzen.“
Mit mächtig schlechtem Gewissen besuchten Lars und Annika am Nachmittag Hannes‘ Familie. Sie entschuldigten sich nicht nur bei Hannes, sondern auch bei seinen Eltern. Nie wieder wollten sie etwas behaupten, was sie gar nicht wissen konnten, das versprachen sie.
Ein paar Tage später klingelte es nachmittags an Annikas Tür. Hannes stand davor und an seiner Seite ein großer Hund mit seidigem, schwarzen Fell – Florian.
„Darf ich vorstellen? Das ist Florian!“, sagte Hannes.
„Ach, ist der schön! Darf ich ihn streicheln?“, fragte Annika, die sich umgehend in den Hund verliebte.
„Darfst du!“, erlaubte Hannes. „Und nun nehmen wir den Topf und machen den Deckel drauf!“
„Wie bitte?“ Annika verstand nicht, was Hannes damit sagen wollte.
„Das sagt mein Papa immer, wenn es Streit gegeben hat und alles wieder in Ordnung ist. Wir packen den Streit in einen Topf und machen den Deckel zu. Damit ist alles erledigt. Freunde?“ Er streckte Annika die Hand hin.
„Freunde!“, sagte Annika und schlug ein.


© Regina Meier zu Verl 2016













Kommentare:

  1. Oh ja, so ein schlechtes Gewissen verursacht starke Bauchschmerzen. Wer kann das wohl nicht nachvollziehen. - Diesmal sind unsere Geschichten alle sehr, sehr unterschiedlich. Man kann kaum glauben, dass ihnen dieselben Wörter zugrunde lagen. Danke dir für die lehrreiche Geschichte - werde sie mir hinter die Ohren schreiben. :-) LG Martina

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Regina, jetzt weiß ich, was Du damit meinst, dass Deine Liste verspätet veröffentlicht.Das war doch im August auch schon so. Argerlich!
    Habe Deine Geschichte sehr gerne gelesen. Mit diesen Vorverurteilungen muss man sehr vorsichtig sein,auch wir Erwachsenen. Liebe Grüße Eva

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Regina,
    merkwürdigerweise funktioniert das mit dem Veröffentlichen bei mir wieder reibungslos... - ich kann auch ohne Weiteres auf meine bisherigen Posts zugreifen! Komisches Sytem!
    Übrigens - Deine Geschcihte ist sehr lehrreich! Ich glaube, wir alle neigen dazu, hin und wieder etwas zu behaupten, weil wir überzuegt davon sind, Recht zu haben, und dann stellt sich das Ganze als falsch heraus...
    Ich werde mir Deine Geschichte hinter die Ohren schreiben und in Zukunft vorher überlegen, ehe ich irgend eine Behauptung in die Welt setze!
    Liebe Grüße und ein stressfreies Wochenende!
    Christine

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Regina,
    ich habe Deine Geschichte ganz gebannt gelesen. Man sollte nie vorschnell urteilen, denn manchmal scheinen die Dinge glasklar und doch gibt es etwas, das wir nicht wissen. Gerade wenn jemand neu in einer Klasse, in der Nachbarschaft, oder in der Arbeit ist, kann es leicht zu Missverständnissen kommen, indem man denjenigen oder die Situation falsch einschätzt. Deine Geschichte ist nicht nur spannend und unterhaltsam, sondern auch noch sehr lehrreich. Mit der Meinungsbildung über einen Menschen sollte man doch etwas vorsichtiger und langsamer sein.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Regina,zum Geschichtenlesen komme ich viel zu wenig, aber heute hatte ich mal Zeit!
    Eine Geschichte die mir gefallen hat. Wie schnell werden Urteile gefällt und Vorurteile ausgesprochen. Alles hat ein Gutes Ende genommen, aber leider gibt es das nicht so oft. Sobald jemand neu ist wird erst mal negativ spekuliert, so muss das gegenteil bewiesen werden.
    Herzliche Grüße, Klärchen

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Regina,
    Deine neue Geschichte ist ganz zauberhaft, vor allem das Ende finde ich soooo schön! Danke dafür, Du hast mir damit meinen Feierabend versüßt :O)
    Ich wünsche Dir ein wundervolles Wochenende!
    ♥ Allerliebste Grüße , Deine Claudia ♥

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!