Freitag, 15. Juli 2016

Das Hochzeitsfest




Kuhglocken, Sicherheitsnadel, wählen, halten, hektisch
 
Das sind die Reizwörter, um die es in der heutigen Geschichte geht.
Lest bitte auch hier:


Das Hochzeitsfest        

         Gestern haben Mama und Papa geheiratet. Es war ein kleines Fest, aber schön. Mama war chic in ihrem neuen Kleid und Papa hat sogar einen Anzug getragen. Den habe ich nur ein einziges Mal an ihm gesehen. Das war, als damals sein Erbonkel gestorben war.
         Ich habe auch ein neues Kleid bekommen und ich durfte mit Mama zum Frisör, der uns beide ganz toll hübsch gemacht hat. Leider haben meine Locken nur bis kurz nach dem Abendessen gehalten. Bei Mama war eine halbe Dose Spray drin. Das machte die Haare zwar bretthart, aber sie blieben dort liegen, wo der Frisör sie hingelegt hatte.
         Papa hat gesagt, dass Mama eine Lampenschirmfrisur hätte. Beinahe hätte es deswegen Streit gegeben. Aber ich bin rechtzeitig dazwischen gegangen. Das mache ich immer, wenn ein Streit vorhersehbar ist. Es wäre doch schrecklich gewesen, wenn die Hochzeit ausgefallen wäre, bei all dem schönen Essen, das Mama und Oma vorbereitet hatten.
         Ihr müsst jetzt nicht denken, dass es dauernd Streit bei uns gibt. So ist das nicht. Es sind eher Meinungsverschiedenheiten und kleine Neckereien, sagt Mama immer.
         Aber zurück zum Essen. Oma hat alles zubereitet, in dem tierische Produkte vorkommen. Mama kann das nicht. Sie lebt schon lange vegan, Papa auch. Ich eher nicht, weil ich dann bei Oma gar nichts essen dürfte und das wäre schrecklich. Nach der Schule gehe ich nämlich immer zu ihr, weil meine Eltern ja arbeiten müssen. Am Wochenende esse ich dann aber zu Hause. Zwei Tage kann ich das gut aushalten und Mama kocht wirklich gut, auch ohne Fleisch, Eier und Käse und was noch so alles verboten ist bei uns.
         Papa hat mir verraten, dass er sich manchmal nach einer richtigen Frikadelle sehnt. Beim Hochzeitsfest hätte er gut mogeln können. Es gab Gemüsebratlinge und richtige Frikadellen. Kein Mensch hätte es gemerkt, wenn Papa da zugegriffen hätte. Ich vermute, dass er nur aus Liebe zu Mama auf Tierisches verzichtet. Ist ja auch in Ordnung.
         Wenn ich erwachsen sein werde, dann könnte es sein, dass ich auch Veganer werde. Weiß ich aber noch nicht, hat ja auch noch Zeit, nur nicht hektisch werden.
         Wir haben übrigens bei Oma gefeiert. Sie hat einen größeren Garten als wir und auch ihr Wohnzimmer war geräumiger. Oma und ich haben alles schön dekoriert. Ich habe viele rote Herzen ausgeschnitten und Oma hat sie mit Sicherheitsnadeln an den Tischdecken befestigt.
         Onkel Alex und seine Jungs haben musiziert. Das war lustig. Sie hatten eine riesige Kuhglocke dabei und immer wenn die geläutet wurde, mussten Mama und Papa sich küssen. Ich fand das toll und ich habe die beiden immer angefeuert. Küssen darf man auch, wenn man vegan lebt. Das war also gar kein Problem, obwohl ich den Eindruck hatte, dass Mama etwas genervt war von dem Kuhglockengebimmel und der ewigen Küsserei.
         Später am Abend haben wir dann die Frau mit der schönsten Frisur gewählt. Das war natürlich Mama. Sie strahlte und sagte zu Papa: „Siehste!“
Und dann hat sie selbst die Kuhglocke betätigt und schon ging die Küsserei wieder los. Erwachsene können ganz schön albern sein. Ich mag das, ganz ehrlich! Schade, dass ich nicht bis zum Schluss bleiben konnte. Aber ich musste Oma ins Bett bringen, die war völlig fertig von der Feierei. Ich habe ihr noch eine kleine Geschichte erzählt und schwupps waren wir beide eingeschlafen.

© Regina Meier zu Verl 2016
        
        

Kommentare:

  1. Was für eine herrliche Idee die Kuhglocke unterzubringen,hahahh, wunderschön erzählt.
    Wünsche dir noch ein schönes Wochenende liebe Grüße Lore

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  2. Hallo, Regina,
    "Lampenschirmfrisur" - DEN Ausdruck habe ich ja noch nie gehört! :-) Bei uns nennt man das "Topf-Frisur" - einen Topf aufgesetzt, und alles was drunter rausschaut, wird abgeschnitten... **lach**.
    Überhaupt fand ich die ganze Geschichte herrlich - die Hochzeit aus der Sicht eines Kindes erzählt... und diese netten kleinen Seitenhiebe auf die Veganer... Göttlich!
    Wenn ich schon am frühen Morgen lachen kann, ist mein Tag gerettet!
    Vielen Dank, und ein schönes Wochenende.
    Christine

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  3. Liebe Regina,
    schön, die Erzählung von Kinderaugen aus gesehen. Erinnert mich an meine Mama,deren Enkel konnten sich bei ihr auch so richtig ausleben,wenn die bei ihr waren. Tierische Produkte,Süßigkeiten waren für die Kleinen das Größte und deren Mutter bekam die Krise.So ist es nun einmal bei Oma. Liebe Grüße Eva

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  4. Also, dass bei Hochzeiten mit Löffeln an die Teller geklopft wird, damit sich das Brautpaar küsst, das kenne ich wohl - aber eine Kuhglocke: Das ist doch mal ganz was Anderes!! Lach!! Und Christines 'Topffrisur' kennen wir wohl auch - aber eher als 'Pottschnitt' :-) - oder? Schöne Geschichte - gerne gelesen!
    LG Martina

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  5. Liebe Regina,
    wozu Kuhglocken alles gut sein können!!! Als unser Sohn noch klein war, machten wir mal Urlaub in Bayern. Dort sah er einen Schlüsselanhänger mit einer winzigen Kuhglocke. Diesen wollte er unbedingt haben und lief immer bimmelnd durch die Gegend.
    Eine herrliche Geschichte hast du geschrieben. Neben der Lampenschirmfrisur hat mir das Zubettbringen sehr gut gefallen.
    Sei herzlich gegrüßt
    Astrid

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  6. Danke für diese schöne Geschichte, liebe Regina!
    Ich wünsche Dir einen guten und schönen Start in die neue Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße , Deine Claudia ♥

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