Mittwoch, 15. Juni 2016

Gefühle und Gewitter

Gänseblümchen, Schneckenhaus, erkennen, nebensächlich, feige

Das sind die Reizwörter, um die es in der heutigen Geschichte geht.
Lest bitte auch hier:

Gefühle und Gewitter

Manchmal zieht sich Lya gern in ihr Schneckenhaus zurück. Dann ist sie für niemanden zu sprechen, auch für Mama nicht. Natürlich hat Lya kein richtiges Schneckenhaus. Sie findet das blöd, denn so richtig zurückziehen kann sie sich nicht. Ist sie in ihrem Zimmer, dann klopft irgendwann jemand an und fragt nach, ob es ihr gut geht. Oder Mama hat einen Auftrag für sie. Heute auch!
            „Es wird gleich regnen, kannst du mir helfen, die Wäsche abzunehmen, Lya?", ruft Mama. Lya tut so, als habe sie nichts gehört. Mama ruft noch einmal, diesmal lauter:
            „Lya, bitte komm sofort aus deinem Zimmer. Ich brauche deine Hilfe!"
            ‚Noch sagt Mama „bitte", das wird sich gleich ändern', denkt Lya und schon krabbelt der Ärger den Rücken hoch, setzt sich im Nacken fest und dann ist er durch das Ohr gekrochen und im Kopf angekommen. Wenn er dort erstmal ist, dann gibt es zwei Möglichkeiten – man wird wütend und knirscht mit den Zähnen, oder man fühlt sich von Gott und der Welt nicht verstanden, man wird traurig und Schwupps sind sie da, die Tränen. Ab und zu kann man nicht erkennen, ob es Wuttränen sind oder eben Trauertränen, beide sind nass und auch die Nase mischt sich ein und läuft.
            „Lya, ich zähle bis drei!", ruft Mama jetzt und das ist ein sicheres Zeichen dafür, dass Mamas Geduld nun zu Ende ist. Lya findet es feige, gleich bei Eins loszulaufen. Soll Mama sich doch ruhig auch ein bisschen ärgern. Schließlich muss Lya dringend nachdenken, dafür gibt es einen Grund, der momentan nebensächlich ist. Aber das verstehen die Erwachsenen sowieso nicht, deshalb muss Lya allein nachdenken und dafür braucht sie Ruhe.
            „Eins!", ruft Mama, es klingt bedrohlich. Mittlerweile hat es angefangen zu regnen. Dicke Tropfen platschen auf die Dachfensterscheibe. Mama hat aufgehört zu zählen, mit einem lauten Knall fliegt die Haustür ins Schloss.
            „Ich komme ja schon!", ruft Lya. Dass Mama sie nicht hören kann, ist ihr klar. Die ist nämlich nun allein zur Wäscheleine gelaufen. Sicher wird sie schimpfen, wenn sie zurückkommt. Bei Lya meldet sich das schlechte Gewissen. Das kommt im Gegensatz zum Ärger von der anderen Seite, grummelt im Bauch herum, kneift im Magen und drückt dann auf das Herz. Das tut weh! Es beißt sich fest wie ein kleiner bissiger Hund.
            Es blitzt und kurz darauf ertönt ein gewaltiger Donnerschlag. Auch das noch! Mama ist draußen im Regen und Lya ganz allein im Haus. Da, wieder ein Blitz. Lya zählt die Sekunden bis zum Donner. Sie hat in der Schule gelernt, wie man die Entfernung eines Gewitters ausrechnen kann. Eins, zwei, drei, vier, fünf Sekunden sind es, die fünf muss man mit 340 malnehmen, weil jede Sekunde 340 Meter sind. Nun ist das aber gar nicht so einfach, wenn im Kopf der Ärger sitzt und auf dem Herzen sich das schlechte Gewissen festgebissen hat. Lya erscheint es schlicht unmöglich und ein neues Gefühl gesellt sich zu den anderen, die Verzweiflung. Lya schlägt die Hände vors Gesicht und weint bitterlich.
            So findet Mama sie, die pitschnass auf einmal in Lyas Zimmer erscheint.
            „Lya, was ist denn los?", fragt sie besorgt.
            „Ach Mama", schluchzt Lya. „Ich hab doch nur zehn Finger, das reicht nicht, weil … und dann die Haustür und der Donner und ich wollte doch …"
            Mama setzt sich auf Lyas Bett, zieht das Kind auf ihren Schoß und streicht ihr zärtlich übers Haar.
            Ganz fest schmiegt sich Lya an die pudelnasse Mama und das schlechte Gewissen knabbert gleich wieder ein wenig an ihrem Herzen herum.
            „Pst, nun beruhige dich erstmal und dann erzählst du mir alles!", schlägt Mama vor. „Ich möchte mir etwas Trockenes anziehen und dann die Wäsche falten, die ich gerade noch vor dem Regen retten konnte. Hilfst du mir?"
            Lya springt auf. „Aber klar doch!", ruft sie erleichtert. Im gleichen Augenblick nimmt der Ärger das schlechte Gewissen an die Hand und die beiden lösen sich in Luft auf. Die Verzweiflung folgt ihnen und die Gänseblümchen auf Lyas Lieblingskissen grinsen unverschämt. Sie kennen das schon.
            Übrigens: 5 x 340 = 1700. Das Gewitter war also 1700 Meter oder 1,7 Kilometer entfernt, als Lya die Sekunden gezählt hat – nur der Vollständigkeit halber.

© Regina Meier zu Verl 2016

Kommentare:

  1. Liebe Regina,
    danke für diese schöne Geschichte, die zur derzeitigen Wetterlage ja sehr gut paßte! :O)
    Ich wünsche Dir einen wundervollen und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße , Deine Claudia ♥

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  2. Guten Morgen , liebe Regina
    ich war noch gar nicht mit meinem Blog fertig, da kam schon dein Kommentar, schwups. schneller wie die Feuerwehr.
    Übrigens kann ich nur sagen, deine Geschichte ist schön, wie du die Gefühle von der kleinen Lya beschreibst, ja, ja Kinder haben es nicht immer leicht, aber so ein Gewitter reinigt doch manchmal die Luft und rückt auch die Gefühle wieder grade.
    Wünsche dir noch einen schönen entspannten Tag, LGLore

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  3. Liebe Regina, wunderschön Deine gefühlvolle Geschichte. Ich war ganz in der kleinen Lya. Danke dafür. Liebe Grüße Eva

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  4. Da hattest du eine tolle Idee, uns einmal die Gefühle näher zu bringen. Genau so ist es. Wie schön, wenn sie wieder verfliegen. Aber eines steht fest: Sie werden eines Tages wieder vor der Tür stehen und das Spiel beginnt von Neuem! :-) --- Ich wünsche dir einen schönen und gewitterfreien Tag! Bei uns hat es in der Nacht heftig gescheppert. Jetzt scheint sogar die Sonne! Von mir aus kann es für den Rest des Tages so bleiben! Danke für die schöne Geschichte und LG! Martina

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  5. Liebe Regina,
    was für eine tolle Idee, sich einmal mit den Gefühlen auseinanderzusetzen! Jeder hat sie, aber kaum jemand macht sich Gedanken darüber, wie sehr sie doch unser Handeln und unser ganzes Leben beeinflussen können!
    Die Gefühle Deiner Protagonisten sind mir nur allzu geläufig - deshalb konnte ich mich so richtig in die Geschichte hineinversetzen. Und endlich weiß ich auch wieder, wie man die Entfernung eines Gewitters berechnen kann. Bei uns tobt gerade eins - ich kann dann gleich mal Rechnen üben... **grins**.
    Liebe Grüße
    Christine

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  6. Liebe Regina,
    du hast eine wunderbare Geschichte geschrieben, die alle die Gefühle beinhaltet, die wahrscheinlich jeder von uns kennt. Ich konnte mich total in die kleine Lia hinein versetzen. Schön, wenn diese unliebsamen Gefühle sich in Luft auflösen. Das Schönste allerdings an der Geschichte war es, dass die Mutter liebevoll ihre Lya in den Arm genommen hat. Dieses Gefühl der Liebe und Geborgenheit steht über allem.
    LG
    Astrid

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  7. Liebe Regina,
    danke für diese wunderschöne, gefühlsbetonte Geschichte.
    Ich habe sie gern gelesen.
    Einen gemütlichen Mittwochabend wünscht dir
    Irmi

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  8. Schön, diese Geschichte voller Gefühle und Emotionen ist dir gut gelungen. Und dabei hast du gleich noch die Entfernung des Gewitters erklärt.
    LG Elke

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  9. Liebe Regina,
    nun bin ich auch dazu gekommen deine Reizwörtergeschichte zu lesen *freu*. Eine Geschichte, wie sie sicher so oder ähnlich jeden Tag zigmal überall auf der Welt abspielt. So direkt aus dem Leben gegriffen. Ich finde du hast die Kleinmädchengefühle, das Hin- und Hergerissensein wunderbar wiedergegeben. So eine verständnisvolle Mutter wünscht man möglichst allen Kindern. Ich überlege schon die ganze Zeit, wie meine wohl reagiert hätte. Ich wäre sicher gleich gesprungen, egal was gerade innen in mir abläuft. Das wurde einfach erwartet. So waren wir erzogen und ich habe es hingenommen. Nicht rebelliert wie meine Schwester (die dafür auch so machen Ärger in Kauf nahm). Auf unsere Gefühle wurde nie viel geachtet. Denke, Mutti wollte uns hart machen fürs Leben, weil sie selbst so viel Schlimmes (im Krieg, auf der Flucht, im Internierungslager) durchmachen musste und das nur durchstehen konnte, weil sie stark war. Ich hätte das alles sicher nicht ohne Schäden überstanden. Ich bin weich, lasse alles viel zu sehr an mich ran. Mehr wie mein Vater.

    Schon seltsam was mir jetzt alles durch den Kopf gegangen ist, ausgelöst durch deine Geschichte……

    ♥∗✿≫✿≪✿∗♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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  10. tolle geschichte und lebensnah erzählt....
    ich zähle auch wenns blitzt....aber auf die Berechnung wär ich nie gekommen...
    Grüßele in dein nächstes Gewitter....
    hat mir sehr gefallen!


    herzlichst Angel...

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