Mittwoch, 18. Mai 2016

So klein ist die Welt




Hier auch als Hörgeschichte:
KLICK

So klein ist die Welt (1)

Merle verbrachte mit den Großeltern eine Woche an der Nordsee. Nach dem aufregenden ersten Tag lag sie nun im Bett und konnte nicht schlafen. Oma hatte gesagt, dass sie jederzeit zu ihr kommen könnte, wenn sie sich allein fühlte. Aber Merle wollte zuerst versuchen, ob sie es doch allein schaffte einzuschlafen. Sie dachte noch einmal über die vielen Neuheiten nach, die sie im Laufe des Tages gesehen hatte.
            Sehr gut hatte ihr die Wanderung im Watt gefallen. Zuerst war es ihr ein bisschen unheimlich gewesen, mit nackten Füßen in diesem glitschigen, braunen Schlamm herumzulaufen. Dann aber hatte es ihr richtig Spaß gemacht. Zu Hause durfte sie ja nicht in Pfützen herumplatschen und sich so richtig dreckig machen. Deshalb hatte sie es doppelt genossen und sich gefreut wie ein Schneekönig. Selbst das eiskalte Wasser beim Abspülen später hatte ihr gar nichts ausgemacht. Herrlich war das. Gleich morgen wollte sie es noch einmal ausprobieren.
            Toll war auch das Piratenschiff am Strand, das dort extra für die Kinder aufgebaut worden war. Über Strickleitern konnte man das Deck erreichen und sogar im Bauch des Schiffes konnten die Kinder spielen. Merle hatte gleich Spielgefährten gefunden. Gemeinsam hatten sie sich eine Geschichte ausgedacht, die sie nachspielten. Pit war der Kapitän und alle mussten seinen Befehlen gehorchen. Sie selbst war der gruselige Seeräuber Teufelskralle, der mit seinen Kumpels, allesamt hochgefährliche Gesellen, die Macht über das Schiff erzwingen wollte.
            „Hände hoch, du … du armseliger Kapitän!“, brüllte Merle und zielte mit einer unsichtbaren Waffe auf Pit. Der riss sofort die Arme in die Höhe und gab sich geschlagen.
            „Quatsch!“, rief Leo, einer der Seeräuberkumpels, „Seeräuber schießen nicht, sie haben Schwerter! Sie würden ja sonst Löcher in die Schiffe schießen und die könnten dann untergehen!“
            Kapitän Pit ließ die Arme wieder sinken und grinste.
            Merle änderte ihren Angriff, weil sie einsah, dass das mit den Löchern in den Schiffen tatsächlich eine blöde Sache gewesen wäre.
            „Attacke!“, schrie sie deshalb und fuchtelte mit einem unsichtbaren Säbel dem Kapitän Pit vor der Nase herum. „Ergebt euch und rückt das Gold raus, aber zackig!“
            Jetzt mischt sich Anna ein, die kleinste von allen Kindern. „Ich bin wohl mal die Köchin und klatsche dem Seeräuber Merle einen dicken, fetten Pfannkuchen ins Gesicht – platsch!“
            Merle ließ ich auf den Boden fallen und tat so, als stopfe sie den Pfannkuchen in den Mund. „Boah, ist der lecker!“, rief sie. „Noch einen!“
            Nun bekamen auch die anderen Seeräuber Pfannkuchen ins Gesicht geplatscht. Auf diese Weise konnte der Kapitän, dank seiner Köchin, das Schiff retten.
            „Das haben wir doch super hingekriegt!“ Pit lachte, die kleine Köchin Anna strahlte und die Seeräuber kugelten sich ebenfalls vor Lachen.
            „Wenn das mit den Pfannkuchen nicht geklappt hätte, dann hätte ich ihnen Maiglöckchen-Salat zubereitet. Der ist nämlich supergiftig!“, hatte Anna behauptet und vom letzten Muttertag erzählt, als sie ihrer Mutter einen Strauß Maiglöckchen gepflückt hatte und tüchtig Schimpfe bekommen hatte. Wegen der Vergiftungsgefahr!
            Die Kinder verabredeten sich für den nächsten Tag wieder zum Spielen. Anschließend war Merle mit Oma und Opa zurück zur Ferienwohnung gegangen. Zum Abendbrot hatte sie sich Pfannkuchen gewünscht, weil sie so richtig auf den Geschmack gekommen war.
            Beim Nachdenken über den herrlichen ersten Ferientag war Merle dann aber doch richtig müde geworden und die Augen fielen ihr zu. Sie träumte vom Strand und von den Wellen, vom Piratenschiff und schmutzigen Füßen.
            Am nächsten Tag hing der Himmel voller dicker Regenwolken, die Sonne hatte sich hinter ihnen versteckt und traute sich vormittags gar nicht raus.
            „Das wird heute kein Strandwetter mehr werden“, sagte Opa und schlug vor, mit der Strandbahn zum Hafen zu fahren und dort die großen Schiffe zu beobachten.
            „Wenn es später noch besser werden sollte, können wir ja eine Hafenrundfahrt machen!“
            Merle und Oma waren einverstanden. Als sie an der Strandbahnhaltestelle ankamen, stand die kleine blaue Bahn schon da und wartete auf Passagiere. Merle entdeckte sofort den Pit, der mit seinen Eltern ebenfalls zum Hafen fahren wollte.
            „Hey, du Seeräuber!“, rief er auch schon und wedelte mit den Armen. „Setz dich hierher, hier ist noch Platz!“
            Wenn das mal nicht klasse war. Ein wenig betrübt war Merle nämlich doch gewesen, dass sie nicht auf dem Piratenschiff spielen konnte. Aber so war ihre Welt wieder in Ordnung und sie musste sich gar nicht mehr ärgern. Sie schmiedeten während der Fahrt auch schon wieder Pläne, wie ihr nächstes Abenteuer ablaufen könnte.
            Die ganze Fahrt über tuschelten die beiden Kinder miteinander. Vielleicht würden die Ferien gar nicht ausreichen, um all das, was sie sich vornahmen auch auszuführen.
            „Ferien sind toll!“, sagte Pit, „aber was ist, wenn sie vorbei sind? Werden wir uns dann wohl noch einmal wiedersehen?“
            „Ich weiß nicht!“, antwortete Merle nachdenklich. „Vielleicht wohnen wir ja gar nicht so weit voneinander entfernt!“
            Pit tippte seiner Mutter, die vor ihm saß auf die Schulter.
            „Mama, wie weit ist es von, warte …“
            An Merle gewandt fragte er: „Wo wohnst du denn eigentlich?“
            „In Gütersloh, kennst du das?“
            „Nee, nie gehört!“ Dabei grinste der Pit aber übers ganze Gesicht. Als er Merles verdutzten  Gesichtsausdruck sah, konnte er sich das Lachen kaum noch verkneifen. „Nun rate doch mal, woher ich komme?“
            „Etwa auch aus Gütersloh?“
            „Ganz genau!“
            Merle strahlte.
            „Aber ich habe dich da noch nie gesehen!“
            „Na, so klein ist Gütersloh ja nun nicht. Vielleicht sind wir uns ja auch schon einmal begegnet und wissen es nur nicht. Oder wir wären uns irgendwann begegnet und hätten gar nicht gewusst, wie viel Spaß wir zusammen haben könnten.“
            „Kann sein. Wichtig ist, dass wir zur gleichen Zeit am gleichen Ort in Urlaub waren, stimmt’s?“

            So hatten sich zwei Kinder aus der gleichen Stadt auf einem Piratenschiff an der Nordsee gefunden, der Kapitän Pit und die Seeräuberin Merle. Was sie noch so alles erlebten im Urlaub, und ob sie danach weiterhin Freunde geblieben sind, das ist schon wieder eine neue Geschichte.

© Regina Meier zu Verl 2016

           
           

Kommentare:

  1. Schön, dass Du wieder da bist, liebe Regina. Und eine wunderschöne Geschichte hast Du uns mitgebracht.
    Der Zufall wollte es, das sich Kapitän Pit und die Seeräuberin Merle an der Nordsee treffen und sich im Spiel so gut verstehen, dass der Wunsch nach einem Wiedersehen aufkommt. Und dann kommen sie auch noch beide aus Gütersloh. Schon wieder ein Zufall?! Oder sollte es so sein, war es Bestimmung? Ich bin gespannt, was aus den beiden Spielkameraden wird und ob sie sich in Gütersloh genauso gut verstehen wie im Urlaub.
    Erst bei unserem Rhodosurlaub vor zwei Jahren liefen wir Wandersleuten über den Weg und erkannten plötzlich Bekannte aus unserer Heimatstadt in ihnen. Das zeigt mal wieder: Deine Geschichte stammt mitten aus dem Leben.
    Danke für Deine schöne Geschichte. Ich freue mich schon jetzt auf die Fortsetzung.
    LG
    Astrid

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    1. Danke, liebe Astrid,
      für deinen schönen Kommentar. Ich weiß ja, wie es weitergehen wird, weil auch in dieser Geschichte wieder so ein Stückchen Wahrheit steckt. Also schreibe ich mal weiter und warte nicht bis zur nächsten Reizwortgeschichte.
      Herzliche Grüße zu dir
      Regina

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  2. Oh ja, dass die Welt klein ist, hab ich auch schon sehr oft erlebt! Schön, dass du zurück bist und uns eine so herrliche Nordsee-Urlaubs-Seeräuber-Geschichte mitgebracht hast. Aber sag mal: Gütersloh? Wo liegt das denn?? Lach!! LG Martina

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    1. Hihi, liebe Martina,
      Gütersloh liegt "ummeEcke",müsstest du kennen! Danke für deinen lieben Kommentar,
      liebe Grüße
      Regina

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  3. ja.. die Welt ist manchmal klein...
    bei uns gab es so ein geflügeltes Wort.. Neusser sind überall (ein Freund kommt dorther)
    und immer wenn wir irgendwo waren fiel uns garantiert ein NE Kennzeichen auf und es gab Gelächter
    als wir in Polen Familie besuchten und in Poznan (Posen) auf einem Parkplatz hielten..was stand vor uns..ein Neusser ..hihi
    eine schöne Geschichte hast du geschrieben
    schön dass sich die 2 gefunden haben und so gut verstehen..
    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Danke schön, liebe Rosi,
      ich achte auch immer auf die Autokmennzeichen, wenn ich irgendwo im Utlaub bin und ich freue mich jedes Mal, wenn ich einen Gütersloher entdecke!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Liebe Regina,
    wieder eine deiner wunderbaren Geschichten. Man kann sie
    immer wieder lesen.
    Ja - die Welt ist klein, sehr klein. Das kann man immer
    wieder erleben und bestätigen.
    Einen sonnigen Mittwoch wünscht
    Irmi

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    1. Vielen Dank, liebe Irmi,
      für deinen lieben Kommentar. Die Sonne hat sich tatsächlich getraut, mal wieder etwas durch die Woklken zu blicken. Das tut gut!
      Herzliche Grüße zu dir
      REgina

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  5. Liebe Regina,
    danke für diese schöne Geschichte!
    Ja, die Welt ist wirklich klein, das hab ich auch schon oft erlebt :O)
    Ich wünsche Dir noch einen gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Meine liebe Claudia,
      es ist immer wieder nett, wenn man in der "Fremde" ein bekanntes Gesicht, oder einen Menschen aus der Heimat entdeckt. Ist mir auch schon häufig so ergangen.
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  6. Liebe Regina,
    dass die Welt seeehr klein ist haben wir auch schon oft festgestellt! Manche Menschen wohnen am gleichen Ort, in der gleichen Straße, man sieht sie das ganze Jahr über nicht - und dann laufen sie einem am Urlaubsort über den Weg...
    Ich bin schon sehr gespannt auf die Fortsetzung Deiner Geschichte - denn oft ist es ja so, dass man sich im Urlaub prima versteht, aber zu Hause reißt der Kontakt dann ab. DAS hoffe ich aber bei Deinen Protagonisten nicht!
    Liebe Grüße
    Christine

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  7. Liebe Regina, schön, dass Du in Deiner Geschichte Deinen Nordseeurlaub einfließen lassen hast. Die kleine Merle erinnert mich an meine Kindheit, wenn ich mit meinen Eltern in Urlaub und andere Kinder der kennen gelernt habe. Schön war es . Liebe Grüße Eva

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  8. Das war wieder eine schöne Geschichte, Regina :)
    Solche Seeräuberabenteuer im Urlaub erleben, das ist natürlich als Kind total spannend und dann auch noch Freunde finden, was möchte man mehr :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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  9. Und schon wieder so eine nette Frühstücksunterhaltung *grins*.

    Hallo Regina,
    wie schön, dass du bei mir vorbeigeschaut hast und ich dich somit kennenlerne. War freudig überrascht hier gleich eine Geschichte zu finden. Bei Martina habe ich gelesen, dass es noch mehr Autoren gibt, die bei der Aktion mitmachen, aber leider reicht die Zeit um all die Dinge zu tun, die man gerne möchte….. Aber egal, nun habe ich doch noch hierhergefunden und es hat gerade super gepasst mit dem Zeit zum Lesen haben.
    Gefällt mir, was du aus den Reizwörtern gemacht hast. So spritzig und mitreißend geschrieben. Ich konnte mir alles so bildlich vorstellen, dass Wandern im Watt und auch die lustige Passage mit den Pfannkuchen und das Merle sie sich abends zum Essen wünscht…
    Da freut ich mich schon auf die Fortsetzung.

    ♥∗✿≫✿≪✿∗♥
    Herzlich grüßt
    Uschi

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