Freitag, 15. April 2016

Froschküsse und Hühnerjagd

Heute ist es wieder soweit, Reizwortgeschichtentag bei:

und mir. Viel Spaß beim Lesen!

Reizwörter:

Brunnen, Locke, schwarz, leicht, verraten

Froschküsse und Hühnerjagd

Ein Mädchen saß auf dem Rand eines Brunnens und spielte. Nein, nicht mit einer goldenen Kugel. Das Märchen gibt es ja schon. Auch stand dem Mädchen in meiner Geschichte nicht der Sinn danach, einen Frosch zu küssen. Frösche fand es eklig und Prinzen, die gab es doch gar nicht.
         Das Mädchen, dem man den Namen Klothilde gegeben hatte, spielte mit einem Handy. Da ist auf den ersten Blick nichts Verwerfliches dabei. Allerdings gehörte dieses Handy nicht ihr, sondern ihrem Vater. Klothilde hatte es ausgeliehen, weil man doch so wunderbare Spiele damit machen konnte. Gefragt hatte sie vorsichtshalber nicht, denn sie kannte die Antwort: „Dafür bis du noch zu klein!“
         Sie war aber nicht klein. Wenn sie sich auf die Zehenspitzen stellte, konnte sie sich im Spiegel über dem Waschbecken sehen. Außerdem ging sie schon in die dritte Klasse. Einige ihrer Klassenkameraden hatten sogar schon ein eigenes Handy. Lena besaß ein rosafarbenes mit Glitzersteinchen drauf.    Klothilde war neidisch, auf das Handy und auf den schönen Namen Lena, denn mit ihrem eigenen Vornamen war sie kreuzunglücklich. Was hatten sich ihre Eltern nur dabei gedacht, sie so zu nennen? Diesen Namen konnte man nicht einmal abkürzen. Dabei kamen noch schrecklichere Dinge heraus. Mama rief sie auch gern einmal „Klo“, Mama fand das niedlich. Aber auch „Tilde“ war keine Lösung. Ihre Eltern hätten ihr doch wenigstens einen Zweitnamen geben können, vielleicht wäre der etwas schöner ausgefallen. Wenn es schon nicht so leicht war, mit diesem Namen zu leben, dann könnten sie ihr doch wenigstens ein Handy schenken. Das fand Klothilde gerecht.
         Jetzt also saß sie auf dem Brunnenrand und hielt das Handy in der linken Hand. Mit dem Zeigefinger der rechten Hand wischte sie immer wieder flink über den Bildschirm des Smartphones und schoss auf diese Weise putzige, kleine Hühner ab. Hui, das machte Spaß. Mama sagte zwar, dass diese Ballerei auf die armen Viecher schrecklich ist, doch das störte Klothilde gar nicht. Es waren ja keine echten Hühner.
         Als ein leichter Wind aufkam, der Klothilde die schwarzen Locken ins Gesicht pustete, versuchte sie die Haare aus dem Gesicht zu streichen. Sie war einen winzigen Moment lang unaufmerksam und, ihr könnt es euch denken, das Handy plumpste in den Brunnen. Platsch!
         „Ach du liebe Güte!“, rief das Kind und sprang auf. „Was mache ich denn jetzt?“ (Das Kind rief natürlich nicht „Ach du liebe Güte“, es fluchte laut und benutzte dabei Wörter, die ich hier nicht wiedergeben kann, es ist ja schließlich eine Geschichte, oder auch ein Märchen, ganz nach Belieben. Mehr möchte ich aber nicht verraten.)
         Man kann sich vorstellen, dass sie sich nun doch einen Frosch herbei wünschte, den sie notfalls auch küssen würde. Aber, wie sagt man so schön: Das Leben ist kein Wunschkonzert! Der Brunnen war recht tief und es war auch Wasser darin, also war das Handy wahrscheinlich kaputt. Es nützte also nichts, wenn sie selbst heruntersprang, um es zu holen. Andererseits fiel Klothilde ein, dass die Goldmarie und die Pechmarie ja auch in einen Brunnen gesprungen waren und dann bei Frau Holle gelandet waren. Ob sie es doch versuchen sollte? Sie könnte doch alle Aufgaben erledigen, die Frau Holle ihr stellen würde und am Ende könnte sie auf den Goldregen verzichten und um das Handy und einen anderen Namen bitten.
         Der Gedanke gefiel Klothilde sehr, sie schwang ihre Beine über den Brunnenrand nach innen. Dann zögerte sie eine Weile. Hatte Papa nicht gesagt, dass der Name Klothilde „Berühmte Kämpferin“ bedeutet? Ja, genau, jetzt erinnerte sich das Kind plötzlich wieder daran. Sie war eine Kämpferin und sie würde kämpfen und nicht in den Brunnen springen. Keine Frau Holle und kein verzauberter Prinz könnte ihr helfen.
         Es war aber gar nicht so einfach, die Beine wieder aus dem Brunnen herauszubekommen. Klothilde konnte sich kaum halten und plötzlich war die Angst herunterzufallen viel größer als alle anderen Gefühle, wie das schlechte Gewissen, die Scham, die Wut und der Trotz.
         Gerade in dem Augenblick, als Klothilde sich schon fallen sah, legten sich zwei starke Arme um sie.
         „Tilli, was machst du nur?“ Das war Papas Stimme. Vorsichtig hob der Vater das Kind vom Brunnenrand und drückte es an sich.
         Was hatte er gerade gesagt? Tilli? Klothilde brach in Tränen aus, Sie schmiegte sich an ihren Papa und wollte ihm sofort erzählen, dass sein Handy im Brunnen war und alles eben. Doch ihre Worte purzelten durcheinander und da sie nebenbei schluchzte und die Nase zu laufen begann, verstand der Vater kein einziges Wort. Das einzige, was am Schluss ihres purzeligen Geständnisses klar und deutlich kam war:
         „Ich bin Tilli, die berühmte Kämpferin!“
         „Ja, das bist du!“, sagte Papa zärtlich und dann trug er seine Tochter ins Haus.

         Von diesem Tage an wurde Klothilde nur noch Tilli genannt. Sie freundete sich mit diesem Namen an und später haben alle herzlich über die Geschichte mit dem Brunnen und dem Handy lachen können. Tilli bekam natürlich kein eigenes Handy, damals noch nicht. Klar, Papa war verärgert über den Verlust seines Handys gewesen, aber er sagte auch:
         „Es lässt sich ersetzen. Es ist nur ein Handy, viel wichtiger ist die Familie und vielleicht war es ein Zeichen, dass ich lieber meine Frau und mein Töchterchen anschauen sollte, als den Bildschirm!“
         So hatten alles was gelernt und Tilli hatte endlich einen Namen, der zu ihr gehörte. Der Frosch und die gute Frau Holle hätten es nicht besser machen können.      

© Regina Meier zu Verl 2016   
        
        





Kommentare:

  1. Liebe Regina,
    ich sage nur: Herrlich!
    Einen guten Start ins Wochenende wünscht Dir
    Irmi

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    1. Danke schön, liebe Irmi,
      ich wünsche dir auch ein schönes Wochenende und grüße dich herzlich
      Regina

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  2. Genau so ist es! Niemand hätte diese Geschichte besser erzählen können, als du! LG Martina

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    1. Danke schön, Martina!
      Schönes Wochenende und liebe Grüße
      REgina

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  3. Wunderschön! Du hast Märchen und harte Realität miteinander verwoben und dabei ist eine Geschichte heraus gekommen, die mir sehr gut gefällt.
    Tilli hat endlich ihren Namen bekommen. Ein Name, der zu ihr passt und sie wieder glücklich macht, auch ohne Handy.
    LG
    Astrid

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    1. Danke, liebe Astrid,
      ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt.
      Liebe Grüße und ein schönes Wochenende dir
      Regina

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  4. Gelesen habe ich ja schon gestern, aber zum kommentieren keine Hand frei, hmm das Frühstück schmeckte so köstlich, hihii.
    Es ist aber doch erstaunlich, dass wir beide ähnlich dachten und das ist nicht das erste Mal, verwandtte Seelen eben (zwinkern)
    Liebe Regina wünsche dir ein schönes gemütliches Wochenende, nächste Woche hören wir weider voneinander. LGLore

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    1. Danke, liebe Lore, ja, wir hören uns am Dienstag!
      Liebe Grüße
      Regina

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  5. Liebe Regina, deine Geschichten sind einfach wunderbar und ich frage mich immer, warum kommen mir die Tränen ? Es ist doch alles gut gegangen, bis auf das blöde Handy. Tilli kann froh sein, so einen Vater zu haben. Vielen Dank, wünsche dir ein schönes Wochenende.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Danke schön, liebe Margot,
      ja, ist alles gut gegangen, du musst nicht weinen - tröst!
      Herzliche Grüße
      REgiona

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  6. Liebe Regina,
    da hat Tilli ja richtig Glück gehabt, so einen Papa zu haben! En anderer hätte ihr vielleicht erst einmal eine Standpauke gehalten (oder ihr gar eins auf den Hosenboden gegeben...
    Eine wunderschöne Geschichte! Und - naja - Klothilde möchte ich nun wirklich auch nicht heißen! **grins** Manche Eltern denken gar nicht daran, was sie mit ihrer Namenswahl ihren Kindern antun!
    Liebe Grüße und einen schönen Sonntag!
    Christine

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    1. Liebe Christine,
      ich denke auch, dass man die Namenwahl sehr sorgfältig vornehmen sollte. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass ich mit diesem Namen auch nicht zufrieden gewesen wäre. Aber meine Eltern hatten ja ein Einsehen!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Liebe Regina, huch, zweimal Frau Holle bei den Reizwortgeschichten! Oh Gott, wenn das Mädchen gesprungen wäre. Gut, dass der Papa zur Stelle war. Und der schöne Name, so muss es sein, denn Klothilde das geht überhaupt nicht. Schönes Wochenende und liebe Grüße Eva

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    1. Vielen Dank, liebe Eva,
      ja, gut, dass sie nciht gesprungen ist. Das wäre sicherlich nicht so gut ausgegangen wie bei Frau Holle.
      Herzliche Grüße
      Regina (komme später noch zu dir, mir läuft die Zeit wieder weg diese Woche)

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  8. eine schöne und anrührende Geschichte
    mit einer großen Aussage..
    wichtiger als aller neumodischer Schnickschnack ist der Zusammenhalt in der Familie
    liebe Grüße
    Rosi

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    1. Danke schön, liebe Rosi,
      so sehe ich das auch, die Familie ist das Wichtigste. Alle müssen zusammenhalten!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  9. Da hätte ich doch fast diese schöne Geschichte verpasst. Gut, dass ich noch dran gedacht habe, denn das moderne Märchen gefällt mir sehr. Und dieser Name Klothilde wäre mir garantiert nicht eingefallen.
    LG Elke

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