Mittwoch, 3. Februar 2016

Mama kann ins Herz schauen



Mama kann ins Herz schauen  
               
                Achim mag es gar nicht, wenn er sich verkleiden muss. Mama besteht aber darauf.
„Alle verkleiden sich, willst du denn als Außenseiter dastehen?“, fragt sie und hält ihm ein kariertes Hemd hin, eine Lederweste und ein Halfter für eine Pistole.
                „Nun mach schon! Du wirst toll darin aussehen.“
                Am liebsten möchte Achim am Rosenmontag gar nicht zur Schule gehen. Er findet Karnevalsfeiern blöd, superblöd sogar. Warum kann er nicht einfach er selbst sein? Zuhause bleiben darf er aber nicht, weil der Rosenmontag ein ganz normaler Schultag ist. Normal? Was ist daran normal?
                Achim wagt noch einen Versuch, obwohl er bereits aus früheren Jahren weiß, dass er scheitern wird.
                „Ich habe Halsweh!“, behauptet er und verstellt seine Stimme ein bisschen, damit sie sich krank anhört.
                Mama hat ihn natürlich längst durchschaut. Aber sie spielt das Spiel mit.
                „Sag mal AAAAA!“ Sie nähert sich ihm mit einem Löffel, den sie auf die Zunge legen will, um seinen Rachen genauer betrachten zu können. Tapfer hält Achim seinen Mund auf und lässt Mama in sein Innerstes schauen. Wenn sie doch nur sehen könnte, wie schlecht es ihm geht. Es ist ja nicht der Hals, der schmerzt. Es ist sein Herz und das kann Mama durch den Mund nicht sehen. Er schluckt und aus seinen Augen kullern Tränen.
                „Mmh!“, sagt Mama. „Das sieht nicht gut aus, gar nicht gut!“ Sie legt den Löffel in die Spüle und zieht Achim auf ihren Schoß. Aus den Kullertränen werden Sturzbäche. Achim schluchzt und schmiegt sich an Mama. Sollte sie etwa doch bis in sein Herz geschaut haben?
                „Ich schlage vor, dass wir beide heute zu Hause bleiben. Kuschel du dich nochmal in dein Bett. Ich rufe meinen Chef und deine Lehrerin an und melde uns krank.“
                Achim ist erleichtert, ein dicker Stein plumpst ihm vom Herzen.
                Als die beiden später bei einer Tasse Kakao in der Küche sitzen, fragt er Mama:
                „Hast du in mein Herz geschaut Mama? Hast du gesehen, dass es mir ganz doll weh tut?“
                „Ja!“, sagt Mama. „Und dann habe ich mich daran erinnert, wie ungern ich mich verkleidet habe und wie ich gelitten habe, wenn ich als Hexe, Prinzessin oder Rosenresli in die Schule gehen musste. So sind wir eben und so bleiben wir auch. Nicht jeder kann alles gut finden, nicht wahr?“
                „Du bist die Beste!“, jubelt Achim und dann will er natürlich wissen, wer denn das Rosenresli ist.

© Regina Meier zu Verl 2016

Und wenn ihr, liebe Leser, das auch wissen möchtet, weil ihr noch nicht ganz so alt wie ich seid, dann schaut hier ROSENRESLI

Kommentare:

  1. Ja die Mamas, wenn es di nicht gäbe, Rosenresli habe ich sogar auf dem Kindle. Johanna Spyri gehörte zu meinen Lieblingserzählerinnen leider gingen ihre Bücher verloren. Meine Schwester hat dann versucht auf dem Flomarkt welche zu finden, leider vergebens und so blieb dieser Wunsch lange in mir verschlossen, die Geschichten und nicht nur Heidi, auch die weniger bekannten noch einmal zu lesen und dann fand ich sie über Kindle unter den Klassikern und auch noch kostenlos.
    Kleine Wünsche erfüllen sich doch im Leben.
    Wünsche dir einen schönen Tag, LGLore

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  2. ... wie schön .....und das fühlt man nciht nur als Kind, auch heute kann das meine Mama noch ....
    Ich wünsche Dir noch einen gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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  3. Oh wie gut ich doch den kleinen Achim verstehen kann. Auch für mich gibt es nichts sinnloseres als Fasching. Einmal mußte ich als Tirolerin verkleidet zum Schulfasching gehen und die Lehrerin fragte mich, was denn eine Tirolerin ist. Ich wußte es nicht, hatte von Tirol noch nie etwas gehört. Das war soooo blamabel. Und dann mußten wir auch noch durchs Dorf ziehen, überall klingeln, etwas vorsingen oder einen blöden Spruch aufsagen, damit man etwas Süßes in die Tüte gelegt bekam. Zu Hause angekommen lag in der Tüte alles kunterbunt durcheinander, alles zusammengeklebt, einfach nur eklig anzusehen. Und so, wie ich das gesehen hatte, hab ich den ganzen Kram weggeworfen, weil ich absolut nicht ran konnte. Es hat sich bis heute nichts an meiner Einstellung zur Sinnlosigkeit des Faschings geändert.
    LG Petra K.

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  4. was für eine rührende Geschichte..
    ich hab auch nicht viel bis gar nichts für Karneval übrig..
    meine Kinder sind da anders.. von wem sie das wohl haben ;)

    liebe Grüße

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