Dienstag, 5. Januar 2016

Ein Wiedersehen nach vielen Jahren




Ein Wiedersehen nach vielen Jahren



Morgen werde ich meine alte Freundin Silke treffen. Sehr lange habe ich sie nicht mehr gesehen und bin gespannt, ob sie sich verändert hat. Ich betrachte das Foto, das uns beide vor dem Brandenburger Tor zeigt. Damals habe ich sie bewundert, weil sie immer ein wenig anders als alle anderen war, bunt und etwas schrill. Das lag nicht nur an ihren feuerroten Haaren, vielleicht ein wenig. Sie fiel einfach auf, hatte ihren ganz eigenen Kleidungsstil. Kreativ wie sie war, schneiderte sie ihre Klamotten selbst und stricken konnte sie wie keine. Es entstanden unter ihren Stricknadeln die tollsten Kreationen, bewundernswert.

Wir haben uns dann aus den Augen verloren. Ab und zu kam eine Karte, wenn sie gerade wieder auf einem ihrer Auslandstrips war. Ich habe mich jedes Mal drüber gefreut, aber ich war auch ein wenig neidisch, denn ich hatte mich für das Lebensmodell Familie entschieden. Es ist nicht so, dass ich nicht glücklich wäre. Drei wunderbare Kinder habe ich und einen tollen Mann. Aber mit unserem Familieneinkommen können wir keine weiten Sprünge machen. Meine Arbeit musste ich ja aufgeben damals, als ich mit unserer Jüngsten schwanger war und jetzt ist es gar nicht mehr so einfach, beruflich wieder einzusteigen. Jenseits der Fünfzig waren die Chancen gleich Null. Ich war zu lange zu Hause und müsste mich erstmal ganz schön wieder reinknien, um den Anschluss zu finden.

Silke hatte die Schule mit Leichtigkeit beendet, obwohl sie nicht viel dafür getan hat. Sie hatte gar keine Zeit zum Pauken. Ständig war sie mit ihren Leuten unterwegs und hat Party gemacht. Manchmal war ich auch dabei, aber nicht so oft. Ich hatte in einigen Fächern echte Probleme und musste stundenlang zu Hause lernen, um mein Abi zu schaffen. Na ja, was soll’s? Ich habe es geschafft und mein Numerus Clausus war fast so gut wie der von Silke. Danach fragt heute niemand mehr.

Silke ist nach dem Abi erstmal für ein Jahr nach Amerika gegangen. Ob sie später studiert hat, das weiß ich nicht und wenn ich es mir recht überlege, dann weiß ich nicht einmal, wie ihre Pläne waren und was sie einmal werden wollte. Für mich stand fest, dass ich Betriebswirtschaft studieren würde. Das habe ich auch gemacht, schließlich hatten meine Eltern eine Firma und die wollte ich übernehmen. Das war der Plan. Es ist aber leider nichts draus geworden, denn mein Herr Vater hatte andere Pläne. Er verliebte sich in eine junge Frau und zog von heute auf morgen bei uns aus. In „seinem“ Haus durften wir gnädiger Weise wohnen bleiben. Die Firma fuhr er jedoch vor die Wand. Seine junge Frau hatte wohl zu hohe Ansprüche. Es kam zu Privatentnahmen, dann zur Zahlungsunfähigkeit, schließlich mussten alle Mitarbeiter entlassen werden und meine Mutter und ich konnten sehen, dass wir unseren Lebensunterhalt verdienten. Meinen Vater habe ich seit dem Auszug nie wieder gesehen. Kein Anruf, kein Brief kam von ihm, nichts. Meine Eltern wurden in Abwesenheit meines Vaters geschieden.  Das Haus hat meine Mutter verkauft, vermutlich hat sie die Hälfte vom Gewinn noch an Vater zahlen müssen. Ich habe sie nie gefragt und sie hat mit mir niemals darüber gesprochen.

Meine Mutter ist vor einem halben Jahr gestorben. Sie fehlt mir sehr, auch den Kindern. Sie war fünfundsiebzig und es wäre so schön gewesen, wenn sie noch bei uns geblieben wäre. Wo mein Vater abgeblieben ist, das weiß ich nicht und vielleicht will ich es auch gar nicht mehr wissen. Er hat uns im Stich gelassen. Das hätte ich ihm nur dann verzeihen können, wenn er sich wenigstens mal gemeldet hätte. Drei Enkelkinder hat er, vielleicht weiß er von ihnen gar nichts, möglicherweise ist es ihm ja egal. Ob er noch lebt? Hätte ich davon erfahren, wenn es nicht so ist?

Ich nehme meine Brille ab und putze verstohlen ein paar Tränen weg. So ganz egal scheint es mir ja doch nicht zu sein. Entschlossen stehe ich auf und räume unter lautem Geklapper den Geschirrspüler aus. Ein Wunder, dass dabei nichts zu Bruch geht.

Morgen werde ich sie also treffen, die Silke. Vielleicht sollte ich zum Frisör gehen. Ich wische den Gedanken fort und schimpfe laut mit mir: Wie armselig ist das denn? Du triffst deine alte Freundin und hast keinen anderen Gedanken, als dass deine Frisur sitzt? Mann, Mann, Gerlinde, du bist ganz schön oberflächlich geworden.
Ich sollte mich einfach freuen und unbefangen an das Treffen herangehen. Was sollte diese Gefühlsduselei eben denn nur? Dabei hat mich der Anruf so sehr gefreut. Sie hat mich also nicht vergessen. Das ist doch ein schönes Gefühl und Freunde können Jahre getrennt sein, das hält eine richtige Freundschaft aus. Man trifft sich und fängt einfach da wieder an, wo man vorher aufgehört hat. Ist doch so, oder?

Wir sind im Stadtcafé verabredet, das habe ich vorgeschlagen, weil bei uns zu Hause doch immer was los ist. Die Kinder sind da und meist auch noch irgendwelche Freunde. Da könnten wir gar nicht in Ruhe reden. Andererseits hätte ich ihr gern meinen Nachwuchs vorgestellt. Es sind ja keine Kinder mehr, die Jüngste ist mittlerweile auch schon achtzehn. Sie lässt sich nicht mehr vorzeigen. Und die Jungs, die interessieren sich momentan eher für ihre Freundinnen. Der Große redet sogar schon vom Heiraten. Das ist wohl der Lauf der Welt, alles wiederholt sich. Es ist ja auch richtig so, es geht immer weiter.

Ich sitze also im Stadtcafé und bin aufgeregt wie ein Schulmädchen. Ich rechne damit, dass Silke zu spät kommt. Dann öffnet sich die Tür, Silke betritt den Raum. Hinter ihr sehe ich einen älteren Herrn und traue meinen Augen nicht. Es ist mein Vater.
„Nun komm schon Schatz!“, sagte Silke zu ihm. Mein Herz schlägt, als wollte es zerspringen. „Nein!“, schreie ich ohne Ton. „Nein!“
Eine gnädige Ohnmacht nimmt mich in diesem Moment in ihren Armen auf.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Liebe Regina, vielen Dank für die Geschichte. Du schreibst immer so lebensecht, dass ich immer nicht weiß, ob du von dir schreibst oder von einer anderen Person. Egal, die Ohnmacht kam rechtzeitig. Ja, das Leben schont niemanden...
    Wünsche dir einen schönen Tag und sende liebe Grüße, Margot.

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    1. Auch hier noch einmal danke, liebe Margot,
      meine Geschichten enthalten immer ein Stückchen Wahrheit. Letztendlich habe ich sie aber nicht selbst so erlebt, wie ich sie hier erzähle. Die Silke hat es natürlich gegeben, sie hieß aber nciht Silke und sie hat mir auch nicht meinen Vater ausgespannt - das war schon wieder eine ganz andere Geschichte, die mit mir gar nichts zu tun hat. Beim Schreiben "erlebe" ich das aber mit, deshalb empfindest du es wahrscheinlich als lebensecht und das ist ein sehr schönes Kompliment für mich, herzlichen Dank
      Regina

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  2. Was für eine Überraschung, dass die Geschichte so endet. Vielen Dank für die unterhaltsame Episode und noch eine schöne Woche.
    LG Elke

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    1. Gern, liebe Elke,
      ich danke dir fürs Lesen und deinen lieben Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Das ist mal ein Ding,deine Fantasie ist grenzenlos. LGLore

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    1. Du kennst mich doch, liebe Lore,
      und du wunderst dich immer noch? :)
      Liebe Grüße
      Regina

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  4. Mir geht es ähnlich wie Margot, ich hab auch überlegt ob du von dir selbst schreibst oder ob das Phantasie ist.
    Tolle Geschichte, hat mir sehr gut gefallen.

    LG Peggy

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    1. Danke schön, Peggy,
      das freut mich sehr!
      Herzliche Grüße
      REgina

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  5. Liebe Regina,
    danke für eine wieder so wunderbare Geschichte!
    Ich wünsch Dir nun noch einen schönen Nachmittag !
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Gerne, liebe Claudia,
      auch dir einen schönen Feierabend, wird ja schon gleich dunkel!
      Herzliche Grüße
      deine REgina

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  6. Liebe Regina,
    das war eine sehr packende und ergreifende Geschichte. Ich habe sie regelrecht verschlungen. Und der Schluss setzt allem noch die Krone auf. Ich dachte die ganze Zeit, irgendetwas kommt noch. Wahrscheinlich ist diese ehemalige Freundin gar nicht so bewundernswert, überlegte ich mir. Und dann kam der Schluss mit dem ich dann überhaupt nicht gerechnet habe. Toll geschrieben!
    LG
    Astrid

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    1. Danke schön liebe Astrid,
      schön, dass der Überraschungseffekt am Schlus gelungen ist. Vielen Dank für deinen lieben Kommentar!
      LG
      Regina

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  7. Ich wundere mich über mich selbst. ^^ Bei 3 Kindern wurde ich schon skeptisch, bei Gerlinde war mir dann aber alles klar. Aber es soll dein Geheimnis bleiben, welche Stückchen wahr sind.

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    1. Danke dir, Alexander,
      so ist das, bei uns Schreiberlingen, man weiß nie so ganz genau, was Wahrheit und was Fiktion ist. :)

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  8. Mir ergeht es wie Alexander - zuerst dachte ich an eine wahre Begebenheit. Die drei Kinder ließen mich aufhorchen - erst danach wurde mir klar: Mensch, die Frau ist eine Geschichtenerzählerin und genau das macht sie hier!!! :-) Perfektes und unerwartetes Ende! Klasse!

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    1. Danke liebe Martina,
      du kennst mich ja schon gut und lässt dich nicht mehr so leicht "an der Nase herumführen", schön, dass es ansatzmäßig trotzdem gelungen ist!

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  9. da gehts mir wie Alexander und Martina, man horcht deinen Geschichten zu und manchmal - erade wenn sie so lebensecht scheinen - fragt mn sich, ists "echt oder nicht"erfindet sie sie?!
    Im Grunde ists doch völlig wurscht OB UNSERE Geschichten direkt mit uns zu tun haben:in JEDER steckt ein Stück Wahrheit,ein Stück eigene Geschichte, die entweder Wir - oder jemand den wir kennen erlebt haben.So geht das Geschichtenerzählen nun mal und wer selbst welche schreibt, weiß das auch.
    es ist eine zu Herzen gehende, ergreifende HALBWAHRGESCHICHTE könnte man dazu sagen wer sich unbedingt davon überzeugen will ob sie nun von dir oder einer anderen handelt, jedenfalls ist sie:Klasse, unterhaltsam, ja spannend geschrieben, denn dies ENDE hätte wohl keiner erwartet und dachte vielleicht deshalb sie wär echt.
    Irgendwie finde uiich es ganz schön die Leser damit in Spannung zu halten, ob die Geschichten die wir erzählen unsere eigenen oder doch nur halb erfunden sind...
    herzlichst ein Gruß-freue mich sie durch deine Seitenleiste gefunden zu haben!!!Angel

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