Dienstag, 19. Januar 2016

Die Eselsbrücke




Die Eselsbrücke              

                „Was ist denn das? Das ist doch kein Winter!“, sagt Frau Müller kopfschüttelnd. „Wenn ich da so an meine Kindheit zurückdenke … da gab es Schnee, massenhaft. Man konnte noch Schneemänner bauen und Rodelbahnen. Ach, was hatten wir für einen Spaß!“
                Die junge Kassiererin lächelt freundlich und nimmt Frau Müllers EC-Karte, steckt sie in das Gerät und dreht eben dieses der Kundin zu. „Bitte geben Sie die Geheimzahl ein!“. fordert sie die Kundin auf.
                Diese überlegt, tippt dann schnell vier Zahlen ein und sieht unmittelbar die Nachricht: Falscher Pin Code. Frau Müller versucht es noch einmal, fest davon überzeugt, dass sie sich einfach nur vertippt hat. Es klappt wieder nicht. Da Frau Müller mal gehört hat, dass nach dreimaliger falscher Eingabe die Karte gesperrt wird, traut sie sich nun nicht mehr. An der Kasse hat sich mittlerweile eine Schlange gebildet.
                Die Kassiererin ruft durch ihr Mikrophon: „Frau Sauerland, bitte an Kasse 2!“ Frau Müller ist blass geworden, sie überlegt fieberhaft und ihr will die Geheimzahl nun einfach nicht mehr einfallen.
                Die Warteschlange wandert geschlossen zu Kasse 2, so dass die freundliche Kassiererin sich ganz auf Frau Müller konzentrieren kann. Sie kennt das, die Kundin ist nicht die Erste, der das passiert.
                „Immer mit der Ruhe“, sagt sie deshalb. „Denken Sie einen Moment an etwas ganz anderes, dann fällt Ihnen die Nummer sicher wieder ein!“
                Frau Müller hört nicht zu. Sie ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt.  Trotzdem fällt ihr dieser verflixte Pin-Code nicht ein. Nervös blättert sie in ihrem Portemonnaie und zählt den Inhalt. Es reicht nicht, um den Einkauf bar zu bezahlen.
                „Was mache ich denn jetzt?“ Frau Müller ist dem Weinen nahe.
                „Wir packen Ihre Einkäufe einfach in den Wagen, legen den Kassenzettel dazu und ich bringe den Wagen in unser Lager. Sie gehen eine Tasse Kaffee trinken und versuchen an etwas anderes zu denken, dann wird sicher die Geheimzahl wieder da sein. Ich habe das schon öfter erlebt. Später holen wir dann ihre Einkäufe wieder zurück und sie zahlen. Machen Sie sich keine Sorgen!“
                Frau Müller ist dankbar. Das klingt unkompliziert und notfalls muss sie einfach schnell nach Hause fahren, denn sie hat die Zahlen dort notiert – für alle Fälle. Zuerst aber folgt sie dem Rat der netten Angestellten und setzt sich in das kleine Café direkt im Supermarkt. Sie bestellt einen Kaffee und ein dickes Stück Schwarzwälder Kirschtorte. Den Gedanken an die Geheimzahl kann sie aber noch nicht loslassen. Erst als die sahnige Köstlichkeit auf ihrer Zunge zergeht, wandern die Gedanken zurück in die Kindheit. Sie denkt an ihre Mutter, die immer die herrlichsten Torten gebacken hat. Jedes Rezept hatte sie im Kopf gehabt. Sie war eine Meisterin im Backen gewesen. Ach ja, das war eine schöne Zeit, die Kindheit. Damals hatte es ja auch noch jede Menge Schnee gegeben.
                Frau Müller lächelt und genießt. In Gedanken sieht sie die Mutter und baut mit ihr zusammen einen großen Schneemann. Auch der Vater ist da, er rollt die größte Kugel für den Unterbau, die Frauen kümmern sich um den Oberkörper und den Kopf. Als der Schneemann steht, nimmt die kleine Elisabeth ihren Schal und bindet ihn dem Schneemann um. Die Mutter holt eine Möhre aus der Küche und zwei Kohlen für die Augen. Mit Mamas rotem Lippenstift malen sie ihm einen Lachmund. Elisabeth ist so stolz. Dann beginnt der Schneemann zu sprechen: „Juli, August, Januar, Februar!“, sagt er.
                Frau Müller lacht begeistert auf. Das ist es. So hat sie sich die Geheimzahl eingeprägt. Dass sie das vergessen konnte! Juli, August, Januar und Februar stehen für die Zahlen. Es ist doch ganz einfach. Schnell isst sie das letzte Stückchen Torte, trinkt noch einen kräftigen Schluck Kaffee und bezahlt. Ein großzügiges Trinkgeld gibt sie, dann eilt sie zur Kasse zurück. Strahlend!
                „Sehen Sie, ich wusste es doch!“, empfängt sie die freundliche junge Dame. Sie rechnet noch schnell ab und schließt dann die Kasse. Dann holt sie Frau Müllers Einkaufswagen aus dem Supermarktlager. Mit dem Bezahlen gibt es nun auch keine Schwierigkeiten mehr. Wie gut, dass es diese Eselbrücke gab, und dass sie Frau Müller rechtzeitig genug wieder eingefallen ist. Oder hat etwa der Schneemann tatsächlich gesprochen?

© Regina Meier zu Verl 2016
               
               
               
                 

Kommentare:

  1. Liebe Regina, ich habe es dir ja schon bei Google+ geschrieben. Eine wunderschöne, realistische Geschichte. :-)
    Wünsche dir einen schönen Tag.

    Liebe Grüße, Margot.

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  2. Eine schöne Geschichte!
    Wenn man nicht dran denkt,es beiseite legt, fällt es einem ein, spricht der Schneemann :))
    Ich vergesse manchmal auch die Eselsbrücke, und dann urplötzlich ist mein Gehirn wieder aufgeräumt, es funktioniert.
    Herzliche Grüße, Klärchen

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    1. Hallo Klärchen,
      das ist ein schöner Vergleich, "Das Gehirn ist wieder aufgeräumt"! Genauso ist das auch!
      Liebe Grüße und danke
      Regina

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  3. Liebe Regina,
    eine tolle Geschichte ist Dir da wieder aus der Feder gesprungen!
    Eselsbrücken, ja, da fällt mir auch so einiges dazu ein .....
    Ich wünsche Dir einen schönen und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia,
      ich wünsche dir auch einen schönen Tag - hier schneit es gerade!
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  4. Ich musste richtig schmunzeln beim Lesen, liebe Regina. Nicht nur, weil es früher mehr Schnee gab. Auch die Sache mit der Geheimzahl kenne ich. Besonders wenn ich aus dem ( außereuropäischen) Ausland komme und lange Zeit meine EC Karte nicht benutzt habe, habe ich an der Kasse manchmal ein Blackout. Dann kann so eine Eselsbrücke sehr hilfreich sein. Überhaupt benutze ich sehr häufig Eselsbrücken, z. B. bei der Telefonnummer meiner Schwiegermutter, die nach dreißig Jahren gewechselt hat. Die Telefonnummer einer Bekannten fällt mir nur ein, wenn ich die Tasten vor mir sehe, denn dann weiß ich welchen "Schlängel" ich wählen muss. :-)
    Ich bin froh, dass es nicht nur mir so geht, sondern beispielsweise auch Frau Müller und vielen anderen auch noch.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,
      ich verrate dir ein Geheimnis, wir sind ja hier unter uns: Frau Müller heißt eigentlich Frau Meier und das Ganze ist erst vor kurzer Zeit wirklich passiert. Ein wenig anders als geschildert, aber doch ganz ähnlich.
      Ich kann mir gut vorstellen, dass man, wenn man länger auf Reisen war, besondere Probleme bekommen kann. Mir ging es so, als ich einmal 6 Wochen zur Kur war, da wollte mir mein Passwort für meinen Mailaccount einfach nichht wieder einfallen.
      Herzliche Grüße und danke
      REgina

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