Montag, 4. Januar 2016

Die Erdmanns aus dem Erdgeschoss


Die Erdmanns aus dem Erdgeschoss

Erdmanns wohnen im Erdgeschoss. „Das sagt der Name ja schon“, sagt Papa immer und lacht sich kaputt über seinen alten Witz.
Aber zurück zu den Erdmanns. Ich mag sie nicht so besonders gern leiden. Das ist ungerecht, denn sie haben mir gar nichts getan. Sie sind einfach nur da und machen nichts Schlimmes. Aber genau das ist es ja. Sie sind da, immer.
Wenn ich von der Schule nach Hause komme, steht Mutter Erdmann am Küchenfenster. Kaum hat sie mich entdeckt, reißt sie das Fenster auf und fragt:
„Na, Merle, wie geht es dir heute?“
Eigentlich ist das ja nett und ich antworte ihr auch immer höflich:
„Danke, Frau Erdmann, es geht mir gut.“
Wenn ich nachmittags zu meiner Freundin Linda fahren will, treffe ich garantiert Frau Erdmann im Flur, ich kann noch so leise die Treppe runter gehen, sie hört mich.
„Na Merle, hast du deine Hausaufgaben schon fertig?“, fragt sie dann oft und ich ärgere mich darüber, denn meist habe ich sie nicht fertig und dann habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich Mama doch versprochen hatte, erst dann aus dem Haus zu gehen, wenn alles erledigt ist.
„Habe ich!“, lüge ich und mache mich schnell aus dem Staub.
Vater Erdmann ist schon Rentner. Lasse ich mal mein Fahrrad vor der Haustür stehen, so kommt er flink wie ein Wiesel aus seiner Wohnung und trägt es in den Schuppen.
„Lassen Sie es dort bitte stehen, ich muss gleich noch mal los“, habe ich neulich zu ihm gesagt.
„Dann holst du es eben wieder raus. Ich mag es nicht, wenn die Räder vor der Haustür stehen und im Schuppen sind sie sicher aufgehoben, da klaut sie keiner!“, sagt er dann und was soll ich darauf schon erwidern?
Ihr merkt schon, ich bin auf die Erdmanns nicht so gut zu sprechen. Besser gesagt, ich war es.
Letzten Donnerstag änderte ich meine Meinung und das kam so:
Ich hatte meinen Schlüssel vergessen und merkte das erst, als ich mittags vor der Haustür stand und danach suchte. Frau Erdmann riss das Küchenfenster auf und fragte nicht, wie gewohnt, wie es mir geht. Sie machte ein besorgtes Gesicht und bat mich, kurz zu ihr in die Wohnung zu kommen.
„Warte, ich mache dir die Tür auf“, rief sie und schon summte der Türöffner.
Komisch fand ich das schon, woher wusste sie denn, dass ich keinen Schlüssel hatte und was wollte sie von mir?
„Merle, deine Mutter ist gestürzt, als sie zur Arbeit gehen wollte. Der Weg bis zur Straße war ja bereits geräumt, weil mein Mann schon früh draußen war. Aber ein Stück weiter war es spiegelglatt und schon war es passiert.“
Ich bekam einen gehörigen Schrecken.
„Und jetzt? Was ist mit meiner Mama?“, stammelte ich und mir wurde ganz schwindelig vor Sorge.
„Setzt dich erstmal, deine Mama ist im Krankenhaus und dein Vater ist bei ihr. Deine Schwester wird gerade von meinem Mann aus dem Kindergarten abgeholt und ihr bleibt bei uns, bis dein Papa wieder da ist.“
Dann erzählte sie mir, dass sie doch immer hinter Mama herschaue, bis sie um die Ecke gebogen sei und so habe sie auch genau gesehen, dass Mama gefallen war und gar nicht wieder aufstand.
„Ich bin sofort hingelaufen und man konnte sehen, dass ihr Bein gebrochen war. Es war ganz verdreht. Deshalb habe ich sofort einen Krankenwagen angerufen und deinen Papa auch. Mach dir keine Sorgen, es ist nur ein Knochenbruch. Das heilt wieder!“
Sie hatte Recht, als ich Mama am frühen Abend besuchen durfte, ging es ihr schon wieder ganz gut. Sie musste ein paar Tage im Krankenhaus bleiben. Deshalb nahm Papa sich Urlaub, damit wir nicht allein waren. Frau Erdmann kochte uns mittags was Leckeres.
Wenn ich sie jetzt am Küchenfenster entdecke, winke ich ihr fröhlich zu und neuerdings werfe ich ihr sogar ein Kusshändchen zu. Ja, und mein Fahrrad stelle ich jetzt immer direkt in den Schuppen, damit Herr Erdmann nicht so viel Arbeit hat und die Sache mit den Hausaufgaben kriege ich auch noch hin.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Die Erdmanns aus dem Erdgeschoss, das klingt schon fast nach einer gut gemachten TV-Serie - erinnert mich an "Diese Drombuschs" oder die "Wiecherts von nebenan" ;)

    KLasse :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Genau diese Gedanken hatte ich auch beim Lesen der Überschrift :O)

      ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    2. Hallo Björn,
      danke dir. Diese Drombuschs kenne ich auch, habe die Serie gern gesehen. Ich wünsche dir einen schönen Tag, liebe Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina,
    die Erdmanns aus dem Erdgeschoss, - wie schön, dass sie da sind. Vielleicht sind sie ein bisschen neugierig, aber vielleicht nehmen sie ja auch nur Anteil am Leben der anderen. Auf jeden Fall haben sie geholfen, als Not am Mann war und das ist schön!
    Wären sie plötzlich nicht mehr da, so würde man sie echt vermissen!
    Wir hatten mal ein älteres Ehepaar als Nachbarn. Er sagte immer schon am Nachmittag zur Begrüßung:"Na, Feierabend? Feierabend ist die schönste Zeit!" Wir mochten die beiden älteren Leutchen und haben sie vermisst, als sie irgendwann bald hintereinander starben. Noch heute denken wir an diesen lieb gemeinten Spruch.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,
      genauso ist das. Meine Erdmanns sind eigentlich gar nicht so neugierig, sie interessieren sich für ihre nachbarn und das ist ja auch gut so, wie sich in der Geschichte gezeigt hat.
      Danke dir und liebe Grüße
      Regina

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  3. Oh, diese Erdmanns aus dem Erdgeschoss - sie gibt es wohl überall!
    Aber da kannste mal sehen: Nichts ist so schlecht, dass nicht noch etwas Gutes dabei herum kommt! :-)
    LG Martina

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    1. Stimmt, liebe Martina,
      sie sind überall, die Erdmanns und oft ist es gut, dass sie da sind!
      Ich wünsche dir einen schönen Tag,
      liebe Grüße
      Regina

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  4. Die Erdmanns aus dem Erdgeschoss - das ist wirklich sehr nett und ruft sehr nach Fortsetzung.
    Wird es die geben ?
    LG Peggy

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    1. Liebe Peggy,
      die Geschichte habe ich schon vor ein paar Jahren geschrieben. Ich weiß nicht, ob ich das Thema nochmal aufnehme, denke aber drüber nach!
      Vielen Dank und liebe Grüße
      Regina

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  5. Meine liebe Regina,
    danke für diese herrliche Geschichte! Ich würde mich auch auf eine Fortsetzung freuen!
    Ich wünsche Dir noch einen gemütlichen Nachmittag und Abend !
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Schaun wir mal, meine liebe Claudia,
      nichts ist unmöglich :)
      Liebe Grüße
      deine Regina

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  6. Liebe Regina, so schnell kann sich das Blatt wenden. Aber doch nett diese Erdmanns, alles Liebe Eva

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    1. Wie wahr, liebe Eva,
      schnell kann sich alles ändern und gerade in der Not zeigen sich dann die wahren Freunde/Nachbarn!
      Liebe Grüße
      Regina

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  7. Bis zum Fahrrad dachte ich die Erdmanns wären eben Erdmänchen, also Fabelwesen. ;-)

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    1. Hallo Alexander,
      ja, könnte man meinen, aber dann klärt es sich ja!
      Danke dir und liebe Grüße
      Regina

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    2. :-) Und es sollte natürlich "ErdmänNchen" heißen. :-)

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