Donnerstag, 7. Januar 2016

Die Braut des Teufels - ein Märchen


Die Braut des Teufels

Es war einmal ein Fischer, der war alt und gebrechlich. Sein Tagwerk fiel ihm schwer, deshalb sprach er zu seinem Sohn:
„Mein lieber Sohn, es ist an der Zeit, dass du die Fischerei übernimmst, denn meine Kräfte lassen nach und bald wird mich der Herr zu sich rufen. Gleich Morgen wollen wir sehen, ob du ohne meine Hilfe genügend Fische nach Hause bringen kannst, um uns zu ernähren.“
Am nächsten Morgen machte sich der junge Mann auf den Weg. Fröhlich pfeifend schulterte er die Netze, ging zum Strand herunter und ließ das Boot ins Wasser.
Mit kräftigen Stößen ruderte er aufs Meer hinaus.
Als er meinte, weit genug vom Ufer entfernt zu sein, wurde er hungrig.
„Die Netze kann ich immer noch auslegen“, dachte er bei sich und beschloss, zuerst eine Pause einzulegen.
Die Mutter hatte ihm ein Stück Käse, einen Kanten Brot und eine Kanne roten Weines mitgegeben. Das ließ sich der Junge schmecken. Durch das sanfte Schaukeln der Wellen und den guten Wein wurde er dann sehr müde.


Er legte sich auf den Boden des Bootes, bettete seinen Kopf auf die Netze und schaute in den Himmel, an dem watteweiche Schäfchenwolken ihres Weges zogen.
„Hier ist niemand, der mich stört!“, seufzte er, denn der Vater konnte es nicht leiden, wenn sein Sohn untätig in den Himmel schaute.
„Ich gönne mir ein Viertelstündchen, danach werde ich die Netze auslegen und dem Vater beweisen, dass ich ein rechter Mann bin.“, flüsterte er.
Die Wellen plätscherten ein leises „Ja, ja“ an das Boot und es dauerte nicht lange, da war der Junge eingeschlafen.
Er träumte von der schönen Wirtstochter, der er sehr zugetan war. Im Traum war sie seine Ehefrau und er ein Fischer, der seine Familie reich und glücklich machte.
Plötzlich wurde er unsanft geweckt, ein Sturm war aufgezogen und hatte das Meer ordentlich aufgewühlt.
„Um Gottes Willen, hoffentlich komme ich heil nach Hause und was soll ich dem Vater sagen? Ich habe ja nicht einmal die Netze ausgelegt, geschweige denn ein einziges Fischlein gefangen.“
Als grelle Blitze neben ihm ins Wasser schlugen fürchtete er sich so sehr, dass er in seiner Not laut schrie:
„So hilf mir doch jemand, ich will auch alles tun, was man von mir verlangt, wenn ich nur am Leben bleibe.“
Schlagartig beruhigte sich der Sturm, es blitzte und donnerte nicht mehr und die Sonne schaute durch die Wolken.
Doch sogleich wurde der Junge erneut in Angst versetzt. Eine dunkle Stimme dröhnte:
„Wer ruft um Hilfe?“
„Ich, ich … ich bin es nur, der Fischersohn. Wer spricht da mit mir?“ Während er das sagte, bekreuzigte er sich immer wieder, wie es ihn der Vater gelehrt hatte.
„Das spielt keine Rolle, du Wicht und lass das alberne Kreuze schlagen. Hast du gesagt, du würdest alles tun, wenn du nur lebend nach Hause kommst?“
„Ja, guter Mann“, der Junge blickte sich suchend um, konnte aber niemanden entdecken, „alles würde ich dafür tun, alles!“
„Dann soll es sein!“, dröhnte die Stimme.
„Ich werde dich nach Hause bringen, dafür bringst du mir die Wirtstochter, sie soll meine Gemahlin werden.“
Der Junge überlegte nicht lange. Wenn er erst wieder zu Hause war, würde ihm schon etwas einfallen, damit er das Mädchen nicht opfern musste.
„Ich habe aber noch eine Bedingung!“, stotterte er.
„Bedingung? Du bist wohl nicht recht bei Trost? Mir hat noch nie jemand eine Bedingung gestellt!“
„Dann bin ich halt der Erste! Fülle meine Netze mit Fischen, damit ich dir auch vertrauen kann, denn ich liebe die Wirtstochter und will sie gut aufgehoben wissen.“
Er hatte es kaum ausgesprochen, da tummelten sich hunderte von kleinen silbernen Fischen in den Netzen. Hätte er gewusst, dass er einen Pakt mit dem Teufel schließt, wäre er sicher nicht so dreist gewesen.
„Da wird der Vater seine Freude haben!“
Das Boot setzte sich wie von Geisterhand in Bewegung. Die Sonne versank am Horizont und färbte die Wasseroberfläche rot. Nach kurzer Zeit war der Strand in Sicht. Dort standen die Eltern, die sich um den Sohn sorgten und winkten ihm glücklich zu.
Als der Vater sah, dass das Boot über und über mit Fischen gefüllt war, schloss er seinen Sohn erleichtert in die Arme.
„Du bist ein guter Sohn, jetzt kann ich beruhigt zu Hause bleiben und meinen Lebensabend genießen.“
In den Augen der Mutter glitzerten Tränen des Glücks.
„Geht ihr nur schon heim, liebe Eltern, ich werde noch die Fische ausladen.“
Kaum waren die Eltern gegangen, ertönte wieder die Stimme des unbekannten Helfers in der Not:
„Und was ist mit meinem Lohn?“
„Du wirst deinen Lohn schon bekommen, komm Morgen zur gleichen Zeit hierher, dann werde ich dir die Wirtstochter bringen.“
„Wehe dir, wenn du dein Wort nicht hältst!“, drohte der Unsichtbare, dann wurde es still, nur das Schreien der Möwen und das leise Rauschen des Meeres war noch zu hören.
Am nächsten Tag musste der Sohn nicht aufs Meer hinausfahren, denn er hatte am Vortag so viele Fische mitgebracht, die er auf dem Markt verkaufte, dass sie eine ganze Woche von dem Erlös hätten leben können.
Er zermarterte sich das Hirn, wie er die Forderung seines Retters doch noch umgehen konnte. Die alte Nelli fiel ihm ein, die einsam am Rande des Dorfes lebte und auf den Tod wartete.
„Das ist die Lösung. Ich werde sie am Abend ans Meer bringen. Ich werde mir Kleider von der Wirtstochter besorgen und sie recht hübsch machen, dann wird es schon gut gehen.“
Er fühlte sich jetzt ein wenig besser und stattete der Wirtstochter einen Besuch ab.
„Grüß Gott, schönes Fräulein!“, schmeichelte er.
„Ist das nicht ein wunderbarer Tag heute? Ich könnte vor Freude tanzen, denn ich habe einen guten Fang gemacht.“
„Das freut mich für Euch, aber wo wollt ihr denn tanzen?“, das Mädchen errötete und seine Augen blitzten vor Freude, als es den jungen Fischer erblickte.
„Ich möchte Euch gern einladen und ich schenke Euch das schönste Kleid, das ich finden kann. Ihr müsst mir nur eines von Euren Kleidern geben, damit der Schneider Maß nehmen kann.“
Das Mädchen sprang vor Freude gleich die Treppe hoch zu seiner Stube und holte das Sonntagskleid.
„Hier ist mein Kleid und ich danke auch recht schön für Euer Vorhaben!“
Der Junge nahm das Kleid an sich und verabschiedete sich schnell, nicht ohne der Angebeteten einen Kuss auf die Hand gehaucht zu haben.
„Ihr werdet es nicht bereuen!“
Dann eilte er zu Nelli, der Alten, die er anstelle seiner Liebsten opfern wollte. Sie freute sich über den unerwarteten Besuch, denn sie hatte seit Wochen keinen Menschen mehr gesehen.
„Nelli, ich möchte mit dir spazieren gehen, ich habe dir ein Kleid gebracht, damit du auch recht schön aussiehst. Zieh es nur an, dann führe ich dich aus.“
Nelli tat wie ihr geheißen, sie war ein wenig wirr im Kopf, deshalb schimpften die Leute sie auch die dumme Nelli. Sie bemerkte nicht, dass der Junge nichts Gutes mit ihr im Sinn hatte und ließ es sich sogar gefallen, dass er sie frisierte und ihr dann ein Tuch aus reiner Seide umband, das er seiner Mutter entliehen hatte.
Er zog es ihr recht weit ins Gesicht, damit man ihr Antlitz nicht sehen konnte.
„Du musst aber ganz still sein, darfst kein einziges Wort sagen, denn ich habe einen Bräutigam für dich gefunden, der ist reich und klug und er will kein Wörtchen von dir hören so lange noch ein anderer Mensch dabei ist. Willst du mir das versprechen?“
Die Alte versprach es, sie war ja so froh, dass sie nun nicht mehr allein sein musste. Sie hakte sich bei dem Fischersohn ein und gemeinsam gingen sie ans Meer.
Dort mussten sie auch nicht lange warten, bis sie die Stimme hörten, die der Junge nur allzu gut kannte.
„Wie ich sehe hast du Wort gehalten. Meine Braut soll sich an den Rand des Meeres stellen, so dass die Wellen ihre Füße berühren können. Du aber verschwinde und schau dich nicht um, sonst wirst du auf der Stelle tot umfallen!“
Mit schnellen Schritten entfernte sich der Junge vom Meer, nachdem er die Alte in Position gestellt hatte. Er schaute sich nicht um, selbst dann nicht, als er einen Donner vernahm, der die Glasscheiben im Dorfe zum Klirren brachte. Er rannte, als sei der Teufel hinter ihm her und als er völlig außer Atem bei seinem Elternhaus ankam, eilte er in sein Zimmer und schloss sich ein.
Er legte sich auf sein Lager und schlief vor Erschöpfung sofort ein. Im Traum hörte er die Stimme des Fremden, der wütend auf ihn war, denn er hatte den Betrug entdeckt:
„Ich verfluche dich, Fischersohn. Der Tod wäre eine zu geringe Strafe für dich, du sollst als Galionsfigur am Bug des Schiffes gefangen sein, das als nächstes euren Ort passiert. Niemand wird dich aus diesem Fluch befreien können, es sei denn, das Schiff sinkt!“
„Ich habe nur geträumt“, versuchte sich der Junge zu beruhigen, als er schweißgebadet erwachte.
Doch als das nächste Schiff im Hafen anlegte, zogen ihn unsichtbare Kräfte aus dem Hause fort, direkt zum Hafen. Dort wurde er an den Bug des Schiffes geschleudert und erstarrte zu Holz. Seine Augen aber können noch weinen und sein Bart wächst und weht im Wind. Seit vielen, vielen Jahren wird er nun über das Meer gefahren, es ist wie ein Schweben. Was ihm blieb sind seine Träume.

Copyright Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Liebe Regina, guten Morgen,
    ein schönes, wenn auch trauriges Märchen ....wo nimmst Du nur all die wiunderbaren Ideen her?
    Ich wünsche Dir einen schönen und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Danke dir, liebe Claudia,
      das Märchen ist schon ein paar Jahre alt. In meinem Kopf tummeln sich noch unzählige Ideen, ich muss das alles nur noch aufschreiben. Woher sie kommen, das weiß ich auch nicht, aber ich bin froh, dass sie da sind!
      Dir auch einen schönen Tag und liebe Grüße
      deine REgina

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  2. Hallo Regina,

    das war eine tolle, wenn auch traurige, Geschichte. Ich konnte richtig eintauchen und sah die Handlung und den armen Kerl richtig vor mir, wie er jetzt so am Bug durch die Meere gefahren wird.


    Liebe Grüße
    Björn :)

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  3. Liebe Regina,
    wenn ich demnächst ein Schiff mit einer Galionsfigur sehen sollte, werde ich mit Sicherheit an diese Geschichte denken müssen. Ich werde schauen, ob der Bart im Winde weht und ob ich die Tränen sehen kann, die er noch immer weint.
    LG
    Astrid

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  4. Ach Regina, gibt es keine Erlösung für den Jungen? LG Eva

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