Mittwoch, 6. Januar 2016

Das Wunder





Das Wunder

Das satte Grün des Feenhügels lag unter einer leichten Nebeldecke, die langsam aufstieg, als ich mich näherte. Ich erklomm den Hügel und schaute mich um. Am Horizont versank die Sonne und färbte den Himmel in ein sanftes Ocker mit roten und goldenen Streifen. Alles war genauso, wie Amriel es mir prophezeit hatte. Kein Lüftchen regte sich, kein Vogel sang. Absolute Stille.
Ich hob meine Arme und hielt die Handflächen nach oben, wie eine geöffnete Schale. Wärme durchströmte mich, als ich die Worte hauchte, die ich erlernt hatte und deren Bedeutung ich nicht kannte.
„Se tsi znatnefle, iebreh rhi nefle, iebreh!“

Ich schloss die Augen und lauschte, wagte nicht, mich zu bewegen. Dann hörte ich es, zunächst ein leises Summen, das zu einem betörenden Gesang anschwoll. Feine Stimmen sangen in einer Sprache, die ich nicht verstand, aber ich war verzaubert vom Klang, der mit jedem Atemzug in meinen Körper strömte.
Zaghaft öffnete ich die Augen und blinzelte in das helle Licht. Als sich mein Blick an die Helligkeit gewöhnte hatte, sah ich sie. Elfen, kleine Lichtwesen, die in der Luft schwebten. Ich stand einfach da und schaute sie an. Sie tanzten um mich herum und sangen, einige kamen mir so nah, dass ich sie beinahe berühren konnte. Doch das versagte ich mir, denn Amriel hatte mich gewarnt.
„Sei ganz still und warte darauf, dass sie dich berühren. Dann kannst du deine Bitte an sie vortragen.“
Ich wartete und schaute, plötzlich setzte sich eines dieser zarten Wesen auf meine Hand. Sie legte den Kopf leicht zur Seite und schaute mir direkt in die Augen.
„Warst du es, die zum Fest gerufen hat?“
Ich nickte und wagte noch immer nicht, zu reden.
„Dann hast du einen Wunsch frei“, sagte die Elfe und schaute mich erwartungsvoll an.
„Ich habe eine Bitte“, sagte ich leise, „nehmt meinen Freund Amriel in euer Reich auf, er wünscht sich nichts mehr als das.“
„Warum sollten wir das tun?“, fragte die Elfe.
„Weil es sein letzter Wunsch ist, denn Amriel wird sterben.“
„Wir werden sehen!“, sagte die Elfe, dann verschwand sie.

Ich wachte auf und wusste nicht, wo ich war. War ich nicht soeben noch im Elfenreich gewesen? Warum lag ich dann in meinem Bett? War etwa alles nur ein Traum gewesen? Ich weinte, denn so gern hätte ich meinem Freund bei der Erfüllung seines letzten Wunsches geholfen.
Meine Mutter weckte mich, ich sah, dass sie traurig war und ahnte, dass sie eine schlechte Nachricht für mich hatte.
„Ist er tot?“, fragte ich. Mutter nickte.
„Er ist friedlich eingeschlafen, ein Lächeln war in seinem Gesicht und auf seinen Augenlidern lag feiner Goldstaub.“
„Elfenstaub!“, sagte ich und Mutter lächelte.
„Ja, Kind, Elfenstaub!“

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Danke, liebe Regina, für diese so schöne Geschichte!
    Ich wünsche Dir noch einen wunderbaren Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Regina,
    was für eine schöne berührende Geschichte, danke dafür. Liebe Grüße Eva

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, Eva,
      ich freue mich, dass dich die Geschichte berührt hat!
      LG REgina

      Löschen
  3. Jetzt ging es aber um Fabelwesen. :-) Eine berührende Geschichte.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Genau, Alexander,
      danke schön und liebe Grüße
      Regina

      Löschen
  4. Das ist ja eine anrührende Geschichte. Danke dafür.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich danke dir, liebe Annette!!
      Liebe Grüße
      Regina

      Löschen
  5. Eine faszinierende Geschichte, liebe Regina!

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!