Dienstag, 8. Dezember 2015

Weihnachten in der Schule (1964)

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Die Zeit fliegt nur so dahin, schon ist wieder Reizwortgeschichtentag. Danke schön für all eure lieben Kommentare in der letzten Woche, sie sind pure Motivation für mich!


Tanne, Nase, süß, sammeln, kriechen

Das sind die Wörter der Woche, bitte lest auch bei meinen reizenden Kolleginnen:




Weihnachten in der Schule (1964)

Es ist über fünfzig Jahre her. Damals besuchte ich die dritte Klasse unserer kleinen Schule. Zwei Jahrgänge teilten sich einen Raum, manchmal auch den Lehrer, der von Bank zu Bank ging und unsere stille Arbeit beaufsichtigte.
       In der Vorweihnachtszeit bastelten wir und übten für das Weihnachtstheater. In jedem Jahr wurden die Eltern und Großeltern dazu eingeladen und wir hatten alle sehr viel Freude an den Vorbereitungen.
       In jenem Jahr hatte ich sogar zwei Rollen zu besetzen. Zum einen  war ich die Maria in der Krippenszene und später im Märchenspiel durfte ich das Dornröschen sein. Ich erinnere mich noch gut an mein Kostüm. Ein rosafarbenes Nachthemd trug ich, das über und über mit roten Rosen aus Krepp geschmückt war. Die knallrote Lippenfarbe schmeckte süß und ich hatte sie abgeleckt, bevor das Spiel begann.
       Den Kopf zierte eine rote Krone aus Pappe und meine Füße steckten in leuchtend roten Schuhen, die mindestens zwei Nummern zu groß waren. Meine Mutter hatte sie vorn mit Toilettenpapier ausgestopft, damit ich nicht herausschlüpfte. Als anmutig konnte man meinen Gang sicher nicht bezeichnen, denn so richtig traute ich der Angelegenheit nicht und ich bewegte mich bedächtig. Mit Reinhard, der den König Drosselbart spielte, musste ich dann einen Walzer tanzen. Schade, dass es damals noch keine Videos gab. Zu gern würde ich mir das heute noch einmal anschauen.
       Ein Junge in unserer Klasse, ein schüchternes Kind, das kaum jemals etwas sagte und mit dem Lernen auch seine Probleme hatte, sollte auch in das Spiel eingebunden werden. Ich sehe seine großen, bangen Augen vor mir, wenn ich an ihn denke.
       Er spielte eine Tanne und musste nur einen einzigen Satz sagen. Es fiel ihm schwer, aber tapfer machte er mit und in der Generalprobe klappte auch alles ganz gut. Er musste rufen: „Nimm mich auch mit, Mareili, nimm mich auch mit!“weihnachtsbaeume-0215.gif von 123gif.de
       Mareili war ein Kind, das die Märchenwesen befreien wollte, die durch einen bösen Fluch zu Steinen geworden waren.
       Am Tag der Aufführung waren alle sehr aufgeregt. In mir kroch die Angst hoch, kurz bevor ich mit meinem Drosselbart tanzen sollte. Doch es ging alles gut, bis zu dem Moment, als das Rotkäppchen einen Niesanfall bekam und meine Nase ebenfalls deutlich kribbelte. Alle Märchenwesen hatten sich auf der Bühne versammelt und nacheinander sollten wir Mareili von der Bühne folgen. Dann kam, was kommen musste, ich stolperte in meinen zu großen Schuhen und fiel in die Tanne, die kurz wackelte, mich dann aber auffing. Alle anderen hatten die Bühne bereits verlassen. Da waren nur noch Michael, die Tanne und ich.
       Im Publikum wurde bereits gekichert. Oh Mann, war das peinlich. Doch Michael rettete die Situation. Er nahm mich an der Hand und rief: „Nimm uns auch mit, Mareili, nimm uns auch mit!“ Dann stolperten wir gemeinsam von der Bühne, die Tanne Michael und ich. Noch heute bewundere ich ihn dafür, dass er seinen Text nicht vergessen hatte und sogar in der Lage war, auf die veränderte Situation zu reagieren.
       Den Drosselbart habe ich später noch oft gesehen, Mareili auch. Sie traf ich erst am letzten Sonntag in der Kirche, denn wir sind beide am Ort unserer Kindheit geblieben. Was aus Michael geworden ist, das weiß ich leider nicht. Auf jeden Fall werde ich ihn niemals vergessen.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Liebe Regina,
    ich habe herzlich gelacht. Das sind so schöne Erinnerungen und gut, dass Du sie festgehalten hast. Vielleicht liest der besagte Michael ja Deine Zeilen und meldet sich ganz unverhofft bei Dir. Das wäre sicherlich eine schöne Überraschung.
    Ich habe auch immer heimlich die Schuhe meiner Mutter angezogen, weil sie so schön klapperten. Auch sie waren natürlich etliche Nummern zu groß und deshalb kann ich mir Deinen bedächtigen Gang sehr gut vorstellen. Allerdings auch das Stolpern. ;-)
    Ganz herzliche Grüße
    Astrid

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  2. Eine herrliche Geschichte, ich habe mir das bildlich vorgestellt, wie du in die Tanne gefallen bist, aber die hat wunderbar reagiert. Man soll niemals die schüchternen und stillen unterschätzen. zwinkern)
    Guck doch mal bitte, du hast bei Label das 'M' vergessen
    LGLore

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  3. Das war eine ganz wunderbare und dazu noch wahre Geschichte. Ich konnte mir die viieeel zu großen roten Schuhe so gut vorstellen. Herrlich! Auch der anspruchsvolle Text, den die Tanne zu sprechen hatte. :-) Ich war auch einmal Maria und 'mein' Josef hieß Günter. Er wohnt auch noch im Ort und ist heute Briefträger!!! --- Ach wie herrlich war doch die Zeit. Bei uns gab es auch zwei Klassen in einem Raum - bei meiner Schwester waren es sogar drei, weil es sooooooo wenig Kinder im Dorf gab - aber ZWEI Schulen!! Heute gibt es nicht einmal mehr eine!!! So ist das! Ich wünsche dir einen gaaaanz schönen Tag - bei dir scheint doch sicher auch die Sonne vom blauen Himmel! LG Martina

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  4. Liebe Regina, herrlich. Da werden bei mir auch Erinnerungen wach. Engel, Prinzessin, bei Peterchens Mondfahrt war ich auch dabei. Hach, da fällt mir für demnächst eine Geschichte ein. Alles Liebe Eva

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  5. in einer so schönen Kindheit in der es in der Schule auch Theater gab, als Schulunterricht Lesestunden statt nur Sport oder schwimmen wäre ich auch gerne gewesen, in Franken gabs das nicht, leider.
    eine schöne geschichte direkt aus der Erinnerungszeit als die welt noch heil war und es sogar Märchen gab die man leben durfte.

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  6. Das sind schöne Erinnerungen. Damals war es dir peinlich und heute kannst du darüber lachen, schön.
    Ein Theaterstück oder Krippenspiel mussten wir nie aufführen, aber ich habe einmal mit zwei anderen Schülern "Schneeflöckchen, Weißröckchen" auf einer Weihnachtsfeier gesungen. Das war damals schon ziemlich aufregend.
    LG Elke

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  7. Liebe Regina,
    leider hatte ich nie die Gelegenheit, im Schultheater zu spielen - weil es so etwas schlichtweg nicht gab. Wer weiß, ob ich mich das damals überhaupt getraut hätte! Ich war nämlich (was mir heute leider niemand glaubt) ein schüchternes, stilles Kind So wie Dein Tannenbaum... **grins**
    Dafür habe ich später alles nachgeholt und mehr als 30 Jahre in einem Amateurtheater auf der Bühne gestanden.
    Liebe Grüße, und vielen Dank für diese schönen Erinnerungen.
    Christine

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  8. Bei so klaren Erinnerungen brauchst du keine Aufzeichnungen in bewegten Bildern. Du lässt sie selbst vor aller lesenden Augen durch deine Worte lebendig durch die Buchstaben tanzen. ^^

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