Dienstag, 15. Dezember 2015

Der kleine Bruder

Ein herzliches Dankeschön allen, die Woche für Woche unsere Reizwortgeschichten lesen und kommentieren. Es ist eine Freude so viele Rückmeldungen zu bekommen. Die nachfolgende Geschichte ist die letzte Reizwortgeschichte in diesem Jahr. In 2016 wird dann "nur" noch eine Geschichte monatlich erscheinen, immer am 15. des jeweiligen Monats. Es geht aber nur um die Reizwortgeschichten, es war an der Zeit, den Rhythmus zu verändern. Alle weiteren Einträge bleiben aber erhalten wie bisher.


Das sind die Wörter der Woche, bitte lest auch bei meinen reizenden Kolleginnen:




Schlitten, Glocken, bimmeln, gesichert, überrascht 

Der kleine Bruder

Es überrascht mich nicht, dass der alte Traum gerade in diesen Tagen vor Weihnachten immer wieder meine Nächte beherrscht. Das ganze Jahr über habe ich Ruhe, doch pünktlich im Advent ist er wieder da. Ihr ahnt sicher, dass es kein schöner Traum ist. Vermutlich rufe ich ihn sogar herbei, denn unsere Träume haben ja immer etwas mit uns selbst zu tun. Oft kommt Erlebtes darin vor, manchmal sind es wohl eher Hinweise, Wünsche oder Ängste, die sich in unseren Träumen ganz deutlich zeigen. Wir können uns oft gar nicht an das erinnern, was wir geträumt haben. Dieser Traum aber ist so präsent, dass es an der Zeit ist, ihn einmal aufzuschreiben. Vielleicht zähme ich ihn damit und er lässt mich in Ruhe. Versuchen wir es also!

Es ist kurz vor Weihnachten. Mein Wunschzettel ist geschrieben und meine Eltern bereiten das Fest vor. Es wird geputzt, gehämmert und gesägt, gebacken und auch der Braten liegt schon in seinem Essigsud. Wir Kinder verbringen viel Zeit in unseren Zimmern, weil vieles vor uns geheim gehalten wird. Wenn es das Wetter zulässt, dürfen wir nach draußen. Damals, in meiner Kindheit, gab es immer Schnee im Dezember. Wir holen also unseren Schlitten raus und rodeln den Abhang hinter dem Haus hinunter. Der kleine Bruder wird auf dem Schlitten festgeschnallt, damit er nicht herunterfällt. Ich stehe unten und erwarte ihn, meine Schwester schiebt oben den Schlitten an, aber erst dann, wenn ich ihr ein Zeichen gebe. „Gesichert!“, rufe ich ihr zu. Das heißt, dass gerade niemand anders unterwegs ist auf dem Hügel, der unserem kleinen Bruder in die Quere kommen könnte. Hunderte Male geht es gut, dann aber geht der Bruder unterwegs verloren. Er fährt oben ab und kommt unten nicht an. Wir können es uns nicht erklären und suchen bis zum Einbruch der Dunkelheit nach ihm, die Angst im Nacken. Die Glocken zur Abendmesse bimmeln schon, als wir endlich ins Haus gehen. Weinend, niedergeschlagen, uns schuldig fühlend.  

An dieser Stelle des Traumes erwache ich. Schweißgebadet, weinend und völlig erschöpft. Als ich Kind war, rannte ich dann in das Zimmer meines Bruders, um mich zu vergewissern, dass er friedlich in seinem Bettchen schläft. Heute weiß ich, dass es ihm gut geht. Trotzdem rufe ich ihn zu keiner Zeit so oft an wie im Advent. Ich habe ihn sehr lieb und noch immer fühle ich mich ein wenig verantwortlich für ihn, meinen kleinen Bruder. Von dem Traum habe ich ihm nie erzählt, auch meiner Schwester nicht. Nächste Woche treffe ich die beiden. Vielleicht werde ich ihnen erzählen von dem Traum. Ich bin so froh, dass es sie gibt. Geschwister sind wie unbezahlbare Goldschätze, man sollte es ihnen viel öfter mal sagen.

© Regina Meier zu Verl 2015

Kommentare:

  1. Liebe Regina, dein Traum ist schrecklich, aber "Gott sei Dank", nur ein Traum. Es ist schön, wenn sich Geschwister gut verstehen, besonders im späteren Alter. Da bin ich leider zu kurz gekommen ...
    Dein Traum ist wohl aus der Angst entstanden, sie zu verlieren, was ich dir nie wünsche.
    Alles Liebe, alles Gute, herzlichst Margot.

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  2. Liebe Regina,
    ich hoffe, dein böser Traum wird bald verfliegen und sich in Luft auflösen. Ihn aufzuschreiben, ist schon ein guter Weg.Um meine Tochter mache ich mir auch laufend Sorgen, obwohl ich weiß, dass sie erwachsen ist und selbst auf sich aufpassen kann.
    LG Elke

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  3. Oh je, der Traum wirkt bedrohlich - aber er zeigt, wie sehr du deine Geschwister liebst und ich finde es gut, dass du es ihnen sagen möchtest! Viel zu oft schweigen wir, weil wir denken, das Gegenüber weiß es ja! Aber zu hören, wie wertvoll man für einen anderen Menschen ist, ist wohl noch etwas anderes! --- Und wo wir schon dabei sind: Du bist für mich auch ein wichtiger Mensch! Wann würde es besser passen, dir dies zu sagen, als jetzt gerade! LG Martina

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  4. Liebe Regina,
    ein schrecklicher Traum, der Dich da verfolgt. Zum Glück ist es nur ein Traum und Deinem Bruder geht es gut. Du hast heute Deinen Geschwistern eine wunderbare Liebeserklärung gemacht und diese ist mehr wert als alle Geschenke, die man an Weihnachten so verteilt. Deine Geschwister können sich glücklich schätzen Dich als Schwester zu haben.
    Ich habe leider keine Geschwister, aber ich kann Dich gut verstehen und weiß auch, dass man sich gerade innerhalb der Familie immer für den anderen oder die anderen verantwortlich fühlt. Dieses Verantwortungsgefühl ist ein Ausdruck der Liebe und es ist schön, sich selbst und den anderen diese Liebe einzugestehen.
    LG
    Astrid

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  5. Eine treffliche Quintessenz. Wenn die beiden nichts von deinem Bloggerdasein wissen, würde ich es ihnen (jetzt) erzählen, oder aber und (dann) in jedem Fall beim Treffen. Gebt dir einen Ruck! Er ruht schon zu lange, der schwere Traum.

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  6. Geschwister sind etwas schönes und du solltest es ihnen sagen, denn irgendwann kann es wirklich zu spät sein und man hat die Gelegenheit verpasst.
    Meine heißt geliebte Schwester starb völlig unerwartet mit 48 Jahren, wir beide haben uns niemals im Leben gestritten, selbst als wir Kinder waren nicht, und sie hat gewusst wie sehr ich sie liebe, denn ich trage mein Herz auf der Zunge (schmunzeln)
    Aber in dir liebe Regina habe ich eine Seelenverwandte und Schwester gefunden, danke, dass es dich gibt.

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  7. Liebe Regina, ich habe nur Stiefgeschwister und leider ist der Kontakt nach dem Tod meines Vaters 1977 abgebrochen und inzwischen ist mein Stiefbruder auch schon tod. Meine Stiefschwester lebt noch, aber zu ihr war mein Verhältnis nie gut.Im Prinzip bin ich wie ein Einzelkind aufgewachsen und die sind egoistisch. Aber wenn Geschwister ein gutes Verhältnis haben, dann ist das etwas Schönes. Ich würde Deine Geschichte Deinem Bruder ausdrucken, zusammenrollen, Schleife drum und ihm zu Weihnachten schenken
    Liebe Grüße Eva

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