Samstag, 19. Dezember 2015

19.12. Die da drüben (Gastbeitrag von Mic)



Heute stelle ich euch eine Geschichte vor, die ich bei Mic gelesen habe. Da sie mir sehr gefällt, habe ich ihn darum gebeten heute mein Gast zu sein.
Ihr findet sein Blog hier:

Die da drüben - Eine Weihnachtsgeschichte

“Du, Papa?”, sagt meine kleine Motte. Sie steht am Wohnzimmerfenster und schaut in die Dunkelheit hinaus. Was dort ihre Aufmerksamkeit geweckt hat, kann ich nur erahnen, da die Lichterketten des Baums sich in der Scheibe spiegeln.

“Ja, mein Schatz?”

“Papa, feiern die da drüben heute auch Weihnachten?”

Die “da drüben” sind die Flüchtlinge. Bewohner des Zeltlagers, das sie uns direkt vor unsre Nase, auf die andere Straßenseite, gebaut haben. Die Neuankömmlinge, gegen die Teile der Nachbarschaft lautstark protestierten. Sie nehmen angeblich den Deutschen die Arbeit weg. Oder das Geld. Oder was auch immer.

“Das weiß ich nicht, Motte”, muss ich zugeben. Ich stelle mich neben sie. Jetzt kann ich die Zelte sehen. Licht dringt aus den Fenstern und fällt auf den Schnee. Es ist kalt, da draußen.

“Markus aus meiner Klasse sagt, dass sein Vater gesagt hat, dass die kein Weihnachten feiern. Weil das Moseler sind!”

“Moslems”, korrigiere ich sie. “Man nennt sie auch Muslime. Aber soweit ich gehört habe, leben dort nicht nur Moslems.”

“Meinst du, die glauben an Gott, wie wir?”

“Vielleicht, ja.”

Motte schaut mich mit einer nachdenklichen Falte zwischen ihren Augen an, die ich bei meiner Tochter noch nie so ausgeprägt gesehen habe. “Haben die da drüben auch einen Baum, so wie wir?”

Ich weiß nicht, wie ich einer Sechsjährigen beibringen kann, dass ich von dem, was da gegenüber passiert, auch keine Ahnung habe. Auf vieles hatte ich mich eingestellt, so als Vater. Dass ich meinem Kind eines Tages die Welt erklären würde. Ihm bei den Schulaufgaben helfe. Doch jetzt bin ich von der Frage nach einem simplen Weihnachtsbaum überfordert.

“Weißt du …”

“Ich finde, sie sollten einen Baum haben!”, unterbricht mich Motte. Noch etwas, das nur ganz, ganz selten vorkommt.

“Vielleicht hat die Stadtverwaltung einen Tannenbaum aufgestellt”, spekuliere ich.

Motte dreht sich zu mir und schaut mich mit forschenden Augen an. “Papa? Können wir nicht einmal nachsehen gehen?”

Mit dieser Frage erwischt sie mich auf dem falschen Fuß. Zuerst möchte ich, der Einfachheit halber, ein kategorisches Nein ausrufen. Danach geht mir durch den Kopf, ihr zu erklären, dass die Mama das Essen im Ofen hat und uns bald zum Tisch decken rufen wird.

Was ich dann tatsächlich sage, fühlt sich im Nachhinein wie die größte anzunehmende Dummheit an, die mir hätte herausrutschen können: “Möchtest du nicht erst nach dem Abendessen deine Geschenke auspacken?”

Irgendwann, wenn Heiligabend vorbei ist, werde ich wahnsinnig stolz auf meine Tochter sein, die jetzt vehement ihr kleines Köpfchen schüttelt.

“Ich will keine Geschenke! Ich will wissen, ob die da drüben einen Weihnachtsbaum haben!”

“Aber Motte”, versuche ich sie zu beschwichtigen. “Das Essen ist bald fertig, und …”

“Ich habe keinen Hunger!”, unterbricht sie mich. “Außerdem finde ich das alles total doof!”

Innerlich atme ich erschrocken ein, lasse mir nach außen hin jedoch, ganz der souveräne Papa, nichts anmerken. Unsere Kleine ist ein gutmütiges Mädchen und “total doof” ist so ziemlich das Höchstmaß an kindlicher Schimpfe, das wir kennen.



Ich schaue erneut aus dem Fenster, beobachte, wie der von Neuem einsetzende Schneefall die Sicht auf die weißen Zelte erschwert. Denke nach. Erforsche meine eigenen Gefühle. Treffe eine Entscheidung. Verwerfe sie wieder.

Seufze.

“Komm mal mit”, sage ich zu meiner Tochter. Sie reißt sich nur schwer vom Fenster los, folgt mir trotzdem in die Küche. Dort ist meine Frau mit den Gänsekeulen, den Klößen und dem Rotkohl beschäftigt.

“Na, ihr beiden?”, begrüßt sie uns. “Was habt ihr Schönes gemacht?”

Ich seufze noch einmal, trete zu ihr und nehme sie in den Arm. Etwas überrascht erwidert sie die Umarmung.

“Was ist denn los?”, erkundigt sie sich.

“Schaltest du bitte das Essen auf kleine Flamme, zum Warmhalten?”

“Aber wieso?”, fragt sie. “Die Gans ist gleich fertig!”

“Gehen wir?”, ruft Motte froh aus. “Papa, gehen wir wirklich?”

“Wohin wollt ihr?”, will meine Frau wissen.

“Wir sehen nach, ob sie einen Baum haben”, erkläre ich. “Die da drüben. Und ich möchte, dass wir alle rübergehen.”

Meine Frau schaut mich an, fragend, doch dann versteht sie und nickt.

Fünf Minuten später verlassen wir die Wohnung. Während wir die paar Meter zum Eingang des Zeltdorfes zurücklegen, habe ich zum ersten Mal, seit ich selber ein Kind war, das Gefühl, dem Geist von Weihnachten nahe zu sein.



Bei denen da drüben.

Kommentare:

  1. Was für eine tolle zeitgemäße Weihnachtsgeschichte, danke Mic, die du sie geschrieben hast und danke Regina, die du sie entdeckt hast.

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  2. Lieber Mic, liebe Regina, diese schöne Geschichte könnte ein Tatsachenbericht werden. Menschen mit solchen Gedanken finde ich wunderbar, sie sind einfach menschlich und haben Interesse an einer anderen Kultur. Auf der Flucht zu sein ist furchtbar, schenken wir diesen Menschen Aufmerksamkeit und keine Ablehnung. Danke an euch, für das Erzählen. Ganz liebe Grüße, sendet Margot.

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  3. Danke Regina, dass wir die Geschichte von Mic lesen durften. Kinder sind einfach herrlich und geben einfach keine Ruhe, bis sie das, was ihnen auf dem Herzen brennt, bekommen. Liebe Grüße Eva

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