Mittwoch, 9. September 2015

Der wandernde Bauchschmerz



Der wandernde Bauchschmerz

Justus hat die ersten Wochen in der Schule hinter sich. Eigentlich geht er ganz gern hin, aber morgens hat er immer noch Bauchkneifen und mag nichts essen.
„Wie kommt das denn nur, Justus? Hast du vielleicht doch ein bisschen Angst? Dich bedrückt doch was!“, sagt Mama und macht ein besorgtes Gesicht.
„Nein, es ist alles in Ordnung. Es ist nur alles noch so neu“, behauptet Justus und packt sein Schulbrot ein. Er setzt den Tornister auf den Rücken und dann kann es losgehen.
Da die Schule nicht weit von zu Hause entfernt liegt, gehen Mutter und Sohn zu Fuß. Am Eingang zum Schulhof verabschieden sie sich. Ein Küsschen will Justus nicht mehr haben, das ist ihm peinlich. Also rufen sie sich nur ein  „Tschüss“ zu und dann geht Mama wieder nach Hause. Nun ist das Bauchkneifen bei ihr angekommen, denn sie macht sich Sorgen, so wie Mütter das machen, wenn sie ihre Kinder loslassen müssen.
                Justus gesellt sich zu seinen Freunden und schon bald ist das Bauchkneifen vergessen. Gemeinsam rennen sie in den Klassenraum, als es zum Unterricht geläutet hat. Ist das ein Gerangel und Geschiebe, bis jeder Schüler am Platz sitzt. Jeden Morgen geht das so. Heute ist es besonders schlimm und Frau Müller muss mehrfach zur Ordnung rufen. Als es endlich still geworden ist, kann die erste Stunde beginnen. Heute lernen die Kinder einen neuen Buchstaben, das „M“.
                „Welche Wörter kennt ihr denn, die mit einem „M“ beginnen? Ich sage mal ein Beispiel: Mmm-usik!“ Frau Müller zieht das „M“ ganz lang, damit man es auch richtig hören kann. Justus überlegt, ihm fällt sofort „Mama“ ein, aber das will er nicht sagen. Schon gestern hat Linus Mamakind zu ihm gesagt, nur weil er etwas über seine Mama erzählt hat in der Pause. Justus überlegt weiter, dann meldet er sich.
                „Mistforke!“, sagt er, als ihn die Lehrerin aufruft. Alle Kinder lachen. „Blödes Wort!“, ruft Linus und schlägt sich beim Lachen auf die Schenkel.
                „Aber es ist ja richtig!“, lobt Frau Müller und wartet auf weitere Meldungen. Max entdeckt, dass sein Name mit einem M anfängt und Lisa freut sich, dass sie Frau Müller nennen kann, ohne Frau natürlich, denn nur Müller beginnt ja mit dem M.
                Justus hat noch einige Ideen, aber die Freude am Mitmachen ist ihm schon wieder vergangen und da ist er auch schon wieder da, der Bauchschmerz, heftiger als am Morgen. Justus sehnt sich nach seiner Mama. Die würde ihn jetzt trösten.
                „Mama!“, ruft er jämmerlich und Tränen treten in seine Augen.
                „Richtig, Justus! Mama beginnt auch mit einem M und in der Mitte ist sogar auch noch eines. Das ist ein tolles Beispiel!“, lobt sie Justus, der sich wieder gefangen hat und nun froh ist, dass Frau Müller gar nicht gemerkt hat, dass das eigentlich ein Versehen war. Linus ist auch still – das ist gerade nochmal gut gegangen.
                Frau Müller schreibt das M an die Tafel und da die Kinder das A schon kennen, können sie nun auch das Wort Mama schreiben, in Großbuchstaben. Justus ist sehr stolz.
                Als die Schüler in die große Pause gehen dürfen, bleibt Justus noch im Klassenraum, bis alle draußen sind. Dann bittet er Frau Müller, zum Wort Mama auf seinem Zettel noch folgendes hinzuzufügen: … ist die Beste!
                Das macht die Lehrerin gern und Mama freut sich so sehr, als der Justus ihr zeigt, was er heute gelernt hat. Am Nachmittag sind die Bauchschmerzen verschwunden und sicherlich werden sie nun jeden Tag etwas weniger werden. Es ist ja alles noch so neu, nicht wahr?

© Regina Meier zu Verl 2015


Kommentare:

  1. Liebe Regina,
    ich kann Justus gut verstehen. Vielen Kindern geht es wie ihm, nur nicht alle geben es zu erkennen. Wenn alles neu ist, kommen die Bauchschmerzen. Der Junge will sich nicht blamieren, alles gut machen und auch bei den Freunden gut ankommen. Nur gut, dass die Lehrerin das Wort "Mama" gleich aufgegriffen hat und ihn gelobt hat.
    Wenn Justus sich erst eingewöhnt hat, dann werden die Bauchschmerzen ganz sicher weniger. Auch bei der Mama, denn auch sie muss sich an die neue Situation gewöhnen.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Astrid,
      stimmt, so ist das! Ich kann ebenfalls ein Lied davon singen, denn mich plagten auch immer Bauchschmerzen, wenn etwas neues in mein Leben kam.
      Danke für deinen lieben Kommentar und herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
  2. Hallo Regina,

    das kenne ich auch *g* leider, mir ging es immer ähnlich doch mit der Zeit ging es dann doch in der Schule.
    Das hast Du sehr schön geschrieben, direkt aus dem Leben :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön Björn,
      du warst also auch so ein Bauchschmerzenkandidat. Gut, dass man sich an die meisten Dinge mit der Zeit gewöhnt.
      Herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
  3. Bestimmt wird im Laufe der Zeit, der Bauchschmerz ganz vergehen. Schöne Geschichte für den Schulanfang, wenn so viel Neues und Ungewisses vor den Kleinen steht.
    LG Eva

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön Eva,
      stimmt, Justus muss sich erst eingewöhnen. Ich war als Kind auch ängstlich und hatte oft Bauchschmerzen, es ist vergangen und das war gut so!
      Herzliche Grüße und danke für deinen lieben Kommentar
      Regina

      Löschen
  4. Was für eine prima Geschichte. Ich denke das Bauchgrimmen kennen wir alle. Du bist aber auch 'Die Beste' und das nicht nur im Geschichten schreiben.
    Habe mich angemeldet, warte nur noch auf den Link. Bin gespannt ob es klappt: Lore

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Guten Morgen liebe Lore,
      deine Anmeldung habe ich gesehen, vielen lieben Dank!
      Herzliche Grüße zu dir
      Regina

      Löschen
  5. Hallo, meine liebe Regina,
    was für eine wunderschöne und so rühreden Geschichte! Ich bin sicher ,aus Justus wird ein sehr guter Schüler werden :O)
    Ich wünsche Dir noch einen angenehmen schönen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke liebe Claudia,
      das glaube ich auch!
      Herzliche Grüße
      deine Regina

      Löschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!