Dienstag, 7. Juli 2015

Die alte Freundin






Zirkus, Glocke, mitmachen, erbärmlich, glitschig 

Die alte Freundin
Die Wohnung war in einem erbärmlichen Zustand. Tina hatte nicht geahnt, dass es Frau Schlütter so schlecht gegangen war. Ihren Haushalt zu versorgen, das hatte sie nicht mehr geschafft. Dabei hatte Tina die alte Dame immer als sehr adrett und sauber gekannt. Als Kind war sie gern zu ihr gegangen. Frau Schlütter hatte immer Zeit für sie gehabt. Wie oft hatten sie eine Partie „Mensch ärger dich nicht“ miteinander gespielt? Unzählige Male!
Tina öffnete ein Fenster nach dem anderen und lüftete die Wohnung. Ein beißender Geruch machte das Durchatmen schwer. ‚Das schaffe ich gar nicht allein, dieses Chaos zu beseitigen‘, schoss es Tina durch den Kopf. Doch an wen sollte sie sich wenden. Sie brachte es nicht übers Herz, diese Wohnung fremden Menschen zum Gespött zu präsentieren. Das würde sie auch nicht wollen, wenn es sie einmal treffen sollte.
Es gab keine Kinder und auch von anderen Verwandten wusste Tina nichts. Sie schämte sich entsetzlich, dass sie sich so lange nicht gekümmert hatte. Erst als eine Nachbarin sie angesprochen hatte und nach Frau Schlütter fragte, war sie zu ihr gegangen und als ihr nach mehrmaligem Klingeln nicht geöffnet wurde, hatte sie sich einen Schlüssel beim Hausmeister besorgt. Da dieser Tina kannte, machte er auch keinen Zirkus wegen der Herausgabe. Vielleicht war er einfach froh, dass jemand die Initiative ergriff und nach der Alten, wie er sie nannte, schaute.
Frau Schlütter hatte in ihrem Bett gelegen. Sie erkannte Tina und begann zu weinen, sprechen konnte sie nicht. Tina hatte sofort einen Krankenwagen gerufen, der glücklicherweise recht schnell Vorort war. Die Sanitäter hatten einen Notarzt hinzugerufen, nachdem sie die Vitalwerte überprüft hatten. Dann wurde ihr ein Tropf gelegt. „Sie ist völlig dehydriert. Wie lange liegt sie schon hier?“, hatte der Arzt gefragt. Doch Tina konnte nur mit den Schultern zucken. Sie wusste es nicht.
Frau Schlütter wurde ins Städtische Krankenhaus gebracht. Tina schloss die Wohnung ab und folgte dem Unfallwagen. Nachdem sie lange auf dem Flur vor der Notaufnahme gewartet hatte, durfte sie dann zu ihr. Sie hatte ihre Hand gehalten und ihr versprochen, dass sie sich um alles kümmern würde.
Nun stand sie in der Wohnung und wusste nicht, wo sie anfangen sollte. Sie brauchte Wäsche für die alte Dame und öffnete den Kleiderschrank. Dort fand sie alles, was sie brauchte. Fein säuberlich gewaschen und gefaltet. Nachthemden, Unterwäsche, Handtücher und Waschlappen packte sie in die Reisetasche, die sie in der Nische hinter dem Kleiderschrank fand. Tina schnupperte an der Wäsche und stellte fest, dass der beißende Geruch im Zimmer der Wäsche noch nichts hatte anhaben können. Sorgfältig verschloss sie die Kleiderschranktüren wieder. Vor dem Bett lagen noch die sterilen Verpackungen von Spritzen und Kanülen, die von den Helfern dort liegengeblieben waren. Schnell zog Tina das Bettzeug ab. Sie wusste, dass es in der Küche eine Waschmaschine gab. Als sie die Tür der Maschine öffnete, nahm sie modrigen Geruch wahr. Es steckte noch nasse Wäsche drin und das sicherlich seit einiger Zeit. Tina startete die Waschmaschine und gab reichlich Waschmittel in das Fach. Dann suchte sie alle Wäsche zusammen, die sich nicht in Schränken befunden hatte. Im Badezimmer wäre sie beinahe gestürzt, da der Fliesenboden nass und glitschig war. Das hätte auch für Frau Schlütter sehr gefährlich werden können, dachte Tina noch ihr wurde bewusst, dass die alte Dame schon seit Tagen nicht mehr im Bad gewesen sein konnte. Oberbett und Matratze würde man ersetzen müssen. Zur Toilette hatte sie es nicht mehr geschafft. Tina machte sich große Vorwürfe. Doch das alles nützte nun nichts mehr. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen zu handeln. Sie würde die Zeit nutzen, die Frau Schlütter im Krankenhaus sein würde …
Schlagartig wurde Tina bewusst, dass ihre alte Freundin gar nicht mehr zurück in ihren Wohnung könnte. Sie war über achtzig Jahre alt und konnte doch nach diesem Vorfall gar nicht mehr allein leben. „Dann nehme ich sie zu mir“, sagte Tina laut. „Jetzt muss nur noch Axel mitmachen!“ Entschlossen griff sie zu der Reisetasche und fuhr zum Krankenhaus. Ihren Mann würde sie schon von der Notwendigkeit die alte Dame aufzunehmen überzeugen. Das Kinderzimmer stand leer, seit Julia zu ihrem Freund gezogen war. Das könnte sie für Frau Schlütter herrichten.
„Das willst du für mich tun, Kind!“, flüsterte Frau Schlütter, als Tina ihr von ihrem Vorhaben erzählte. Dicke Tränen liefen über ihre fahlen Wangen. „Ja, das will ich!“, versicherte Tina ihr und als Frau Schlütter von den Friedhofsglocken erzählte, die sie schon läuten gehört hatte, weinte auch Tina.

© Regina Meier zu Verl 2015

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Kommentare:

  1. Wie schnell werden alte Menschen 'vergessen' und liegen irgendwo hilflos. Das hast du sehr realitätsnah beschrieben. Wie gut, dass die Freundin noch früh genug da war. Doch ob immer alle Geschichten so enden, wie deine?! Ich würde es den Menschen sehr wünschen!! Danke für diese nachdenklich machende Geschichte!! Eine schöne Woche wünsche ich dir - und ein 'grandioses' Wochenende :-)!!! LG Martina

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  2. Liebe Regina,
    das ist leider unser heutiges Gesellschaftssystem. Keiner kümmert sich um den Anderen. Leider lassen auch viele ein Kümmern nicht zu. Es ist eine Zwickmühle. Die Geschichte, die sehr realitätsnah beschrieben ist, passiert leider öfters. Nur, ob es so leicht ist einen pflegebedurftigen alten Menschen zu versorgen,bezweifele ich, neben dem , welche Herausforderungen das tägliche Leben beinhaltet.Liebe Grüße Eva

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  3. Da es immer mehr alleinlebende alte Menschen gibt, wird es in Zukunft auch immer wieder solche Fälle geben. Es gibt schon Möglichkeiten im Notfall Hilfe zu holen. Leider wissen das nur die wenigsten. Man hängt sich eine Kette mit einem Alarmknopf um, den man drücken kann. Dann werden automatisch die entsprechenden Stellen benachrichtigt.
    LG Elke

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  4. Liebe Regina,
    Du hat ein Thema aufgegriffen, das hochaktuell ist, gerade in unserer Zeit. Die Anonymität der Städte, in der besonders alte Menschen einfach "untergehen", trägt sicherlich auch ein Quäntchen dazu bei. Deine Protagonistin sieht hoffentlich die Dinge nicht zu einfach, denn es ist keine leichte Aufgabe einen pflegebedürftigen Menschen aufzunehmen. Deine Geschichte macht sehr nachdenklich, doch ich denke, das ist beabsichtigt.
    LG
    Astrid

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  5. Danke, für diese Geschichte, die leicht aus dem wahren Leben sein kann.

    Meine Mutter und meine Tante sind beide 86, leben jede allein und können noch alles selbst machen.

    Alles Liebe
    Eva :)

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  6. Danke, liebe Regina, für eine sehr gute Geschichte.
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Abend,
    Allerliebste Grüße, Claudia

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  7. Liebe Regina,
    eigentlich hatte ich dieses Mal erwartet, dass wenigstens EINE Geschichte sich mit einer Zirkusvorstellung befasst - aber weit gefehlt... Alle Geschichten haben einen ganz anderen Sinn bekommen. Erstaunlich! Aber immerhin ist ja Lores Protagonist nach seiner Reifenpanne bei einem Zirkus gestrandet.
    Dein Beitrag macht einen sehr nachdenklich - man liest ja oft in der Zeitung, dass ein alter Mensch ganz alleine in seiner Wohnung verstorben ist und ihn wochen- und monatelang niemand vermisst hat. SCHRECKLICH! Vielleicht sollte das für uns alle mal ein Anreiz sein, sich wieder mehr um seine Nachbarn zu kümmern!
    Allerdings - so weit, jemanden zu mir zu nehmen und zu pflegen - ich glaube, DAS könnte ich dann doch nicht...
    Vielen Dank für diese Geschichte, und einen schönen Abend!
    Christine

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  8. Liebe Regina,
    deine Geschichte hat mich sehr nachdenklich gemacht.
    Es kommt immer wieder vor, dass ältere Menschen einsam
    vor sich hin vegetieren. Das ist sehr schlimm.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi.

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  9. Was für eine zu Herzen gehende Geschichte und gar nich weit von der Realität entfernt. Die Vereinsamung der Menschen im Alter nimmt immer mehr zu.Glücklich der eine Tina hat. LGLore

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  10. Liebe Regina,
    wenn ich deine Geschichte lese, muss ich heulen. Sie ist lebensecht und wahr. Ich kann und möchte nicht näher auf die Geschichte eingehen, meine Augen stehen voller Wasser.
    Du bist ein großartiger Mensch, ein Mensch der uns die Realität sehr nahe bringt. Danke.

    Wünsche dir einen wundervollen Tag. Liebe Grüße Margot.

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  11. Liebe Regina
    eien herzzerreissende Gechichte und mir stehen die Tränen in den Augen als beschlossene Sache war die alte Dame zu sich zu nehmen!
    Alte Menschen wohnen so viele überall und keiner grüsst oder redet oft mit ihnen. Ich bring immer den Müll weg von einer alten Dame unter mir und wir reden immer von allem mögliche.. sie drängt sich nicht auf oder fragt mich Löcher, das tut mir gut und ihr genauso. Helf ihre Tasche hoch zu tragen wenn sie handiert und das liebe Dankeschön das ist nett von ihnen ach ich mag sie diese nette kleine alte Dame.
    Danke für diese Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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