Dienstag, 14. Juli 2015

Das neue Tagebuch


Ein Blick in mein Tagebuch

Meine Geschichte zu den heutigen Reizwörtern:


Lavendel, Laken, hilflos, blass, stöhnen 

Das neue Tagebuch
Mama hat gesagt, dass so ein Tagebuch etwas ganz Tolles ist. Man kann darin seine Gedanken ordnen, meint sie. So richtig kann ich mir das nicht vorstellen. Ich bin da noch etwas unsicher, um nicht zu sagen hilflos. Was soll ich reinschreiben? Was ist, wenn es jemand liest? Das wäre blöd, kommt aber wohl vor. Mama ist das passiert. Sie stöhnt noch heute, wenn sie davon erzählt.

„Mein Bruder, dein Onkel, hat mal das Schloss geknackt und alles gelesen. Dann hat er sich über mich lustig gemacht. Von meinen Gefühlen hatte ich damals geschrieben und wie verliebt ich in Hermann war, der in meiner Klasse der Mädchenschwarm war. Ich habe getobt und gewütet. Als ich ihm mein Tagebuch abnehmen wollte, kam es zu einem Gerangel. Heinz kämpfte und kreischte und ich war so wütend, dass irgendwie meine Faust auf seinem Auge landete. Du kannst dir sicher vorstellen, dass ich das nicht gewollt hatte, aber es war passiert. Sein Auge schwoll sofort an. Er ließ das Buch fallen und rannte zu unserer Mutter. Die blieb ruhig, legte sofort einen kühlen Lappen auf sein Auge und tröstete ihn. Ich konnte nur daneben stehen, leichenblass und voll des schlechten Gewissens. Ändern konnte ich nichts mehr, aber ich entschuldigte mich bei Heinz. Ich selbst hatte nur leichte Kratzer davon getragen, aber meine Seele war verletzt. Das war schlimm. Natürlich erwartete ich ein Donnerwetter meiner Mama. Das blieb aber aus. Sie schimpfte mit Heinz und erklärte ihm, dass man so etwas niemals tun dürfte. ‚Das ist wirklich das Allerletzte, das Tagebuch deiner Schwester zu lesen‘, hatte sie gesagt. Trotzdem fühlte ich mich schuldig. Am nächsten Tag hatte er ein dunkellila Veilchen, eine Woche später war es nur noch ein Lavendelchen, danach wurde es gelb und grün und immer erinnerte mich sein Auge daran, was ich getan hatte. Das war nicht schön. Wir haben uns aber schnell wieder vertragen und er hat versprochen, nie wieder an meine Sachen zu gehen, geschweige denn mein Tagebuch zu lesen. Ich habe dann aber wochenlang nichts mehr geschrieben.“

Ja, so war das bei Mama gewesen. Eine blöde Sache, das soll mir nicht passieren. Ich werde mein Buch verstecken. Vielleicht unter dem Bettlaken und mein Bett werde ich ab sofort nur noch selbst machen. Damit niemand das Buch dort entdecken kann. Andererseits vertraue ich ja meinen Leuten, ich denke noch mal drüber nach.
So, das war mein erster Eintrag im neuen Tagebuch, kurz noch etwas zum heutigen Tag: Sonnenschein am ersten Ferientag, Taschengeld bekommen und in Süßigkeiten umgesetzt, meinen morgigen Besuch bei Oma angekündigt und zwanzig Seiten meines neuen Buches gelesen, im Internet nach einem passenden Spruch für den heutigen Tag gesucht und folgenden gefunden:
Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu …

© Regina Meier zu Verl


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Kommentare:

  1. Das ist wirklich richtig schlimm, wenn jemand in einem Tagebuch liest. Da kann ich gut verstehen, dass Mama arg sauer war. Ich habe nie ein Tagebuch geführt und wenn, dann hätte ich demjenigen, der darin geschnüffelt hätte, auch ein Veilchenauge verpasst!!! :-) Danke für die schöne Geschichte!!! LG Martina

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    1. Danke Martina,
      mir ist das mal passiert, dass jemand etwas über sich selbst gelesen hat und das dann noch beleidigt verkündet hat! Ich habe demjenigen kein Veilchenauge verpasst, aber in Gedanken habe ich ihm viel Schlimmeres angetan. Die Verletzung ist heftig, es hat sich nie wieder richtig eingespielt zwischen uns.
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Mein Tagebuch hat zwar noch keiner gelesen, aber meine Liebesbriefe wurden von dem Empfänger im ganzen Dorf herum gezeigt und ich kam dahinter, weil zwei Mädchen aus seinem Dorf mir im Zug gegenüber saßen und ständig aus meinen Briefen zitierten und sich halb kaputt lachten, was für eine Blamage.
    Zum Glück habe ich den Trottel nicht geheiratet und später meinen Kurt getroffen.
    LGLore

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    1. So eine Unverschämtheit, liebe Lore,
      das ist ja beinahe noch schlimmer. Unglaublich!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Eine interessante Geschichte mit dem "Lavendel-Veilchen", aber das hatte er auch verdient, denn sowas macht man nicht!
    LG Elke

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    1. Genau, liebe Elke,
      so etwas macht man nicht!!!!! Habe es leider selbst erlebt und weiß, wie sich das anfühlt!
      Herzliche Grüße und danke
      Regina

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  4. Liebe Regina,
    komisch, ich habe ein paar Mal angesetzt Tagebuch zu schreiben, aber fand dann ich die Eintragungen recht lahm. Dann, als ich Steno konnte, habe ich es noch einmal versucht, weil es keiner lesen konnte,aber das scheiterte auch wieder. Meine Gedanken habe ich lieber für mich behalten und geträumt sowie gesponnen.Hat Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen, das Lavendelchen hat mir gefallen. Liebe Grüße Eva

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    1. Liebe Eva,
      das "Lavendelchen" war eine Wortschöpfung aufgrund des Reizwortes, das ich irgendwie nicht anders untergebracht habe. Aber mir selbst gefällt es jetzt auch!
      Danke und liebe Grüße
      Regina

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  5. Danke, Regina!

    Tagebuch schrieb ich immer, zeitweise auch in Steno ;)

    Istt verständlich, wenn jemand in die Privatsphäre eindringt - da kann sowas schon passieren ;)

    Lavendelchen - eine so schöne Wortschöpfung!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön, liebe Eva,
      schön, dass dir das Lavendelchen auch gefällt! (Mein Steno könnte ich heute wahrscheinlich gar nicht mehr lesen).
      Liebe Grüße
      Regina

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  6. ist es nicht gang und gebe dass Geschwister gerne beim anderen lesen will .. so ein Geheimniss reitzz unwahrscheinlich doch es soll nicht sein aber wer so neugierig ist hat es verdient ein Blaues Veilchen das auch noch so hübsch aussieht wie ein Veilchen!
    Eine sehr schöne Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke!
      Herzliche Grüße
      Regina, die sich so gern die Bilder vom Wattrennen angeschaut hat

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  7. Meine liebe Regina,
    oh, da kommen alte Erinnerungen auf ..... auch ich habe früher Tagebuch geschrieben, es war verschlossen in einer Schrankschublade, und was hat meine kleine Schwester fertig gebracht? Sie hat die Schublade aufgeknackt und meine geheimsten Dinge gelesen ..... ein blaues Veilchen hat sie zwar nicht bekommen, aber, ich war sehr, sehr böse auf sie damals ......
    Danke für die schöne neue Geschichte!
    Ich wünsche Dir noch einen gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Das kann ich mir gut vorstellen, liebe Claudia,
      Hauptsache ist, dass ihr euch hinterher wieder vertragen habt!
      Ich wünsche dir auch einen schönen Tag und muss dich unbedingt mal interviewen, wie du die Schlabbererdbeeren einmachst!
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  8. Liebe Regina,
    mein Tagebuch liegt immer offen herum - ich führe seit nahezu dreißig Jahren eins. Aber mein Mann hat noch nie hineingeschaut.
    DAS würde ich ihm auch als Vertrauensbruch ganz schön übelnehmen! Aber da kann ich unbesorgt sein.
    Wenn wir allerdings Besuch haben (erst recht über Nacht), dann nehme ich mein Tagebuch mit ins Schlafzimmer. Man kann ja nie wissen ... **grins**.
    Liebe Grüße, und vielen Dank für Deine interessante Geschichte!
    Christine

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    1. Stimmt, liebe Christine,

      man sollte den Neugierigen keine Gelegenheit bieten. Mein Mann ist da übrigens auch vertrauenswürdig, er käme nicht auf die Idee zu schnüffeln!
      Liebe Grüße
      Regina (ich komm noch zu dir, spätestens heute Abend!)

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  9. Liebe Regina,
    schön, dass du dem Tagebuch diese Geschichte gewidmet hast.
    Ich bedauere es sehr, dass ich vor einigen Jahren aufgehört habe
    weiterzuschreiben.
    Einen geruhsamen Abend wünscht Dir
    Irmi

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    1. Liebe Irmi,
      heute landet ja auch vieles vom dem, was wir mitteilen möchten in den Blogs und das ist ja auch schön. Ich schreibe auch nicht jeden Tag ins Buch, eher bei besonderen Anlässen oder bei Veränderungen bei was auch immer!
      Einen schönen Tag dir und liebe Grüße
      Regina

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  10. Liebe Regina,
    ich kann gut verstehen, dass dass Deine Mutter sich ärgerte, aber ich kann auch ihr schlechtes Gewissen verstehen, das sie wegen des blauen Auges hatte.
    Ich habe früher auch Tagebücher voll geschrieben. Sie lagen viele Jahre bei meiner Mutter und ich bin mir sicher sie hat nie hinein geschaut. Erst vor ein oder zwei Jahren habe ich die Bücher zu uns geholt und ab und zu lese ich darin. Ich habe auch überlegt, ob ich wieder damit anfangen sollte Tagebücher zu füllen.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,
      dass ich noch immer schreibe liegt wohl daran, dass ich so gern von Hand schreibe. Es hat etwas Meditatives, finde ich und meine Gedanken purzeln erst danach wieder durcheinander, währenddessen bin ich ganz ruhig!
      Herzliche Grüße und danke schön
      Regina

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  11. Liebe Regina
    Geschrieben habe ich immer gerne (und noch lieber gelesen!). Jedoch alle Tagebuchversuche sind bereits in den Anfängen stecken geblieben. Als streichgeplagte Schwester zweier Brüder, war das vielleicht auch besser so!
    Vielen Dank für Deinen Besuch auf meinem Blog. Ich habe mich sehr darüber gefreut!
    Herzlichst
    Margrith

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