Dienstag, 16. Juni 2015

Reizwortgeschichte: Nachtgedanken



 Dienstag, Reizwortgeschichtentag, bis gestern habe ich noch gefürchtet, dass ich keinen Computer habe, nun habe ich aber einen alten Ersatzlaptop erstmal und kann mich doch beteiligen. 
Viel Spaß bei allen Geschichten!


Sekunden, Erdbeeren, wachen, klagen, schlaflos
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Lore   Martina    Eva     Christine   EVA V 

Sophie


Nachtgedanken

Viele Jahre schreibe ich, eigentlich schon immer. Bereits als Schülerin war das Schreiben mein Lieblingsfach, Längen vor dem Rechnen und noch einmal Längen vor dem Sport.
Geärgert hat mich immer, dass ich das nicht uneingeschränkt tun durfte. Es gab so vieles, was man von mir erwartete. Ich war ein braves Kind und versuchte, die Aufgaben zu lösen, die das Leben für mich bereithielt.
Nach einer glücklichen Grundschulzeit mit lieben und verständnisvollen Lehrern, die einen wichtigen Grundstein in meinem Leben ermöglichten, indem sie mich sein ließen wie ich war, änderte sich alles mit dem Wechsel zum Gymnasium. Noch heute kneift der Bauch, wenn ich darüber nachdenke. Schon die Bedingungen, die mit dem Besuch der Schule in der nächstgrößeren Stadt zusammenhingen, waren der pure Stress für mich. Aufstehen mitten in der Nacht, Bus fahren mit schwer bepackter Schultasche, die überall anstieß und mir so manchen missmutigen Blick der Erwachsenen einbrachte. Viele Fremde, im Bus und in der Schule. Lehrer, die mich mit meinem Nachnamen ansprachen und ungeduldig reagierten, wenn das Landträumerchen nicht gleich antworten konnte. Mitschülerinnen, die nach der neuesten Mode gekleidet waren, während ich mich in meinen karierten Trägerkleidern, die von der Hausschneiderin für uns angefertigt wurden, wie ein graues Mäuschen fühlte.
Ich zog mich mehr und mehr in meine Gedankenwelt zurück. Dort war es schön warm und friedlich. Ich konnte Welten schaffen, in denen ich mich wohlfühlte. Ich unterhielt mich mit meinen Figuren, stellte ihnen Fragen und bekam Antworten.
Schon früh begann ich, meinen jüngeren Geschwistern Geschichten zu erzählen. Die Hauptperson damals war „Furzi“, ein kleiner Wicht, winzig wie ein Sandkorn, der allerlei Blödsinn anstellte und immer zugegen war. Er versteckte sich in der Schultasche, in der Butterbrotdose und an den unmöglichsten Orten. Manchmal setzte er sich in die Ohrmuschel bei einem von uns Dreien und redete uns Streiche ein, die wir gehorsam ausführten. Meine Geschwister reden noch heute darüber und manchmal fällt mir binnen Sekunden dann wieder eine Episode aus der Kindheit ein, die ich dann auch gern erzähle.
„Er wacht über uns, wenn wir schlafen und er begleitet uns bei allem, was wir tun!“, behauptete ich damals. Ich sollte diese Geschichten aufschreiben, bisher konnte ich mich dazu aber nicht aufraffen – oder doch? Sind nicht alle meine Geschichten irgendwie so, als wären sie schon damals erfunden worden? Etwas altmodisch, so wie meine Trägerkleider? Aber wo ist dann der Furzi? Sitzt er etwas in meinem Ohr und sagt mir vor, was ich schreiben soll? Fragen über Fragen!
Manchmal, in schlaflosen Nächten, denke ich darüber nach. Immer fällt mir dann auch der Willi ein, der eigentlich Fred heißt und ein Erdbeerwicht ist. Kennt ihr nicht? Es gibt ein Bild, das knipse ich gleich und stelle es zu meiner Gedankengeschichte heute dazu. 
Willi war ein trauriger Typ, er fühlte sich als Außenseiter und klagte darüber, dass er keine Freunde hatte. Eines Tages machte er sich auf den Weg, um Freunde zu suchen. Dabei lernte er verschiedene Wesen kennen, doch erst als er wieder zu Hause war, erkannte er, dass dort seine Freunde immer gewesen waren und er sie vor lauter Traurigkeit nicht wahrgenommen hatte.

Ich kann mich nicht beklagen, ich muss nicht verreisen, wenn ich in meine Welt eintauchen möchte. Ich mache die Augen zu und schon bin ich da wo ich glücklich bin. Eine Erkenntnis und ein guter Zeitpunkt, all denen mal zu danken, die mir folgen in meine Welt. Danke, dass ihr mich begleitet und bestärkt. Zuhause ist man dort, wo die Freunde sind. Sagt der Willi und Furzi kichert in meinem Ohr herum und freut sich, dass er endlich einmal in einer „geschriebenen“ Geschichte erwähnt wird.

© Regina Meier zu Verl
(die Zeichnungen sind Teil einer Bildergeschichte, die ich vor vielen Jahren während eines längeren Krankenhausaufenthaltes gezeichnet habe)

Kommentare:

  1. Liebe Regina,
    es war schön Deinen Gedanken zu folgen. Ich kenne das, manchmal ist man ganz in seinen Gedanken verloren. Aber das tut so gut. Es ist ein bisschen wie träumen oder noch einmal erleben. Es macht einfach Spaß und bringt eine gewisse Beruhigung und Zufriedenheit.
    Danke für diese schönen Nachtgedanken.
    LG
    Astrid

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    1. Danke schön, Astrid,
      fürs Mitträumen, das gut manchmal gut!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. Es war schön an deinen Gedanken teilzuhaben und zeigt mir wieder einmal wie ähnlich wir uns doch sind, obwohl meine Grundschulzeit ein Horror war, wegen der bösen Lehrerin, die ich hatte.
    Auch ich kann mich ganz in meine Traumwelt zurück ziehen und die Wesen die mir begegnen erwachen zum Leben.
    LGLore

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    1. Liebe Lore,
      das merkt man in deinen Geschichten ganz deutlich, deine Wesen leben, weil du so anschaulich erzählen kannst.
      Danke und liebe Grüße
      Regina

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  3. Ach wie schön war diese Reise mit dir - zurück in Kindertage. Und Furzi - allein der Name ist grandios - ist so klein wie ein Sandkorn und flüstert dir ins Ohr! Ich habe die Geschichte sehr genossen! LG Martina

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    1. Danke schön, liebe Martina,
      das freut mich sehr!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Schöne Gedanken, Träume und Fantasie - ich bewundere Leute, die das zu Papier bringen können. Und Furzi ist ein toller Name für einen Wicht, der etwas ins Ohr flüstert. Vielleicht sollte ich meinen Tinnitus so taufen.
    LG Elke

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    1. Liebe Elke,
      oh, du hast auch Tinnitus - blöde Sache. Ich habe das auch seit vielen Jahren, manchmal komme ich ganz gut damit klar, dann wieder nicht. Furzi kann meiner nicht mehr heißen, weil der Name hier ja belegt ist, aber ich werde mir was einfallen lassen, vielleicht was Indianisches, weil mein Tinnitus nicht nur pfeift, sondern auch trommelt!
      Liebe Grüße und danke
      Regina

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  5. Danke, Regina, für Deine Einblicke in die Nachtgedanken.

    Wow, so tolle Ideen hattest Du schon damals, schön!

    Wunderbar, daß wir teilhaben dürfen :)

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke dir, liebe Eva,
      ich freue mich ja, dass ihr mich begleitet bei meinen Fantasiereisen!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Da hast du eine sehr schöne Geschichte gewebt und mit Phantasie bestickt - sie rief mir in Erinnerung, dass ich an meinen Funzelbären weiterschreiben sollte.

    "Das Geschenk der Phantasie an uns ist die Lust am Erzählen und Schreiben" , das fiel mir spontan dazu ein.

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    1. Liebe Ulla,
      da hast du eine schöne spontane Idee gehabt, die gefällt mir sehr!
      Danke dir und liebe Grüße
      Regina

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  7. Liebe Regina, gut, dass Du so bist und was aus Dir geworden ist. Eine grandiose Schreiberin! Stell Dir vor, ein Modepüppchen, hohl im Kopf, so wie die anderen waren. Schön, Deine alte Geschichte, krame noch mehr aus Deineralten Zeit hervor. Wir freuen uns. Herzliche Grüße Eva

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    1. Das mache ich gern, liebe Eva,
      bei dem netten Zuspruch kann ich ja gar nicht anders!
      Vielen Dank und liebe Grüße
      Regina

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  8. Liebe Regina,
    du bist eine wirklich gute Schreiberin. Gut, dass du dich nicht aus deiner Welt hast
    vertreiben lassen. Eine wunderschöne Geschichte - Gegenwart und Vergangenheit.
    Erinnerungen an eine Jugendzeit mit den Geschwistern.
    Liebe Grüße schickt Dir
    Irmi

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    1. Vielen Dank, liebe Irmi,
      ich freue mich über die Resonnaz zu meinen Nachtgedanken sehr und das motiviert mich, immer weiter zu schreiben!
      Herzliche Grüße zu dir
      Regina

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  9. Liebe Regina,
    danke für eine wieder wunderbare Geschichte! Auch ich freue mich, mehr von Deinen alten Geschichten zu erfahren :O)
    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße , Deine Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia,
      eigentlich passiert ja fast jeden Tag etwas neues, das erzählt werden möchte. Ich bin also gut beschäftigt mit Altem und Neuen und das ist gut so!
      Ich wünsche dir einen schönen Tag und grüße dich herzlich
      deine Regina

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  10. Liebe Regina, ich sage dir herzlichen Dank für deine wunderschöne Geschichte und sende dir ganz liebe Grüße von Gerda Reichhart

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    1. Vielen Dank, liebe Gerda!
      Ganz herzliche Grüße auch an dich
      Regina

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  11. Liebe Regina vielen Dank, danke für deine Gedanken, an denen wir teilhaben durften. Das Gegenteil von deiner Zeit in der Schule war ich. Mein Lieblingsfach war Sport und ich hatte keine Zeit zum Träumen, ich war ständig in Bewegung. Doch durch dein Erzählen bringst du mir eine wunderschöne Schulzeit zurück, auch wenn ich keine lieben, verständnisvollen Lehrer hatte. Die Schulzeit war eben etwas Besonderes. Nun lese ich deine Geschichten und freue mich darüber. Mögen dir noch viele Geschichten einfallen.Ganz liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe Margot,
      ich freue mich, dass meine Gedanken die deinen anregen. Mir geht es auch oft so, wenn ich dich im Blog besuche. Oft steht etwas da, das ich dann mit in meinen Tag nehme und manchmal entstehen dann wieder Geschichten daraus. So machen wir uns gegenseitig Freude, schön ist das!!!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  12. Liebe Gina, wenn WIR unsere Phantasie nicht hätten wären wir leer im sprichwörtlichen Sinne, das macht ja eine Schreiberin aus, nur das...geschichten ausdenken - erzählen - die Phantasie schweifen lassen und es fliesst - kleine Wesen im Inneren erschaffen die uns durch das leben und den Tag - auch manche Nächte - tragen!
    Viele Kinder können das /leider/ heute nicht mehr wenn sie nicht dazu angehalten werden - im Zeitalter von I-Phone und handy das immer mehr unseren Alltag beherrscht. manchmal sehnt man sich die zeiten zurück wo das Geschichten erzählen mit in unseren Alltag gehörte,.....
    ich denke darüber nach und schweife ab in die vergangenheit, ja die sollte man nicht vergessen....die kleine heile welt der Kinderzeit...
    herzlichst Angel...eine entzückende geschichte...

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