Dienstag, 19. Mai 2015

Reizwortgeschichte: Das Mädchen und das Buch



Guten Morgen, es ist Dienstag, Tag der Reizwortgeschichten. Heute begrüßen wir eine neue Mitschreiberin in unserer Mitte, ein herzliches Willkommen Sophie!

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Foto des Original-Buches, das sich heute in meinem Besitz befindet

Das Mädchen und das Buch

In meiner Familie wurde viel gelesen. Meine Eltern hatten einen großen Bücherschrank, der stets verschlossen war. Wir Kinder hatten eigene Regale in unseren Zimmern und zu jeder Gelegenheit kamen neue Bücher dazu. Bei meinem Lesehunger reichte das aber nicht aus. Was waren schon vier Folgen von Hanni und Nanni zu Weihnachten? Bereits am zweiten Festtag hatte ich sie ausgelesen und gierte nach neuem Lesestoff. In der Schule gab es damals noch keine Bücherei, in der ich mich versorgen konnte. Ich tauschte mit Freundinnen, aber oft hatten sie die gleichen Bücher wie ich. Also bettelte ich meine Eltern an, mir doch von ihren Büchern etwas herauszugeben.
            „Na, dann schauen wir doch mal, ob etwas für dich dabei ist“, sagte meine Mutter, die meine Not verstehen konnte. Sie nahm den Schlüssel, der unter der Tonschale lag, die auf dem Bücherschrank stand und öffnete die Glastüren.
            Die bunten Buchrücken begeisterten mich und der Geruch der Bücher war einfach nur wunderbar. Vorsichtig berührte ich die teils ledernen Einbände. Ich durfte mir aber kein Buch selbst aussuchen. „Dafür bist du noch zu jung“, sagte meine Mutter, oder „Das kannst du noch nicht verstehen!“
            Sie reichte mir aber ein dickes Buch mit kleiner Schrift, an dem ich eine Weile zu knacken haben würde. Geschrieben war es von Ferdinand Sauerbruch und hieß: Das war mein Leben. (Gerade liegt es hier neben mir, denn es ist ein Andenken an die Zeit, in der ich die Bücher der Erwachsenen für mich entdeckte. Dass Sauerbruch es gar nicht selbst geschrieben hatte, erfuhr ich erst viel später. Der Journalist Hans Rudolf Berndorff soll es verfasst haben.)
            „Nimm das Lexikon dazu und schlage nach, wenn du etwas nicht verstehst. Du kannst mich aber auch jederzeit fragen“, schlug meine Mutter vor und davon machte ich reichlich Gebrauch.
            Ich erinnere mich noch gut daran, wie fasziniert ich vom Leben und Wirken des berühmten Arztes war. Immer wieder habe ich einzelne Kapitel noch einmal gelesen und jedes Mal verstand ich ein wenig mehr von dem, was da erzählt wurde. Alles war aber weit weg, spielte in Berlin und München. Ich war noch nirgends in der Welt gewesen, alles, was ich von z.B. von Berlin gesehen hatte, war eine Ansichtskarte, die wir von einer Tante erhalten hatten, die nach Berlin gereist war. Dann kam ich an die Stelle, in der auf einmal die Rede von Bielefeld war, meiner Geburtsstadt. Das versetzte mich in Begeisterung, die ich sofort mit meinen Eltern teilte.
            Viel später, während meiner Lehrzeit in Bielefeld, lernte ich dann einen Menschen kennen, der nach einer Kriegsverletzung in der Charité in Berlin operiert wurde. Damals war Prof. Sauerbruch leitender Chirurg. Herr G., mein Kollege, erzählte mir viel von der Zeit dort. Als er merkte, dass ich so viel über den Professor wusste, nahm er seine Brille ab und zeigte mir, wie Sauerbruch sein „verlorenes“ Auge versorgt hatte. „Damals war es nur ein tiefer Krater in meinem Gesicht, heute ist die Stelle so klein, dass ich sie hinter meinem Brillenglas verstecken kann. Ich bin sehr dankbar!“, sagte Herr G. mir und ich nahm mir vor, das Buch gleich noch einmal zu lesen.
            Jetzt, fast fünfzig Jahre nach meiner ersten Begegnung mit dem Buch, liegt es wieder neben mir. Zart zeichne ich die goldgeprägten Buchstaben seines Einbandes nach. Ich werde es wohl noch einmal lesen, bald!
            Es gibt noch viele weitere Bücher, die ich aus dem Bücherschrank meiner Eltern „entführte“, denn ich wusste ja, wo der Schlüssel lag. Einige habe ich heimlich gelesen, die, für die ich eigentlich noch zu jung war. Vergessen habe ich keines von ihnen.

© Regina Meier zu Verl 2015
           
           

Kommentare:

  1. Liebe Regina,
    ich kann mir vorstellen, dass dieses Buch über den berühmten Chirurgen Prof. Sauerbruch Dein Interesse geweckt hat. Ich meine mich zu erinnern, dass es auch einen Film zu seinem Leben gibt.
    Bei meinen Eltern im Bücherschrank gab es ebenfalls ein Buch eines bekannten Mannes, das ich oft und gerne in die Hand nahm. Hierbei handelte es sich um "Grzimeks Tierleben". Dieser Verhaltensforscher und Tierarzt war ja auch Direktor des Frankfurter Zoos und da ich aus dem Hessenland stamme, war es natürlich doppelt interessant. Das Buch steht noch bei meiner Mutter im Bücherschrank und bei meinen nächsten Besuchen werde ich es sicherlich wieder einmal heraus holen.
    LG
    Astrid

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    1. Liebe Astrid,

      das kenne ich auch, ich vermute, dass wir das auch hatten, zumindest hatte es jemand in der Familie. Wir haben oft darin gelesen und später gab es ja auch Fernsehsendungen, in denen Bernhard Grzimek dann von seiner Arbeit erzählte. Das war toll!
      Herzliche Grüße und danke für deinen Kommentar
      Regina

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  2. Liebe Regina, lieben Dank auch für dein Willkommen und deine Rückblende - eine tolle Geschichte!

    Ich habe mich auch immer sehr für Biographien interessiert, ob als Film oder Buch:
    Paracelsus, Florence Nightingale, Hildegard von Bingen usw.

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    1. Danke schön, Sophie,
      ich freue mich, dass du dabei bist!
      Biographien lese ich noch heute gern (wenn sie nicht gerade von D*ieter B*ohlen sind).
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Danke für Deine eindrucksvolle Bücher-Geschichte, Regina!

    Ich fieberte mit, welches Buch es wird.

    Den Bücherschrank meines Elternhauses "durchlas" ich, und die mir wichtigsten Bücher sind nun bei mir.

    Alles Liebe
    Eva :)
    https://evasgeschichten.wordpress.com

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    1. Liebe E§va,
      danke schön, ich habe auch viele Bücher von meinen Eltern hier bei mir und ganz viele stehen noch bei meiner Mutter, die mittlerweile 83 Jahre alt ist und noch immer ganz viel liest!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Liebe Regina, lesen war immer schon meine liebste Beschäftigung, besonders in der Kinder-und Jugendzeit. Eine tolle Geschichte hast du hier gezaubert. LG.Gerda

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    1. Liebe Gerda,
      lesen ist das schönste Hobby der Welt (finde ich auch).
      Danke fürs Lesen und deinen Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Liebe Regina,
    in deiner Geschichte finde ich mich auch wieder. Nur gut wir hatten eine große Bibliothek im Stadtteil, die ich ständig aufsuchte. Lesen war für mich schon immer das Größte. Aber im Bücherschrank meiner Eltern hat mich ein Buch über Dürer fasziniertLiebe Grüße Eva

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    1. Liebe Eva,
      was wäre das Leben ohne Bücher? Ich kann es mir schlecht vorstellen!
      Ich wandere gleich noch zu deiner Geschichte, die ich mir für den Feierabend aufgespart habe!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Liebe regina,
    danke für eine wieedr wunderbare Geschichte! Ich kenne das Buch von Dr. Sauerbruch auch und habe es auch ( und viele ähnliche aus unserer Dorfbücherei ) in jungen Jahren schon verschlungen!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße , Claudia ♥

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    1. Liebe Claudia,
      bei uns gab es leider keine Bücherei, erst viel später! Und in der Familie war manchmal das Geld knapp und es konnten nicht so viele Bücher gekauft werden. Als ich dann in die Lehre kam, war es wunderbar, dass ich mir selbst Bücher kaufen konnte und das habe ich dann auch reichlich getan.
      Einen schönen Restdienstag dir und liebe Grüße
      deine Regina

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  7. Liebe Regina,
    manchmal wünschte ich mir, ich hätte eine eigene Bibliothek - so, wie sie es früher in den Schlössern gegeben hat. Einen riesigen Raum mit nichts als Büchern drin, einem gemütlichen Ohrensessel, und dann Lesen - Lesen -Lesen ...
    Meine Schwester und ich waren auch schon als Kinder Leseratten (und sind es bis heute geblieben). Wir haben uns immer gegenseitig Bücher zum Geburtstag geschenkt und sie dann getauscht. Und natürlich die Pfarrbibliothek geplündert ... Groß war sie nicht, manche Bücher habe ich zehnmal und öfter gelesen. Und auch heute habe ich noch viele Bücher, die mein Gästezimmer bevölkern. Ich bräuchte nur mehr Platz ...
    Liebe Grüße, und vielen Dank für diesen interessanten Ausflug in Deine Kindheit und Jugend!!
    Christine

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    1. Liebe Christine,
      so geht es mir auch, der Platz fehlt. Aber ich lese seit 2 Jahren auch auf dem e-book und dort ist jede Menge Platz und ich habe meine aktuellen Bücher immer bei mir, das gefällt mir sehr!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  8. Eine wahre Geschichte - soooo schön! Man war ganz nah bei dir während des Lesens - du hast es so einfühlsam beschrieben. Hat mir sehr gut gefallen, dein heutiger Rückblick auf dein Leben. Zeigt er doch, wie früh dich Bücher und Worte begeistert haben! Danke! LG Martina

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  9. es ist schön aus deinem wahren Leben was zu lesen und dieses Gefühl Bücher zu verhsclingen kennen ich genügend , nur leider hatten meine Eltern keine udn verboten mir es überhuapt zu lesen aber ich bin heimlich in die Bücherei geschlichen udn habe mir welche ausgeliehen und in mein Versteck getan Nachts lass ich unter der Bettdecke heimlich im Taschenlampenlicht.
    Ich finds toll dass du so eine tolle Mutter hast, die dir das ermöglichte und so manche Bücher du gelesen hast auchs verboten war *zwinker* musste auch sein!
    Lieben Gruss Elke

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  10. Ich habe den Film über Dr, Sauerbruch schon mehrmals gesehen, leider habe ich das Buch noch nie gelesen.
    Übrigens wir sind uns ähnlich, ich habe mir auch von meinem ersten selbst verdientem Geld ein Buch gekauft. (grinsen) LGLore

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