Dienstag, 14. April 2015

Reizwortgeschichte: Wolkenbahnhof Apfelbaum


ApfelHilfe einsam eigennützigprophezeien

Hier ist meine Geschichte zu den heutigen Reizwörtern. Weitere Geschichten lest bitte bei:

Lore   Martina    Eva     Christine   EVA V
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Wolkenbahnhof Apfelbaum



Zwei dicke weiße Wattewolken segeln am Himmel. Ab und zu werden sie vom Wind ein wenig angeschoben. Wenn ich hier unten auf der Erde einsam bin, dann kann ich auch allein mit den Wolken segeln, denke ich. Keiner wird mich vermissen, oder doch?

Ich frage mich nur, wie ich da hochkommen soll und ob mich die Wolken auch tragen können. Mein Blick fällt auf die Leiter, die an den Apfelbaum gelehnt ist. Vielleicht könnte ich dort hinaufklettern und vom Baum aus versuchen eine Wolke zu erreichen.

            Vorsichtig steige ich von Sprosse zu Sprosse. Als ich an einem dicken Ast angekommen bin, beschließe ich, mich dort erstmal niederzulassen. Ich halte mich gut fest und sitze recht bequem. Von hier oben habe ich einen guten Überblick. Mir fällt ein, dass ich ein Päckchen Kaugummi in der Hosentasche habe. Mein Lehrer sagt immer, dass Kaugummi beim Denken hilft. Also ziehe ich die Süßigkeit aus der Tasche und genehmige mir einen Streifen. Mmh, Kirschgeschmack, lecker.

            Ich beobachte meine Gedanken. Wie ich das mache? Ich schließe die Augen und warte darauf, was mir als nächstes einfallen wird. Nichts passiert! Vielleicht hilft das Kauen ja doch nicht. Ich habe es  immer gesagt: Manchmal erzählen Lehrer auch Blödsinn. Herr Müller hat uns mal prophezeit, dass es innerhalb der nächsten Stunde regnen würde. Er spüre das in seinem Bein, das vor langer Zeit mal gebrochen war. Ihr ahnt es schon: es regnete nicht. In der nächsten Stunde nicht und in den folgenden auch nicht, eigentlich den ganzen Tag nicht. Es war also Blödsinn.

            Ob Herr Müller mich vermissen würde, wenn ich mit den Wolken auf und davon flöge? Bestimmt, denn dann hätte er niemanden mehr, dem er die Schuld für all die Streiche geben könnte, mit denen ich absolut nichts zu tun hatte. Oder vielleicht nur ein ganz kleines Bisschen. Ist ja auch egal. Wenn ich weg bin, dann wird er sich vielleicht Gedanken machen.

            Oder Mama? Zu gern wüsste ich, ob sie weinen würde. Mama weint nämlich nie, außer wenn sie Zwiebeln schneidet, dann aber heftig. Klar, sie wäre traurig. Aber da ist ja noch Jonas, mein kleiner Bruder. Der ist sowieso ihr Liebling. Der ist noch klein und macht keinen Quatsch. Jedenfalls noch nicht. „Jakob, du bist doch schon groß!“, sagt sie immer, die Mama. Stimmt, das bin ich. Aber so groß nun auch wieder nicht. Wie gern würde ich wieder einmal in Mamas Bett schlafen. Leider ist der Platz besetzt – dort liegt Jonas.

            Kommen wir zu Papa. Dem würde ich fehlen, denn er hätte keine Hilfe mehr beim Rasen schneiden. Vielleicht bin ich ungerecht, denn den neuen Rasenmähertraktor hat er sicher nicht nur eigennützig angeschafft. Er wusste, wie sehr ich das Fahren mit dem Traktor mag. Natürlich habe ich mich gefreut wie Bolle, als er damit angefahren kam. Ansonsten hat Papa nur selten Zeit für mich. Immer gibt es Dinge, die wichtiger sind als ich.

            Die Wolken fallen mir wieder ein. Ich sehe sie nicht durch das Blätterdach des Baumes. War wohl doch keine gute Idee, den Apfelbaum als Bahnhof zu benutzen. Sicher waren die Wolken längst weitergezogen – ohne mich.

            Ich bin traurig, aber irgendwie auch erleichtert. Es ist nicht fair, sich einfach so aus dem Staub zu machen. Ich habe sie doch alle lieb, Mama, Papa, Jakob und Herrn Müller, aber den nur ein kleines Bisschen.



© Regina Meier zu Verl 2015








Kommentare:

  1. Eine schöne und nachdenkliche Geschichte. Auch Kinder machen sich so ihre Gedanken, - das sollten wir Erwachsenen nie vergessen. Sie wollen geliebt werden und sie wollen wissen, dass man sie vermissen würde, wenn sie nicht da wären. Und ganz wichtig ist es, ihnen dies zu sagen, besonders wenn noch Geschwister (vielleicht auch ein Baby) da sind, die ebenfalls die Zeit und Liebe der Erwachsenen in Anspruch nehmen. Danke, dass Du Dich in die Gedanken- und Gefühlswelt der Kinder versetzt hast.
    LG
    Astrid

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    1. Danke schön, liebe Astrid,
      das denke ich auch. Es ist so wichtig, den Kindern immer wieder zu sagen, wie sehr sie geliebt werden.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina, für mich ist deine Geschichte wunderschön. Es ist eine Geschichte, die einen träumen lässt und die Worte, es wird heute noch regnen, habe ich auch schon gesagt. Vielleicht weil es meine "Mutsch" oft gesagt hat, wenn sie rheumatische Schmerzen in den Beinen bekam. Mir taten die Beine auch oft weh ... vielleicht deshalb? Egal wie und warum du diese Geschichte erzählst, sie erinnert mich wieder an mein Zuhause, an meine Jugend, an das Schöne im Leben. Vielen Dank.

    Einen schönen Tag wünsche ich dir und sende liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe Margot,
      ich freue mich sehr, dass meine Geschichte Erinnerungen in dir weckt. Danke für deinen lieben Kommentar.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Liebe Regina,
    was für eine bezaubernde Geschichte! Manchmal wünschte ich mir auch, mit den Wolken zu ziehen ...*lächel*
    Ich wünsch Dir noch einen schönen sonnigen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Liebe Claudia,
      manchmal träume ich mich auch einfach auf eine Wolke und lasse mich treiben. Das tut so gut.
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  4. Mit den Wolken segeln - wenn das so einfach wäre, würde ich auch ab und zu mal einfach verschwinden und abwarten, ob mich jemand vermisst ... manchmal hat man das Gefühl, "abhauen" zu wollen. Auch wenn man die Kinderzeit längst hinter sich hat...
    Eine wunderschöne Geschichte zum Träumen und Nachdenken!

    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Danke liebe Christine,
      ja, das wäre schön, wenn man sich einfach mal eine Weile aus dem Staub machen könnte. Leider ist das mit dem "Wolkensegeln" ja nicht so einfach, aber in der Fantasie geht das glücklicherweise und auch das hilft schon ein wenig!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Einfach eine gaaaanz entzückende Geschichte. Es ist dir super gelungen, dich in die Gedankenwelt eines kleinen Jungen hinein zu begeben. Könnte vielleicht daran liegen, dass du in der letzten Woche einen kleinen (ne, großen) Jungen in deiner Nähe hattest, oder? Toll geschrieben. Es war soooo schön, sie zu lesen - und so ein bisschen mit den Wolken zu ziehen, auch wenn es nicht wirklich dazu kam! Danke für die schöne Geschichte! LG Martina

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    1. Danke, liebe Martina,
      du hast recht, Lukas inspiriert mich immer wieder zu solchen Gedanken. Er liefert auch gute Vorlagen, die ich dann einfach so übernehmen darf. Besser kann man es nicht haben, ich genieße jede Stunde mit ihm!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Eine wunderschöne Geschichte die mich sehr berührt, so mancher kleiner Mensch sitzt mit solchen Gedanken da in seinem Leben!
    Auch so eine Gedankenwelt muss da sein udn Raum gegeben werden.
    Danke für deine wunderabre gefühlsvolle Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke,
      ja, das stimmt, auch solche Gedanken brauchen Raum und man muss sie zulassen - ob Kind oder Erwachsener.
      Herzliche Grüße in den Norden
      Regina

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  7. Das ist ja so eine Sache mit der Eifersucht unter den Geschwistern, besonders wenn sie klein sind. Immer denken sie, dass die Eltern das kleinste Brüderchen oder Schwesterchen lieber haben.
    LG Elke

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    1. Liebe Elke,
      vielen Dank. Ja, das stimmt. Ich bin die Älteste von drei Kindern und habe diese Erfahrung auch selbst gemacht. So oft fand ich mich ungerecht behandelt, weil ich schon alles können und wissen musste und die Kleinen mehr Aufmerksamkeit bekamen. Heute haben wir aber ein wunderbares Verhältnis und ich liebe meine Geschwister sehr!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  8. Liebe Regina,
    eine sehr schöne, nachdenkenswerte Geschichte.
    Es wäre schön, wenn man mit den Wolken segeln könnte.
    Wenn die Gedanken Raum haben, kommen die tollsten Geschichten
    dabei heraus. Eifersucht zwschen den Geschwistern gibt es immer wieder.
    Meist fühlen sich die älteren Geschwister zurückgesetzt.
    Einen schönen Abend wünscsht dir
    Irmi

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    1. Vielen Dank, liebe Irmi,
      ich habe es gerade im obigen Kommentar an Elke schon geschrieben. Mir erging es auch so und ich fühlte mich oft schlecht, obwohl ich eine behütete und schöne Kindheit hatte.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  9. Ich schließe mich meinen Vorrednern an, eine wunderschöne Geschichte, sehr einfühlsam erzählt und doch auch leicht wie das Segeln mit den Wolken.
    Als Kind lagen wir immer im Gras und sahen hinauf zu den Wolken und dann versuchten wir in den verschiedenen Formationen Figuren zu erkennen.
    Wenn ich so zurück denke an meine Kindheit, stelle ich immer wieder fest wie wenig wir Spielzeug brauchten, denn wir hatten ja unsere Fantasie.
    Wünsche dir einen schönen sonnigen Tag ohne Stress.LGLore

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    1. Vielen Dank, liebe Lore,
      ja, und heute kommt uns das zugute, dass wir unsere Fantasie in der Kindheit entwickeln durften!
      Ich wünsche dir einen schönen Tag und grüße dich herzlich
      Regina

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  10. Danke, Regina, für Deine "faire" Geschichte. Schön, daß Du dageblieben bis und noch viele schöne Geschichten schreibst!

    Alles Liebe
    Eva :)
    evasgeschichten.wordpress.com

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    1. Danke, liebe Eva,
      wenn ich auch ab und zu mit den Wolken segle, so bin ich doch immer dienstags pünktlich zurück. :)
      Herzliche Grüße zu dir
      Regina

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  11. Liebe Regina, so schön deine Wolkengeschichte, einfühlsam ist sie und macht nachdenklich. Gut, dass der Knirps nicht in Selbstmitleid zergeht und etwas anstellt. Glaube, wenn man Kinder oder Enkel hat , macht man sich schon einmal solche Gedanken um sie. Liebe Grüße Eva

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    1. Liebe Eva,
      danke schön! Es stimmt, die Kinder/Enkel bringen einen immer wieder zurück in die eigene Kindheit und es tauchen Gedanken auf, die man längst vergessen glaubte. Das ist aber gut so, finde ich.
      Herzliche Grüße
      Regina

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