Dienstag, 10. März 2015

Reizwortgeschichte: Aus den Augen verloren



Eva           Handschrift - Moment - reisen - notieren -  abweisen

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Aus den Augen verloren

Birgit ist Beates beste Freundin. Die beiden Mädchen sind seit der Kindergartenzeit ein Herz und eine Seele. Jeden Nachmittag verbringen sie miteinander und ihre Mütter, die ebenfalls befreundet sind, fördern das gern.
Manchmal darf auch die eine bei der anderen übernachten. Das sind dann ganz besondere Tage für die Freundinnen. Mittlerweile sind sie in der vierten Klasse und sie wissen, dass sich zumindest ihre Schulwege nun bald trennen werden. Birgit wird zum Gymnasium gehen und Beate zur Realschule.
„Das macht nichts, wir treffen uns nachmittags und alles bleibt, wie es ist!“, behauptet Birgit gern. Sie glaubt fest daran, dass es so sein wird.
Beate ist skeptisch. Sie vertraut der Freundin, aber ihre Mutter hat gesagt, dass es ganz natürlich ist, dass jede von ihnen auch andere Freunde finden wird.
„Bis zu den Sommerferien sind es noch ein paar Wochen. Wir wollen uns das Leben nicht schon jetzt schwermachen“, schlägt Birgit vor. „Lass uns überlegen, wie wir das nächste Wochenende verbringen, dann bist du doch bei uns, weil deine Eltern verreisen!“
Ein Lächeln zeigt sich auf Beates eben noch besorgtem Gesicht. Ja, das Wochenende, das wird schön werden, denkt sie und schiebt die Schatten zur Seite.
„Wollen wir an unserer Geschichte weiterschreiben?“, fragt Birgit jetzt und Beate ist gleich Feuer und Flamme.
„Wir könnten schon ein paar Gedanken notieren und ab Samstag schreiben wir dann weiter!“
So machen sie es.  Beate diktiert, Birgit schreibt.
„Du hast so eine tolle Handschrift“, lobt Beate die Freundin. Die wehrt ab.
„Deine ist genauso schön!“ Birgit lacht und nimmt Beate in den Arm. „Wir beide sind ein tolles Team, oder?“
„Ja, das sind wir und es soll immer so bleiben.“
Dann überlegen sie, was sie mit der fertigen Geschichte machen wollen, immerhin haben sie schon fast hundert Seiten in ihr Schulheft geschrieben.
„Wir schicken sie an einen Verlag und dann wird ein Buch draus gemacht und das verkaufen wir dann und schwups, sind wir reich!“, meint Beate und Birgit steigt in die Träumerei mit ein.
„Ja, genau und dann kaufen wir uns ein Haus am Meer und machen den ganzen Tag nichts anderes als schreiben, denken, schwimmen und Eis essen.“
„Und wir werden uns auf keinen Fall abweisen lassen. Wenn uns einer nicht will, dann hat er Pech gehabt und der nächste nimmt uns.“
Am folgenden Wochenende schreiben die Freundinnen gleich zwei neue Kapitel und sie sind sehr zufrieden mit ihrem Werk. Abends im Bett lesen sie sich gegenseitig aus ihrem Manuskript vor und markieren Stellen, die noch holprig klingen. Es wird eine Internatsgeschichte, so eine wie die von Hanni und Nanni. Diese Bücher lieben beide Mädchen über alles.
„Wenn wir fertig sind, schreiben wir die Geschichte noch einmal ab, damit jede von uns ein Exemplar hat“, schlägt Birgit vor und Beate nickt anerkennend. Ihre Freundin denkt eben an alles, das ist gut so.

25 Jahre später …

Beate Jäger faltet Umzugskartons. In vier Wochen will sie mit ihrem Mann und den Kindern aufs Land ziehen. Sie haben dort ein kleines Bauernhaus gekauft.
Es gibt noch viel zu tun. Beate nutzt die Zeit, in der die Familie aus dem Haus ist. Ihr bleiben einige Stunden, bis sie die Zwillinge von der Schule abholen wird.
Das handgeschriebene Buch
Nach und nach verschwinden die Bücher aus den Regalen und landen in den Pappkisten. Bei der Gelegenheit wird sortiert, doch von kaum einem Buch mag sich Beate trennen. Liebevoll staubt sie die Buchrücken ab und immer wieder nimmt sie eines zur Hand und blättert darin. Erinnerungen werden wach. Im gleichen Moment, als sie an ihre alte Freundin Birgit denkt, hält sie eine bunte Kladde in der Hand. ‚Bea und Biggi im Internat’ steht auf dem Einband. Das hat Birgit geschrieben damals, als sie sich versprochen haben, sich niemals aus den Augen zu verlieren.
So lange war das her, irgendwann war der Kontakt abgerissen. Beate weiß nicht mehr, wann sie Birgit das letzte Mal gesehen hat. Vielleicht war es auf dem Abiball? Birgit hatte sie damals eingeladen. Danach war sie nach Göttingen gegangen und hatte dort studiert. Einmal kam eine Karte, danach war dann Funkstille. Beate selbst hatte nach dem Schulabschluss eine Banklehre gemacht. Ihren Mann hatte sie in der Bank kennengelernt und schon bald geheiratet.
Beate zieht ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und schnäuzt sich die Nase. Dann beginnt sie zu lesen. Sie lacht und weint bei der Lektüre ihres handschriftlichen Buches. Immer wieder sieht sie Birgit vor sich und es fühlt sich so an, als säße sie neben ihr.
Als sie zu Ende gelesen hat, steht Beate entschlossen aus. Sie ruft ihre Mutter an.
„Mutti, weißt du eigentlich, wo die Birgit jetzt wohnt?“
„Nein, das weiß ich nicht, ihre Eltern wohnen ja auch nicht mehr hier und so habe ich lange nichts mehr von ihr gehört. Monika meldet sich aber auch nicht bei mir – aus den Augen, aus dem Sinn!“, antwortet die Mutter.
„Dann haben wir wohl beide unsere besten Freundinnen aus den Augen verloren. Wollen wir das jetzt ändern?“, fragt Beate und ihre Mutter ist sofort einverstanden.
„Oh ja, lass uns das machen! Ich rufe Monika an und dann melde ich mich wieder bei dir. Sie wird mir sicher eine Anschrift oder Telefonnummer ihrer Tochter geben.“

Beate und Birgit sind nun wieder in regem Austausch miteinander. Sie planen, das Buch ihrer Jugendzeit zu überarbeiten und es dann drucken zu lassen. Vielleicht nur zwei Exemplare, das wissen sie aber noch nicht so genau.

© Regina Meier zu Verl 2015


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Kommentare:

  1. Danke, Regina! Diese Internatsgeschichten lesen sicher viele gern. Großartige Idee. Wie schön wird das Wiedersehen sein :)

    Alles Liebe
    Eva :) https://evasgeschichten.wordpress.com

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    1. Ich glaube, liebe Eva,
      dass die Internatsgeschichten ein wenig antiquiert sind. Wir haben sie früher verschlungen und ich fand das so toll, dass ich selbst gern in ein Internat gegangen wäre.
      Heute ist sicher Fantasy mehr angesagt bei den jungen Menschen.
      Danke für deinen lieben Kommentar
      Regina

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  2. Liebe Regina,
    eine ganz andere Geschichte ist dir da aus der "Feder" gelaufen.
    Wunderschön und einfühlsam.
    Ja, manchmal verliert man sich aus den Augen. Findet man sich aber wieder,
    ist die alte Vertrautheit wieder da.
    Einen stressfreien Dienstsag wünscht dir
    Irmi

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    1. Stimmt, liebe Irmi,
      es ist tatsächlich so, dass sich die Vertrautheit schnell wieder einstellt, ich habe das auch schon so erlebt und meine Freundin aus der Kinderzeit, die ich lange aus den Augen verloren hatte, gehört nun wieder zu meinem Leben!
      Herzliche Grüße und danke schön
      Regina

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  3. Liebe Regina, deine Geschichten sind wunderschön, egal von was und von wem sie handeln. Sie sind lebensecht, denn ich habe auch so eine Geschichte mit meiner Sportfreundin erlebt.
    Danke!
    Einen schönen Tag und liebe Grüße, Margot.

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    1. Vielen Dank, liebe Margot, für dieses liebe Kompliment,
      das motiviert zum Weiterschreiben!
      Herzliche Grüße dir
      Regina

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  4. Antworten
    1. Danke, liebe Martina!!!!
      Herzliche Grüße in den schlumpfblauen Salon
      Regina

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  5. Unterschiedlicher könnten die Geschichten heute nicht ausfallen und bei deiner kommen mir Freundinnen in den Sinn, zu denen ich heute auch keinen Kontakt mehr habe. Schade! Doch wie man liest, lässt sich das auch wieder ändern. Schauen wir mal! Danke für die wunderbare Geschichte! Martina

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    1. Danke für deinen wunderbaren Kommentar, liebe Martina!
      Schönen Abend und liebe Grüße
      Regina

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  6. Liebe Regina, eine einfühlsame Geschichte hast Du da geschrieben . Leider stimmt das Sprichwort: " aus den Augen, aus dem Sinn". Und das in allen Lebensperioden. Ausser man ist so richtig dicke befreundet, da passiert das nicht,nur das kommt leider ganz selten vor. Liebe Grüße Eva

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    1. Das ist so, liebe Eva,
      es kommt nicht oft vor. Aber es ist gut, wenn es dann doch passiert, ein wenig Wahrheit ist in dieser Geschichte versteckt und das macht mich sehr zufrieden!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Ich denke, es ist selten, dass Kinderfreundschaften ewig bestehen, desto besser sollte man mit Freundschaften umgehen, die man in reiferen Jahren geschlossen hat, nicht wahr,LGLore
    PS tolle Geschichte!

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    1. Auch das stimmt, liebe Lore,
      passen wir gut auf, auf die Freundschaften, damit sie nicht verloren gehen!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  8. Das ist oft so. Man hat den eigenen Beruf und die Familie, weshalb man umzieht und schon hat man sich aus den Augen verloren. Denn über große Entfernung Kontakt zu halten, ist schwierig.
    Eine schöne Geschichte, die dir da gelungen ist.
    LG Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke,
      stimmt genau, glücklicherweise ist es in den Zeiten des Internets etwas leichter geworden, Kontakte aufrecht zu erhalten (oder wiederzufinden).
      Herzliche Grüße
      Regina

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  9. Liebe Regina,
    so ist das leider im Leben, man verliert sich besonders nach Umzügen schnell aus den Augen. Manchmal traut man sich dann nicht den ersten Schritt zu machen. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass sich jeder der Beteiligten dann doch freut, wenn der Kontakt wieder hergestellt wird.
    Außerdem haben wir heutzutage Glück, wir leben im Zeitalter des Internets und das kann bei solchen Suchen sehr hilfreich sein.
    Eine schöne Geschichte und wirklich aus dem Leben gegriffen.
    LG
    Astrid

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    1. Stimmt genau, liebe Astrid,
      das Internet macht es etwas leichter und es ist wirklich eine Freude, wenn es denn klappt, dass man eine Freundin/Freund wiederfindet!
      Danke und liebe Grüße
      Regina

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  10. Meine liebe Regina,
    das ist eine wunderbare Geschichte!
    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Vielen Dank, meine liebe Claudia!
      Herzliche Grüße und auch dir einen schönen gemütlichen Abend
      deine Regina

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  11. Liebe Regina
    eine wunderschöne Geschichte über Freundschaften aus der Schulzeit, es ist immer schön wenn sie so enden sich wieder finden!
    Schönen Abend wünsche ich dir!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke vielmals, liebe Elke,
      ja, ich finde das auch schön und mir ist das auch passiert (nicht ganz so wie in der Geschichte, aber ganz ähnlich)
      Liebe Grüße und dir ebenfalls einen schönen Abend
      Regina

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  12. Liebe Regina,
    das ist eine tolle Geschichte! Ich kann Martina nur zustimmen, wenn sie schreibt, dass wir heute wirklich vollkommen unterschiedliche Geschichten aus den gleichen Wörtern "gezaubert" haben. Erstaunlich!
    Diese Geschichte hat mich an meine Mutter erinnert - sie hatte mehrere Freundinnen aus ihrer Jugendzeit, und alle diese Freundschaften haben ein ganzes Leben lang gehalten - manche fast 60 Jahre. Und das vollkommen ohne Internet, und obwohl im Laufe der Zeit alle über ganz Deutschland verstreut waren. Ich habe dieses Phänomen immer bewundert.
    Liebe Grüße
    Christine

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  13. Hallo Regina,

    eine schöne Geschichte - wie sie ja leider oft vom Leben geschrieben wird.
    Wer hat nicht irgendeinen Freund oder eine Freundin, welche die Zeit verloren hat....

    Manchmal ist es gar nicht so einfach sich zu finden.

    Hat mir sehr gut gefallen.

    Liebe Grüße
    Björn :)

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