Dienstag, 27. Januar 2015

Reizwortgeschichte: Klebrige Küsse



Schlüssel Kalenderschreibenbegeisterterschöpft


Klebrige Küsse

Als Monika von ihren Kindern ein Handy geschenkt bekam, war sie zunächst wenig begeistert. Irgendwie hatte sie immer Angst etwas falsch zu machen. Manchmal war sie regelrecht erschöpft vom Ausprobieren der vielen Funktionen dieses Wundergerätes. Doch recht bald freundete sie sich mit ihm an. Schließlich war sie lernfähig.
Dabei ging es ihr gar nicht um die ständige Erreichbarkeit. Ab und zu braucht jeder seine Ruhe, vor allem abends. Monika stellte das Handy dann auf „lautlos“, erwischte sich aber dabei, dass sie ständig auf das Display schaute, ob jemand geschrieben oder angerufen hatte.
Praktisch fand sie auch, dass sie ihre Termine im Kalender nun verwalten konnte und jeweils eine Nachricht am Morgen und eine weitere genau eine Viertelstunde vor dem jeweiligen Termin bekam. Auf diese Weise konnte sie gar nichts mehr verpassen. Das gefiel ihr!
         Adressen, Telefonnummern, Geburtstage und vieles mehr speicherte Monika sorgfältig im Handy ab und es erfüllte sie mit diebischer Freude, dass sie nun nichts, aber rein gar nichts mehr vergaß. Selbst dem Schulfreund aus lange vergangener Zeit schrieb sie eine SMS zu dessen Geburtstag – aufs Festnetz, denn das konnte man ja auch machen. Herrlich!
Nicht mit einer Silbe hatte sie daran gedacht, dass genau das zu Verwicklungen führen könnte.
Der Wortlaut der SMS war folgender: Rate, wer an dich denkt. Denk an klebrigen Kuss bei Abschiedsparty. Dornröschen
         Lange hatte sie daran herumgefeilt, denn sie durfte nur 80 Zeichen verwenden. Sich kurz zu fassen, das war eigentlich nicht ihr Ding. Aber letztendlich war sie zufrieden. Die Nachricht beinhaltete alles, was wichtig war.
Achim würde sie schon verstehen. Monika kicherte, als sie sich an das Spiel erinnerte, das sie auf der Fete gespielt hatten. Damals verließen sie die Grundschule und gingen danach auf verschiedene Schulen, Achim aufs Gymnasium und sie selbst zur Realschule. Für das Spiel bekam ein Kind die Augen verbunden und wurde dann im Kreis gedreht, bis es die Orientierung verlor. Dann musste es einen Klassenkameraden ertasten und diesen dann küssen. Was man nicht wusste war, dass dieser zu Küssende einen Schaumkuss vor sein Gesicht hielt und dann ordentlich zudrückte, wenn sich der Mund des jeweiligen Kuss-Suchenden näherte. Das war eine Schweinerei, aber eine leckere und lustige. Monika hatte damals Achim ertastet und den Rest kann man sich denken.
         Obwohl sie in der gleichen Stadt wohnten, hatten sie sich irgendwann aus den Augen verloren. Monika hatte seine Telefonnummer aber gefunden und an seinen Ehrentag erinnerte sie sich noch gut, weil es der gleiche Tag war, an dem auch ihre Mutter Geburtstag hatte.
         Nachdem sie die SMS verschickt hatte, überkamen Monika Zweifel. Was wäre, wenn Achim den Anruf gar nicht entgegen nehmen würde? Vielleicht war er ja verheiratet und seine Frau ging ans Telefon. Sicher war er verheiratet, er war schon damals ein Mädchenschwarm gewesen.
         „Ich bin so blöd!“, schalt sie sich und starrte ihr Handy an. Sollte sie anrufen und das klarstellen? Sie traute sich nicht. Wie ein Tiger lief sie von einer Ecke des Zimmers in die andere. Sie nahm ein Buch und versuchte zu lesen, schaltete den Fernseher ein und wollte sich ablenken, es gelang nicht.
         Nach einer gefühlten Ewigkeit erklang dann die Melodie der „Kleinen Nachtmusik“, ihr Handyklingelton. „Ja bitte!“, meldete sie sich mit zittriger Stimme.
         „Halle Dornröschen!“ War das Achims Stimme? Klang er so als Erwachsener?
         „Achim?“
         „Nee, hier ist Volker. Ich bin Achims Mann!“
Schweigen.
         „Aber … entschuldigen Sie. Ich wollte Achim zum Geburtstag gratulieren, wir sind zusammen zur Schule gegangen!“
         „Und Sie haben klebrige Küsse getauscht!“, die Stimme des Mannes klang belustigt.
         „Ja, wissen Sie, das war ganz harmlos damals und es ist ja auch schon sehr lange her“, stotterte Monika.
         „Warum haben Sie ihn nicht einfach angerufen? Er steht hier neben mir und amüsiert sich prächtig, Moment …“
         Oh weh, war das peinlich, Monika setzte sich. Sie hatte das Gefühl, dass sie jeden Moment ohnmächtig werden würde.
         „Hallo Dornröschen!“ Das war Achim, unverkennbar. „Überraschung gelungen!“
         Die Beiden plauderten noch eine Weile und Monika lud Achim und seinen Mann für das nächste Wochenende zum Essen ein.

Nach diesem Schlüsselerlebnis schrieb Monika keine SMS-Nachrichten mehr und schon gar nicht ins Festnetz und ganz sicher nicht, wenn sie nicht ganz genau wusste, dass sie damit keine Verwirrungen oder gar Unfrieden stiften konnte.

© Regina Meier zu Verl

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Kommentare:

  1. Ich hatte auf eine eifersüchtige Ehefrau getippt. So kann man sich täuschen!!! Da fällt mir gerade ein, dass unsere Kleine vor ein paar Tagen fragte: Mama, zwei Frauen können doch auch heiraten, ne? Und Mama mit 'ja' antwortete. Ich habe dann nur gerufen: Meine Mama hätte noch mit 'nein' geantwortet. So ändern sich die Zeiten! LG und Danke für die schöne Geschichte! Martina

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  2. Ups, so kann es gehen, wenn man die neue Technik noch nicht im Griff hat ...
    Irgendwie kam mir das sooooo bekannt vor - das Herumbasteln und Ausprobieren am Handy. Und die Wutanfälle, wenn das Ding WIEDER nicht das gemacht hat, was ICH wollte ...

    Nebenbei bemerkt: MEINE Mutter hätte auch mit "Nein" geantwortet! Für die Generation vor uns war eine Ehe zwischen Mann und Mann oder Frau und Frau unvorstellbar.
    Gut, dass sich die Ansichten dazu inzwischen geändert haben!
    Vielen Dank, liebe Regina, für die amüsante Geschichte!
    Liebe Grüße
    Christine

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  3. Das ist eine lustige Geschichte mit einem unerwartetem Ende. Obwohl ich mit dem Computer ganz gut zurecht komme, habe ich zwar ein "einfaches" Handy, aber kein Smartphone. Es geht mir auf die Nerven, dass ständig alle Leute darauf schauen und mit den Fingern darüber wischen. Dabei kann man sich doch nicht mehr vernünftig unterhalten.
    LG Elke

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  4. Jetzt hast du mich aber überrascht, keine eifersüchtige Ehefrau ein eifersüchtiger Mann, wie schön. Herrlich deine Geschichte und das Spiel mit den klebrigen Küssen kannte ich noch nicht.

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  5. Danke, Regina, für diese "klebrige" Geschichte! Herr-lich im wahrsten Sinn des Wortes :)
    Schönes Ende!

    Alles Liebe
    Eva :)

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  6. Herrlich, liebe Regina,
    ich hab herzlich gelacht über die Klebrigen Küsse :O)
    Ich wünsch Dir noch einen schönen und gemütlichen Abend
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  7. Ja so kann es gehen. Man soll doch wirklich die Vergangenheit ruhen lassen, sonst fällt man voll auf die Schnautze. Und es hinterlässt auch so ein bitteres Gefühl. Hab ich gerne gelesen, liebe Regina

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  8. Die beiden haben es mit Humor genommen, und eine Verabredung zum essen und bestimmt auch tratschen ist doch trotz allem wunderschön. LG Christa

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  9. Toll und amüsant war deine Geschichte!
    Ach ich finds gut warum soll man nicht mal so was machen und der andere freut sich genauso!
    Wenns nicht so wäre wäre das auch nicht schlimm Eifersuchtszene wegen so was find ich doofe so wieso!
    Lieben Gruss Elke

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  10. Mein Highlight heute, deine Story ...habe mich köstlich amüsiert.
    Gruß vonner Grete


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