Dienstag, 13. Januar 2015

Reizwortgeschichte: Die Harmonie der Farben



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Die Harmonie der Farben                  

„Was haltet ihr davon, wenn wir beim Konzert dunkelrote Blusen tragen?“
            Ein Murmeln zunächst, dann die erste missmutige Stimme: „Rot steht mir nicht!“ Ein Aufbrausen! „Hier geht es nicht um Einzelne, sondern um das Gesamtbild, oder?“
            Sandra Lange, die Dirigentin, schlägt ein paar laute Akkorde am Klavier an, um auf sich aufmerksam zu machen.
            „Meine Damen, ich denke es geht hier momentan noch nicht um die Farben des Outfits, sondern vorläufig um die Qualität unseres Gesangs, meint ihr nicht auch?“
            Sofort wird es leise, schweigende Zustimmung! Nur eine kann sich nicht zurückhalten, Isa: „Rot steht mir aber nicht!“
            „Boah, Isa, nun sei doch mal entspannt. Wir werden das nach der Probe besprechen und sicher werden wir uns irgendwie einigen!“, schlägt Monika vor, deren Rolle von jeher die der Vermittlerin ist. Seit Jahren führt sie als erste Vorsitzende den Chor und genießt das Vertrauen der Sängerinnen.
            Doch Isa kann sich nicht beruhigen. Sie hasst Rot, was kein Wunder ist, denn sie ist mit karottenroten Haaren gesegnet, eine wilde lockige Mähne, außergewöhnlich, aber schön.
            „Wenn ihr euch für Rot entscheidet, dann werde ich nicht mitsingen!“, droht sie und erwartet, dass ihr nun alle beistehen werden, denn sie ist davon überzeugt, dass ein Konzert ohne sie nicht stattfinden kann. Schließlich hat sie Gesang studiert und die anderen sind Laien.
            Als niemand darauf reagiert und alle zur Tagesordnung übergehen, verlässt sie aufgebracht den Saal. Energisch wirft sie die Tür hinter sich ins Schloss. Peng!
            Entschlossen greift Sandra Lange in die Tasten, lässt eine Tonfolge erklingen und die Chordamen steigen in die Gesangsübung ein. Konzentriert arbeiten sie anschließend am ersten Konzertstück und ernten ein zufriedenes Lob.
            „Na bitte, es geht doch! Nehmen wir uns nun das nächste Stück vor und danach machen wir eine kleine Pause!“
            Auch der nächste Titel, eine Chorbearbeitung des Silbermond Songs ‚Du bist das Beste, was mir je passiert ist’ hört sich schon recht gut an. Sandra Lange ist zufrieden.
            In der Pause entbrennen dann heftige Diskussionen. Isa ist nach Hause gegangen. Damit hatte niemand gerechnet. Man wähnte sie schmollend in der angrenzenden Kneipe. Aber sie ist nicht mehr da.
            „Die spielt sich immer so auf, ich hasse das!“, ruft Rena empört und erntet Zustimmung von einigen Sängerinnen. „Soll sie doch bleiben wo der Pfeffer wächst!“
            „Ohne Isa geht es aber nicht“, wendet Monika ein. „Niemand bekommt die hohen Töne so sauber hin wie sie, oder ist es etwas nicht so?“
            Betretenes Schweigen. Es stimmt ja, Isa reißt die anderen mit. Außerdem hat sie ja Recht, Rot ist nicht ihre Farbe und wenn sie ihr Solo singt, dann steht sie vorn, vor dem Chor und dann fällt es mal so richtig auf, dass ihre Haare leuchten wie eine Alarmanlage.
            „Wer holt sie zurück?“, fragt Monika in die Runde. Niemand meldet sich.
            „Dann mache ich das! Aber eines lasst euch gesagt sein, es liegt ein Geruch von Neid in der Luft. Der ist weg, wenn ich wieder zurück bin!“ Wütend verlässt Monika die Kneipe.
„Jetzt spielt die sich auch noch auf, als hätte sie alles zu bestimmen!“, ruft Rena. Doch niemand stimmt ihr zu.
            Nach zwanzig Minuten kommen Monika und Isa zurück. Sie reihen sich in den Chor ein, jede an ihren Platz. Ingrid nimmt Isas Hand und drückt sie kurz. ‚Schön, dass du wieder da bist’, flüstert sie.
            Dann singen sie das Stück, in dem Isa ihr Solo hat. Es klingt wunderbar.
            Nur Rena hat einen Kloß im Hals. Sie schämt sich. Leise verlässt sie den Raum, behutsam schließt sie die Tür hinter sich. Erst am Ende der Probe kehrt sie zurück, sie trägt eine große Tasche bei sich und packt aus: Blusen in allen Farben, grüne, blaue, gelbe, weiße und am Schluss befördert sie eine alarmorangefarbene Seidenbluse aus ihrer Wundertasche.
            „Ist die nicht perfekt?“, fragt sie und erntet begeisterte Zustimmung.
            „Perfekt!“, ruft Isa und nimmt Rena in den Arm.
            „Du bist das Beste, was mir je passiert ist“, singt Isa und die anderen stimmen ein: „Es tut so gut, dass es dich gibt!“

© Regina Meier zu Verl
           
           
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Lore            Martina              Eva             Christine           

Kommentare:

  1. Da hast du mich gerade vor eine echt harte Probe gestellt. Alarmorangefarbene! Weißt du, wie lange ich an dem Wort herumgedoktort habe?!?! Lach! Das ist wieder so eine Geschichte, die dir auf den Leib geschrieben ist. Herrlich! Ich habe nur gedacht: Genau so geht es unter Frauen zu. Die Geschichte wäre bei einem Männerchor unmöglich, nicht wahr! Danke für dies Vergnügen am Morgen! Martina

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    1. Stimmt, liebe Martina,
      unter Männern käme das sicher nicht so vor! Die haben dafür anderen Macken, ne?
      Danke für dein Lob und liebe Grüße
      Regina

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  2. Danke, Regina, für Deine "vorbereitende" Geschichte.

    Es ist nicht leicht, die passenden Farben für viele zu finden ...

    Alles Liebe
    Eva :)

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  3. Was für eine Farbe, hihih, aber eine wunderbare Geschichte, in der ich mich so mitten zwischen den zänkischen Damen befand. Ich hätte wohl die Rolle der Vermittlerin übernommen, aber auf den Einfall einer alarmorangen Bluse wäre ich niiiieee gekommen. Lore

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    1. Wir sind eben etwas "schlichter" und wollen nicht so auffallen. Aber wir beide haben ja auch keine "knallorangenen" Haare!
      Liebe Grüße und danke schön
      Regina

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  4. eine tolle Geschichte die so viele Gruppen der Frauen geschieht selbst ich kenne so was aus meiner Kreativgruppe oder Frauengruppe.. e sist shcön wenn doch noch eine Lösung gefunden wird und alle sind sich wieder gut und befeindet!
    Hast du prima hin bekommen liebe Regina!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      solange jemand da ist, der vermittelt und dann noch gute Lösungsideen hat, wird wieder alles gut, auch wenn es mal kracht!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Liebe Regina, ich kann nur sagen, ach ja, wir Frauen. :-) Die Geschichte ist schön, weil sie aus dem Leben gegriffen wurde. Vielen Dank.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Stimmt, liebe Margot,
      sie ist aus dem Leben gegriffen und es hat Spaß gemacht, sie zu schreiben!
      Danke und herzliche Grüße
      Regina

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  6. Wie gut das wir das Problem in unserer Tanzgruppe nie hatten. Zwar haben sich die Schnitte
    verändert , aber wir haben Kleider ind Göttinger Stadtfarben, schwarz mit gelben Schürzen und
    einer weißen Bluse. Die stehen jeder unserer Tänzerinnen.
    Aber hier eine Lösung zu finden - einfach toll. LG Christa

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    1. Danke schön, liebe Christa,
      das ist eine gute Idee, die Stadtfarben zu nehmen. Göttingen gefällt mir übrigens sehr, ich habe eine Freundin dort und war schon häufig da!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Hallo liebe Regina,
    eine tolle Geschichte, ja, direkt wie aus dem Leben gegriffen!
    Ich wünsche Dir noch einen schönen gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia,
      einen Abend später, aber ich wünsche dir dann einfach heute einen gemütlichen Abend. Bin ziemlich erkältet und freue mich schon auf mein Sofa!
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  8. Herrlich, liebe Regina! Diese Farb-Kreation würde jeden Modeschöpfer zu Verzweiflung bringen - aber zu den karottenroten Haaren passt sie garantiert!
    Wobei - mir wäre das egal! Ich würde sogar shocking-pink zu feuerroten Haaren tragen. Ich habe in dieser Hinsicht keine Hemmungen ... **lach**

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    1. Hihi, liebe Christine,
      so mutig bin ich wohl nicht - pink trage ich gar nicht (außer auf den Fußnägeln). Ansonsten habe ich lieber die gedeckteren Farben!
      Danke und liebe Grüße
      Regina

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  9. liebe Gina..
    dunkelrot zu karottenrot geht natürlich gar nicht, ich könnte ds verstehen wenn da einer aus der Haut fährt zumal sie auch noch alleine im Vordergrund stehen müßte und die Diskrepnz in den Farben besonders auffällt....
    ich sah es förmlich wie die Farben leuchteten...PENG....
    wärs wenigstens Sommer und man könnte die Hautfarbe ein wenig in zartem Braun anpassen wärs vielleicht weniger schlimm, :))
    da hast du aber eine schöne geschichte - mitten aus dem Leben heraus - geschrieben...
    wieviel seid IHR im Chor...?
    letztendlich gabs ja ne gute Lösung...und die Bereitwilligung miteinander...auszukommen..

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    1. Liebe Angel,
      der chor, den ich vor Augen hatte (ich selbst singe da nicht mehr mit) hat ca. 40 Frauen, die regelmäßig singen. Ich musste die Singerei leider aufgeben, weil meine Stimme nicht mehr so will wie ich! Habe Stimmbandknötchen, bereits einmal operiert und es müsste schon wieder gemacht werden - das will ich aber nicht. Es gibt andere Baustellen noch!
      Danke fürs Lesen und deinen lieben Kommentar
      Regina

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