Dienstag, 16. Dezember 2014

Reizwortgeschichte: Das Radiointerview

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Tannenbaum, Weihnachten, schenken, heimlich, golden

Das Radiointerview

Ich gebe zu, dass ich ein wenig aufgeregt war. Der Herr von Radio Regio Kultur war schließlich kein Unbekannter. Ich verfolgte seine Sendungen beinahe täglich.
Als er mich vorgestern anrief und um ein Gespräch bat, war ich überrascht und auch ein wenig stolz. Vielleicht würde sich in der Menge der Zuhörer ja jemand finden, der ein Bild von mir kaufen würde. Das wäre der Hammer, gerade jetzt, so kurz vor Weihnachten.
         Per Mail hatte man mir einen Fragenkatalog zugesandt, damit ich mich vorbereiten konnte. Ich arbeitete ihn gewissenhaft durch und machte mir Notizen. Das war nicht einfach, denn ich wollte selbstverständlich möglichst gut rüberkommen. Fünf Minuten schenkte man mir dafür. Ganze fünf Minuten.
         Ich musste mir genau überlegen, was ich von mir preisgeben wollte. Über meine beiden gescheiterten Ehen wollte ich auf keinen Fall reden. Dabei hatte ich zwei wirklich liebe Ehemänner gehabt, die letztlich auch ihren Anteil an meinem Künstlerleben hatten. Nummer Eins zum Beispiel, er war so viel unterwegs, dass mir praktisch gar nichts anderes übrig blieb, als mir ein Hobby zu suchen, um nicht vor Einsamkeit depressiv zu werden. Ich malte damals ein Bild nach dem anderen und alle glichen sich. Dunkle Farben dominierten in dieser Zeit. Zufrieden war ich damit nicht, doch ich malte immer weiter. Heimlich belegte ich einen Malkurs in der Volkshochschule. Dort lernte ich, dass es außer Schwarz noch andere Farben gab und ließ mich leiten.
         Ich veränderte mich, wurde selbstbewusster und irgendwann habe ich Nummer Eins dann mitgeteilt, dass ich mir mein Leben mit ihm anders vorgestellt hatte. Er hat es locker hingenommen und packte seine Sachen. Ich sah ihn dann nur noch beim Scheidungstermin, wir tranken noch einen Kaffee zusammen und das war’s dann gewesen.
         Der Kursleiter der Volkshochschule hatte gute Aussichten, die Nummer Zwei in meinem Leben zu werden. Wir hatten eine Basis, konnten uns stundenlang über Farben und Materialien unterhalten und harmonierten gut miteinander. Bis zu dem Tag, als Rosi auftauchte und ich abgeschrieben war. Rosi malte tolle Bilder, abstrakt und in prächtigen leuchtenden Tönen. Der Kursleiter war hin und weg und ich wandte mich wieder dem Schwarz zu.
         Meine Freundin drängte mich damals, den Kurs aufzugeben und mir ein anderes Hobby zu suchen. Doch ich konnte mich nicht lösen von der Malerei. Ich suchte mir eine andere Gruppe und siehe da, es klappte wieder. Diesen neuen Lebensabschnitt bezeichnete ich als meine goldene Zeit. Oliver wurde dann Nummer Zwei. Er war ein völlig abgedrehter Typ, unzuverlässig aber lieb. Er kochte die beste Bolognese, die man sich vorstellen konnte und seine Kekse ließen jeden Ärger vergessen. Nach dem Genuss schwebte ich auf rosa Wolken und erst als ich bemerkte, dass er seine Freunde mit eben diesen Keksen beglückte, die er mit meinem Geld finanzierte, bemerkte ich blöde Gans, dass seine Backwerke zwar high machten, aber auch arm. Als ich den Geldhahn dann abdrehte, drehte er durch und verließ mich.
         Vielleicht waren das genau die Geschichten, die den Radiomenschen interessieren würden, aber so viel wollte ich nicht von mir preisgeben. Ich überlegte also, was genau ich denn erzählen wollte. Sollte ich ihm sagen, dass meine neuesten Werke grün waren und dass es sich dabei um ganz gewöhnliche Tannenbäume handelte, die ich für meine Nichten und Neffen auf Weihnachtskarten malte?
         Ich verwarf alle Gedanken, löschte den Fragenkatalog und beschloss, das Gespräch völlig unvorbereitet hinter mich zu bringen. Als am nächsten Morgen pünktlich um neun Uhr das Telefon schellte, nahm ich ab und atmete tief durch.
         „Guten Morgen! Hier ist Ihr Radio Regio Kultur. Sind Sie bereit für ein kurzes Gespräch?“
         „Bin ich!“
         „Dann stelle ich Sie jetzt zu unserem Moderator durch, toi toi toi!“
         „In der Leitung ist nun die Kiki. Guten Morgen, liebe Kiki!“
         „Guten Morgen!“
         „Kiki, ist das Ihr richtiger Name, oder handelt es sich um eine Abkürzung? Haha!“
         „Ich heiße eigentlich Kirsten!“
         „Haha, das ist ja mal eine geniale Abkürzung, haha …“
         „…“
         „Kiki, sind Sie noch da?“
         „Ja!“
         „Gut, dann erzählen Sie doch mal ein wenig von sich, haha!“
         „Was möchten Sie wissen?“
         „Na, zum Beispiel, was Sie so den lieben langen Tag machen? Haben Sie denn schon Ihre Weihnachtsgeschenke eingekauft und wenn ja, welche? Haha!“
         „Ich habe …“
         „Moment, Kiki, wir unterbrechen kurz für einen Verkehrshinweis, bin gleich wieder bei Ihnen.“
         Es erklang ein Jingle, dann der Verkehrshinweis. Ich malte in Gedanken schwarze Tannenbäume und dann beschloss ich, dass ich dieses Gespräch beenden wollte. Entschlossen drückte ich auf „Auflegen“, ging in die Küche und kochte mir einen Kaffee. Irgendwo musste noch eine Dose mit den Keksen von Nummer Zwei sein …

© Regina Meier zu Verl

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Lore       Martina         Eva          Christine
        

Kommentare:

  1. Herrlich! Der Schluss ist genial!! Als ich las, dachte ich, gut, dass ich inzwischen begriffen habe, dass du eine Geschichtenschreiberin bist. Erinnerst du dich?!?!? Wenn man seine Ehemänner nach Nr. 1 und Nr. 2 unterscheidet, ist es sicher besser, wenn man sich von ihnen trennt!!! ;-) Danke für diese Geschichte! LG Martina

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    1. Danke schön, liebe Martina,
      nun musste ich aber grinsen - ja, ich bin eine Geschichtenschreiberin und glücklicherweise habe ich nicht alles erlebt, was sich in meinen Geschichten findet. so bin ich noch immer bei Nummer Eins und das wird er für mich auch bleiben, die Nummer Eins! :)
      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. lach ich heb mir meinen Bauch so eine dooofe Nuss am Radio da hätte ich auch schwarze Tanenbäume gemalt und aufgelegt und nah bei den Ehemänner wars auf jedenfall besser zu gehen...
    Danke dir das war eine klasse Geschichte auch wenns mit den Ehemänner eher haberte!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      wie schön, dass dich die Geschichte so erheitert hat, dann habe ich mein Ziel ja erreicht.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Das war ja mal ein ganz andere Regina Geschichte, mein Bauch grummelt vor Lachen und das Interview fünf Minuten und dann nur blabla, haahaaa und die Ehemänner wunderbar abserviert, grüble bloß noch was Oliver wohl in die Kekse backte?

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    1. Liebe Lore,
      du grübelst? Dann will ich dich mal erlösen: Es waren Hasch-Kekse. Die sollen so wirken, dass man sich wie auf rosa Wolken fühlt - ich spreche in diesem Fall aber nicht aus Erfahrung!
      Liebe Grüße
      Regina

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  4. Bei diesem Radio-Interview hätte ich wahrscheinlich auch einen "Keks von Ehemann Nr. 2" gebraucht. Eine schöne Geschichte zum Schmunzeln.
    LG Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      das freut mich, dass du geschmunzelt hast - Ziel erreicht, danke!
      Herzliche Grüße an dich
      Regina

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  5. Da hast du dich selbst übertroffen! Großartig, du Liebe.
    Der Schluss ist klasse. Am besten aber gefallen mir - neben den ominösen Keksen - die schwarzen Tannenbäume *lach*
    Lieber Gruß
    Ele

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    1. Danke schön, liebe Ele,
      dein Lob freut mich sehr und motiviert mich! Mal sehen, was mir heute so aufs Papier fließt!
      Herzliche Grüße zu dir
      Regina

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  6. Danke, Regina, für Deine fantasiereiche Geschichte mit dem interessanten Inhalt.

    Das Interview abzubrechen, war die beste Idee ;)

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke, liebe Eva,
      ja, das denke ich auch, dass es besser war, das Gespräch zu beenden. Ich selbst war noch nicht in einer derartigen Situation, hätte aber wohl genauso gehandelt!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Hallo liebe Regina,
    das ist eine herrliche Geschichte, ich mußte unweigerlich schmunzeln :O)
    Ich wünsch Dir noch einen wunderschönen und gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Danke schön, meine liebe Claudia,
      der Abend war gemütlich, ich habe ihn mit Lores Geschichte auf dem Sofa verbracht und einfach ein bisschen abstand von der Hektik dieser Tage genommen.
      Herzliche Grüße zu dir
      deine Regina

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  8. Liebe Regina,
    Deine Geschichte ist herrlich! Sie erinnert mich an ein Theaterstück, das wir mal aufgeführt haben. Es hieß "Die Dichterlesung". Dem armen Poeten ging es wie Deiner Protagonistin: Es wurden so viele Reden gehalten, dass am Schluß der arme Kerl nicht mehr zu Wort kam, weil der Saal schon für die nächste Veranstaltung gebraucht wurde ...
    Ich habe herzlich gelacht! Vielen Dank für den tollen Start in den Tag...
    Liebe Grüße
    Chrisitne

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    1. Danke schön, liebe Christine,
      lach - das ist doch auch ein schönes Thema. Es ist ja oft so, dass die anderen über dich reden und du selbst nie zu Wort kommst. Ich habe einen Bekannten, der ruft mich an und plappert und plappert und am Schluss des Gesprächs sagt er: Nun sag mir noch schnell wie es dir geht, ich habe nun keine Zeit mehr! :)
      Liebe Grüße
      Regina

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  9. Lach.....so ein Radioiterview wäre mir auch zu blöd gewesen. Gott sei Dank war es nur eine Geschichte. Ist zugleich lustig und lehrreich, wie man es machen muss.... einfach auflegen. Schließlich fühlt man sich verarscht bei hahaha und blaaaablaaaa. Wünsche dir liebe Regina noch einen schönen besinnlichen Advent-Abend heute mit Plätzchen und Punsch und lieben Grüßen von mir Gerda Reichhart

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  10. Liebe Regina
    Na toll, was kann man auch in 5 Minuten erzählen und dann noch der Verkehrsfunk.
    Ein Kunststück der besonderen Art und dann noch bei Nr. 1 zu bleiben, (das habe ich auch geschafft)eine amüsante Geschichte. Gut, dass sie nicht autobiografisch ist, denn Kekse sind auf dauer zu süß, da mag man auch gern mal wieder saures.
    Herzlichste Adventsgrüsse und weiter so gute Einfälle für Geschichten wünsche ich Dir, Klärchen

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  11. hi liebe Gina, lese auch eben die geschichte und hätte dazu eine Frage...unter dem Label"reizwortgeschichte" befindet sich ein blondes Bild von dir, das sich automatisch mit auf meine google+ seite hinbiemte als ich deinen Weihnachtsglöckchen obendrüber eine g+ gab, Klärchen hatte mich darauf aufmerksam gemacht, ist das für dich in Ordnung so?...

    deine Geschichte hier hab ich schmunzelnd gelesen, wozu der von DIR ein Radiointerview wollte hast du wohl nicht erfahren dürfen...
    hab herzlich gelacht...
    in jeder geschichte steckt ein Fünkchen Wahrheit die man mit Fiktivem aufpeppt + "würzt, das machst du auch so wie ich, ich glaub das tun alle Schreiber, aber die Tatsache dass du mal (mehr als nur Strichmännchen ) maltest oder es noch tust, ist die echt?
    sehr schön erzählt....

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