Montag, 29. Dezember 2014

Das Ende der Weihnachtszeit



Das Ende der Weihnachtszeit - Eine Tannenbaumgeschichte

Niemals hätte sie gedacht, dass sie einmal zum Weihnachtsbaum werden würde. Die Tannengeschwister im Wald hatten so viel davon erzählt und in jedem Jahr waren einige von ihnen verschwunden und niemals mehr zurückgekommen. Die kleine Tanne hatte nicht gewusst, ob es erstrebenswert war, ein Weihnachtsbaum zu werden. Trotzdem hatte sie sich immer ein wenig geärgert, wenn die Menschen sie betrachtet hatten. Oft hatte sie Worte gehört wie: Die ist doch viel zu klein, geradezu mickrig. Das hatte weh getan.
In diesem Jahr hatte es geklappt. Ein Mann war mit seiner Tochter Laura in den Wald gekommen und hatte lange nach einem passenden Baum gesucht, als das Mädchen stehen blieb und rief:
„Schau hier, Papa, dieser schöne Baum ist genau richtig für uns.“
Die beiden trugen eine scharfe Säge bei sich und einigten sich schnell, dass es eine gute Wahl war, die kleine Silbertanne mitzunehmen. Als der Vater die Säge ansetzen wollte, bekam das Bäumchen heftige Angst und rief: „Halt, nicht sägen, dann sterbe ich!“
Als hätte er die Worte gehört, hielt der Mann inne. Er trat ein wenig zurück, betrachtete den Baum erneut und schüttelte den Kopf.
„Warte hier!“, sagte er zu seiner Tochter. „Dieses Bäumchen ist viel zu schade, um es abzusägen. Ich werde einen Spaten aus dem Auto holen, dann graben wir es aus.“
Glücklicherweise war der Waldboden nicht gefroren. Mitsamt aller Wurzeln wurde die Tanne in den Kofferraum geladen und dann trat sie die erste Reise seines Lebens an, hinaus aus dem Wald und hinein in eine warme Stube.
„Oh!“, staunte Lauras Mutter, „So ein schöner Baum, der ist ja niedlich! Ganz entzückend!“
Am Abend schmückte dann die ganze Familie den Baum mit bunten Glaskugeln und Strohsternen, mit Holzspielzeug und echten Kerzen. Die kleine Tanne war mächtig stolz. Wie schön es doch war, ein Weihnachtsbaum zu sein.
Es folgten glückliche Tage. Die Tanne war nie allein, denn es kamen viele Menschen zu Besuch, die Großeltern, die Nachbarn und Freunde und alle betrachteten den Weihnachtsbaum und lobten seinen schönen Wuchs und herrlichen Schmuck. Es wurden Lieder gesungen, die waren fast so schön, wie der Gesang der Waldvögel im Frühling. Die kleine Tanne war einfach nur glücklich.
Da sie in einem großen Blumentopf eingepflanzt war und regelmäßig Wasser zu trinken bekam, ging es ihr gut. Nur ab und zu war es ihr etwas zu warm und sie sehnte sich nach kühler, frischer Luft.
Als das Weihnachtsfest längst vorbei war und die Menschen wieder zur Schule gingen oder zur Arbeit, wurde es ruhiger im Wohnzimmer und die kleine Tanne fühlte sich allein.
„Morgen werden wir den Baum abschmücken und in den Garten pflanzen!“, beschloss Lauras Mutter und der Vater nickte zustimmend.
„Du hast Recht, aber ich denke, wir sollten das Bäumchen wieder an seinen alten Platz im Wald bringen.“
„Ja, Papa, das finde ich richtig“, rief auch Laura. „Ich komme mit!“
Vater und Tochter brachten die kleine Tanne zurück in den Wald. Als Laura sich verabschiedete, hängte sie ein rotes Glasherz an einen der Zweige.
„Damit ich dich immer erkennen kann, wenn ich im Wald bin und vielleicht können wir dich im nächsten Jahr wieder in unser Haus holen. Danke, kleine Tanne!“
Ein ganzes Jahr stand die Tanne wieder an ihrem Platz im Wald, freute sich über den Frühling, den Sommer und den Winter. Als es im Advent anfing zu schneien, sah man ihr rotes Glasherz schon von weitem leuchten.
„Wann kommst du, kleine Laura?“, dachte die Tanne, die so gern wieder ein Weihnachtsbaum sein wollte. Doch sie wartete umsonst.
An einem Sonntag, es war der vierte Advent, kam ein Mann einer Säge. Er schaute sich um und suchte nach einem geeigneten Baum für das Fest. Da entdeckte er die kleine Silbertanne mit dem roten Herzen.
„Na bitte“, sagte der Mann. „Hier ist doch schon ein toller Baum.“ Er setzte die Säge an; im gleichen Augenblick zerbrach das Herz aus Glas mit einem lauten Knall. Der Mann erschrak.
„Das ist kein gutes Zeichen!“, rief er. „Dich lasse ich wohl besser hier stehen!“
Er nahm seine Säge und stapfte weiter durch den Schnee.
Die kleine Silbertanne war erleichtert. War auch ihr Herz zerbrochen, so würde sie doch weiterleben und wieder einen Frühling, Sommer und Herbst erleben.

© Regina Meier zu Verl 2011

Kommentare:

  1. Eine schöne Geschichte! Ich litt richtig mit der kleinen Tanne mit. Schade, dass Laura nicht wieder kam. * seufz * ��

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  2. So, nun habe ich es geplant: am 01.01.2015 erscheint deine Geschichte bei mir musikhai.wordpress.com als Reblog!
    Danke, dass du das genehmigt hast!

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    1. Gerne, liebe Katrin,
      ich freue mich!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Liebe Regina,
    danke für eine wider wunderschöne Geschichte! So schön, daß dide kleine Silbertanne stehenbleiben durfte :O)
    Ich wünsche Dir noch eine schöne Zeit bis zum Jahreswechsel!
    Komm gut durch die letzten Tage im alten Jahr!
    ♥ Allerliebste Grüße ,Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia,
      ich wünsche dir auch einen schönen Abend und morgen dann einen guten Rutsch ins neue Jahr. Wir haben morgen Gäste zum Frühstück und am Abend sind wir mit Schwiegertochter und Enkelkind bei uns und essen Raclette. Lukas will bis Mitternacht aufbleiben, mal sehen, ob er das schafft ...
      Liebe Grüße
      deine Regina

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  4. Oh, eine ganz entzückende Geschichte hast du da geschrieben. Das Herz aus Glas, es zerbrach, aber die Tanne lebt! Wundervoll! LG Martina

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    1. Danke schön, liebe Martina,
      auch für das schöne Gespräch heute Mittag, das wir ja leider so plötzlich unterbrechen mussten ... aber das Wichtigste war ja gesagt und nun freue ich mich auf unsere "geheimen" Pläne im neuen Jahr!
      Alles Liebe und einen guten Rutsch
      Regina

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  5. Liebe Regina
    ein so schöne Geschichte wieder und das Ende jedes Mal wenn eine Silbertanne ich sehe werde ich mich fragen ist sie es..
    Lieben Gruss Elke

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    1. Liebe Elke,
      danke für deinen lieben Kommentar. Sie hat sicher noch viele Geschwister und möglicherweise steht eins von ihnen bei dir in der Nähe! :)
      Herzliche Grüße und einen guten Rutsch ins neue Jahr
      Regina

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  6. Hallo Regina,

    eine schöne weihnachtliche Geschichte, wer kann schon sagen was die Bäume empfinden ^^

    Ich wünsche Dir und Deiner Familie ein gesundes und zufriedenes Jahr 2015
    und viele schöne Geschichten :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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