Donnerstag, 27. November 2014

Von Engeln und Bratäpfeln - eine Kindheitserinnerung

Weihnachtsfeier auf der Donnerburg (1960)

„Wenn du dein Brot nicht aufisst, nehmen wir dich heute Abend nicht mit auf die Donnerburg!“
Ich wusste, dass meine Oma das genauso gemeint hatte, wie sie es sagte und würgte die kleinen Häppchen mit Sülze hinunter. Dabei musste ich gut aufpassen, dass das, was ich schluckte auch unten blieb. Ich ekelte mich so sehr und bekam Gänsehaut und Schweißausbrüche.
Irgendwie schaffte ich es aber dann doch, das verhasste Butterbrot zu entsorgen, denn jedes Mal, wenn Oma sich umdrehte, warf ich ein Bröckchen aus dem Fenster, das auf Kippe stand. Die Vögel werden ihre Freude daran gehabt haben, denn es war Winter und es lag eine dichte Schneedecke. Auf der Donnerburg sollte am Abend einen Weihnachtsfeier stattfinden. Ich wollte so gern mitgehen.
Am späten Nachmittag wurde ich dann chic gemacht, ich trug ein kariertes Flanellkleidchen und eine weiße Wollstrumpfhose. Das Kleid in Rottönen hatte ebenfalls einen schneeweißen Kragen. Braune Lederschuhe mit Schnüren passten nicht so recht dazu, aber wir hatten einen weiten Weg vor uns und das Schuhwerk musste warm und bequem sein.
Mein Opa war auch schon fix und fertig, nur Oma musste noch ins Bad und so warteten mein Großvater und ich in seinem kleinen Treibhaus, in dem es im Winter ganz besonders gemütlich war. Die Scheiben waren beschlagen und im Bollerofen lagen zwei Bratäpfel, die einen wunderbaren Duft verströmten und mit gutem Appetit von mir verzehrt wurden.
Dann sangen wir das Lied vom kleinen Apfel, mein Opa begleitete mich auf seiner Laute und ich sang alle Strophen, ich war fünf Jahre alt und Opa sagte immer, dass ich singe wie eine Nachtigall.
Mit dem Stadtbus fuhren wir ein Stück und dann ging es zu Fuß weiter bis zu dem Restaurant, das mitten im Wald lag. Schon von weitem konnten wir die festliche Beleuchtung sehen.
Um große runde Tische hatten sich Sänger und Sängerinnen des Kirchenchores versammelt, ich schüttelte viele Hände und jedes Mal, wenn mein Opa mich vorstellte, sagte er stolz: „Das ist Regina, mein Enkelkind!“
Irgendwann klopfte er dann an sein Weinglas und es wurde ganz still im Raum.
„Meine Enkeltochter wird euch etwas vorsingen“, sagte Opa und hob mich mit einem Satz mitten auf den Tisch.
Er nahm seine Laute und spielte, ich begann zu singen und es machte mir gar nichts aus, dass so viele Leute zuhörten.
Ich bekam viel Lob. Das war mein erster öffentlicher Auftritt, der in guter Erinnerung bei mir blieb. Denn es geschah noch etwas, das ich ebenfalls niemals vergessen werde.
Eine Cousine meiner Mutter, Karin, war auch Gast. Sie freute sich so sehr über mich, dass sie mir etwas Schönes zeigen wollte. Sie nahm mich an der Hand und ging mit mir in den Keller, wo eine Schar von Engeln auf ihren Auftritt wartete. Sie waren wunderschön und ihre Kleider glitzerten. Auf dem Kopf trugen sie goldene Reifen. Ich konnte mich gar nicht satt sehen, denn ich war davon überzeugt, dass es echte Engel waren. Ich stolperte auf der Treppe, weil ich vor lauter Ehrfurcht nicht auf die Stufen achten konnte. Ein Engel sprach mich an, doch ich verstand ihn nicht. Wahrscheinlich sprach er „englisch“.
© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. leider bin ich keine Engel, deshalab spreche ich auch so schlecht "englisch" (schmunzeln) Wünsche dir einen schönen Tag und sende liebe Grüße, Lore

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  2. Wusste gar nicht , dass man beim Schreiben auch stottern kann "deshalab"

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  3. Ahhh, englisch - daher kommt das. Eine ganz bezaubernde Geschichte, liebe Regina! Diese Sache mit dem Aufessen, auch wenn man etwas nicht mochte, war früher wohl gang und gäbe. Gott sei Dank müssen die Kinder es heute nicht mehr. Durch deine Geschichte habe ich gerade überlegt, wann mein erster öffentlicher Auftritt war. Es war eine Weihnachtsfeier der Schule und ich war die Maria. Der Joseph von damals lebt auch noch hier im Ort. Lange habe ich nicht mehr daran zurück gedacht! Danke und LG Martina

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    1. Die Maria war ich auch später, mein Josef wohnt ebenfalls ganz hier in der Nähe, witzig!

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  4. Guten Abend liebe Regina,
    da hab ich auch wieder was gelernt .... ich dachte immer, "englisch" kommt aus England *schmunzel*
    Eine schöne Kindheitserinnerung! Danke fürs teilen, Du Liebe!
    Ich wünsche Dir ein wunderschönes Adventswochenende!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  5. Liebe Regina
    Eine schöne Geschichte aus deiner Kindheit, mich erinnerte es an Kutteln die ich essen musste ahh kratzten die im Hals widerlich.. das mit den Engeln war goldig ja mit 5 Jahren kann sie auch noch überall sehen*zwinker*
    Ich wünsche dir noch eine gute Nacht schlaf schön!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön liebe elke,
      du hast Recht, ich sollte nun ins Bett gehen! Schlaf du auch gut!

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  6. Bei mir waren es Rote Beete, die ich auf den Tod nicht leiden konnte - und auch heute noch nicht mag ...
    Eine wunderschöne Geschichte aus Deiner Kindheit, Regina, und sie passt so gut in die Vorweihnachtszeit!

    Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Danke schön, Christine,
      Rote Beete mochte ich als Kind auch nicht - heute aber doch, zu Bratkartoffeln!
      Liebe Grüße
      Regina

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  7. Jetzt habe ich eine Lösung gefunden, zu rebloggen! \o/
    http://musikhai.wordpress.com/2014/12/03/reblog-von-engeln-und-bratapfeln/

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    1. Super, das hat ja doch geklappt, danke schön, liebe Katrin, ich freue mich!
      Liebe Grüße
      Regina

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  8. Als Kind habe ich mich vor Bratwurst geekelt. Kindheitserinnerungen sind doch immer wieder erwähnenswert, besonders, wenn sie den Kontrast zur heutigen Zeit widerspiegeln.

    Liebe Grüße von mir zu dir ♥

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    1. Liebe Gaby,
      Sülze kann ich bis zum heutigen Tage noch nicht essen - komisch! Bratwürstchen mag ich allerdings ganz gern.
      Ich finde auch, dass man in den Erinnerungen immer wieder mal was findet, aus dem man eine Geschichte machen kann!
      Danke und herzliche Grüße
      Regina

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