Dienstag, 25. November 2014

Reizwortgeschichte: Die Strafarbeit




Feuerprobe - Neigung - zürnen - beschäftigen - kritisch 

Die Strafarbeit

„Na, wie war es heute in der Schule?“, begrüßte Frau Wagner ihren Sohn.
Tom antwortete nicht. Er stürmte die Treppe hoch und ließ mit einem lauten Knall die Tür seines Zimmers ins Schloss fallen.
„Da hat aber einer schlechte Laune“, murmelte Frau Wagner und fragte sich, ob sie ihm folgen sollte, oder ob er zuerst seine Ruhe brauchte. Sie entschied sich für den Mittelweg, indem sie nach oben ging, vor der Tür dreimal tief durchatmete und dann leise anklopfte.
„Lass mich in Ruhe!“, erklang es von drinnen.
„Okay! Wenn du mich brauchst, dann weißt du ja, wo du mich findest!“
Sie ging wieder in die Küche und deckte den Tisch. Spinat und Spiegelei stand auf dem Essensplan, wie fast jeden Donnerstag. Das war Toms Lieblingsessen und sicher würde ihm das gleich einfallen und dann würde er schon kommen.
         Am Vorabend hatte sie einen Plätzchenteig angesetzt, der nun im Kühlschrank ruhte. Sie beschloss, mit dem Backen anzufangen. Der Duft der Plätzchen würde Tom aus dem Zimmer locken. Er naschte doch so gern vom Teig und vielleicht würde er dann erzählen, was vorgefallen war.
         Schon bald zog der Geruch von Weihnachtsplätzchen durch das Haus und erreichte auch Tom in seinem Zimmer. Er schnupperte, versuchte aber der Versuchung zu widerstehen. Zwecklos! Außerdem konnte seine Mutter ja nichts dafür, wenn die in der Schule so blöd waren!
         Tom ging ins Bad, erfrischte sein Gesicht mit kaltem Wasser, damit Mama die verheulten Augen nicht sehen konnte und schlich dann die Treppe hinunter.
         „Hallo, da bist du ja. Sicher hast du Hunger, oder?“, fragte Mama und Tom nickte. Er setzte sich an den Tisch und aß schweigend aber mit sichtlich gutem Appetit. Nachdem er die dritte Portion Kartoffelpüree verdrückt hatte, fand er auch seine Stimme wieder.
         „Mama, fandest du die Schule auch so schrecklich?“, fragte er mit vollem Mund.
         Frau Wagner legte das Besteck zur Seite.
         „Manchmal!“, antwortete sie und sah ihren Sohn kritisch an. Natürlich bemerkte sie, dass er geweint hatte. „Eigentlich bin ich gern hingegangen, aber es gab da so ein Mädchen, die mich nicht leiden konnte. Vor der habe ich Angst gehabt, denn sie ließ sich so einiges einfallen, mit dem sie mich schikanieren wollte.“
         „Echt?“ Tom war überrascht, dass seine Mutter Angst gehabt hatte. Sie war doch immer mutig und meisterte die schwierigsten Situationen.
         „Ja, echt! Ab und zu hatte ich deswegen morgens Bauchschmerzen und mochte gar nicht mehr in die Schule gehen.“
         „Und was hast du gemacht? Wurde es irgendwann besser?“
         „Ich habe meinem Vater alles erzählt und der hat mir dann geholfen zu verstehen, warum mich dieses Mädchen immer geärgert hat. Sie war nämlich eifersüchtig auf mich, weil ich bei der Lehrerin einen Stein im Brett hatte!“
         „Einen Stein im Brett?“
         „Das ist ein altes Sprichwort aus dem Mittelalter und bedeutet, dass die Lehrerin mich gern leiden mochte, weil ich wissbegierig war und das hat ihr gefallen.“
         „Ach so!“
         “Und du? Hast du auch einen Stein im Brett bei deinem Lehrer?“
         Tom grinste und schnappte sich ein Plätzchen.
         „Wohl eher nicht!“, gestand er. „Ich habe heute eine Sonderaufgabe bekommen, weil ich den Unterricht gestört habe. Dabei wollte ich nur schnell aus dem Fenster gucken, weil die Feuerwehr mit lautem Tatütata vorbeifuhr und dabei habe ich die Blumenvase auf der Fensterbank umgeworfen und die ist mit lautem Knall auf den Boden gefallen und dann ist das Wasser auf den Fußboden geflossen und als ich dann schnell zurück zu meinem Platz wollte, bin ich ausgerutscht und hingefallen und alle haben gelacht. Ich fand das aber gar nicht lustig und Herr Kroll auch nicht. Der war wütend! Er hat mich angebrüllt: Du sollst dich mit deinen Aufgaben beschäftigen, Tom, wie oft habe ich dir das schon gesagt?“
         Endlich war es raus. Frau Wagner schmunzelte. So schlimm war das nun auch nicht, fand sie. Das sagte sie ihrem Sohn allerdings nicht.
         „Und nun musste du eine Strafarbeit machen?“
         „Ja, drei blöde Wörter hat er mir aufgeschrieben, die ich noch nie gehört habe. Ich soll einen Aufsatz darüber schreiben, mindestens eine Heftseite lang.“
         „Wie lauten die drei Wörter denn?“
         „Feuerprobe, Neigung und zürnen!“
         „Ach herrje, das sind schwierige Wörter und auf Anhieb fällt mir auch gar kein Zusammenhang ein …“, Frau Wagner biss sich auf die Lippen. Sie würde ihrem Sohn helfen, aber zunächst musste sie selbst mal überlegen, wie sie ihm die Wörter näher bringen konnte.
         „Weißt du was? Wir backen nun erstmal den restlichen Plätzchenteig und dann wird uns schon was einfallen!“, schlug sie vor.
         Tom war einverstanden und plötzlich hatte er eine Idee. Er holte schnell sein Heft aus dem Tornister und schrieb:
        
         Wenn meine Mutter und ich Plätzchen backen, dann macht das immer viel Spaß. Mama macht den Teig und rollt ihn aus und ich steche dann die verschiedenen Formen aus. Damit die Plätzchen nicht verbrennen, machen wir zuerst immer eine Feuerprobe und testen, ob der Backofen die richtige Temperatur hat. Dann stoppen wir die Zeit und wissen somit, wie lange die Plätzchen im Ofen bleiben müssen. Das erste Blech ist also das Probeblech. In diesem Jahr haben wir einmal etwas Neues ausprobiert. Nachdem ich die Tannenbäumchen ausgestochen hatte, habe ich sie ein wenig umgeformt, einige bekamen eine Neigung nach rechts, andere eine Neigung nach links. Im Wald sind sie ja auch nicht immer ganz gerade und gleichen einander, wie ein Ei dem anderen.

         „Puh, fast alle Wörter untergebracht, nur noch eins!“, rief Tom begeistert aus und las seiner Mutter den Text vor.
         „Klasse, Tom! Dann sage ich dir mal den Schlusssatz!“

Wenn ich allerdings zu viel vom Teig nasche, dann zürnt mir meine Mutter und warnt mich, dass ich Bauchschmerzen bekommen werde!

         „Mama, du bist die Beste“, lobt Tom und drückt seiner Mama einen Kuss mitten auf die Schnüss. „Du hast bei mir einen Stein im Brett!“

© Regina Meier zu Verl
        
          

Kommentare:

  1. Ich habe mich gerade köstlich amüsiert! Tolle Idee, die Feuerprobe und die Neigung zu 'verwursten' - obwohl, nein, es waren ja Plätzchen und keine Würstchen!! :-) Herrliche Geschichte - Danke dafür! Martina

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    1. Danke schön, Martina,
      freut mich, dass dieser "Schnellschuss" gelungen ist!
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Eine wunderschöne Geschichte.Und die passt sogar gut in die Adventszeit.Toll !!!!!
    Liebe Grüße Christa...

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    1. Danke schön, Christa,
      fürs Lesen und den lieben Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. hihi das war so schön liebe Regina ich schmunzelte über die kluge Mama und das schöne das Ende mit seiner Geschichte!!!
    Ein wunderbare Geschichte dankeschön!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke!
      Freut mich sehr, dass die Geschichte so gut ankommt!
      Liebe Grüße
      Regina

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  4. Eine ganz tolle, amüsante Geschichte!
    Ich bin gerade mit einem Lachen in den Tag gestartet ....
    Liebe Grüße
    Christine

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    1. Danke schön, Christine,
      das freut mich und es freut mich auch, dass du demnächst mit von der Partie sein wirst!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Liebe Regina, es ist eine wunderbare Geschichte und passt in diese Zeit. Was mir noch gefällt, die Mutter reagiert wunderbar auf die Stimmung des Sohnes und hilft ihm großartig. Hab vielen Dank.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Vielen Dank, liebe Margot!
      Es tut einfach gut, wenn so liebe Kommentare kommen und es motiviert, immer weiter zu schreiben!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Danke, Regina, für diese wundervolle Geschichte. Es ist schön, wenn Kinder Vertrauen haben können zu den Eltern und aufgefangen werden. Erinnert mich sehr an die Zeit mit meinen Kindern :)

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön, liebe Eva,
      ja, ich bin auch oft in Gedanken noch in der Zeit, als meine Kinder "klein" waren. Schön ist das, in Erinnerungen zu schwelgen!
      Liebe Grüße
      Regina

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  7. Eine schöne Geschichte und gut, dass man die Kinder, zumindest wenn sie noch kleiner sind, mit Plätzchenteig aus der Reserve locken kann.
    LG Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      stimmt, mit Plätzchenteig kann man wunderbar locken, das klappt sogar heute noch bei uns!
      Liebe Grüße
      Regina

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  8. Das hast du mal wirklich gut hingekriegt und ich verhülle mein Haupt vor Scham, man kann also doch aus diesen schrecklichen Worten eine wunderbare Geschichte schreiben. Hahahaaa

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  9. Hallo liebe Regina,
    Du hast aus diesen, wie ich finde, schwierigen Wörtern, wieder eine zauberhafte Geschichte geschrieben! Vielen Dank dafür!
    Ich wünsche Dir noch einen wunderschönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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  10. Es waren schwierige Wörter, aber Regina du hast eine wundervolle Geschichte aus Tom, Strafarbeit, Mama und Plätzchenteig gezaubert. Danke dir dafür und jetzt hüpf ich beruhigt ins Bettchen. Liebe Grüße Gerda R.

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