Dienstag, 4. November 2014

Reizwortgeschichte: Der Geburtstag



Stimme - Treppe - verstehen - zerbrechenverrückt (Regina)



Der Geburtstag

            „Mutter, reichst du mir bitte das Brot?“, bat Christine ihre Mutter. Keine Reaktion.
            „Mutter?“  Christine erhob sich, ging um den Tisch herum und berührte die alte Dame sanft an den Schultern.
            Frieda Gärtner schreckte zusammen, so, als käme sie aus einer ganz anderen Welt.
            „Was ist denn?“, fragte sie erstaunt.
            „Hast du geträumt, Mutter?“ Christine lächelte, nahm den Brotkorb und setzte sich wieder auf ihren Platz.
            Mechanisch führte Frieda die Kaffeetasse zum Mund und trank einen Schluck, bevor sie antwortete.
            „Ich musste gerade an deinen Vater denken. Du weißt ja, was heute für ein Tag ist!“
            Christine blickte zum Kalender, der neben der Küchenuhr seit vielen Jahren seinen Platz hatte. Wie jeden Morgen hatte die Mutter zuallererst das Kalenderblatt entfernt, um den neuen Tag zu begrüßen. Es war der 24. November.
            Schuldbewusst erhob sich Christine erneut. Sie umarmte ihre Mutter und küsste sie auf die Wange.
            „Stimmt ja, ich bin wohl noch nicht ganz wach. Heute ist Vaters Geburtstag. Er wäre heute 87 Jahre alt geworden, nicht wahr?“
            Frieda nickte. Tränen schimmerten in ihren Augen.
            „Lass uns nach dem Frühstück die letzten Dahlien aus dem Garten zu einem dicken Strauß binden und dann fahren wir später zum Friedhof und zünden eine Kerze an, ja?“, schlug Christine vor. „Und danach gehen wir beide zum Friseur, denn ich habe für heute Abend eine Überraschung! Natürlich habe ich seinen Geburtstag nicht vergessen.“
            Frieda tupfte ihre Tränen mit dem riesigen Taschentuch ab, das sie aus dem Ärmel ihrer Strickjacke geholt hatte. Dann schnäuzte sie kräftig die Nase und lächelte.
            „Was für eine Überraschung denn?“, frage sie neugierig.
            „Das verrate ich nicht, denn dann wäre es ja keine mehr!“

            Nach dem Frühstück gingen die beiden Frauen in den Garten und stellten einen herrlichen Blumenstrauß zusammen. Die Dahlien blühten noch in den prächtigsten Farben. Rote, gelbe, orange und pinkfarbene Blüten schnitten sie ab und arrangierten sie in einer großen Vase. Dann machten sie sich auf den Weg zum Friedhof.
            Heinz Gärtners Grab lag unter einer Birke, die ihre goldenen Blätter wie einen Teppich auf die Erde geworfen hatte.
            „Soll ich die Harke aus dem Auto holen?“, fragte Christine. Doch die Mutter wehrte ab. „Lass nur, wir lassen das so. Er hat den Herbst so geliebt, er würde nicht wollen, dass wir das Laub entfernen. Weißt du noch, was er immer gesagt hat?“
            Christine nickte. „Oh ja, das Laub bietet den Tieren Unterschlupf und es schützt das, was in der Erde ruht und im Frühjahr dann neues Leben zeigt! Er hat es nie verstanden, dass manche Leute jedes Blättchen aus dem Garten sammelten, um es zu entsorgen.“
            „Die sind ja alle verrückt! Das hat er immer gesagt. Ich höre noch heute seine Stimme!“
            Christine stellte den wunderbaren Strauß mitten ins Birkenlaub. Dann holte sie ein Grablicht aus ihrer Manteltasche und zündete es an. Andächtig standen die beiden Frauen Arm in Arm noch eine Weile da. Ganz allein waren sie zu dieser frühen Stunde auf dem Friedhof. Der Morgennebel hatte sich aufgelöst und die Sonne schickte erste Strahlen durch die Zweige der Bäume.
            „Ach, Heinz“, flüsterte Frieda. „als du damals von uns gegangen bist, da dachte ich, dass ich daran zerbrechen müsste. Aber schau, wir haben ja unsere Tochter, sie ist für mich da. Ist das nicht wunderbar?“
            Mutter und Tochter umarmten sich. Sie waren sich ganz nah in diesem Moment des gemeinsamen Erinnerns an einen Menschen, den sie beide so sehr geliebt hatten.

            Im Café nahe dem Waldfriedhof tranken sie eine Tasse Kaffee. Dann war der Friseurbesuch angesagt und am Abend wollten sie dann, wie immer in den letzten 24 Jahren gemeinsam zum Essen gehen. Rolf, Christines Ehemann hatte seine Schicht so gelegt, dass er dabei sein konnte. Zu dritt machten sie sich auf den Weg zum Restaurant, in dem die Eltern schon ihre Silberhochzeit gefeiert hatten. Der Tisch auf einem Podest in der Fensternische war für sie reserviert.
            Zielstrebig steuerte die Mutter diesen Platz an. Vor der dreistufigen Treppe stoppte sie und hielt den Atem an. Am Tisch erhob sich ein großer Mann, der jetzt lächelnd auf sie zukam.
            „Meine kleine Mama!“, rief der Mann und drückte und herzte Frieda.
            „Michael, dass du da bist!“
            Drei Jahre hatten sich Mutter und Sohn nicht gesehen. Nur Briefe und Telefonate gab es zwischen ihnen, da Michael seit vielen Jahren in den USA lebte. Große Sehnsucht hatte Frieda nach ihm gehabt, aber fast hatte sie die Hoffnung aufgegeben, ihn noch einmal im Leben in die Arme schließen zu dürfen. Frieda war glücklich.
            „Michael, dass du da bist!“, sagte sie an diesem Abend nicht nur einmal. Vor ihr lagen drei Wochen, die sie gemeinsam mit ihren beiden Kindern verbringen durfte.
            Als sie am Abend in ihrem Bett lag betete sie, wie jeden Abend:
            „Danke Gott, für diesen Tag. Heute war es ein ganz besonders schöner Tag. Michael ist gekommen und wir haben einen so schönen Abend verbracht. Christine hat alles so schön vorbereitet. Ich danke dir für diese wunderbaren Kinder und pass schön auf meinen Heinz auf, darum bitte ich dich. Amen.“

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Danke, liebe Regina, für diese rührende und berührende Geschichte, die mir sehr gefällt!

    Ich sah Michael direkt vor mir stehen beim Tisch auf dem Podest, so gut geschrieben.

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön, Eva,
      das freut mich sehr!
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina, was für eine schöne Geschichte. Mit deiner Geschichte kommen mir viele Erinnerungen an mein Leben zurück. Du schreibst so lebendig. Danke.
    Einen schönen Tag und liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe Margot,
      danke für deine immer so lieben Kommentare!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Liebe Regina
    was für eine wunderbare berührende Geschichte ich spürte die Trauer und auch das Glück ..wie nah doch die Gefühle liegen und da sein sollen. Gerade mit dem Laub ist eine wunderbarer Dialog!
    Danke für diese schöne Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      ich freue mich über deinen lieben Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Auch mich hat die Geschichte berührt und weißt du was, ich weiß von zwei Menschen, die genau an dem Tag im November Geburtstag haben. Eine Frau und ein Mann. Die Frau kenne ich ziemlich gut, obwohl sich hin und wieder Seiten bei ihr zeigen, mit denen ich gar nicht so einverstanden bin und den Mann kenne ich nur aus Erzählungen. Aber es muss ein ganz wunderbarer Mensch gewesen sein, denn wie ich hörte, inspiriert er hin und wieder seine Tochter zu ganz grandiosen Geschichten! Danke und LG Martina

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    1. Danke, liebe Martina,
      ja, ich kenn sie alle beide un d ich mag sie auch alle beide total gern <3
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Der Heinz würde sich freuen, wenn er unseren Garten sehen könnte. Wir haben nämlich ganz viel Laub. Eine sehr schöne und berührende Geschichte ist Dir wieder gelungen.
    LG Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      ja, er mochte das Laub, der Heinz und ich auch!
      Liebe Grüße
      Regina

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  6. eine wunderschöne sehr innige Geschichte die tief zu Herzen geht,bildhaft stark geschildert sodass die Gefühle fast zu sehen sind die beide bewegen...
    herzlichst Angelface

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    1. Liebe Angel,
      das ist ein sehr liebes Kompliment. Vielen Dank und
      herzliche Grüße
      Regina

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  7. Hallo meine liebe Regina,
    danke für diese wieder so wunderbare und gefühlvolle Geschichte. fast hätte ich Tränen in die Augen bekommen, denn die Geschichte erinnerte mich an den Tag, wo mein PApa gestorben ist .............
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Meine liebe Claudia,
      vielen dank für deinen lieben Kommentar. Es ist schön, dass die Geschichte berührt und Erinnerungen wachruft. Der November ist der Monat des Gedenkens, ich spüre das in diesem Jahr sehr ausgeprägt.
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  8. Geht zu Herzen, deine Geschichte. ..gut erzählt ..
    Gruß vonne rGrete

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    1. Vielen Dank, liebe Grete,
      ich freue mich, dass die Geschichte dein Herz berührt hat!
      Liebe Grüße
      Regina

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  9. Eine berührende Geschichte, so wie sie das Leben schreibt, Du hast es gut umgesetzt. Wie schön, das beide Kinder da sind und ihre Mutter unterstützen.
    herzlichste Grüsse, Klärchen, die momentan wenig Zeit hat zum Lesen

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    1. Liebe Klärchen,
      ich freue mich, dass du Zeit fürs Lesen gefunden hast. Ich wünsche dir, dass du bald wieder mehr Ruhe hast, um all das zu tun, was dir Freude macht
      herzlichst
      Regina

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  10. Liebe Regina, eine Erzählung, die mein Herz berührt, danke dir dafür. Bekomme davon Gänsehautfeeling und werde erinnert an meinen Mann, der im März 2013 verstorben ist. LG. von Gerda R.

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    1. Danke schön, liebe Gerda,
      da sind die Erinnerungen an deinen Mann noch ganz frisch. Es dauert, bis man die Trauer verarbeitet hat. Ich kann das gut nachempfinden.
      Herzliche Grüße und alles Liebe
      Regina

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