Dienstag, 18. November 2014

Für meinen Sohn zum 17.11.2014




Ihr Lieben,
letzte Woche musste ich aussetzen und auch diese Woche bin ich noch immer unter den Eindruck des Verlustes meiner Freundin, so dass mir gar nichts richtig gelingen will. Gestern aber überwog eine Freude, die mich zu der nachfolgenden Geschichte angeregt hat. Diese "Geschichte" ist sehr persönlich und eigentlich müsste sie viel länger sein. Nachfolgendes ist also nur ein Auszug dessen, was ich offen zu teilen bereit bin.



Für meinen Sohn

Es war ein regnerischer Tag im November des Jahres 1985. Anne stand am Fenster, hatte die Hände auf ihren Bauch gelegt und sprach mit ihrem Kind.
            „Was meinst du? Ist deine Zeit nun gekommen, das Licht der Welt zu erblicken?“, fragte sie und lächelte. „Du hast dir den November ausgesucht und es bleiben nur noch ein paar Tage!“
            Anne horchte in sich hinein, so, als erhielte sie eine Antwort von dem Kind, das da in ihr wuchs. Der Bauch bewegte sich, das Baby war wohl auch schon wach. Deutlich konnte Anne die Bewegungen spüren. Sie erinnerte sich an das Gefühl, als sie zum ersten Mal das Leben in sich gespürt hatte. Ein bewegender Moment war das gewesen, im wahrsten Sinne des Wortes.
            „Es ist alles vorbereitet“, flüsterte Anne und streichelte den Bauch. Ihr Rücken schmerzte und als Rolf hinter sie trat und ihr sanft die Schultern massierte, lehnte sie sich dankbar an ihn. „Das tut gut!“
            „Ich mache mal das Frühstück, mein Schatz!“, schlug Rolf vor, doch Anne schüttelte den Kopf. „Ich mag nichts essen, ich habe das Gefühl, dass unser Kind heute kommen möchte.“
            Anne wusste nicht genau, ob es Wehen waren, die die Schmerzen verursachten. Sie hatte ja noch nie ein Kind bekommen. Ihre Mutter hatte gesagt: „Wenn ist soweit ist, dann wirst du es schon merken!“
            Die Tasche war gepackt, das Kinderzimmer vorbereitet und es war Sonntag. Rolf würde den ganzen Tag bei ihr sein. Das war beruhigend. Anne hatte ein wenig Angst, doch die Freude auf das Baby überwog und so stand der Ankunft des Kindes nichts im Weg. Den ganzen Tag verbrachte Anne liegend, laufend und am Fenster stehend, so, als könne sie da draußen erkennen, wann die Zeit gekommen war, ins Krankenhaus zu fahren.
            Hilfsbereit brachte Rolf  Annes Lieblingstee und eine warme Decke, wenn Anne fröstelte, oder er öffnete weit die Terrassentür, wenn ihr heiß wurde. Er massierte ihren Rücken, versteckte ihre Füße unter seinem Pullover, um sie zu wärmen, erzählte ihr Geschichten oder sang ihr vor.
            Am späten Nachmittag wurden die Schmerzen heftiger und Anne wusste, dass sie sich nicht täuschte und ihr Kind sich auf den Weg machte. Rolf sang gerade das Lied vom Kapitän, der ihn auf die Reise mitnehmen sollte.
            „Bevor du auf eine Reise gehst, sammle bitte meine Sachen zusammen und bring sie ins Auto. Wir müssen los!“ Anne erhob sich vom Sofa. „Ich möchte nur noch kurz meine Mutter anrufen, dann kann es losgehen!“
            Es war Sonntag, der 17. November 1985. Um 21.25 Uhr hörte Anne des ersten Schrei ihres Sohnes und als er ihr auf den Bauch gelegt wurde, durchströmte sie ein Glücksgefühl, das sie in ihrem Leben noch nie erlebt hatte. Blind vor Tränen streichelte sie immer wieder liebevoll den Kopf des Kindes. „Dass du endlich da bist!“, flüsterte sie immer wieder und lehnte dankbar den Kopf an die Schulter ihres Mannes.
            „Ist er nicht wunderschön?“, fragte sie immer wieder. Rolf konnte nur nicken, seine Stimme gehorchte ihm nicht, so ergriffen war er und auch er weinte – Freudentränen.

Mein lieber Philip,
zu deinem 29. Geburtstag habe ich dir diese Geschichte geschrieben. Die Namen habe ich verändert, doch alles andere war genauso, wie du es hier lesen kannst. Natürlich hat Papa nicht gesungen, das hat er noch nie gemacht. Aber es war erforderlich für den Fortgang der Geschichte und du weißt ja, dass meine Fantasie manchmal mit mir durchgeht.
Heute bist du erwachsen, hast selbst einen Sohn und weißt, was für ein Gefühl das ist, ein Kind zu haben – ist es nicht ganz wunderbar?
Ich liebe dich sehr!
Deine Mama

© Regina Meier zu Verl 17.11.2014


Lores Geschichte         Martinas Geschichte               Evas Geschichte
                       
           

Kommentare:

  1. Mir laufen die Tränen...voller Berührung, Verständnis und Dankbarkeit. Eine wunderbare Geschichte - mitten aus dem Leben. Herzlich, Frau Schritt

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  2. Liebe Regina, es ist eine wunderschöne, wahre Geschichte und sie ist deinem Sohn gewidmet. Durch diese Geschichte wird er deine Liebe spüren. Vielen Dank, dass wir mitlesen durften. :-)

    Liebe Grüße, Margot.

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  3. Ich mußte schmunzeln, wie verschieden doch die Stunden vor einer Geburt verlaufen. Meine Tochter wurde im Mai geboren, es war schon zwei Tage drüber. Ich hatte mich schon wieder mit Rhaberberkuchen "vollgestopft". Bauchweh kam, schlecht wurde mir, mein Mann war nicht da, mein Vati sagt: Du mußt nun los, das Kind kommt. Ich: nee, das ist der Rhabarberkuchen. Dann kam doch noch der Krankenwagen, ein Auto hatten wir ja 1962 nicht. Dann kam gegen 4 mein Rhabarberkuchen und jedes Jahr muß ich an ihrem Geburtstag daran denken.
    Alles Gute für Deinen Sohn.
    Liebe Grüße
    Brigitte

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    1. Danke, liebe Brigitte,
      das ist witzig, mit dem Rharbarbakuchen, so etwas vergisst man nie!

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  4. Liebe Regina, heute fällt mir nicht viel zu deiner Geschichte ein.
    Eigentlich nur ein Wort: Wundervoll!!!! LG Martina

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  5. Liebe Regina,
    ich kann mich da nur Martina anschließen, wunderschön!
    LG Elke

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  6. Hallo Regina, deine Geschichte trifft den Nerv jeder Mama. Danke dass ich mitlesen durfte und deinem Sohn alles Gute zum Geburtstag am 17.11.Sehr schön geschrieben wie nur eine Mama schreiben kann. LG Gerda R.

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    1. Werde ich ausrichten, danke schön, liebe Gerda!

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  7. Danke, Regina, für diese persönlichen Zeilen! Sie erinnern mich sehr an die Zeit, als meine 3 das Licht der Welt erblickten :)

    Alles Liebe
    Eva :)

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  8. Hallo meine liebe Regina,

    eine wunderschöne Liebeserklärung an Deinen Sohn! Sehr berührend!

    Ich wünsch Dir noch einen gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße und eine ganz liebe Umärmelung, Deine Claudia ♥

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    1. Auch für dich eine Umärmelung, liebe Claudia und danke schön!

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  9. Liebe Regina, welch eine schöne Geschichte von der Geburt deines Sohnes. Du ich fühlte mich von deiner Geschichte so animiert, dass ich meiner Tochter, die nächstes Jahr den 50.zigsten feiert, über ihre Geburt und die davor einher gehenden 9 Monate auch eine Geschichte schreiben werde. Danke dir für die Anregung - ist aber wieder eine ganz andere Geschichte geworden, als die Deine!!!! Liebe Grüße Gerda R.

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    1. Das ist schön, dass meine Geschichte dich dazu angeregt hat - freu!

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  10. wunderschön, so realistisch, so berührend
    danke fürs lesen dürfen
    Sophie

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  11. Liebe Regina
    ach was für eine berührende Geschichte aus deinem Leben und die Liebe zu deinen Sohn liest man in jeden Wort raus. Dank für diese gefühlsvolle Geschichte!
    Schönen Abend wünsche ich dir!
    Lieben Gruss Elke

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  12. Ach nee, wat schön ...und ich erinnere mich sofort an die Geburt meiner Tochter ..Danke für diese Geschichte.
    Gruß vonner Grete

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    1. Danke schön, Grete,
      freut mich, dass Du erinnert wurdest! <3

      P.S. Wir lesen noch die Mäuseweihnacht, sowas von schön - Lukas ist begeistert (ich auch). Dazu schreibe ich aber noch was, wenn wir durch sind!

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  13. Wunderschön, liebe Regina. ♥
    Und was für eine wundervolle Idee, solch eine Geschichte zum Geburtstag deines Sohnes zu schreiben.

    Der Verlust deiner Freundin tut mir sehr leid. ♥

    Herzliche Grüße,
    Martina

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    1. Vielen Dank, liebe Martina!
      Freud und Leid liegt so nah beieinander, nicht wahr?

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  14. Leben und Tod so dicht beieinander und doch soviel Zeit dazwischen.
    29 Jahre ist der Sohn geworden und bekommt so einen wunderbaren Brief mit viel Liebe drin, von seiner Mom.
    Es hat mich berührt, Regina, Danke!

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  15. Ganz wunderbar hast du das beschrieben, liebe Regina, berührend und anrührend. Danke, dass du diese persönlichen Erfahrungen mit uns teilst. Dein Sohn hat sich sicher gefreut.

    Liebe Grüße
    Gaby

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  16. Liebe Regina,
    dieser Einblick in Dein Leben und die Geburt Deines Sohnes ist wunderbar. Ich selbst habe zwar keine Kinder - aber wenn ich das so lese. wünsche ich mir, ich hätte auch welche bekommen.
    Vielleicht ist es aber auch gut so, wie es ist - ich kann mir meine Person einfach nicht in der Mutterrolle vorstellen ...
    Liebe Grüße
    Christine

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