Dienstag, 21. Oktober 2014

Reizwortgeschichte: Sonntags im Café



34. CaféSchicksalsensibelbeneidenswertempfinden (Martina)



Sonntags im Café


Lieber Frank,

es ist Sonntag und wieder sitze ich in unserem Café. Ich habe mir ein Stückchen Käsekuchen bestellt und einen Kaffee mit Milchschaumwölkchen. Es ist Oktober. Der Herbst zeigt sich in seinen herrlichen Farben, die gerade von der Sonne ins rechte Licht gesetzt werden. Ich schaue aus dem Fenster und denke an dich.
Es geht mir gut heute, denn gestern haben mich die Kinder besucht und wir hatten einen schönen Tag. Ich habe die Gesellschaft genossen und als am Abend alle wieder nach Hause fuhren war ich erschöpft, aber glücklich.
Du weißt ja noch gar nicht, dass Linda wieder schwanger ist. War das eine Freude, als sie es uns erzählte. Endlich wird Henry ein Geschwisterchen bekommen und ich werde zum zweiten Mal Uroma. Ich empfinde es als ein großes Geschenk, dass ich das erleben darf.
            Am Tisch nebenan sitzt das Paar, das schon immer da war, als wir noch zusammen in dieses Café kamen. Sie reden kaum miteinander, trinken ihren Kaffee, genießen ihren Kuchen und gleich wird sie die Serviette nehmen, ihren Mund abtupfen und dann wird sie seine Hand nehmen und sagen: „Wollen wir nach Hause gehen, mein Lieber?“ Dann wird er nicken, der Kellnerin winken und zahlen. So war es schon immer und ich wünsche ihnen, dass es noch lange so bleiben möge. Das Schicksal meint es gut mit ihnen, sie haben sich und das ist wunderbar. Was gäbe ich dafür, wenn du mir nun gegenüber säßest und ich deine Hand halten dürfte.
            Aber ich will nicht undankbar sein. Wir hatten ein gutes Leben, wir zwei. Weißt du noch, wie glücklich wir waren, als wir unser Häuschen am Stadtrand bekamen und den ersten eigenen Garten anlegten. Wie groß war die Freude, als wir die erste Portion Kartoffeln ernten durften. Ich habe damals einen großen Topf Gemüsesuppe gekocht, mit Mettwurst drin. Das mochtest du doch so gern. Manchmal bringt mir Linda etwas Eintopf von zu Hause mit. Der schmeckt mir sehr gut, auch wenn sie ganz anders kocht als ich das früher machte.
            Der Gemüsegarten ist nicht mehr da. Linda sagt, dass sie dafür keine Zeit hat, deshalb ist da, wo früher die Kartoffeln standen, nun eine Rasenfläche entstanden. Henry hat viel Platz zum Spielen. Markus hat sogar eine Rutsche aufgebaut.
            Ich war aber lange nicht mehr dort. Es ist so umständlich, wenn sie mich erst holen müssen. Ich verstehe das und sie haben ja auch ihr eigenes Leben. Das Haus ist nicht allzu groß, wir haben ja damals auch ganz schön zusammenrücken müssen, als deine Eltern noch bei uns waren. Du weißt ja, wie sensibel ich bin. Wenn ich dort bin, dann muss ich ständig weinen und das möchte ich den Kindern nicht zumuten. Ich komme schon zurecht, wirklich. Du musst dir keine Sorgen um mich machen.
            Das Paar vom Nebentisch ist gegangen. Er hat ihr in den Mantel geholfen und nun wandern sie Hand in Hand nach Hause. Beneidenswert!
            Am Dienstagnachmittag kommt wieder der nette Herr vom Gesangverein mit seinem Akkordeon zu uns ins Heim. Dann sitzen wir alle zusammen im Speisesaal und singen miteinander. Darauf freue ich mich schon sehr. Es erinnert mich an die Zeit, in der wir noch im Chor gesungen haben. Ach, war das schön! Du hattest eine so schöne Stimme und manchmal hatte ich das Gefühl, dass du nur für mich allein gesungen hast. Ich singe aus vollem Herzen mit und freue mich daran, dass viele Bewohner das ebenso machen. Es geht nicht allen so gut wie mir, manche von ihnen sind verwirrt und erkennen nicht mal ihre Kinder. Aber wenn gesungen wird, dann sind sie dabei und Frau Müller, die sonst nie ein Wörtchens sagt, singt dann alle Strophen der alten Lieder mit. Das ist sehr berührend und ich bin dankbar, dass ich noch so gut beieinander bin.
            Ich muss nun diesen Brief beenden, mein lieber Frank. Gleich kommt der nette junge Mann, der seinen Zivildienst in unserem Haus leistet. Er holt mich ab, denn allein schaffe ich es nicht mehr. Es sind nur ein paar Meter, aber im Herbst sind die Bürgersteige manchmal rutschig und ich möchte nicht fallen. Nächsten Sonntag werde ich wiederkommen und dann schreibe ich dir, so wie jeden Sonntag, mein Liebster. Pass ein wenig auf mich auf, bitte! Machst du das?

Deine Anni

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Oh, wie schön!! Sie hat mir besonders gut gefallen, deine Geschichte und besonders die Idee mit dem Brief.
    Ob sie diese Briefe überhaupt abschickt? Man weiß es nicht!!! Vielen Dank für diese tolle Geschichte und einen schönen freien Tag für dich! Martina

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    1. Guten Morgen und danke, liebe Martina,
      abschicken wird sie die Brief nicht, sie kennt die Adresse nicht und wird sie somit verwahren, vielleicht für die Tochter?
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina
    wie schön, ja so kann sie mit ihm in Zwiesprache bleiben und ihre Gefühle niederschreiben, sehr berührend aus der Sicht dieser alten Dame... Die Briefe werden mal ankommen und wenns die Enkel sind denke ich mal.... Seelenbriefe flattern in andere Hände!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      "Seelenbriefe flattern in andere Hände" - wie schön! Das gefällt mir sehr.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Gänsehaut!
    Alt werden ist wirklich nichts für Feiglinge. Ich glaube, ich bin feige.
    Lieber Gruß
    Ele

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    1. Ach, liebe Ele,
      ich bin auch feige. Trotzdem beschäftigt mich das Thema gerade sehr. Dabei wollte ich eigentlich Weihnachtsgeschichten schreiben - na, mal sehen!
      Herzliche Grüße und danke
      Regina

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  4. Berührend!!! Genau das erlebe ich bei meiner täglichen Arbeit! Manchmal macht es mir allerdings etwas Angst...Herzliche Grüsse, Frau Schritt

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    1. Liebe frau Schritt,
      mir macht das manchmal auch etwas Angst, aber andererseits ist es vielleicht besser wenn man sich gedanklich damit auseinandersetzt, als es zu verdrängen. Ich arbeite ja nicht mehr in der Altenpflege, habe aber dort auch einen Menge gesehen/gehört und erfahren, was mich heute immer noch bewegt!
      Danke und herzliche Grüße
      Regina

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  5. Liebe Regina ! Deine Geschichten erinnern mich immer wieder noch mehr daran, daß alle alten und kranken Menschen, die ich pflege einmal ein erfülltes Leben hatten. Das es mehr gibt als satt, sauber , schmerzfrei. Daß sie sind wie ich..... Liebe Grüße Gitta

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    1. Ja, liebe Gitta,
      sie sind wie wir, mit allem, was dazugehört. Danke für deinen lieben Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Danke, Regina, für diese berührende Geschichte! Wundervolle Idee mit dem Brief.

    Es erinnert mich an die Erzählungen meiner Tochter, die ihr Freiwilliges Soziales Jahr in der Seniorenbetreuung im Pflegeheim machte. Demente Bewohner, die nicht mehr sprechen, beten und singen aber mit.

    Freu mich auf die nächste Geschichte!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön, liebe Eva,
      ja, ich freue mich auch auf jede neue Woche und Geschichte. Schön, dass deine Tochter ihr FWSJ den alten Menschen gewidmet hat! Hut ab!
      Herzliche Grüße
      Regina

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    2. Danke, Regina, gerne richte ich ihr Deine Worte aus!

      Es war für sie sehr bereichernd, u a kennt sie jetzt viele Lieder aus der Zeit damals ;)

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  7. Die Idee mit dem Brief finde ich sehr gut, eine schöne rührende Geschichte.
    LG Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke,
      ich freue mich, dass die Geschichte berühren konnte!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  8. Hallo, meine liebe Regina,
    es wurde schon viel zu Deiner heutigen Geschichte geschrieben, daher fasse ich mich kurz.... ( ich bin spät dran heute) ...
    Deine Geschichte hat mich sehr berührt, sie erinnert mich an alte Erzählungen einer lieben Verwandten ... es ist schön, wenn man seine Erinnerungen durch solche liebevollen Briefe am Leben erhalten kann ...
    Danke!
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Danke schön, liebe Claudia,
      für deinen lieben Kommentar. Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Nachmittag und grüße dich herzlich
      deine Regina

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  9. Eine wundervolle Geschichte ...so schön ..geht ans Herz ..
    Gruß vonner Grete

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    1. Herzlichen Danke, liebe Grete,
      ein lieber Gruß auch an dich
      Regina

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  10. Einfach nur wunderschön. Als Kurtl starb habe ich ja gleich ein Tagebuch angefangen, in dem ich Zwiegespräche mit ihm führe.
    Ach Reginchen wieder einmal eine berührende Geschichte, die mir sehr zu Herzen geht.

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    1. danke, meine liebe Lore,

      Reginchen, das hat außer dir nur ein einziger Mensch gesagt, der war auch so ein lieber Mensch wie du!
      Herzliche Grüße
      Reginchen

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  11. Liebe Regina, was für eine schöne Geschichte aber ich hoffe, du beschäftigst dich nicht zu viel mit den Gedanken der Demenz. Es hört sich alles gut an, in einer Geschichte mit Singen und Brief schreiben, aber es ist traurig. Den Menschen machen doch seine Gedanken aus und ich kann es mir nicht vorstellen, alles, bis auf ein paar Lieder zu vergessen. Vergesslichkeit im Alter bedeutet für mich nicht Vergessen.
    Doch diese Geschichte ist traurig schön. Danke.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe Margot,
      ja, es ist traurig - mich beschäftigt das Thema seit einigen Jahren. Dabei geht es aber nicht um die Angst selbst dement zu werden, sondern darum, wie man den Menschen, die daran leiden, doch noch ein wenig Freude geben kann. Bei meiner Arbeit in einem Altenheim habe ich immer wieder erfahren, wie gut die Bewohner auf Musik und Märchen ansprangen und plötzlich selbst anfingen zu erzählen. Das hat ihnen Freude gemacht und mir auch. Selbstverständlich geht das nur bis zu einem gewissen Zeitpunkt, wenn die Demenz noch nicht ganz weit forgeschritten ist.
      Danke für deinen lieben Kommentar, herzliche Grüße
      Regina

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