Dienstag, 14. Oktober 2014

Reizwortgeschichte: Ein märchenhafter Geburtstag



Unfug, Turm, scherzen, vergraulen, kichern (Lore)

Ein märchenhafter Geburtstag

Eigentlich mochte Jonas es nicht, mit den Erwachsenen in ein Restaurant zu gehen. Es war ihm viel zu langweilig und benehmen musste man sich auch noch. Er fand das ätzend.
Trotzdem machte er eine Ausnahme für den Geburtstag seiner Oma.
„Okay!“, sagte er deshalb, als sein Mutter ihn fragte, ob er denn mitkomme. „Für Oma tu ich fast alles!“
            Am Samstagabend machten sich also alle fein für das große Fest. Selbst Jonas ließ sich überreden eine Stoffhose zu tragen und ein Oberhemd. Das war nicht so ganz sein Fall, aber was tat man nicht alles aus Liebe.
Omas Augen strahlten, als sie ihn erblickte.
            „Komm her, Jonas, du sitzt links neben mir und der Opa rechts. Dann habe ich meine beiden Männer an meiner Seite!“, rief sie ihnen zu und dirigierte alle auf ihre Plätze.
            Neben Jonas nahmen seine Eltern Platz und auf der anderen Seite, neben Opa, sollten Tante Betty und ihr Liebster sitzen. Betty war Papas Schwester. Jonas bewunderte sie heimlich ein wenig, denn sie war nicht so wie die anderen Verwandten. Papa meinte sogar, dass sie ein wenig verrückt sei und wenn sie so weitermache, dann würde ihr der neue Freund auch wieder weglaufen. Sie hatte schon einige vergrault mit ihren Ticks.
            Gerade studierte sie die Speisekarte und kicherte. Das Kichern ging in ein lautes Lachen über und schließlich konnte sie sich nicht mehr halten und grölte los.
            „Jonas, hast du das gelesen?“, rief sie. „Es gibt Rapunzelsalat! Ist Rapunzel nicht diese krasse Braut, die ihren Lover an den Haaren in ihren Turm klettern ließ? Die war voll cool, das hätten wir mal machen sollen!“
            „Betty, red doch nicht so einen Unfug. Rapunzelsalat ist ein Blattsalat, der sehr lecker schmeckt.“
            „Stimmt, Mama, aber es ist auch ein Märchen. Du hast es uns oft genug vorgelesen, weißt du noch?“
            Oma nickte. Sie mochte Märchen ganz besonders gern und fand es gar nicht schön, wenn man sie sprachlich so verhunzte. Ihre Liebe zu den alten Geschichten zeigte sich ein weiteres Mal auf der Speisekarte, beim Dessert. ‚Rot wie Blut, Weiß wie Schnee und Schwarz wie Ebenholz – Schneewittchenkuchen’, stand da. Jonas lief das Wasser im Mund zusammen.
            „Sogar die Tischdekoration ist märchenhaft“, scherzte Tante Betty. „Dornröschen!“
            Dass es für die Erwachsenen nach dem Essen ein Zauberwasser und für Jonas einen giftgrünen Krötenblutsaft gab, rundete das märchenhafte Menu ab.
            Der Höhepunkt des Festes war allerdings dann die Geschenkübergabe von Tante Betty. Nach dem Essen hatte sie sich zunächst aus dem Staub gemacht. Als sie zurück in den Saal kam, war sie verkleidet als Troll. Sie trug eine braune Hose, die bis zu den Knien hochgekrempelt war, dazu ein Holzfällerhemd, das riesige Löcher aufwies und mal eine Wäsche nötig gehabt hätte. Ihre Haare hatte sie verstrubbelt und im Gesicht prangte eine dicke, rote Gumminase. Sie trug einen Blecheimer bei sich, den sie neben sich auf den Boden stellte. Dann tanzte sie singend um diesen Eimer herum, bevor sie sich drauf setzte und verklingen ließ:
            „Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich goldne Eier …lege!“, sang sie. Dann stand sie auf und holte viele goldne Eier aus dem Eimer, die sie Oma auf den Tisch legte.
            „Bitteschön, liebe Mama!“, sagte sie lachend und wartete darauf, dass das Geburtstagskind die Eier genauer anschaute.
            „Ach Gottchen, das sind ja Märcheneier“, rief Oma fröhlich und wickelte die Goldfolie eines der Eier ab. Zum Vorschein kam eine kleine gelbe Kapsel, die man wiederum öffnen konnte. Darin fand sich ein Zettel: „Ich wünsche dir Gesundheit!“, stand auf dem ersten und dann kamen nach und nach viele gute Wünsche zusammen und ganz zum Schluss zog Tante Betty noch ein weiteres Ei aus ihrer Hosentasche.
            „Das hätte ich doch fast vergessen!“, lachte sie und übergab es Oma.
            Auf dem Zettel stand: „Die Eintrittskarten für das diesjährige Weihnachtsmärchen im Stadttheater mit der ganzen Familie kannst du, liebe Mama, bei mir abholen. Sie liegen in einer Schatzkiste und warten darauf, von dir gefunden zu werden. Deine Betty“

            Jonas’ Oma war sehr glücklich an diesem Tag, ihrem 75. Geburtstag. Als sie abends im Bett lag, nahm sie Opas Hand und sagte: „Haben wir nicht voll krasse, tolle Kinder?“
            „Megacool!“, murmelte Opa, der schon fast ins Traumreich geglitten war. „Megacool!“

© Regina Meier zu Verl

           




Kommentare:

  1. Guten Morgen , meine liebe Regina,
    ach, ist das eine schöne Geschichte! So würde man doch gerne auch mal Geburtstag feiern ....
    Es hat mir wieder sehr viel Freude gemacht, Deine neue Geschichte zu lesen!
    Ich wünsch Dir einen wunderschönen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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  2. Eine ganz, ganz tolle Idee hattest du da. Die Geschichte ist soooo schön! So eine verrückte Tante gibt es bei uns in der Familie auch. Bei einem Geburtstag warf sie sich hintereinander in X Kostüme und hat dem Geburtstagskind in den verschiedensten Sprachen (natürlich nicht echt, aber es klang so) gratuliert und immer trug sie ein dazu passendes Kostüm. Mensch, darauf hätte ich doch auch in einer Geschichte eingehen können, aber du warst mit deiner Idee zu dieser hervorragenden Geschichte einfach schneller. ;-) LG Martina

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  3. Was für ein schöne Geschichte, einfach märchenhaft!

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  4. Danke, Regina, wundervolle Idee!

    Ich wollte noch ewig weiterlesen, da war sie schon aus ...

    Alles Liebe
    Eva :)

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  5. Liebe Regina, solche Geschichten können nur von dir kommen. Sie sind wunderschön und mit viel Spaß erzählt.
    So eine Tante hat oder hatte wohl jeder in seiner Familie, oder sollte sie haben. Dankeschön.

    Liebe Grüße, Marot.

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  6. Märchengeburtstag, tolle Idee und megacool!
    LG Elke

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  7. mgeacoole Geschichte ach ich musste immer mehr lächeln und am Schluss lachte ich nur noch .. eine tolle Geschichtte die spannend war´und kein Ende haben sollte so amüsiert habe ich mich dabei!
    Lieben Gruss Elke

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  8. Eine gut erzählte Schmunzel- Geschichte, ein toller Geburtstag.
    Oma und Opa megacool im Bett und dann noch so krasse, liebe Kinder.
    Das ist doch nur schön!
    Lieben Gruss, klärchen

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  9. Eine wundervolle Geschichte und ein Aufruf für mehr Toleranz innerhalb einer Familie. Ich bin begeistert. Herzlich, Frau Schritt

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  10. Liebe Regina, wünsche mir auch so einen Märchengeburtstag mit goldenen Märcheneiern. In 2 Jahren ist es soweit, da werde ich 75 Jhr. Eine coole spannende Geschichte. Dir eine gute Märchen-Nacht wünsche ich.
    Gerda!

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  11. Eine tolle Geschichte, liebe Regina. Ich schmunzele immer noch :-) .
    Liebe Grüße ins Wochenende,
    von Gaby

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