Dienstag, 7. Oktober 2014

Reizwortgeschichte: Das Chorjubiläum



32. FarbeGewichtfragenlogischkalt (Regina)

Das Chorjubiläum

            „Meine Damen, ich bitte um Ruhe!“
            Hans hob die Arme, um auf sich aufmerksam zu machen. Leicht hatte er es nicht mit uns, so viel gab es zu erzählen, wenn man sich eine Woche lang nicht gesehen hatte.
Er klopfte mit dem Taktstock auf sein Pult, um seiner Bitte um Ruhe Nachdruck zu verleihen.
Langsam verstummten die Frauen und schauten ihren Chorleiter erwartungsvoll an.
            „Wir haben nicht mehr viel Zeit bis zum Herbstkonzert. Deshalb wollen wir nun mit der Probe beginnen!“
            Elfriede Werner hob den rechten Arm und schnippte mit den Fingern.
            „Ja, bitte, Elfriede. Gibt es noch was?“, fragte Hans und alle Köpfe wandten sich Elfriede zu, die unsere erste Vorsitzende war.
            „Ich möchte alle bitten, nach der Probe noch einen Moment zu bleiben. Wir hatten letzte Woche Vorstandssitzung und ich möchte gern kurz berichten, was dort beschlossen wurde.“
            Ein Raunen ging durch den Saal. Bisher war noch nichts nach außen gedrungen von der Sitzung. Alle waren gespannt, was es für Neuigkeiten geben würde, vielleicht eine Chorreise, die war schon lange fällig.
            Wieder dauerte es ein paar Minuten, bis die Probe endlich beginnen konnte.
            „Wir singen zum Aufwärmen: Bunt sind schon die Wälder! Renate, denk an dein Solo, ich gebe dir den Einsatz!“
            Hans setzte sich ans Klavier und stimmte einen Akkord an, woraufhin ein Summen erklang. Der Frauenchor „Cantare“ von 1914 stimmte sich ein. Dann erklang das Herbstlied, tausend Mal gesungen und immer wieder schön. So empfanden es die Frauen.
            Dem Gesichtsausdruck des Dirigenten war allerdings zu entnehmen, dass es nicht ganz so schön geklungen hatte. Wir kannten ihn lange genug, um das zu erkennen.
            „Ich weiß, ich habe das schon hundert Mal gesagt, aber ich versuche es noch einmal: Bitte schaut mich an! Ihr klebt an den Noten fest und verpasst meine Einsätze. Das geht so nicht! Ihr kennt doch dieses Lied in- und auswendig!“, schimpfte er. „Also, noch einmal!“
            Hans setzte sich wieder ans Klavier, ließ das Vorspiel erklingen und der Chor setzte ein. Mir fiel auf, dass Käthe, die in der Reihe vor mir stand, alle Farbe aus dem Gesicht gewichen war. ‚Hoffentlich kippt sie nicht um’, dachte ich noch, als es auch schon passierte. Ihre Nachbarinnen konnten gerade noch verhindern, dass sie fiel. Schwer atmend saß sie auf ihrem Stuhl.
            Hans unterbrach und eilte zu ihr.
            „Käthe, was ist los? Soll ich einen Arzt rufen?“
            „Nein, nein, es geht gleich wieder!“, behauptete Käthe und zog ein Fläschchen Parfüm aus der Tasche. Sie ließ ein wenig davon in ihre Hände tropfen und rieb es sich auf die Stirn und die Schläfen.
            Der Geruch erinnerte mich an meine Großmutter, die auch immer ein solches Parfüm bei sich hatte. „Dat hölpet for allet!“, hatte sie immer behauptet und wie es schien, war das auch so. Käthe ging es besser, ihre Wangen röteten sich bereits wieder und die Probe konnte weitergehen.
            Konzentriert sangen wir alle Lieder des Herbstprogramms und auch Käthe war wieder einsatzbereit. Ihre Stimme war jedenfalls nicht zu überhören, denn sie legte sich nun richtig ins Zeug. Oft hatte Hans darauf hingewiesen, dass sie doch ein wenig leiser singen sollte. Heute verzichtete er darauf. Logisch, er wollte sie nicht ärgern nach dem Zwischenfall.
Außerdem war Käthe die Tochter der Gründerin und da der Chor sein Hundertjähriges feierte, war sie eine der Hauptpersonen, die nach dem Konzert geehrt werden würde. Das gab der Veranstaltung ein besonderes Gewicht, alle würden da sein, der Bürgermeister, die Geistlichen und sogar ein Abgeordneter des Sängerbundes.
            „Meine Damen, das war prima, nach den anfänglichen Schwierigkeiten bin ich doch sehr zufrieden. Es wir ein schönes Konzert werden. Zwei Wochen haben wir ja noch, da können wir dem ganzen noch den nötigen Feinschliff verpassen. Ich wünsche allen noch einen schönen Abend!“
            Elfriede legte ihre Notenmappe zur Seite und trat vor den Chor. Hans setzte sich zu den Sängerinnen.
            Elfriede räusperte sich. Ihrem Gesichtsausdruck nach handelte es sich weder um eine Reise, noch würde sie etwas Erfreuliches verkünden. Alle dreiundzwanzig Sängerinnen schwiegen angespannt. Die Vorsitzende nahm ihre Brille ab und schaute uns lange an, bevor sie anfing zu sprechen.
            „Ihr Lieben“, begann sie. „wir haben schon öfter darüber gesprochen, dass unser Chor langsam aber sicher überaltert. Uns fehlen junge Stimmen, um die Qualität des Gesangs wieder zu verbessern. Wir alle haben uns ja bemüht, neue Sängerinnen zu finden. Leider war das vergeblich. Also haben wir im Vorstand nochmals darüber gesprochen und denken, dass es das Beste sein wird, den Chor aufzulösen, bevor die Leute über uns lachen.“
            Schweigen! Man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Betreten schauten sich die Frauen an. Erste Tränen liefen über die Wangen der Damen. Schlimmer hätte es nicht kommen können, es erwischte uns kalt, und das so kurz vor dem großen Jubiläumskonzert.
            „Ja aber …“, stammelte Kornelia, die Sopranistin in der vorderen Reihe links außen.
            „Das können wir doch nicht machen! So ein traditioneller Chor, der älteste in unserer kleinen Stadt. Wir müssen uns doch nicht verstecken, nur weil wir ein wenig älter geworden sind.“
            „Wir müssen Werbung machen, um neue Sängerinnen zu gewinnen!“, rief Käthe, die sich von ihrem Schwächeanfall erholt hatte. „Der Chor ist alles was ich habe, seit mein lieber Konrad nicht mehr da ist. Was soll ich denn ohne euch machen?“
            Hans erhob sich und klopfte wieder mit dem Taktstock aufs Pult. Eigentlich äußerte er sich niemals zu chorinternen Dingen. Er war der musikalische Leiter und alles andere ging ihn nichts an. Das hatte man ihm im Laufe der Jahre deutlich zu verstehen gegeben.
            „Meine Damen, darf ich meine Meinung dazu sagen?“, fragte er. Alle Frauen stimmten ihm zu, hoffnungsvoll, denn vielleicht hatte er ja die Lösung.
            „Ich bin seit nunmehr 15 Jahren Dirigent dieses Chores. Wir sind sozusagen gemeinsam in die Jahre gekommen. Ich glaube, dass das Problem nicht bei euch liegt, sondern eher bei mir. Ihr braucht moderneres Liedgut, einen jungen frischen Dirigenten, dann kommen auch neue Stimmen in den Chor. Ich bin euch gern bei der Suche behilflich und das Weihnachtskonzert meistern wir noch gemeinsam. Dieser Chor darf nicht sterben!“
            ‚Er opfert sich’ dachte ich und kämpfte mit den Tränen. Den anderen Sängerinnen ging es wohl ebenso, denn niemand widersprach. Wir beschlossen, die Sache nochmals zu überdenken und bis zu unserem großen Konzert sprachen wir kein Wort mehr darüber. Wir wollten uns die Freude nicht verderben, doch in unseren Herzen bewegten wir das Thema hin und her.
            Dann endlich war der große Abend gekommen. Aufgeregt wie die jungen Hühner sagen wir uns in einem Klassenraum warm, denn in der Aula des Gymnasiums hatten sich schon die Gäste versammelt. Bis auf den letzten Platz war der prächtig geschmückte Saal gefüllt.
            Ich glaube, dass wir noch nie so schön gesungen haben wie an diesem Abend. Begeisterter Beifall erklang am Schluss und Zugaben wurden gefordert. Wir waren glücklich, für den Moment. Elfriede hatte sich überlegt, dass am Schluss jede Sängerin eine rote Rose für Hans haben sollte. Jede von uns überreichte ihm eine prächtige Rose, mit einer Umarmung oder ein paar lieben Worten. Auch in Hans’ Augen glitzerten Tränen.
            „Wir sind sehr stolz auf diesen Chor!“, sagte der Bürgermeister und auch der Mann vom Sängerbund versicherte uns: „Wunderbar war dieses Konzert, ich bin sehr froh, dass es noch Chöre wie diese gibt und wir vom Sängerbund sind bestrebt, das Chorwesen zu stützen und zu erhalten. Danke für diesen schönen Abend, gern werde ich im nächsten Jahr wiederkommen, wenn Sie, meine Damen den Chor ins 101, Jahr geleitet haben!“
            Hans ist noch immer unser Dirigent und wir werden älter und älter. Manchmal bringt eine von uns eine jüngere Sängerin mit, einige bleiben, andere gehen wieder. Unser Liedgut ist moderner geworden. Wir singen sogar mal ein Lied von den Beatles und das ist eine große Herausforderung für uns, vor allem, weil wir in Englisch singen und viele von uns haben das nie gelernt. Elfriede hat uns alles in Lautschrift aufgeschrieben, so schaffen wir auch das – wo ein Wille ist, ist auch ein Lied, nicht wahr?


© Regina Meier zu Verl
           

Kommentare:

  1. Regina wäre nicht Regina, wenn sie der Geschichte nicht ein so schönes Ende gegeben hätte, auch wir "Alten" können noch den "Jungen" was vormachen und Musik ist sowieso alterslos
    Viel Spaß mit Lukas, habt eine schöne Woche, Lore

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    1. Das stimmt, liebe Lore,
      Musik kennt keine Grenzen, auch keine Altersgrenzen :)
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Eine schöne Geschichte! Du hast genau den Punkt getroffen, finde ich - Chöre oder andere althergebrachte Vereine müssen sich auch der Zeit anpassen und für die jungen Menschen interessant machen, sonst sterben schöne Traditionen aus.

    Ganz liebe Grüße Kerstin mit Finchen und Ayla

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    1. Ja, liebe Kerstin,
      ein wenig mit der Zeit gehen sollten sie, dann klappt es auch mit dem Fortbestehen. Wie ich aber in letzter Zeit immer wieder höre/lese, ist es ein großes Problem neue Sänger/Innen zu gewinnen. Alle Leute haben so wenig Zeit!
      Herzliche Grüße dir und schön, dass du wieder da bist!
      Regina

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  3. Liebe Regina möge der Chor noch lange überleben. Alt und Jung zusammen ist die Mischung die gefällt.
    Eine schöne Geschichte, sie wurde wieder der Wirklichkeit entnommen.

    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe margot,
      du hast Recht, ich nehme meine Geschichten immer aus dem Leben, etwas verändert vielleicht, aber von Grunde her erlebt. Anders kann ich gar nicht schreiben, so9gar in Märchen findet sich immer ein Fünkchen Wahrheit!
      Herzliche Grüße und danke
      Regina

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  4. Die Welt der Musik ist deine Welt, dass merkt man auch heute wieder. Gerade in der letzten Woche sprach ich mit einer älteren Bekannten und hier wird der Chor wirklich nach einem Jubiläum im kommenden Jahr aufgelöst. Die jungen Frauen singen alle in einem Gospelchor und der wird weiter existieren, der andere leider nicht mehr. Oft nimmt es im wahren Leben kein so gutes Ende, wie hier in deiner zauberhaften Geschichte.
    LG Martina

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    1. Danke schön, liebe Martina,
      das nachwuchsproblem kennen die meisten Chöre, leider. Manchmal führt das dann zur Auflösung und das finde ich sehr schade. Hier in meiner Geschichte ist es ja noch einmal gut gegangen, aber vielleicht ist es auch nur ein Aufschub, wer weiß!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Ein sehr rührende Geschichte die viele betrifft mit den alten Chören, ich freue mich immer wenn dazwischen junge Menschen mit singen, gerade die Shantychöre haben Nachwuchsprobleme genauso...
    Ich finds wunderschön deine Geschichte die so wichtig ist das ältere Brauchtum der Lieder zu mischen mit jüngeren Lieder und man sieht es geht..auch im wirklichen Leben.
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      ich liebe ja die alten Volkslieder sehr, deshalb liegt es mir auch am Herzen, sie zu erhalten. Leider klappt es nicht immer, jemanden dafür zu begeistern - aber Aufgeben? Nein! Auf keinen Fall!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Danke, Regina, für diese Geschichte! Unser ehemaliger Jugendchor änderte seinen Namen, als die Sängerinnen älter wurden ;) er ist aber erst ein Drittel so alt.

    Du hast es so anschaulich beschrieben, ich stand mitten drunter, und bangte mit.

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön, liebe Eva,
      schön, dass es euren Chor noch gibt - singen macht Freude und nährt die Seele!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Gestern hatte ich Chorprobe. Unser Chor singt bald auf einem Jubiläum eines anderen Chors aus dem Nachbarort. Einige Herrschaften sind viele Jährchen älter als ich, was mir nichts ausmacht. Es wäre dennoch schön, wenn noch ein paar jüngere Sänger oder Sängerinnen dabei wären, aber die Jüngeren haben heutzutage keine Zeit für einen Chor.
    LG Elke

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    1. Ja, ich glaube auch, dass es ein Zeitproblem ist, jedenfalls teilweise. Mir hat es auch nie etwas ausgemacht, die Jüngste in einem Chor zu sein. Heute gehöre ich nun selbst zu den Älteren ...
      Singen kann ich momentan nicht, da ich Knötchen auf den Stimmbändern habe und mich oiperieren lassen müsste ...
      Herzliche Grüße
      Regina

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  8. Hallo meine liebe Regina,
    heute bin ich spät dran, umso mehr hab ich Deine schöne Geschichte genossen und den Chor "förmlich" gehört :O) Möge er noch lange weiterbestehen!
    Ich wünsch Dir noch einen schönen und gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße,Deine Claudia ♥

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    1. Hallo liebe Claudia,
      vielen Dank fürs Lesen und deinen lieben Kommentar. Ich komme momentan nur bedingt ins Internet, deshalb muss ich hier schnell die Zeit nutzen. Melde mich ausgiebiger, wenn es wieder klappt!
      Herzliche Grüße auch hier noch einmal
      deine Regina

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  9. hallo Regina
    Eine Geschichte wie sie im heutigen leb en oft vorkommt, ich kann diese Geschichte mitfühlen, da ich sekbst in einem Chor bis zu seiner Auflösung gesungen habe.
    Lieben Grüß Joachim

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    1. Danke schön, lieber Joachim,
      für deinen lieben Kommentar.
      "Wo man singt, da lass dich ruhig nieder" sagt man ja immer und das habe ich in all den Jahren im Chor auch so empfunden, du kannst das ja auch nachvollziehen!
      Herzliche Grüße
      Regina

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