Dienstag, 23. September 2014

Reizwortgeschichte: Nebeltage



30 LebenMustergefangenperfektstrukturieren (Martina)

Nebeltage

            Drei Tage lag das Dorf in dichtem Nebel. Unser Haus war ganz umhüllt und wir lebten in einer Welt, in der es nur uns zu geben schien. Wie gefangen kamen wir uns vor. Auch wenn wir wussten, dass das irgendwann ein Ende haben würde, so nervte uns diese Ausnahmesituation schon am Ende des ersten Tages.
            Großvater zog sich in seine Stube zurück. Für ihn war es das perfekte Wetter, musste er doch nicht im Garten arbeiten. Er nebelte sich ein im Pfeifenrauch und las ein Buch nach dem anderen. Seine Schmökerstunden unterbrach er lediglich zur Nahrungsaufnahme. Gern hätte ich ihm Gesellschaft geleistet, aber der Pfeifenrauch brachte mich immer zum husten. Meine Eltern fanden es auch gar nicht gut, dass ich diesen Mief immer einatmen sollte. Deshalb durfte Opa auch nur in seiner Stube rauchen, oder draußen. Aber bei diesem Wetter jagte man ja nicht einmal einen Hund vor die Tür. Nicht einmal unser Fiete wollte raus, nur zum Pinkeln und – na, ihr wisst schon!
            Mama sortierte die Kleiderschränke aus und schaffte Platz für Neues. Es war lustig anzusehen, wie sie jedes Teil prüfte, in die Höhe hielt und hin und wieder eine Anekdote zu einem bestimmten Teil erzählen konnte.
            “Schau nur, Lotta“, sagte sie beispielsweise. „Diese Bluse habe ich getragen, als ich mit deinem Vater in Berlin war. Damals sind wir ganz fein ausgegangen. Ach, wie chic war ich darin. Aber nun habe ich wohl keine Verwendung mehr dafür. Außerdem habe ich wohl ein paar Pfündchen zugelegt, sie passt nicht mehr!“
            Liebevoll betrachtete sie die Seidenbluse mit dem hübschen Muster aus vielen kleinen Blüten zusammengesetzt. Beinahe zärtlich strich sie über den Stoff und roch daran, bis sie schließlich entschied: „Nein, die ist zu schade! Ich kann mich nicht von ihr trennen. Vielleicht passt sie dir ja eines Tages. Manchmal werden Muster wieder modern, was meinst du?“
            Ich fand den Stoff scheußlich, aber ich hütete mich, das zu sagen. Mama liebte diese Bluse und ich würde ihr die Freude daran nicht verderben.
            Mein Vater versuchte es auch mit  dem Lesen, aber schnell wurde es ihm zu langweilig. Er verzog sich in die Garage und sortierte seine Werkzeuge. Eine Weile schaute ich ihm zu. Dann bot ich meine Hilfe an.
            „Du, das ist nett gemeint, aber das ist keine Mädchenarbeit und außerdem habe ich alles so strukturiert, dass ich auf Anhieb finde, was ich suche. Da findest du nicht durch!“
            „Papa, was ist das denn „strukturieren“?“, fragte ich, denn schließlich konnte ich ja nicht alles wissen und schon gar nicht diese blöden Fremdwörter, die meine ältere Schwester auch so gern zum Besten gab.
            „Tja, das heißt, dass man etwas organisiert – nee, schon wieder ein Fremdwort. Also ich meine – warte – ja, jetzt hab ich’s sortieren oder aufräumen bedeutet das.“
            „Aber aufräumen kann ich doch auch!“, behauptete ich und das hätte ich besser nicht gesagt, denn sogleich wurde ich in mein Zimmer geschickt, zum Strukturieren. Mist!
            Ich wanderte also wieder ins Haus, schaute kurz bei Mama rein, die gerade damit beschäftigt war Papas Socken zu strukturieren. Man lese und staune: Ich hatte ein neues Lieblingswort gefunden und wendete es an, wo immer es ging.
            „Wann gibt es Abendessen?“ Mein Bauch hatte gerade laut und deutlich geknurrt.
            „Das dauert noch, ich bin beschäftigt, wie du siehst. Vielleicht magst du ja schon den Tisch decken“, schlug meine Mutter vor.
            „Immer ich! Kann Lisa das nicht mal machen? Ich habe auch keine Zeit, ich muss mein Zimmer strukturieren!“
            Was Mama darauf sagte, habe ich nicht mehr gehört, denn wie der Wind raste ich die Treppe hoch und klopfte an Lisas Tür. Sie hatte dort extra ein Schild aufgehängt auf dem stand: „Kleine Schwestern müssen draußen bleiben!“ Ich wartete auf das „Herein“ und als nach dem dritten Klopfen noch immer nichts kam, drückte ich die Klinke herunter und betrat das Zimmer.
            „Raus!“, kreischte Lisa. „Kann man denn nicht ein einziges Mal in diesem Leben seine Ruhe haben?“
            ‚Dann eben nicht’, dachte ich und schloss die Tür wieder. Ich wanderte in mein Zimmer, nahm meinen Malblock und malte Nebel, dichten grauen Nebel, ein düsteres Bild. Dabei liebte ich doch den Herbst so sehr. Ich hatte mir von meinem Taschengeld sogar tolle Herbstfarben gegönnt: hellgelb, maisgelb, orange, rot, dunkelrot, verschiedene Grüntöne, braun, ocker, lila. Doch von dieser Farbenpracht war heute nichts zu sehen gewesen und am nächsten Tag nicht und am übernächsten auch nicht.
            Ich riss das Nebelbild vom Block und begann ein neues Bild zu malen. Bunte Wälder, Stoppelfelder, gepflügte Äcker waren zu sehen. Auch den See malte ich, mit den bunten Büschen an seinem Ufer. Und plötzlich fand ich alles gar nicht mehr traurig und düster. Auch den Nebel fand ich gar nicht mehr so schlimm, denn ich konnte mir gut vorstellen, wie es nach dem Nebel aussehen würde. Wenn ich es vergessen sollte, dann musste ich mir nur meine Malereien anschauen.
            Es wurden viele Bilder in diesen drei Tagen. Ich ließ die Erwachsenen teilhaben an der Vielfalt und verschenkte die Gemälde großzügig. Sogar meine Schwester bekam eins und das hängte sie auch sofort in ihrem Zimmer auf und lud mich zu einer Limo bei sich ein. Geht doch!

© Regina Meier zu Verl


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Kommentare:

  1. Ich sag ja, du bist ein Genie, was du immer in letzter Sekunde aus dem Hut zauberst ist einfach herrlich. Ich war so richtig gefangen im Nebel und ging mit Lotta durch das Haus.
    Und das Wort "strukturieren" hast du ja so richitg ausgekostet.
    Ich warte jetzt noch auf Martinas Geschichte zum verlinken. Die Gute hat wohl heute verschlafen, kicher.
    Später rufe ich dich dann an. Bis dahin liebe gut gelaunte Grüße, Lore

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    1. Oh, die Lore, die hat es aber im Moment auf mich abgesehen. Sie vergisst ganz und gar, dass ich wieder dran bin mit Reizwörtern. Sie soll mich lieber nicht noch mehr reizen, sonst kommen keine reizenden Wörter dabei rum, sondern lauter Fremdwörter!!! Scherz!!! ;-) Martina

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    2. Hallo Lore,
      danke schön für deinen Kommentar - vom Genie bin ich allerdings weit entfernt, trotzdem danke für die Blumen, ich freu mich ja doch!
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Danke, Regina, für diese neblige und malerische Geschichte.
    Ich hab gestern meinen Kleiderschrank "strukturiert, obwohl kein Nebel war ;)

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön, Eva,
      ab und zu muss das ja mal sein! :)

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  3. Liebe Regina, wieder eine "wahrhafte" gute Geschichte. Sie passt in diese Jahreszeit und erinnert mich an mein Elternhaus. Meine "Mutsch" hatte auch viele Geschichten zu erzählen, nicht nur beim Aussortieren des Kleiderschrankes. Über deine Geschichten freue ich mich sehr, sie sind immer anheimelnd.
    Danke und einen schönen Tag. Liebe Grüße, Margot.

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    1. Danke schön, liebe Margot,
      das Wort anheimelnd ist schön und ein großes Kompliment, danke!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Echt, eine wärmende Familiengeschichte die den Nebel vergessen macht. Liebe Regina, danke dir dafür und sie hat mich gefreut. Ach ja strukturieren sollte ich auch. Liebe Grüsse von Gerda R.

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    1. Liebe Gerda,
      vielen Dank, ich freue mich über deinen lieben Kommentar sehr!
      Herzliche Grüße

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  5. Liebe Regina, ich tue es wirklich ungern, doch ich muss Lore zustimmen. Es ist ganz erstaunlich, was du in letzter Minute aus dem Hut zauberst. Aber du machst dir ja auch vorher Gedanken, schreibst sie halt erst in letzter Minute auf. Tolle, warmherzige Geschichte! Und dieses: Raus! höre ich jeden Tag, wenn unsere Kleine das Zimmer der Große betritt, ohne dass es ein 'Ja' gab!
    Übrigens habe ich deine Geschichte erst ganz spät verlinkt. Du erscheinst nicht in meinem Blog. Das ist komisch. Die Geschichte von gestern Abend ist zu sehen, aber nicht, dass du heute auch etwas eingestellt hast. Eigenartig - kannst du es dir erklären? LG Martina

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    1. Liebe Martina,
      das ist komisch, vielleicht bin ich ja morgen wieder sichtbar in deinem Blog, vermutlich ein Blogger-Fehler!
      Danke für deinen lieben Kommentar, ich freu mich sehr!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Hallo Regina,

    eine sehr schöne Geschichte, was man doch aus diesen Worten so machen kann - faszinierend :)
    Nebel, da denke ich immer an die alten Sherlock Holmes oder Edgar Wallace Verfilmungen *g* frag mich bitte nicht weshalb, oder wenn ich früher um fünf alleine am Bus stand um auf die Lehrstelle zu fahren ;)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Lieber Björn,
      du, das finde ich gar nicht komisch, denn Sherlock Holmes hat für mich auch etwas, das mich an Nebel im alten England erinnert!
      Danke für deinen lieben Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Liebe Regina
    bei mir werden die ganze Geschichten nicht na gezeigt und jetzt dahct eich mal schaue nach was los ist und ich sehe da sind sie doch und wa ssoll ich sagen eine wunderbare Geschichte wieder ich lief mit Lotta zu all den Personen sah sie wie sie malte erst Düster und dann bunt und zum Schluss wie sie sich freuten über all das gemalte, das Wort Struktur rein bringen in meinem Leben ohaaa wie gut ich das kenne selbst *zwinker*
    wunderbare Geschichte inrtessant und lebendig, einfach toll!
    Lieben Gruss Elke
    !

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    1. Liebe Elke,
      danke, dass du mich aufmerksam gemacht hast auf das Fehlen der Vorschau, ich bin froh, dass nun wieder alles seinen richtigen Weg geht.
      Danke auch für deinen lieben Kommentar. Ich freue mich, dass du die Geschichten nicht nur liest, sondern miterlebst. Das ist ein tolles Kompliment!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  8. Nebel haben wir bei uns auch, manchmal recht dicht. Das mag ich gar nicht. Man fühlt sich irgenwie eingesperrt. Eine schöne Geschichte mit "Struktur".
    LG Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      Nebel ist ja irgendwie "wabernd" und hat so gar keine sichtbare Struktur - ich mag Nebel, aber nicht drei Tage am Stücfk, dann fühle ich mich ebenfalls eingesperrt!
      Danke für deinen Kommentar und liebe Grüße
      Regina

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  9. liebe Regina ich würde ja, würde ich dich kennen, als Familienmenschen bezeichnen :)
    Deine Geschichten, ich las ja erst 2 davon (es werden mehr, ich habs mir schon vorgenommen) zeichnen immer ein sehr liebevolles, sehr warmes und gemütliches Bild einer großen Familie, die sich gerne hat, die einfach - gemeinsam/zusammen - ist.
    Ich finde das wunderschön, so etwas hätte ich auch gerne .. vielleicht in einem der nächsten Leben.
    Alles Liebe zu Dir
    Sophie

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    1. ach - und noch etwas
      das dazugehörige Bild zu der Geschichte ist wunderschön!

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    2. Liebe Sophie,
      du hast mich richtig erkannt, ich bin ein Familienmensch, ganz und gar!
      Das Bild hat meine Tochter gemacht, als sie für ein paar Monate in Irland war als Aupair. Ich mag es auch sehr!
      Ich freue mich sehr, dass du meine Geschichten liest, herzlichen Dank
      und liebe Grüße
      Regina

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  10. Guten Abend, meine liebe Regina,
    das war eine Geschichte nach meinem Geschmack...ich liebe Nebel und Nebelbilder :O)
    Gemalt hab ich noch keine, aber jede Menge fotografiert, das ist eine ganz besondere Stimmung dann ....
    Danke für die schöne Geschichte!
    Einen schönen Abend wünsch ich Dir!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Guten Abend, meine liebe Claudia,
      danke schön! Ja, ich mag ihn manchmal auch, den Nebel, nur nicht so anhaltend lange wie in meiner Geschichte, dann würde es mir wohl zu Hause zu eng werden, denke ich!
      Ich wünsche dir ebenfalls einen schönen Abend und grüße dich herzlich
      deine Regina

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  11. was für eine hübsche geschichte übers strukturieren liebe Gina, ich hab herzlich gelacht weil ich mir die wanderschaft der Kleinen so richtig gut vorstellen konnte, auch die Phantasie in der sie sich befand als sie malte und den nebel vergaß....
    toll geschrieben....

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