Dienstag, 5. August 2014

Reizwortgeschichte: Lena hat Kummer

Stachelbeeren


23 Hände - Weg - fasziniert - ahnen – lustig  (Eva)

Lena hat Kummer

            „Es gibt immer einen Weg, mein Kind. Manchmal ist er steinig, aber wenn man ihn überwunden hat, dann geht es wieder leichter voran.“
            Die Großmutter nahm die Hände des Mädchens und barg sie in ihren.
            „Ich weiß, Oma. Du hast es mir schon öfter gesagt und es stimmt ja auch. Im Moment fühlt es sich aber gerade so an, als ginge die Welt unter.“ Dicke Tränen liefen über das Gesicht des Kindes. Unaufhörlich tropfen sie auf den Schoß der Großmutter.
            „Es hilft dir nicht, wenn ich dir sage, wie schwer ich es hatte, als ich in deinem Alter war, Vielleicht möchtest du es trotzdem hören?“
            Lena nickte. Ihr war jede Ablenkung vom eigenen Kummer recht und wenn ihre Großmutter erzählte, dann konnte sie für eine Weile die Welt um sich herum vergessen.
            „Ich war ungefähr in deinem Alter als meine Mutter krank wurde. Mit zehn Jahren einen Haushalt zu führen, das war nicht einfach. Schließlich hatte ich fünf ältere Brüder und die waren, wenn sie nicht in der Schule oder bei der Arbeit waren, auf dem Hof beschäftigt.“
            „Ich könnte das nicht, Mama helfen kann ich, aber alles allein machen, das schaffe ich sicher nicht“, Lena hatte noch nie darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn die Mutter nicht da wäre.
            „Wir hatten keinen Geschirrspüler, keine Waschmaschine oder Trockner, auch keinen elektrischen Backofen, von einer Heizung ganz zu schweigen. Meine Mutter war zu Hause, aber sie wurde immer schwächer. Als sie starb, war es für sie eine Erlösung. Wir waren alle sehr traurig und haben kaum gesprochen in dieser Zeit. Jeder hatte seine Aufgabe und als ich vierzehn war, da konnte ich schon für alle kochen und sogar die Früchte aus dem Garten einmachen.“
            „Einmachen?“, fragte Lena nach, sie hatte dieses Wort noch nicht gehört.
            „Ja, die Kirschen, die Erdbeeren und Pflaumen wurden geputzt, entsteint und dann in Zuckerwasser im großen Einmachtopf in Gläser eingekocht. Während des Kochens saugten sie die Deckel durch die Gummiringe am Glas fest und alles blieb lange haltbar. Wir verstauten die Gläser mit den Früchten, aber auch mit Bohnen und Erbsen in den Kellerregalen. So hatten wir auch für den Winter etwas zu essen. Weißt du, wir haben Glück gehabt. Wir haben zwar unsere Mutter verloren, doch unser Hof wurde von den Bomben verschont. Anderen ging es schlechter als uns. Bis …“ Die Augen der Großmutter richteten sich ins Weite. Sie schwieg still und Lena blieb ebenfalls ganz still. Sie streichelte die Hände der Oma und legte den Kopf auf ihre Schulter.
            „Du musst nicht weitererzählen, wenn es schwerfällt“, sagte sie.
            „Das möchte ich aber, es ist alles so lange her. Trotzdem schmerzt es noch immer. Meine Brüder, Karl und Friedrich kamen nicht aus dem Krieg nach Hause. Lange wussten wir nicht, was mit ihnen geschehen war. Aber mein Vater hatte es wohl geahnt. Eines Tages bekamen wir Nachricht, dass beide im Dienste für ihr Vaterland gefallen waren.“
            „Gefallen?“, fragte Lena.
            „Ja, so heißt es, wenn jemand im Krieg stirbt. Meine beiden ältesten Brüder waren nun auch tot. Die anderen drei, Werner, Wilhelm und Heinz waren noch zu jung, um in den Krieg zu ziehen. Gott sei Dank!“
            Lena schämte sich ein bisschen, dass sie die Oma mit ihrem „kleinen“ Kummer belastet hatte. Was war schon ein dicker Streit mit Kathi gegen das, was ihre Oma erlebt hatte. Aber es tat eben auch weh, wenn die beste Freundin einen verraten hatte. Sollte sie doch mit ihrer neuen Freundin glücklich werden, die ja so viel lustiger war als sie, Lena. Das hatte Kathi jedenfalls behauptet.
            „Wir haben es trotzdem manchmal schön gehabt zu Hause. Mein Vater hat getan was er konnte. Meine Brüder haben alle eine Ausbildung bekommen. Werner hat später den Hof übernommen und ich habe den Fritz geheiratet. Ich war sehr glücklich mit ihm. Wir bekamen deinen Vater, der uns viel Freude gemacht hat. Heute denke ich manchmal, wie schön es gewesen wäre, wenn ich auch etwas gelernt hätte.“
            „Aber Omas, du kannst doch alles. Du bist eine faszinierende Frau, das hat meine Lehrerin gesagt, als du neulich den Kuchen für das Klassenfest gebacken hattest. Sie war so begeistert von dir, dass ich fast ein wenig eifersüchtig war.“
            Oma lachte. Sie drückte Lena noch einen Kuss auf die Stirn und erhob sich aus dem Sessel.
            „Meine müden Knochen brauchen noch etwas Bewegung. Machst du noch einen kleinen  Spaziergang mit mir?“, bat sie und diesen Wunsch schlug Lena ihr nicht ab.
            „Weißt du was, Oma?“, fragte sie, als sie durch den Gemüsegarten gingen und die Fortschritte der Pflanzen begutachteten.
            „Du bist die beste Freundin, die sich ein Mensch wünschen kann!“
Oma wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Augenwinkel und beugte sich übers Beet. Sie pflückte eine dicke Erdbeere und wischte sie mit ihrem blütenweißen Taschentuch sauber.
            „Die ist für dich, beste Freundin von allen!“, lachte sie.


© Regina Meier zu Verl


Kommentare:

  1. Oh, liebe Regina, deine Geschichte ist sooooo schön, auch wenn sie ein kleines bisschen traurig ist. Den Kummer, den unsere Vorfahren durch die Kriege erleben mussten, bleibt uns und unseren Kindern hoffentlich erspart. Doch wenn man die Nachrichten sieht, dann denkt man manchmal, die Menschheit hat immer noch nicht aus den Kriegen gelernt. Alles Liebe! Martina

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    1. Danke dir, liebe Martina,
      ja, so ist das, die Menschheit hat nichts gelernt und immer wieder gibt es Kummer und Leid. Ich erinnerte mich an meine Großmutter und habe vieles aufgeschrieben von dem, was sie mir so erzählt hat, aber auch andere ältere Menschen - hier in dieser Geschichte vermischt sich das ein bisschen.
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. eine wundervolle Geschichte die geht mir ans Herz ich hätte gerne so eine Oma gehabt und keine wie die ich kannte!
    Was sie früher erlebten find ich immer sehr gut wenn es in der Familie weiter gegeben wird um daraus zu erlernen das brauchen die Kinder diese Nähe, Erfahrungen und verstanden zu werden...
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke schön, Elke,
      für deinen lieben Kommentar und dass du dich als Leserin hier eingetragen hast. Das freut mich sehr.
      Großeltern sind wichtig für Kinder, ich denke noch heute oft an meine, die ja schon lange nicht mehr leben. Heute bin ich schon selbst Großmutter und versuche, meinem Enkel das zu geben, was ich so geschätzt habe an meiner Oma!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Aus den Kriegszeiten hat meine Oma auch erzählt. Meine Mutter kann ebenfalls darüber berichten. Leider wollte sie das Erlebte bisher nicht aufschreiben. Ich denke aber, sie sollte es für die Enkel und Urenkel machen.
    LG Elke

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    1. Liebe Elke,
      vor kurzem stand eine Anzeige in unserer Tageszeitung. "Rentner, Jahrgang 1934 würde gern seine Lebensgeschichte erzählen, wenn es jemanden interessiert - noch lebe ich" Ich habe eine Weile darüber nachgedacht, ob ich ihn kontakten sollte. Da ich aber noch so eingespannt bin, habe ich es mir verkniffen. Die Anzeige mit der Telefonnummer habe ich aber aufbewahrt!
      Liebe Grüße und danke
      Regina

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  4. Danke für diese Geschichte, Regina!
    Ich habe schon vieles von meiner Familie aus dieser Zeit gehört, ich frage auch immer wieder nach.
    Ein Büchlein meines Vaters aus dem Krieg habe ich, ich möchte es gern aus Kurrent "übersetzen" ... und dann .. mal sehen ...
    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Liebe Eva,
      das ist eine gute Idee, mach das, wenn du Zeit dafür findest. Es interessiert viele Menschen, wie es früher war.
      Herzliche Grüße und danke
      Regina

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    2. Ja, er schrieb es selbst als Tagebuch, auch während seiner amerikanischen Gefangenschaft, in der es ihm glücklicherweise sehr gut ging.

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  5. Liebe Regina, deine Geschichte erinnert mich an meine Mutsch, es gab nichts, was sie nicht konnte. Das warten nach dem Krieg auf meinen Bruder, der nicht kam, und viele andere Dinge, wie das Sterben meiner Oma auf der Flucht von Ostpreußen, macht mir deine Geschichte sehr lebensnah. Ich hatte nach dem Krieg keine Oma. Deine Geschichte macht mich etwas traurig, doch ich sage Danke. Es ist Vergangenheit.
    Ganz liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe Margot,
      wir gehören noch der Generation an, die uns ganz nah gebracht hat, wie es war in Kriegszeiten. Ich selbst habe ja nichts mehr vom Krieg gespürt, da ich 1955 geboren bin, aber meine Eltern und Großeltern haben viel erzählt. Durch meine Kontakte mit vielen älteren Menschen (im Altenheim) habe ich dann noch viel erfahren und ich finde, dass ich das festhalten sollte. Es macht traurig, das verstehe ich - aber das Leben ist leider so, mal ganz oben und dann wieder unten. Es ist Vergangenheit, schreibst du und genau so ist das und man hofft, dass man nie wieder so nah damit zu tun haben muss. Es reicht schon, wenn man das Elend in den Kriegsländern mitanschauen/lesen muss. Es macht sich Hilflosigkeit breit.
      Liebe Grüße und danke
      Regina

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  6. Hallo Regina,

    eine sehr ergreifende Geschichte hast Du heute mitgebracht - hat mir gefallen.
    Sie hat mich an meine Oma erinnert, auch sie hat gleich drei Brüder im Krieg verloren und oft von Ihnen erzählt :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Vielen Dank, lieber Björn,
      die Menschen früher mussten viele Verluste ertragen, das ist schrecklich und am liebsten möchte man es vergessen. Aber es darf nicht vergessen werden, denn es ist eine Mahnung an uns, weiter darüber zu reden oder zu schreiben, damit so etwas nie wieder passieren kann.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Meine liebe Regina,
    ja, auch meine Oma hat viel aus den Kriegszeiten erzählt, und meine Mama erzählt heute auch noch davon ....
    Eine wundervolle Geschichte hast Du wieder geschrieben! Danke dafür!
    Ich wünsch Dir einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Meine liebe Claudia,
      Lukas sagte neulich, als er bei uns geschlafen hat: Erzähl mal, Oma, wie das früher so war, als dui Kind warst. Mit großen Augen hat er mir zugehört, selbst in seinem jungen Alter schon hat ihn das fasziniert. Natürlich habe ich lustige Erinnerungen erzählt und noch ausgelassen, was ich Schreckliches erlebt habe. Dafür ist er noch zu klein. Es brachte mich aber in Gedanken zurück zu meinen Großeltern und deren Erzählungen über ihre Kindheit und über die Kriegsjahre. Zudem höre ich gerade ein Hörbuch "Die Bücherdiebin", das ich zum Geburtstag bekommen habe und auch da geht es um dieses Thema - ich bin also mittendrin ...
      Liebe Grüße
      deine Regina

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    2. Liebe Regina, möchte mich bedanken für deine wundervolle Geschichte. Wie du weißt, schreibe ich eine Chronik über meinen Mann, der 1934 geboren ist und den 2.Weltkrieg als Kind miterlebt hat. Auch sein Vater war an der Front. Ich bin 1941 geboren und habe auch mitbekommen wie meine Mutter sich im Krieg durchgeschlagen hat um uns Kinder den Hunger möglichst nicht spüren zu lassen. Mein Vater war Matrose auf einem Uboot, das getroffen worden ist jedoch mein Vater wurde gerettet. All diese Geschichten baue ich in die Chronik mit ein und zu gegebener Zeit werde ich es dich lesen lassen.
      Allerliebste Grüße
      Gerda Reichhart

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  8. Zwei Seelen ein Gedanke, faszinierend, wunderbar deine Geschichte. Der Gaza-Streifen und das Elend der Menschen ließ mich an die Erzählungen meiner Schwiegermutter und meiner Eltern aus der Vergangenheit denken.Deshalb schriebb ich meine Geschichte.
    Natürlich ist deine viel schöööner!
    Heute ist es übrigens das drittemal dass ich anfange sie zu lesen und o Wunder, ich kam bis zum Ende, denn Claudia schläft noch!
    Nun genieße ich noch die Tage bis Sonntag mit ihr, dann melde ich mich wieder bei dir, hihiii das reimt sich. Liebevolle Grüße, Lore

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