Dienstag, 26. August 2014

Reizwortgeschichte: Hanni erinnert sich



26  Zufall Beinbruch  -  tanzen  -  elegant sympathisch  (Martina)

Hanni erinnert sich

            „Ach, der Peter, das war ein eleganter Mann“, seufzt Hanni. „Und tanzen konnte der, wie ein junger Gott!“
            „Hast du mit ihm getanzt, Hanni?“, frage ich und schaue mir das Foto näher an. Abgebildet ist ein blonder, junger Mann im dunklen Anzug. Etwas verloren sieht er darin aus, denn offensichtlich ist dieser Anzug mindestens eine Nummer zu groß für ihn. In seiner Hand trägt er einen Hut. Er schaut streng, kein Lächeln, nicht einmal eines, das man erahnen könnte.
            „Wo denkst du hin? Das hätten meine Eltern niemals erlaubt. Ich habe nur zugeschaut, meine Mutter hat mich bewacht und der Peter, der hatte auch kein Auge für mich. Ich war ja eine graue Maus.“ Hanni kichert.
            „Hast du mal mit ihm gesprochen?“ Ich bin neugierig und möchte wissen, was es mit diesem Peter auf sich hatte.
            „Ja, das habe ich. Wie der Zufall es wollte, lief er neben mir her, als ich mir bei einem Fest einmal kurz die Beine vertreten wollte.“ Er sprach mich an:
            „Na, Hanni, willst du auch an die frische Luft?“, fragte er mich und ich war so nervös, dass ich nur ein undeutliches Gestammel von mir geben konnte.
            „Woher wusste er denn deinen Namen?“
            „Wir gingen doch in die gleiche Klasse. Trotzdem war ich erstaunt, dass er sich an mich erinnerte.“
            „Und dann? Wie ging es weiter?“, dränge ich sie.
            „Er bot mir eine Zigarette an, aber ich hatte Angst, mich zu blamieren. Schließlich hatte ich noch nie geraucht. Mein Vater wäre vor Ärger geplatzt, wenn er mich erwischt hätte. Damals fanden die jungen Frauen es total chic, sich eine Zigarette anzuzünden. Ich hab das nie probiert, stinkt ja fürchterlich, nicht wahr?“
            Ich stimmte ihr zu, obwohl ich selbst viele Jahre diesem Laster erlegen war.
            „Was habt ihr sonst noch geredet?“
            „Och, eigentlich nichts. Er hat geredet und ich habe zugehört und soll ich dir mal ganz ehrlich was sagen?“
            „Ich bitte darum!“
            Sympathisch war er nicht. Er redete von seinen Kameraden, stellte sich aber als den tollsten Mann heraus, der in seiner Burschenschaft zu finden war. Ich mag so was nicht.“
            „Aha, ein Aufschneider also. Die mag ich auch nicht. Hast du ihn später noch einmal getroffen?“
            „Nein, ich bin ihm aus dem Weg gegangen und es dauerte ja auch gar nicht lange, da lernte ich meinen Alfred kennen. Der war nicht so elegant und tanzen konnte er auch nicht. Aber er war eine Seele von Mensch und für unsere Kinder war er der beste Vater, den man sich vorstellen kann.“ Hannis Augen wandern in die Weite. Sie denkt an ihren Mann, der schon vor vielen Jahren verstorben war.
            „Warst du glücklich, Hanni?“, frage ich sie leise.
            „Ja, Kindchen, das war ich!“
            Ich schüttle ihre Kissen auf und Hanni lehnt sich dankbar zurück. Mit ihren fast neunzig Jahren liegt sie nun schon seit zwei Wochen in unserem Krankenhaus. Ein komplizierter Beinbruch erforderte eine Operation.
Nach ein paar Tagen bestand sie darauf, dass ich Hanni zu ihr sage. Sie fühle sich sonst so alt, erklärte sie mir.
            Eine Frage habe ich noch an sie, bevor ich mich um einen anderen Patienten kümmern möchte. Ich bin nämlich eine von den grünen Damen, keine Krankenschwester. Wir haben etwas mehr Zeit für die Patienten, besonders dann, wenn sie niemanden haben, der sie besuchen kommt.
            „Warum trägst du Peters Bild mit dir herum? Hast du keines von deinem Mann?“
Hanni lächelt.
            „Meinen Alfred, den habe ich im Herzen und wenn ich die Augen schließe, dann sehe ich ihn ganz deutlich vor mir. Das Bild von Peter habe ich zufällig in dem Buch da gefunden, ich weiß nicht, wie es dort hinein geraten ist.“
            Sie deutet auf das Buch auf dem Nachtschrank. Dann reicht sie mir das Bild.
            „Leg es zurück, bitte!“
            Ich schlage die erste Seite des Buches auf und sehe die Widmung, in Sütterlinschrift verfasst. Lesen kann ich sie nicht, nur die Unterschrift ist eindeutig für mich lesbar „Dein Peter“.
            Alles Weitere soll Hannis Geheimnis bleiben, es sei denn, sie erzählt mir in den nächsten Tagen davon – eigentlich geht es mich ja nichts an, aber es interessiert mich nun doch.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Liebe Regina, wieder eine wundervolle Geschichte und sicherlich hast du sie erlebt. Jedenfalls glaube ich es, sie ist so geschrieben. Es ist so, je älter man wird, um so mehr fallen einem Geschichten aus der Vergangenheit ein.
    Ob Vergangenheit oder Gegenwart, du hast alles reizend erzählt. Danke.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe Margot,
      danke für deinen lieben Kommentar. Etwas Erlebtes ist in all meinen Geschichten, vielleicht nicht genau so, wie ich es schreibe, aber ich habe doch immer reale Menschen und Situationen vor Augen.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  2. Das ist eine schöne Erinnerung und Hanni hatte bestimmt eine kleine Schwäche für den Aufschneider, Wunderbar was dir so einfällt, wieder eine sehr schöne Geschichte. LGLore

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    1. Ja, das hatte sie, liebe Lore,
      sicherlich war sie aber mit ihrem Alfred besser beraten!
      Herzliche Grüße und danke
      Regina

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  3. Hanni hätte jetzt meine Oma sein können, die das erzählt, eine sehr schöne Geschichte aus der Vergangenheit.
    LG Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      es freut mich, dass die Geschichte so gut ankommt!
      Liebe Grüße
      Regina

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  4. Wunderbare Geschichte, Regina, danke!

    Interessant, diesmal sind unsere Geschichten wieder sehr ähnlich.

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön, liebe Eva!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Liebe Regina ! Wie schön, daß Du mit Deinen Geschichten daran erinnerst, daß die alten Menschen, die im Krankenhaus oder anderswo unsere Hilfe brauchen, einmal jung und glücklich waren. Daß wir sozusagen " aus einem Holz" sind... Mir erweitert eine solche Sichtweise den Blick und ich gehe anders mit meinen Patienten um.

    Danke
    LG Gitta

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    1. Ich danke dir, liebe Gitta,
      fürs Lesen und den lieben Kommentar. Es stimmt, wir sind alle aus dem gleichen Holz geschnitzt und das sollten wir nicht vergessen.
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Liebe Regina
    die Erzählung was sie früher in der Jugendzeit erlebt hat war intressant und früher war es auch nicht wie heute wenn es um verliebt sein und das was innere Werte bedeuten..
    Ob sie dir es wirklich verratet was da drin steht macht einen neugierig, schade es ist zu Ende jetzt*zwinker*
    Tolle Erzählung!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Das stimmt liebe Elke,
      früher war alles ein wenig anders. Ich werde mal fragen, ob Hanni mir verrät, was in der Signierung stand.
      Danke und herzliche Grüße
      Regina

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  7. Liebe Regina, zunächst einmal vielen Dank für die prompte 'Lieferung' der Fotos und für die herzliche Aufnahme bei dir trotz des 'Überfalls'. Ich freue mich schon, wenn wir uns wieder sehen - es war so toll, dich 'live' zu erleben. Das ist noch einmal ganz etwas anderes, als zu schreiben oder zu telefonieren.

    Es hat sich in jedem Fall gelohnt, für den Schluss der Geschichte eine Nacht verstreichen zu lassen. Du hast sie ganz wundervoll erzählt und so abgeschlossen, dass der Leser sich so seine eigenen Gedanken machen kann. :-) Wirklich toll gelöst.
    Ich wünsche dir einen schönen Abend, hoffentlich hast du dich wieder erholt von dem unverhofften Zusammentreffen! LG Martina

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    1. Liebe Martina,
      ich musste mich doch nicht erholen ... ich hab mich doch total gefreut, weißt du ja!
      Danke für deinen lieben Besuch, den lieben Kommentar und für alles eben,
      herzliche Grüße
      Regina

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  8. Meine liebe Regina,
    einfach nur wieder wunderschön!
    Ich wünsch Dir noch einen gemütlichen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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    1. Vielen Dank, liebe Claudia,
      ich bin gerade wieder ziemlich in Aktion und komme zu gar nichts ... war noch nicht einmal in deinem Blog in den letzten Tagen, wird nachgeholt, versprochen!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  9. Was für eine schöne Arbeit du machst, Und ehrlich, ich bin jetzt auch total neugierig auf Peter...

    Liebe Grüße Annette

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    1. Liebe Annette,
      danke schön, ich freue mich über deine Anerkennung, das tut gut und motiviert ungemein.
      Vielleicht kann ich den Peter in einer der nächsten Geschichten mal ein wenig vorstellen, mal schauen!
      Herzliche Grüße und danke
      Regina

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  10. Liebe Regina, musste ein wenig schmunzeln, denn genau so ein Peterle hatte ich auch. Er war mein Tanzstundenpartner in meinen Augen der schönste Bursche weit und breit. Dieser war aber nur Schwärmerei.
    Deine Herrliche Geschichte passte auch zu mir, danke dir dafür mit lieben Grüssen Gerda Reichhart.

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    1. Danke schön, liebe Gerda,
      fürs Lesen und deinen lieben Kommentar - dann kennst du dich ja aus mit den Peterles :)
      Herzliche Grüße
      Regina

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  11. Hallo Regina,

    richtig aus dem Leben gegriffen Deine Geschichte - wirklich sehr schön.
    Ich konnte die "Figuren" nahezu vor mir sehen - so etwas mag ich, es kommt nicht immer vor.

    Liebe Grüße und noch einen schönen Abend
    Björn :)

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