Dienstag, 19. August 2014

Reizwortgeschichte: Geschichten von früher



25 Vergangenheit, Erlebnis, reizen, vergoldenverschweigen (Lore)


Geschichten von früher

            „Ach Vater, lass doch die alten Geschichten. Die hast du alle schon tausend Mal erzählt!“
Angela besucht ihren Vater, der seit einigen Jahren allein in seiner kleinen Wohnung lebt. Seit dem Tode der Mutter kümmert sie sich um die Wäsche und putzt seine Wohnung regelmäßig. Manchmal wird ihr das zu viel. Sie hat ihr eigenes Haus zu versorgen und die drei Kinder müssen von A nach B kutschiert werden. Heute ist sie besonders schlecht gelaunt, Freddy hat sein Turnzeug vergessen und sie musste es ihm in der großen Pause nachbringen.
            Der Vater schluckt und senkt den Blick. Angela ist doch die einzige, mit der er noch reden kann. Ab und zu wechselt er ein paar Worte mit dem Briefträger und der Dame vom Pflegedienst, die jeden Morgen kommt. Aber sie ist immer in Eile. Zehn Minuten, dann muss sie zum nächsten Termin. Es ist schrecklich.
            „Neue Geschichten habe ich nicht“, sagt er leise und in seinen Augen schimmern Tränen. „Hier passiert doch nichts und was morgen sein wird, das weiß ich nicht. Was soll ich also anderes erzählen, als Geschichten aus der Vergangenheit?“
            „Ich weiß ja, Vater!“ Angelas Stimme klingt nun viel sanfter. Sie hat ein schlechtes Gewissen. Sie liebt ihren Vater sehr. Doch das Leben in der Familie ist manchmal sehr anstrengend und Toni, ihr Mann, ist die ganze Woche unterwegs und kommt immer erst am Freitag zurück. Angela wischt über den Bildschirm des Fernsehers.
            „Im Fernsehen kommt auch nichts Schönes mehr, immer nur schlechte Nachrichten und Berichte vom Krieg. Dabei haben wir damals gedacht, dass es nie wieder Krieg geben würde irgendwo. Gehofft haben wir es und nun kommt es immer näher. Überall schlagen sie sich die Köpfe ein. Ich mag das nicht mehr anschauen, ändern kann ich sowieso nichts!“, beklagt sich der Vater.
            Angela stimmt ihm zu. „Ja, das ist wirklich nicht schön. Aber verschweigen kann man es ja auch nicht, wir müssen doch wissen, was in der Welt los ist, nicht wahr?“
            „Ich muss das nicht mehr wissen, ich vergesse es sowieso wieder. Gerade gestern hatte ich so ein Erlebnis. Ich hatte das Radio eingeschaltet und hörte Musik. Du weißt ja, dass ich die alten Schlager so mag. Ich kannte ein Lied, hätte den ganzen Text mitsingen können, aber meinst du, mir wäre der Name des Sängers wieder eingefallen? Ich bin fast verrückt geworden, weil ich mich nicht erinnern konnte. So fängt es an, liebe Angela!“
            Angela lachte. „Ach Vater, das ist doch Quatsch! Was meinst du, wie oft ich mich nicht an Namen erinnern kann. Noch schlimmer ist es mit dem Einkaufen, wenn ich keine Liste mitnehme. Ich vergesse die Hälfte von dem, was wichtig ist. Das wäre mir früher auch nicht passiert.“
            „Ehrlich?“
            „Ja, ganz ehrlich, sei beruhigt. Das geht dir nicht allein so.“
            „Angela, weißt du vielleicht den Namen des Sängers?“ Der Vater beginnt zu summen und einzelne Textpassagen zu singen. Wie schön das klingt. Angela legt den Putzlappen zur Seite und setzt sich zu ihrem Vater auf die Sessellehne. Sie legt den Arm um die Schultern ihres Vaters und schmiegt sich an ihn. Der summt weiter, so, als wolle er den Moment anhalten.
            „Papa, ich weiß nicht, wer das gesungen hat. Aber es klingt schön. Wir sollten viel öfter die alten Schlager anhören, das fühlt sich an wie früher, als ich abends auf deinem Schoß saß und dir zugehört habe, weißt du noch?“
            „Sicher weiß ich das noch. Du warst für mich die schönste Tochter der Welt und ich war so stolz auf dich. Ich denke noch sehr oft daran.“
            „Entschuldige, Papa, dass ich vorhin so gereizt war!“, bittet Angela kleinlaut. Ihr wird bewusst, wie sie zu Unrecht wütend auf den Vater war. Der konnte schließlich nichts dafür, wenn sie Stress hatte. „Weißt du was?“, fragt sie, denn plötzlich kommt ihr eine gute Idee.
„Wir werden von jetzt an, wenn ich bei dir bin, die Zeit besser nutzen. Ich putze ganz schnell die Wohnung und dann setzen wir uns zusammen hin und hören Musik oder vielleicht magst du mir mal wieder etwas vorlesen, so wie früher.“
            Der alte Herr nickt zustimmend. „Oh ja, das machen wir!“, ruft er begeistert. „Fangen wir gleich heute damit an, ja?“
            „Okay, ich räume gerade das Putzzeug weg und koche uns eine  Tasse Tee. Dann habe ich noch eine gute Stunde Zeit, bevor Freddy aus der Schule kommt. Ich muss ihn abholen, weil er gestern so ein blödes Erlebnis auf dem Weg nach Hause hatte. Ein größerer Junge hat ihm den Weg versperrt, als er vom Fahrradständer kam. Heulend kam er zu Hause an.“
            „Das ist dir auch passiert, weißt du noch?“, fragt der Vater.
            Angela kann sich nicht erinnern und lässt sich erzählen, was damals vorgefallen ist. Plötzlich hat sie dann die Situation wieder vor Augen und sie sieht ihren jungen Vater, der tüchtig mit dem Nachbarsjungen schimpft, weil er seine Tochter nicht in Ruhe lässt. Angela grinst.
            „Du hast ihm ganz schön Angst eingejagt, dem Michael. Der hat es nie wieder gewagt, mich zu ärgern“, kichert sie. „Er wollte dann auch gar nichts mehr mit mir zu tun haben. Darüber war ich froh. Der hätte sich die Nase vergolden lassen können, dann wäre er für mich immer noch Luft gewesen!“
            Nachdem Vater und Tochter eine schöne Teestunde miteinander verbracht haben und ihnen sogar der Name des Sängers wieder eingefallen ist, verabschiedet sich Angela.
            „Ich guck mal, ob ich im Internet etwas über Rudi Schuricke finde und dann singen wir wieder gemeinsam: Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt … „
            „Bella, bella, bella Marie, la la la la la la la morgen früh …“, stimmt der Vater ein und ein glückliches Lächeln liegt auf seinem Gesicht.


© Regina Meier zu Verl 

           

Kommentare:

  1. So eine schöne Geschichte - hoffentlich haben mehrere Töchter ein Einsehen mit ihren alten Vätern und nehmen sich Zeit. Das wäre doch wirklich wünschenswert. Ich habe die ganze Zeit gedacht, welches Lied er wohl summt. Und schon habe ich einen Ohrwurm. Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt .... LG Martina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, liebe Martina,
      ja, das wäre wünschenswert.

      Liebe Grüße
      die Ohrwurmverteilerin

      Löschen
  2. Liebe Regina, deine Geschichten sind wunderbar. Sie sind aus dem Leben gegriffen und berühren mich.
    Hab vielen Dank. Und wie es schon Martina schrieb, ich habe einen Ohrwurm, "Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt … „
    Ganz liebe Grüße, Margot.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Margot,
      das ist ein sehr liebes Kompliment. Ich freue mich darüber sehr! Danke schön!
      Herzliche Grüße, auch an den Ohrwurm
      Regina

      Löschen
  3. Danke, Regina! Ah, das erinnert mich, ich hörte meinem Vater gerne zu. Als er schon sehr dement war, fielen ihm noch manchmal alte Geschichten ein, die ich förmlich aufgesogen habe, es war vielleicht das letzte Mal, daß er sie erzählte ...
    Ich weiß auch, daß viele die alten Geschichten nicht hören wollen. Meine Tochter und ich freuen uns immer, wen die Verwandten aus der Vergangenheit berichten :)

    Alles Liebe
    Eva :)

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Eva,
      mein Vater ist leider nur 62 Jahre alt geworden, ich hätte so gern noch mehr Zeit mit ihm gehabt. Aber meine Mutter ist noch da und auch sie erzählt Geschichten von früher, ich liebe es!
      Herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
  4. Nun hat er sich auch bei mir festgesetzt der Ohrwurm. Übrigens hat meine Tochter das auch vor kurzem gesagt, als ich eine alte Geschichte von früher erzählt, die kenne ich doch schon.
    Wie immer deine Geschichten sind wie eine schöne Sinfonie und spiegeln deine schöne Seele wider.
    LGLore

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, liebe Lore!
      Die "schöne Seele" ist aber ein sehr dickes Kompliment, danke, du machst mich ganz verlegen!
      Herzliche Grüße
      deine Regina

      Löschen
  5. Geduld üben wenn ältere Menschen was erzählen und wenn es öfters ist wer weis wie wir selber werden.. ich habe das auch schon an hören müssen du hast das schon mal erzählt.. eine schöne Geschichte die mir Bewusst macht vieles. Ich höre gerne die alten Lebens-Geschichten zu .. als ich Briefträgerin war hatte ich ein Altersheim da freuten sich so manche Menschen wenn ich mich 5 Minuten hin setzte und ihnen zu hörte und es war immer spannend gewesen!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Es ist schön, liebe Elke,
      dass du dir ab und zu die Zeit genommen hast, das ist etwas Besonderes und leider die Ausnahme. Viele Pflegende würden das sicher auch gern tun, aber die Zeit wird ihnen eingeteilt, da bleibt kaum ein Moment für Persönliches. Umso schöner, wenn es innerhalb der Familien funktioniert.
      Herzliche Grüße und danke
      Regina

      Löschen
  6. Den alten Schlager kenne ich auch, nur den Sänger nicht. Eine schöne Geschichte, die ein Problem aufzeigt: Während sich die alten Leute langweilen, haben die jungen keine Zeit. Meine Tochter ist Ergotherapeutin in einem Altenheim. Sicher hört sie häufiger immer dieselben alten Geschichten, aber sie kann mit den Leuten umgehen. Wichtig ist, dass sie beschäftigt werden.
    LG Elke

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das stimmt, liebe Elke,
      der Beruf der ERgotherapeutin ist ein wuinderbarer Beruf und die Arbeit kommt vielen Menschen zugute. Gut, dass es diese Menschen gibt, die sich kümmern.
      Herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
  7. Ich kenne das auch von meinem Vater. Wir haben zuletzt in einem Haus gewohnt, daher war er nach dem Tode
    meiner Mutter nachmittags immer bei uns und unweigerlich kamen alte Geschichten teilweise Details an die
    man sich nicht unbedingt erinnern kann. Aber was es beispielweise gestern zu Mittag gab, das war vergessen.
    LG Christa

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das habe ich auch oft beobachtet, liebe Christa,
      das Kurzzeitgedächtnis lässt nach und der Betroffene wird immer unsicherer. Wollen wir hoffen, dass wir verschont bleiben davon, aber die Tendenz ist leider steigend. Das liegt sicher auch daran, dass die Menschen ja eine viel höhere Lebenserwartung haben als früher.
      Danke und herzliche Grüße
      Regina

      Löschen

  8. Liebe Regina,
    deine Geschichte weckt Erinnerungen. Das Lied kenne ich auch noch aus meiner Kindheit. Damals besaß mein sehr musikalischer Großvater eine beachtliche Sammlung an Schellackplatten und irgendein Schlager lief immer.
    Viele liebe Grüße
    Tina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Tina,
      willkommen hier und vielen Dank für deinen lieben Kommentar.
      Ich habe auch noch sehr viele alte Schallplatten, teils von meinem Vater. Das ist ein wahrer Schatz, irgendwann werde ich mehr Zeit haben, sie mal wieder anzuhören!
      Herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
  9. Hallo meine liebe Regina,
    was für eine wunderschöne Geschichte! Sie erinnernt mich an meinen Papa, der leider schon viel zu früh von uns gegangen ist ....beim lesen dachte ich, ich sitz da mit meinem Papa ....Danke Du Liebe .......
    Wenn bei Capri ............dieses Lied, und viele andere aus dieser Zeit übrigens ,....., weißt Du, wie oft das im Winter in der Holzwurmwerksatt läuft , wenn wir neue Plänchen schmieden? ;O)
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag und Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

    AntwortenLöschen
  10. Hallo Regina,

    eine sehr schöne Geschichte :) manchmal geht es leider so, man erzählt und wenn man nicht auf das aktuelle Tagesgeschehen kommen möchte und wer will schon darüber reden ;) dann fällt man, wenn man nicht so hinaus kommt auf die "alten Geschichten" zurück. Da erkenne ich mich auch, wenn ich manchmal sage "hast Du schon mehrfach erzählt...".

    Die Capri Fischer sind eine meiner liebsten Lieder, ich höre mir gerne die Schellackaufnahme von Rudi Schuricke davon an - herrlich :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

    AntwortenLöschen
  11. Eine schöne Geschichte. Und ein schönes Klavier (aus der Festspielstadt Bayreuth). Nur das Stück ist aus dieser Perspektive nicht zu dechiffrieren.

    Liebe Drachengrüße ;-)))

    AntwortenLöschen
  12. Schön, zumal ich solche "Vergessensituationen" von meinem Vater gut kenne. Ich mag seine alten Geschichten. Acuh wenn er sie schon zigmal erzählt hat. Manchmal tauchen sogar noch neue auf. Bin froh, dass meine Tochter mit ihrem Mann hingebungsvoll lauscht, wenn er erzählt. Alte Geschichten sind wichtig.Nicht nur für ihn.
    Gruß vonner Grete

    AntwortenLöschen
  13. Ich liebe es, wenn meine Oma mir was von früher erzählt. Sie kann sich an sehr viele Einzelheiten erinnern, sodass ich ein Bild vor Augen habe. LG Romy

    AntwortenLöschen
  14. Habe gerade 'um die Ecke gelinst', ob die 50.000-er-Marke schon geknackt wurde. Noch nicht ganz aber morgen früh ist es soweit!!! Bis dann und einen wunderschönen Einschulungstag!! Martina

    AntwortenLöschen
  15. Liebe Regina,
    eine sehr schöne Geschichte. Eine Geschichte die uns alle mal einholt.
    Ich höre die alten Schlager auch gern. Es stimmt, wenn man alt ist, erlebt
    man nicht mehr viel und es gibt nichts Neues zu erzählen.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

    AntwortenLöschen
  16. Liebe Regina, mich hat die Geschichte sehr bewegt und finde sie rührend geschrieben. Kenne das Lied von Rudi Schurike die Capri-Fischer auch......wenn ich es höre, macht mich das sehr wehmütig, weil es ja schon lange Zeit zurück liegt. Sei mir lieb gegrüßt von Gerda Reichhart.

    AntwortenLöschen
  17. wunderschön erzählt liebe Regina, da kommen Erinnerungen auf....
    ich musste schmunzeln und das Lied, ja das hab ich auch noch im Ohr, es gibt eben Dinge, die vergißt man nicht....
    sei lieb in deinen Morgen gegrüßt
    angelface

    AntwortenLöschen
  18. Hallo Regina,
    diese Geschichte ist sehr schön. Leider ist mein Vater schon seit 30 Jahren tot, aber ich habe noch meine Mutter. Mit ihr verbringe ich bei meinen Besuchen ebenfalls viele schöne Stunden, in denen wir uns erzählen oder auch mal was gemeinsam spielen.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!