Dienstag, 12. August 2014

Der Weg zu ihr



24 Fisch, Fahrrad, singen, frech, beleibt 

Der Weg zu ihr

Er stellt sein Fahrrad, an dessen Lenker ein kleiner Fisch aus Plastik baumelt, am Fuß der Treppe ab, steigt die Stufen zum Deich empor und wandert jeden Abend in die gleiche Richtung. Er ist ein wohl beleibter älterer Herr, der mich an einen Schauspieler erinnert, dessen Name mir nicht einfällt. Elegant sieht er aus, trotz seiner Leibesfülle oder gerade deswegen. Er trägt einen Trenchcoat und um seinen Hals hat er locker einen Schal geschlungen. Seine langen,  fast weißen Haare wehen im Wind.
            Nach einer Weile kommt er zurück. Mit festen Schritten schreitet er den Deich entlang. Er bleibt oben noch kurz stehen und schaut auf das Meer. Dann steigt er wieder auf sein Rad und fährt davon.
            Ich frage mich, wie jeden Abend, was er macht. Ob es nur ein Abendspaziergang ist? Danach sieht es gar nicht aus. Zielstrebig, so als habe er etwas Wichtiges zu erledigen, wandert er Tag für Tag die gleiche Strecke, immer zur gleichen Zeit.
Es geht mich nichts an, trotzdem beschließe ich an einem Abend, seinem Geheimnis auf die Spur zu kommen. Kurz vor seiner Zeit gehe ich zum Deich und als ich ihn von Weitem kommen sehe, steige ich hoch und wandere langsam in die Richtung, die er auch nehmen wird. Als er mich überholt grüßt er mich mit einem freundlichen „Guten Abend“. Frech beschleunige ich ebenfalls meine Schritte und bleibe hinter ihm. Ich will wissen wohin er geht und was er macht. Ich habe ein schlechtes Gewissen. Es grummelt in meinem Bauch, also laufe ich etwas langsamer, jedoch ohne ihn aus den Augen zu verlieren.
            Nach ein paar Minuten verlässt er den Deich und geht zum Strand hinunter. Er sieht sich nicht um, sondern wendet sich dem Meer zu, breitet seine Arme aus und fängt an zu singen. Nur leise Töne dringen an mein Ohr, die Melodie kann ich nicht erkennen. An seiner Körperhaltung sehe ich aber, dass er inbrünstig singen muss.
Ich schäme mich ein bisschen, bin aber doch verzaubert von dem, was ich sehe, so dass ich mich nicht lösen kann.
            Nach einer Weile lässt er die Arme sinken, tritt etwas näher ans Wasser und greift in seine Manteltasche. Mit einer ausladenden Bewegung wirft er Blüten aufs Meer, die auf dem Wasser schaukeln. Dann verharrt er still einige Minuten, wendet sich dem Deich zu und tritt den Rückweg an.
            Am nächsten Abend gehe ich früher zum Deich und setze mich auf eine Bank. Ich sehe ihn kommen, kurz bevor er mich erreicht winkt er kurz und läuft dann zum Wasser hinunter.
            An diesem Tag habe ich mehr Glück, der Wind kommt vom Meer her und trägt die Melodie zu mir. Gebannt lausche ich. Es ist ein Lied, das meine Mutter mir schon vorgesungen hat.
            Traurig klingt es, aber doch schön und feierlich. „Wo du hingehst, da will auch ich hingehen, und wo du bleibst, da bleibe auch ich.“ (Ruth 1 – 16-17)
Auf einmal weiß ich, was dort unten passiert. Er trauert um seine Liebe, die ihm vorausgegangen sein muss.
            Wieder wirft er Blütenblätter aufs Meer, verharrt eine Weile und bevor er sich umdreht, stehe ich still auf und gehe weiter. Ich möchte ihn in seinen Gedanken nicht stören.
Ich gehe nicht mehr zum Deich, aber jeden Abend schaue ich aus dem Fenster und warte auf ihn.
            Das geht ein paar Wochen so, dann warte ich vergeblich. Er kommt nicht mehr. ‚Vielleicht ist er krank“, denke ich und mache mir Sorgen. Hätte ich ihn doch angesprochen, dann könnte ich ihn besuchen. Vielleicht braucht er meine Hilfe. Jeden Abend wandere ich zum Deich, ich nehme Blütenblätter der letzten Dahlien aus meinem Garten mit und streue sie aufs Wasser. Lange schaue ich ihnen nach, beobachte, wie die Wellen sie auf’s Meer hinaustragen.
Singen kann ich nicht, aber die Worte aus der Bibel haben sich fest eingeprägt und wenn ich sie sage, dann höre ich die Melodie, die der alte Mann gesungen hat.

Wo du hingehst, da will auch ich, auch ich hingehen, und wo du bleibst,  da bleibe auch ich …


© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Eine sehr bewegende Geschichte ist es diesmal. Genau so könnte es sich irgendwo auf der Welt zutragen. Unsere Geschichten spiegeln das Leben wieder. Manchmal sind sie berührend, manchmal humorvoll und es ist immer wieder spannend, wenn man beginnt, sie zu lesen und sich fragt: wohin werden wir wohl heute entführt. Danke für die bezaubernde Geschichte! LG Martina

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    1. Vielen Dank für deine lieben Worte zur Geschichte, liebe Martina,
      worüber sollten wir schreiben, wenn nicht über das Leben in all seinen Höhen und Tiefen. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich die Gedanken gehen bei den Wörtern. Es macht wirklich viel Spaß, sich jede Woche aufs Neue den "Kopf zu zerbrechen".
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Ich habe Gänsehaut, so schön ist diese Geschichte, du bist eben eine Erzählerin der zarten leisen Töne.
    Rufe später an ,will nur auf Eva warten, um ihre Geschichte zu verlinken. Bis später Lore

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    1. Ich habe mich gestern schon am Telefon bedankt, doch hier noch einmal ein herzlicher Gruß an dich, liebe Lore.
      Regina

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  3. Sehr berührende Geschichte, gefällt mir sehr!

    Freu mich auf die nächsten Geschichten!
    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Danke schön Eva,
      ich freue mich auch jeden Dienstag wieder auf Eure Geschichten!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. die Tränchen mal wieder weg wischen die in meinen Augenwinkel kamen vor rührung ich musste an mich und mein Schatz denken ich würde das auch so machen wenn mein Schatz vor mir sterben würde... ach so schön traurig und so berührend geschrieben.. ganz toll beschrieben!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Danke, liebe Elke,
      sicher weißt du, welchen Strand und welchen Deich ich vor Augen hatte, als ich diese Geschichte schrieb, nicht wahr?
      Liebe Grüße
      Regina

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  5. Eine rührende traurige und schöne Geschichte, die mir gut gefällt.
    LG Elke

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    1. Danke schön Elke,
      fürs Lesen und den lieben Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Hallo Regina,

    eine wirklich rührende Geschichte - fing alles so harmlos an mit dem Plastikfisch am Lenkrad ;)
    Schade, aber manchmal spielt das Leben so und man kann ja vorher nie wissen was man verpasst - aber der alte Mann ist nun wahrscheinlich glücklicher und zudem hat er noch jemanden gefunden der an ihn denkt :)
    Vielleicht doch ein Happy end :)

    Liebe Grüße
    Björn :)

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    1. Stimmt, lieber Björn,
      in gewisser Weise ist das ein Happyend und der alte Mann hat es sich ja auch so gewünscht - wo du hingehst, da will auch ich hingehen - singt er und der Text geht ja noch weiter, es heißt am Schluss: und wo du stirbst, da sterbe auch ich!
      Ich habe dieses Lied damals im Gesangsunterricht gesungen und habe es immer als eines meiner liebsten Lieder empfunden, obwohl es traurig ist.
      Liebe Grüße
      Regina

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  7. Meine liebe Regina,
    danke für diese wieder so schöne Geschichte.
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Abend!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke schön, meine liebe Claudia,
      die lieben Kommentare sind es, die zum Weitermachen ermuntern und das ist wunderbar!
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  8. Liebe Regina, danke dir für die berührende und zugleich traurige Geschichte. Hast du wunderschön geschrieben, ich muss mich zusammen reißen, dass ich nicht weinen muss. Wünsche mir, dass du weiterhin so schöne Geschichten schreibst. Alles gute dir und sei herzlichst gegrüßt von Gerda Reichhart.

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