Mittwoch, 16. Juli 2014

Reizwortgeschichte: Großvaters Schreibtisch



Schreibtisch Rose gelb lieblich tragen

Großvaters Schreibtisch

Als der Großvater vor vielen Jahren gestorben war, hatte Vera seinen Schreibtisch geerbt. Damals war sie noch Schülerin gewesen. Sie hatte darauf bestanden, dass der Tisch in ihrem Zimmer, das eigentlich viel zu eng dafür war, aufgestellt wurde. Von da an hatte sie ihre Hausaufgaben immer in ihrem Zimmer erledigt und sie hatte das Gefühl, dass ihr Großvater ihr dabei über die Schulter schaute.
Wenn Vera Besuch von ihren Freundinnen bekam, lästerten diese gern über das klobige, altmoderne Möbelstück, das sich dem Rest der Einrichtung so gar nicht anpassen wollte. Vera hatte dann gelacht.
„Er ist wie mein Opa, immer ein wenig anders als die anderen!“, hatte sie verkündet und genau so hatte sie es auch gemeint. Opa war außergewöhnlich gewesen, in Veras Augen ein toller Mann, klug und warmherzig, aber auch streng und manchmal sogar ein wenig unnahbar.
Vera liebte ihn und er liebte sie. Von allen Enkelkindern war sie diejenige gewesen, die ihm am nächsten stand. Manchmal hatte ihr das böse Worte von den Geschwistern und Cousinen eingebracht.
„Der Alte hat einen Narren an dir gefressen!“, behaupteten sie, aber Vera war das egal. Sollten sie doch reden.
Später zog Vera in eine kleine Wohnung, ihr erstes eigenes Heim in der Nähe ihrer Ausbildungsfirma. Dort hatte der Schreibtisch keinen Platz, erst als Vera mit ihrem Ehemann Peter ein Haus gemietet hatte, konnte sie ihn wieder aufstellen. Er bekam einen Ehrenplatz im Wohnzimmer und wie früher, als der Großvater noch gelebt hatte, schmückte ihn eine gelbe Rose in einer Messingvase. Diese Vase stand auf einem Wolkendeckchen, das die Oma gehäkelt hatte.
„Der liebliche Duft der Rosen ist für mich das, was für den guten alten Schiller die Äpfel waren“, hatte der Großvater ihr erklärt und ihr die Geschichte, die dahinter steckte gleich erzählt. Der Geruch von faulenden, modernden Äpfeln habe Schiller inspiriert. Überall in den Schubladen haben diese Früchte gelegen. Man erzählte sich wohl, dass Schiller möglicherweise auch wegen seiner Atemerkrankung Linderung durch den Duft erfahren haben könnte.
Das konnte Vera sich nicht vorstellen und sie war froh, dass es beim Großvater die Rosen waren, die ihn zu Gedichten inspirierten. Das empfand sie wesentlich angenehmer und sie führte diese Tradition gerne fort. Wann immer sie in ihre alte Heimat kam, trug sie eine gelbe Rose zum Grab des Großvaters.

Liebevoll strich Vera über das Holz der Schreibtischplatte. Sie saß vor ihrem leeren Buch und wollte mit dem Schreiben beginnen, ihre Gedanken waren zurückgewandert in die Zeit, als sie noch ein Kind gewesen war. Sie lächelte und schraubt den alten Füller wieder zu.
„Morgen ist auch noch ein Tag“, dachte sie und schnupperte an der Rose.

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Liebe Regina
    da schwelkt man richtig mit den Gefühlen der Vera .. eine wunderbare Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

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  2. Guten Morgen, meine liebe Regina,
    eine wunderschöne Geschichte!
    Ich wünsch Dir einen schönen und sonnigen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥
    P.S Ich hoffe, der Lukas-Tag gestern war wunderschön!

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    1. Er war wunderbar, liebe Claudia, vielen Dank!!!! :)

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  3. Wow, eine tolle Geschichte, mit - für mich - unvorhergesehenem Ende. Danke dafür!

    Alles Liebe
    Eva :)

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  4. Liebe Regina, nun habe ich gerade bei deinem Kommentar zu meiner Geschichte geschrieben, dass ich mir wünschen würde, dass du beim nächsten Mal wieder mit dabei bist, da finde ich deine Geschichte hier vor. Unglaublich, was du da wieder aus dem Hut gezaubert hast. Ich werde sie ganz schnell verlinken - einen schönen Tag für dich und liebe Grüße! Martina

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    1. Danmke schön, Martina,
      wenn ich zaubern könnte, das wär gut! Dann zauberte ich mir einen Leuchtturm mit drei Schreibzimmern, eines für mich und die anderen beiden für Gäste!
      Herzliche Grüße

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  5. Liebe Regina, du schreibst wunderbare Geschichten und meine Gedanken, sie hat es selbst erlebt.
    Sie sind wirklich aus dem Leben gegriffen und verzaubern. Danke.

    Wünsche dir einen schönen Tag. Herzlichst Margot.

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    1. Danke dir, liebe Margot,
      ich freue mich über das "verzaubern", sehr sogar!
      Herzliche Grüße

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  6. Da har sich das Warten doch gelohnt, eine schöne Geschichte und wunderbare Erinnerungen an den Großvater. War schön sie zu lesen. Gemütliche Abendgrüße, Lore

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    1. Huhu Lore,
      grad haben wir telefoniert und eigentlich schon alles gesagt - aber DANKE hier nochmal schriftlich! :)

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  7. Liebe Regina,
    eine wunderschöne Gechichte - gerade recht zum Abend.
    Es hat sich wirklich gelohnt, bis heute zu warten.
    Alte Erinnerungsstücke gehören zu unserem Leben dazu.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

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    1. Vielen Dank, liebe Irmi,
      ja, in den Erinnerungen, da stecken die meisten Geschichten ....
      Liebe Grüße an dich!

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  8. Sehr gern gelesen, liebe Regina. Ich habe von meinem Großvater zwar keinen Schreibtisch, aber mein Kopfkino arbeitet, wie ich an seiner Hand mit ihm im Garten war, an seinen Kaninchenstellen und sofort habe ich den Duft seiner Zigarren um mich....

    Herzlichen Gruß von mir!

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    1. Danke, liebe Gaby,
      ja, die Gerüche sind unauslöschbar - ich bin auch so ein Nasenmensch und erinnere mich an die Düfte, die ich wahrgenommen habe in Verbindung mit Menschen, die ich gernhabe.
      Auch von mir liebe Grüße zu dir!

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  9. Wieder eine wunderschöne Geschichte, Düfte können animieren, inspirieren und Fantasien auslösen.
    Ein schönes sonniges Wochenende!
    LG Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke,
      das stimmt, mich inspirieren sie auch sehr!
      Liebe Grüße
      Regina

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