Dienstag, 22. Juli 2014

Reizwortgeschichte: Geschwisterliebe



21 Baum, Sturm, knacken, ruhig, laufen

Geschwisterliebe, oder: Was Obst und Schokolade gemeinsam haben



Seit Jahren wünscht sich mein Vater zum Geburtstag einen Baum.

„Immer nur Bäume, das ist langweilig!“, behauptet meine Schwester Jenny. Ich aber kann Papa verstehen, irgendwie sind seine Bäume ja auch meine Bäume, die ich sehr gern habe.

Wie herrlich ist es doch, im Frühling die ersten Blüten zu bewundern und später dann von den Früchten zu naschen.

Jenny mag kein Obst essen. Ihr schmecken Chips und Schokolade viel besser. Kirschkerneweitspucken findet sie kindisch, dabei ist sie nur ein Jahr älter als ich. Apfelkerne auf Zwirnfäden zu ziehen, um lange Ketten daraus zu basteln sei mega-out, sagt sie.

„Lass sie ruhig!“, sagt Mama immer, „Sie wird schon noch entdecken, dass frisches Obst viel leckerer ist als die fettigen Chips.“

Bald ist es wieder soweit, Papas Geburtstag steht an und wir wollen gemeinsam überlegen, welchen Baum wir ihm schenken möchten. Mama schlägt vor, einen Apfelbaum zu kaufen.

„Davon hat er doch schon drei“, widerspreche ich. „Ich wäre für einen Pflaumenbaum, der fehlt noch in der Sammlung!“

„Da hast du recht – weitere Vorschläge?“, fragt Mama.

Jenny zuckt mit den Schultern. „Mir doch egal!“, murmelt sie und kaut gelangweilt auf ihrem Kaugummi herum.

„Deine Schwester macht sich wenigstens Gedanken. Nimm dir ein Beispiel an Julia!“ Mama ist verärgert, doch wenn sie so etwas sagt, dann geht Jenny auf die Palme. Noch herrscht Ruhe vor dem Sturm, dann springt Jenny plötzlich auf.

„Ihr könnt mich mal!“, kreischt Jenny und rennt aus dem Zimmer. Die Tür schmeißt sie wütend ins Schloss. Ich kenn das schon, zuerst ist sie wütend, wirft sich im Zimmer auf ihr Bett, dann heult sie und schließlich braucht sie Trost. Meist bin ich die Trösterin, sie kann ja nichts dafür, dass sie so ist. Ich habe auch meine Macken – sagt Mama jedenfalls immer. Ich möchte dazu nichts weiter sagen.

Kommen wir zurück zum Geburtstagsgeschenk. Mama und ich einigen uns darauf, am nächsten Tag in die Baumschule zu fahren und einen schönen Baum für Papa auszusuchen. Jenny werde ich mit einer Tafel Schokolade bestechen, damit sie uns die Freude nicht verdirbt.

Als Mama in der Küche das Abendbrot vorbereitet, schleiche ich mich vorsichtig an die Süßigkeitenschublade und stibitze eine Tafel Schokolade, die verstecke ich unter meinem T-Shirt und laufe die Treppe rauf.

„Schwesterchen“, flüstere ich, als ich Jennys Zimmer betrete.

„Lass mich doch in Ruhe!“, kreischt sie.

„Schau, was ich für dich habe.“ Triumphierend halte ich die Tafel hoch und gehe ein wenig weiter ins Zimmer. Jenny sieht mich mit verweinten Augen an.

„Ich will aber keine Schokolade“, schluchzt sie und steckt das Gesicht wieder ins Kissen. Vorsichtig setze ich mich neben sie auf ihr Bett und streichle ihr beruhigend über den Rücken.

Das Schluchzen wir immer stärker. Als sie sich aufsetzt, laufen die Tränen in kleinen Bächen aus ihren Augen. Ach, wie leid sie mir jetzt tut.

„Was ist denn nur los, so schlimm kann es doch nicht sein?“, frage ich, denn der Baum wird ja wohl kaum der Anlass der Tränen sein und ich bin es sicher auch nicht, oder doch?

„Hab ich dir was getan?“, frage ich vorsichtshalber. Keine Antwort. „Du bist die liebste Schwester von allen“, schmeichle ich.

„Quatsch kein dummes Zeug, du hast nur mich!“ Langsam kommt wieder Leben in Jenny. Wenn sie ärgerlich ist, gefällt sie mir viel besser als wenn sie weint, also necke ich sie noch ein bisschen weiter.

„Du bist verliebt, stimmt’s?“

Jetzt richtet sich Jenny auf und ihre Augen funkeln verdächtig, eher zornig als verliebt. Also reiße ich mich zusammen und schweige.

„Hast ja recht, kleine Schwester. Aber davon verstehst du noch nichts.“

Ich protestiere innerlich, schließlich bin ich schon groß und ich bin selbst auch ein wenig verliebt. Das sage ich aber nicht, es ist mein Geheimnis.

„Dann erklär es mir“, schlage ich vor.

Leider kommt Mama ins Zimmer.

„Mädels, das Abendbrot ist fertig. Kommt ihr?“, fragt sie, sieht die Schokoladentafel und schimpft. „Keine Schokolade mehr vor dem Essen!“

„Schokolade ist gesund“, behauptet Jenny. „Sie wird mit Milch und Kakao hergestellt und Kakaobohnen wachsen auf Bäumen und alles, was auf einem Baum wächst ist Obst und Obst ist gesund!“

Mama versucht sich zu beherrschen, aber ich kann schon sehen, dass sie gleich laut loslachen wird. Schnell schließt sie die Tür und flitzt die Treppe hinunter.

„Jenny, du bist einfach unglaublich!“, kichere ich. „Wie kommst du nur immer auf so etwas?“

„Hab ich im Internet gelesen“, Jenny grinst nun auch. Sie nimmt die Schokotafel und knackt ein Stück nach dem anderen, so dass nach dem Öffnen des Papiers mundgerechte Portionen vor uns liegen. Wir greifen beide zu und in Nullkommanix ist die leckere Süßigkeit, die ja eigentlich aus Obst hergestellt ist, verspeist.

Dann gehen wir gemeinsam zum Abendbrot in die Küche. Mama und Papa sitzen schon am Tisch.

„Ich habe ja übermorgen Geburtstag“, sagt Papa, „und ich habe einen Wunsch!“

„Einen Baum!“, rufen Jenny und ich im Chor.

„Nein!“, sagt Papa. „Ich wünsche mir, dass gutes Wetter ist, denn wir wollen abends grillen. Ich habe die Nachbarn eingeladen. Timo und Fabian kommen auch mit!“

Jenny wird puterrot im Gesicht und endlich weiß ich sicher, wer Jennys Angebeteter ist, Fabian!

„Klasse!“, rufe ich übermütig und schnappe mir eine Scheibe Brot. „Der Fabian ist aber auch süß!“ Jenny tritt mir unterm Tisch gegen das Schienbein. Ich ertrage den Schmerz, denn die Freude über meine Entdeckung ist weitaus größer.

Dass ich selbst den Timo megasüß finde, sage ich lieber nicht.  



© Regina Meier zu Verl



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Martina                  Lore                   Eva

Kommentare:

  1. Das war wieder eine ganz ganz tolle Geschichte, obwohl es mir heute nicht soooo besonders gut geht, das Gewitter von gestern Nacht liegt mir wohl in den Gliedern, musste ich sie doch lesen und ich habe es nicht bereut.
    Die Idee mit Kakobohnen, was ist sie doch für ein clever Mädchen, die Jenny und welch ein Glück, dass die Mädchen nicht denselben Jungen megacool finden.
    Auf jeden Fall bist du eine megacoole Erzählerin.
    Tschüs Lore

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  2. Liebe Regina, deine Geschichten sind wunderbar. Ich sehe die Menschen der Geschichten und sie kommen mir sehr bekannt vor. Danke. :-)
    Dir wünsche ich einen schönen Tag. Liebe Grüße, Margot.

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  3. Eine wirklich nette Geschichte.Und das nächste mal wenn ich mal wieder zuviel Schokolade nasche,brauche ich ja kein schlechtes Gewissen haben.
    Liebe Grüße Christa...

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  4. Meine liebe Regina,
    ach, ist das eine schöne Geschichte, ich hab eben herzlich gelacht :O)
    Wenn Geschwisterliebe nur immer so schön wäre ....
    Ich wünsch Dir einen schönen Tag und eine schöne Woche!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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  5. Schöne Geschichte, liebe Regina. Wunderbar lebendig.

    Herzliche Grüße,
    Martina

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  6. Ich wusste es: ich lebe gesund! Schokolade könnte für mich ein Hauptnahrungsmittel sein. Aber im Augenblick darf ich sie nicht - werde ich dir gelegentlich erzählen :-)! Ich habe ja auch eine große Schwester, doch unser Verhältnis war leider nicht so, wie das zwischen den beiden in deiner Geschichte. Der Abstand zwischen uns war wohl zu groß! Danke für diese tolle Geschichte, in die ich mich sehr gut eingefunden habe, denn sie erzählt aus dem wahren Leben! LG Martina

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  7. Wieder eine tolle Geschichte. LG Christa

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  8. Super, Schokolade ist gesund, weil die Kakaobohnen auf dem Baum wachsen und alles, was auf dem Baum wächst, ist Obst. Eine absolut logische Erklärung und wieder eine sehr schöne Geschichte.
    LG Elke

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  9. Eine wunderbare Begebenheit, die hier von dir geschildert wird. Ich schmecke die Schokolade förmlich und fühle die Schmetterlinge im Bauch.
    Gruß vonner Grete

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  10. Danke, Regina, für diese süße, gesunde, Schmetterlinge im Bauch fühlende Geschichte mit dem neugierig machenden Ende. Vielleicht gibt's ja eine Fortsetzung *hoff*

    Alles Liebe
    Eva :)

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  11. Liebe Regina
    du hast mal wieder eine wunderbare lebensechte Geschichte geschrieben die so toll endet dass ich mich so freue drüber... leider konnte ich jetzt erst deine Geschihcte lesen da ich ja Besuch hatte von meinem Sohn einige Tage!
    Lieben Gruss Elke

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