Dienstag, 29. Juli 2014

Reizwortgeschichte: Erinnerungen an eine Lehrerin



ParadiesDualitätregnerisch trauriggehen

Erinnerungen an eine Lehrerin

Meine Freundin Uli strickte unter der Schulbank Socken, während ich Zigaretten für die Pause drehte. Trotz unserer Nebentätigkeiten lauschten wir aufmerksam den Ausführungen von Fräulein Tät. Eigentlich hieß sie Zimmermeister und unterrichtete Geschichte und Religion in unserer Mädchenschule. Fräulein Tät liebte Wörter, die auf „tät“ endeten, deshalb hatte sie ihren Spitznamen bekommen, den schon Generationen vor uns kreiert hatten.  Keine Stunde verging, in der nicht mindestens drei dieser geliebten Wörter vorkamen. Oft schlossen wir Wetten ab, wie viele es am jeweiligen Tag sein würden.
            Gerade gestern kam mit Fräulein Tät mal wieder in den Sinn, als ich die Nachrichten anschaute und mich über die vielen Fremdwörter ärgerte, die größtenteils überflüssig waren.
Über jedes neue Wort mit der Endung „tät“ freue ich mich aber noch heute diebisch, doch dazu später.
            „Meine Damen“, pflegte Fräulein Tät zu sagen, wenn sie uns eine Aufgabe stellte. „Meine Damen, verfassen Sie eine Abhandlung über das soeben gehörte. Es zählt nicht die Quantität sondern die Qualität Ihres Textes, denken Sie daran!“
Streng war sie, dennoch genoss sie eine gewisse Beliebtheit bei fast allen Schülerinnen, denn bei ihr wusste man genau, woran man war. Ja, und sie mochte uns auch. Das Zigaretten drehen übersah sie meist, ab und an gab es einen Rüffel und auch Ulis Strickerei war einmal Anlass zu einer Rüge: „Ich bewundere Ihre Kreativität, Uli, aber Sie bewegen sich am Rande der Legalität. Ihre Aktivität in allen Ehren, aber das hier ist der Geschichtsunterricht und keine Handarbeitsstunde.
            „Beim Stricken kann ich mich besser konzentrieren!“, behauptete Uli und stillschweigend akzeptierte Fräulein Tät die Strickerei, wenn nicht allzu sehr mit den Nadeln geklappert wurde. Zu Weihnachten bekam sie zum Dank daher ein Paar selbst gestrickter Socken.
            „Das ist eine wahre Rarität!“, rief sie begeistert aus und befühlte beinahe zärtlich die grüngelb geringelten Strümpfe. „An einem kalten und regnerischen Tag gibt es nichts Besseres als warme Stricksocken! Diese Qualität kann man in keinem Geschäft kaufen.“
Danach ging sie zur Tagesordnung über, hatte aber die ganze Stunde ein warmes Lächeln auf den Lippen, was sie um Jahre jünger aussehen ließ.
            Mich interessierte besonders der Religionsunterricht. Die Vertreibung aus dem Paradies hatten wir bereits in der Unterstufe ausreichend behandelt. Ich erinnere mich gern an die Zeit, als es um die Weltreligionen ging. Das war mein Thema.
            „Es geht um Spiritualität, und das nicht nur in der uns bekannten Form, sondern um weitere Glaubensrichtungen anderer Nationalitäten. Ich bitte bei den Ausführungen der Referate um Sensibilität und Konstruktivität“, verkündete Fräulein Tät, nachdem wir einige Schulstunden mit dem Studium der uns fremden Religionen verbracht hatten. „Humanität ist das Zauberwort!“, fügte sie noch hinzu.
Manchmal vermisse ich sie, unser Fräulein Tät. Ich bin traurig, dass ich nicht Abschied nehmen konnte von ihr, aber so ist das, Leben und Tod gehören zusammen. Letztens lief mir ein Wort unter, das ich gern mit ihr diskutiert hätte „Dualität“. Ich beschäftige mich mit dem Wort und dem, was dahinter steckt, mit der Zweiheit, dem Leben und dem Tod, der Erde und dem Himmel, mit Gott und den Menschen. An dieser Stelle möchte ich es jedoch einfach so im Raum stehen lassen, vielleicht erscheint mir ja Fräulein Tät in meinen Träumen und ich kann erst mit ihr darüber philosophieren.

© Regina Meier zu Verl

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Martina                            Lore                               Eva

Kommentare:

  1. Ich habe mich gerade köstlich amüsiert und mehr als gut unterhalten gefühlt, liebe Regina! Schade, dass es Fräulein Tät nicht mehr gibt, sonst hättest du sie grüßen können. An der Diskussionsrunde hätte ich mich auch sehr gerne beteiligt! Eine ganz hervorragende Geschichte und auf die Idee mit Fräulein Tät, da muss man erst einmal kommen! Gratulation! Martina

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    1. Liebe martina,
      sollte mir Fräulein Tät im Traum erscheinen, werde ich sie von dir grüßen und dann erzähle ich dir, was wir besprochen haben.
      Danke für deinen lieben Kommentar!
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Ich saß direkt neben euch und beobachtet gespannt wie du Zigaretten drehst, beneidete Uli, dass sie so tolle Socken stricken konnte und vor allem ihren Mut dies während der Schulstunde zu tun.
    Und mein Herz gehört Fräulein Tät, die hätte ich ganz besonders gern gemocht.
    Nun hat dieses dumme Wort Dualität, das mir einiges Kopfzerbrechen machte, eine wunderbare Gestalt erschaffen. Oder gab es Fräulein Tät tatsächlich?Lore

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    1. Liebe Lore,
      Fräulein Tät gibt es wirklich, aber sie war natürlich nicht ganz so spleenig, wie ich es in meiner Geschichte beschrieben habe. Beim Schreiben hatte ich sie aber die ganze Zeit vor Augen (oder an meiner Seite).
      Danke dir und liebe Grüße
      Regina

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  3. dieser Mensch war in kleine Dingen kleinlich vielleicht aber ich muss sagen sie brachte auch was bei und freute sich über diese Socken .. so eine Lehrerin war was besonderes irgendwie schon so nett dass man sie ins Herz schliessen kann in ihre Art und Weise...
    eine wunderbare Geschichte die einen mit nimmt in diesem Augenblick beim Lesen!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Liebe Elke,
      bis auf eine einzige Ausnahme habe ich großes Glück mit meinen Lehrern gehabt und ich bin ihnen noch heute für vieles dankbar!
      Danke dir und viele Grüße
      Regina

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  4. Danke Regina für die Erinnerungen!

    Bei uns wurde gestrickt, gehäkelt, gezeichnet - und rate mal, was ich tat?
    Ja, ich schrieb! Briefe & Co.

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Gern, liebe Eva,
      ich komm gleich nochmal lesen bei dir, gestern war der Tag so ausgefüllt, dass mir dafür die rechte Ruhe fehlte!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Meine liebe Regina,
    eine wunderschöne Geschichte .....
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Danke schön, meine Liebe,
      gestern war Enkeltag, heute habe ich so einiges auf den Hörnern und morgen ist schon wieder Enkeltag, mit Übernachtung - du siehst, es ist was loos bei Meiers! :)
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  6. Liebe Regina,
    was Dir immer alles einfällt, ein Fäulein Tät, sehr schön.
    LG Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke,
      auch für dein liebes Angebot an anderer Stelle. Ich werde darauf gern zurückkommen, wenn ich mal wieder etwas ausbrüte und nicht weiterweiß!
      Alles Liebe
      Regina

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  7. Danke liebe Regina, für diese wunderschöne Geschichte. Ich fühle mich in meine Schulzeit versetzt. Sie erweckt in mir Heiterkeit. :-) Nur ein Fräulein Tät, hatten wir leider nicht.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Liebe Margot,
      unser Fräulein Tät war eine ganz besondere Lehrerin, mit Lewib und Seele sozusagen und das hat uns Schülerinnen sehr gut getan. Solche Menschen vergisst man nicht, sie haben auf ewig einen Platz in unseren Herzen!
      Liebe Grüße und danke für deinen lieben Kommentar!
      Regina

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  8. Was für ein wundervoller Nachruf. Danke dafür.

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    1. Ich danke dir, liebe Annette!

      Herzliche Grüße
      Regina

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  9. Liebe Regina, weil bei mir so viel los war bei mir zu Hause, habe ich erst heute deine Schulzeitgeschichte, die ich wundervoll finde, gelesen. Da habe ich mich auch an meine Lehrerin erinnert, die ich so verehrte und liebte. Die hat mir in der in der 3.Klasse zum Geburtstag eine kleine 10 cm hohe bunte Litfaßsäule geschenkt und wenn man die drehte, ging ein Fenster auf und ein Meckikopf aus Schokolade sah heraus. Das war 1950 und ein sehr wertvolles Geschenk, weil sehr rar in dieser Zeit. Du kannst also ersehen, muss eine sehr brave Schülerin gewesen sein.hahaha liebe Grüße an dich von
    Gerda Reichhart!

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