Dienstag, 1. Juli 2014

Reizwortgeschichte: Das Glückstagebuch



StadtMaskebeschwingtfriedlich wandern

Das Glückstagebuch



Rita hat in einem ihrer neuen Lebenshilfebücher gelesen, dass sie sich einmal wöchentlich selbst eine Freude machen soll. Es leuchtet ihr ein, dass sie damit ihre Lebensqualität steigern kann. Deshalb will sie diesen Tipp annehmen und überlegt, was sie unternehmen könnte.

Einfach ist das nicht, denn es soll nicht viel kosten. Seit ihrer Scheidung hat sie nur wenig Geld zur Verfügung. Ausgiebiges Shopping fällt also aus, wogegen ein Kaffee oder ein Eisbecher genehmigt sind.

In der ersten Woche fährt Rita in die Stadt, einfach zum Bummeln und Schauen. Es ist ein Donnerstag, ihr freier Tag. Bereits nach einer Stunde hat Rita genug vom Schauen. Sie setzt sich in ein Café und gönnt sich einen Cappuccino, lecker!

‚Das ist es noch nicht’, denkt Rita und zückt ihr nagelneues Notizbuch, das von nun an ihr Glückstagebuch sein soll. ‚Mal sehen, ob mir etwas Besseres einfällt für die nächste Woche.’

„Guten Tag, darf ich mich zu Ihnen setzen?“

Rita schaut auf und lächelt schüchtern. Das Café ist nicht zu voll, es gibt noch freie Tische. Warum will dieser Herr ausgerechnet bei ihr Platz nehmen?

„Bitte, gern!“, antwortet sie aber höflich. Dann vertieft sie sich wieder in ihr leeres Buch, den Kugelschreiber knipst sie an und wieder aus. Schließlich klappt sie das Buch zu und betrachtet interessiert die venezianischen Masken auf dem Umschlag. Ein hübsches Buch!

„Schreiben Sie auch?“, fragt der Mann interessiert.

„Wenn mir etwas einfällt!“, antwortet Rita und lacht. „Heute habe ich aber kein Glück!“

„Das kenne ich gut, man hat tausend Ideen und dann will man anfangen und weiß nicht wie, stimmt’s?“

„Stimmt genau, aber das wird schon noch“, versichert ihm Rita, die in ihrem Leben bisher nur Briefe, Postkarten und Einkaufszettel geschrieben hat. „Und Sie, wie lange brauchen Sie, um einen Anfang zu finden?“

„Ich gehe in ein Café, schaue, ob eine hübsche Dame allein am Tisch sitzt und zwinge ihr ein Gespräch auf, dann läuft später alles wie von selbst.“ Der Mann lächelt spitzbübisch. Das steht ihm gut, findet Rita und wird ein wenig verlegen.

„Sind Sie aus dieser Stadt?“, fragt der Mann jetzt. Rita schüttelt den Kopf.

„Nein, ich komme aus Bielefeld!“

„Das gibt es doch gar nicht!“, ruft der Mann, lauter als nötig gewesen wäre.

Die anderen Cafébesucher schauen schon interessiert zu ihrem Tisch.

„Und ob es das gibt, es liegt am Teutoburger Wald und ich bin dort geboren“, erklärt Rita verärgert.

„Entschuldigung, so meinte ich es nicht. Ich bin ebenfalls aus Bielefeld und wenn ich mich nicht täusche, dann sind wir uns auch schon einmal begegnet.“ Er steht auf und stellt sich vor: „Holger Fischer!“ Eine kurze Verbeugung unterstreicht seine Höflichkeit.

„Das gibt es doch gar nicht!“, ruft nun Rita und noch einmal: „Das gibt es doch gar nicht!“

Sie reicht Holger Fischer die Hand und stellt sich nun ihrerseits vor: „Rita Gerling, mein Mädchenname ist aber Anders“, Rita lacht fröhlich.

„Rita Anders, ich hatte es auf der Zunge. Mensch, Rita, wie lange ist das her? Das müssen ja mindestens vierzig Jahre sein, dass wir uns zuletzt begegnet sind.“

Rita überlegt einen Moment und kommt dann zum gleichen Ergebnis.

„Du warst in der Parallelklasse, wir haben im gleichen Jahr Abitur gemacht.“

Die Gedanken der beiden wandern zurück in die Zeit ihrer Jugend. Da gibt es so manche Anekdote zu erzählen und das tun sie ausgiebig. Im Nu sind zwei Stunden vergangen.

Holger hat noch einen Termin, deshalb verabschieden sie sich dann. Am nächsten Donnerstag werden sie sich wieder treffen, zur gleichen Zeit am gleichen Ort.

Beschwingt läuft Rita zum Busbahnhof, ihr Herz hüpft vor Freude. War das ein schöner Vormittag!

Holger Fischer sitzt am Abend auf seinem Balkon und genießt ein Glas Rotwein. Er schaut auf die Gebirgskette des Teutoburger Waldes, der dort im feinen Dunst zu erahnen ist.

‚Dahinter liegt Bielefeld, meine Stadt’, denkt er und hebt sein Glas. „Wie gut, dass ich das Buch endlich gelesen habe.“

Er schlägt sein Glückstagebuch auf und schreibt auf die erste Seite:

Heute habe ich Rita nach langer Zeit getroffen. Wir haben uns gleich wieder verstanden, es war ein besonderer Vormittag und ich hoffe, dass viele folgen werden. Der Tipp aus dem Buch, sich mit sich selbst zu verabreden, war der beste, den ich je bekommen habe.



In Bielefeld gehen die Lichter aus. Friedlich schläft die Stadt, die es gar nicht gibt.



Kommentare:

  1. Doch, doch, doch!!! Es gibt sie, diese Stadt!!! Ich weiß es ganz genau, denn ich wohne in ihrer Nähe - du etwa auch??? Herrliche Geschichte, liebe Regina! Und weißt du was, ich kenne sogar einen Holger Fischer, er wohnt nämlich in unserem Ort, passt aber nicht so ganz zum beschriebenen Herrn. Dann ist es wohl nur ein Namensvetter. Ich wünsche dir einen sonnigen freien Tag, habe wieder einmal gerne bei dir gelesen und sage Tschüß bis bald! Martina

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    1. Liebe Martina,
      wenn der Teuto nicht wäre, dann könnte ich bis zu dir gucken ... so nah sind wir beieinander, so oder so!
      Danke dir und liebe Grüße
      Regina

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  2. Ach Bielefeld, du schöne Stadt, ich kenne dich nicht, aber in deiner Nähe wohne zwei ganz tolle Freundinnen von mir.
    Ach war das eine schöne Geschichte,liebe Regina, nun werde ich weiter gehen und schauen was Martina scheibt, liebe Grüße Lore

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    1. Danke schön, liebe Lore,
      schade, dass Bielefeld so weit von dir weg ist!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Liebe Regina, ich möchte dir sagen, es ist eine wunderbare Geschichte. Deine Erzählung hat mich die Menschen sehen lassen und sie haben mich erfreut. Danke. :-)
    Wünsche dir einen schönen Tag. Ganz liebe Grüße, Margot.

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    1. Vielen Dank, liebe Margot,
      es freut mich, dass dich die Geschichte erreicht hat und du dir gut vorstellen konntest, wie sie abgelaufen ist!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Eine richtig schöne Geschichte wieder, Regina! Ich hab mir die Beiden richtig vorstellen können, die Ausrufe etc.Danke!

    Alles Liebe
    Eva :)

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    1. Vielöen Dank, liebe Eva,
      das ist es doch, was wir erreichen wollen und ich freue mich, dass es mir gelungen ist!"
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. Das ist der Beweis: Es gibt Bielefeld also doch!
    Und das Glück gibt es auch.
    Und dass man oft nicht weiß, welche der vielen Gedanken im Kopf man als ersten zur Verwirklichung in Angriff nehmen soll, gibt es auch. Und wie!

    Schön geschrieben, Regina. Du wirst immer besser!

    Lieber Gruß
    Deine Elke

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    1. Danke schön, liebe Elke,
      stimmt, das gibt es alles und das ist auch gut so. Danke für dein Kompliment, es freut mich sehr!
      Herzliche Grüße
      deine Regina

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  6. Meine liebe Regina,
    was für eine herrliche Geschichte! Ich hab eben soagr ein bischen Gänsehaut bekommen ;O)
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥
    P.S. Hab Dir vorhin eine Mail geschickt ;O) Sorry, daß es ein bischen gedauert hat......

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    1. Danke, meine liebe Claudia,
      deine Mail ist angekommen, ich antworte heute Nachmittag.
      Danke auch für deinen lieben Kommentar!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  7. Regine, du Liebe,
    das ist eine schöne Geschichte und zugleich eine gute
    Anregung. Man sollte ein Glückstagebuch anfangen und
    sich auch einmal mit sich selbst verabreden.
    Einen angenehmen Resttag wünscht
    Irmi

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    1. Danke, liebe Irmi,
      die Idee zur Ve3rabredung mit sich selbst stammt von Julia Cameron, sie hat das Buch geschrieben "Der Weg des Künstlers", das ich nur wärmstens empfehlen kann. Ein Glücktagebuch führe ich seit einiger Zeit, es tut mir sehr gut! Manchmal sind es ja die kleinen Dinge, die es wert sind, einmal im Glückstagebuch zu landen, z.B. die lieben Kommentare und die Anerkennung meiner Geschichten :)
      Herzliche Grüße
      Regina

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  8. Liebe Regina
    eine wunderbare Geschichte.. Mut alleine sich auch was gönnen und so zeigst du dass man in Konakt drehten kann mit anderen auch damit!
    Schön beschrieben und Glückbuch ist bei mir meine Blogs!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Liebe Elke,
      ja, ein Blog ist auch ein Glückstagebuch, jedenfalls sehr oft. Und ich empfinde die schönen Bilder bei dir als Glück, weil ich mich so gut dann an die Gegend denken kann, in der du zu Hause bist!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  9. Hallo Regina,

    eine schöne Geschichte, wie immer, Bielefeld kenne ich nur vom Namen ;)

    Liebe Grüße und noch einen tollen Tag
    Björn :)

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