Dienstag, 27. Mai 2014

Reizwortgeschichte: Die Wohnung in meinem Kopf



Chaos – Papierkram – entsetzt – verzweifelt – froh


Die Wohnung in meinem Kopf


Manchmal herrscht in meinem Kopf die Unordnung. Hört sich komisch an, aber es ist wirklich so. Ich stelle mir das so vor: in meinem Kopf sind, wie in einem großen Haus, viele kleine Zimmer. Jedes hat seine Berechtigung und ist wichtig. In manchen Räumen liegt oder steht alles schön ordentlich an seinem Platz, in anderen herrscht das Chaos. Gern verlasse ich so ein Zimmer und wandere ins nächste. Doch die Tür bleibt geöffnet und immer, wenn ich daran vorbeikomme, werfe ich einen Blick hinein und so bleibt im nächsten Zimmer etwas liegen, das dann dort wieder für Unordnung sorgt.
Es ist so, als seien dann plötzlich alle Türen geöffnet und das raubt Energie. Verzweifelt versuche ich aufzuräumen, Türen zu schließen und stelle dann entsetzt fest, dass das gar nicht so einfach ist. Wie beim Computer: sind zu viele Fenster geöffnet, dann wird der PC langsamer und immer träger. So ist das bei mir wohl auch.
Am meisten nervt das Büro in meinem Kopf, das Zimmer mit dem Papierkram, der geordnet werden will. Das sollte mir eigentlich keine Sorgen machen, einmal richtig durchgreifen und sortieren sollte Besserung bringen – ist aber nicht so. Ich lasse mich ablenken, immer wieder.

Andere Zimmer müssten mal gründlich durchgeputzt werden. Dicke Staubschichten liegen auf den Regalen, die ich nicht berühren mag, um den Staub nicht aufzuwirbeln. Es könnte ja sein, dass darunter etwas zum Vorschein kommt, das mich aus der Bahn wirft. Verdrängen nennt man das wohl … also raus aus dem Raum und in den nächsten wandern. Die Tür bleibt geöffnet und die Gedanken kreisen. Das schlechte Gewissen macht Bauchschmerzen und da kommt dann auch schon das Sofa ins Spiel. Hinlegen und den Schmerz pflegen, das ist keine Lösung. Tausend Mal probiert, immer gescheitert.

In meinem Schreibzimmer geht es mir gut, aber nur dann, wenn ich die Tür hinter mir schließe und alles draußen lassen, was mich belastet. Ich schlüpfe in eine Rolle und bin eine Weile frei von Chaos und Unordnung – bis die Geschichte geschrieben ist oder ich keine Zeit mehr habe. Im Schreibzimmer gibt es keine Uhr, aber es ist nicht schalldicht. Es dringen Geräusche zu mir durch, die Türklingel, das Telefon, das Hundegebell, das einen Besucher ankündigt, oder den Postboten, den Schornsteinfeger oder wen auch immer. Noch schaffe ich es nicht, das alles zu ignorieren. Aber mit zunehmendem Alter gelingt es besser. Das mag daran liegen, dass ich nicht mehr so gut höre wie früher. Das Altwerden hat auch seine Vorteile, aber das ist ja schon wieder eine ganz andere Geschichte.

Toll ist es auf dem Dachboden in meinem Kopf, da liegen die Erinnerungen. Manche verstecken sich in alten Schachteln, andere in Dingen, die ich aufbewahrt habe, damit ich mich erinnere, beispielsweise an meine Großeltern, meinen Vater, Menschen, die nicht mehr da sind. Sie haben eigene Gästezimmer, ein jedes ist liebevoll eingerichtet.
Oft halte ich mich dort stundenlang auf und dann bin ich froh, dass ich sie habe, diese Erinnerungen an meine Lieben. Gestärkt steige ich dann die Treppe hinunter, räume unterwegs ein wenig auf und komme wieder an in meinem Wohnzimmer, das einladend ist trotz der Unordnung, die mich aber nicht belastet. Da steht ein Trecker unter dem Tisch, den Lukas da vergessen hat. Die Kissen liegen teils auf, teils hinter dem Sofa und zeugen von der letzten Kissenschlacht. Ein Glas vom Vorabend steht auf dem Tisch, in dem ein guter Tropfen Wein den Tag abgerundet hat und unter der Sofadecke ist die Wärme, die ich brauche, um wieder in eine Rolle zu schlüpfen, um eine neue Geschichte zu ersinnen. Gedanklich schließe ich all die Türen, mache die Augen zu und träume.

Ach, wie gut es mir doch geht heute. Für Ordnung werde ich schon noch sorgen, irgendwann.

© Regina Meier zu Verl

Martina                             Lore                    Eva

Kommentare:

  1. lach diese Geschichte erinnert an meine inneres Haus das ich bewohne nur halt mit meinen Sachen und Arten und Lebewesen... ganz toll geschrieben...
    der letzte Satz amüsierte mich besonders...trotz dass dir nicht so gut geht eine fabelhafte Geschichte!
    Liebe Grüsse Elke

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  2. Liebe Regina, ich habe das Gefühl, jedenfalls bei dieser Geschichte, du sprichst von mir. Von Unordnung, Staub usw., diese Worte kommen mir so bekannt vor. Doch ich möchte diese Geschichte nicht zerlegen, ich finde sie einfach wunderschön. Danke.
    Dir weiterhin gute Besserung. Liebe Grüße, Margot.

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  3. Oh ja, so ein Chaos im Kopf kenne ich auch. Viel zu viele Gedanken über Sachen, die ich machen möchte,unbedingt machen muss und in Zukunft noch machen will.
    LG Elke

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  4. Hallo meine liebe Regina,
    beim Lesen jeder Zeile hab ich mich gesehen, ja, das hätte auch vion mir sein können ;O)
    Toll geschrieben!
    Ich hoffe, es geht Dir wieder besser?
    Ich wünsche Dir noch einen gemütlichen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Deine Claudia ♥

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  5. Wow, tolle Geschichte, interessante Idee, danke, Regina!

    Weiterhin Gute Besserung

    Alles Liebe
    Eva :)

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  6. @alle - Tausend Dank fürs Lesen und eure lieben Kommentare. Ich halte mich noch ein wenig zurück, habe noch ein paar Untersuchungen vor mir und schone mich so gut es geht. Was richtig gut ist: ich kann schlafen, stundenlang. Das tut gut und ist bei mir nicht selbstverständlich!
    Liebe Grüße an euch alle
    Regina

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  7. Liebe Regina,
    genau so - vielleicht mit einigen kleinen Abänderungen - hätte
    ich die Geschichte aufschreiben können. (Wenn ich denn so
    schreiben könnte).
    Gut, das wir nicht allein dastehen, mit dem Chaos im Kopf.
    Einen schönen Abend wünscht Dir
    Irmi

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  8. Ach, da kommt mir einiges so bekannt vor. habe gerade versucht aufzuräumen und einige Schätze gefunden.
    Auch in meinem Kopf kommt langsam Ordnung.
    Ein Dank für diese schöne kleine Geschichte, Klärchen

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