Dienstag, 22. April 2014

Reizwortgeschichte: Freundinnen für immer



Stromausfall – Gerücht – verkriechen – besiegeln – garstig

Freundinnen für immer

Es ist ein heißer Sommertag. Im Garten steht ein himmelblaues Schwimmbecken. Maximilian plantscht schon fröhlich darin herum. Er juchzt und kreischt vor Freude.
Mama liegt in ihrem Liegestuhl und liest in einem dicken Buch. Immer wieder schaut sie hoch zu Brittas Fenster und winkt ihr, doch endlich herunterzukommen.
Doch Britta mag nicht, sie hat sich in ihrem Zimmer verkrochen und schämt sich. Nie wieder wird sie fröhlich sein können, denn das, was sie getan hat, das würde sie sich selbst nicht verzeihen.
Sie hat ihre allerbeste Freundin verraten. Wenn sie daran denkt, dann kommen ihr schon wieder die Tränen. Wenn sie doch nur wüsste, wie sie das alles wieder gutmachen könnte.

Als es leise an der Zimmertür klopft, wischt Britta schnell ihre Tränen ab und greift nach einem Buch. Schnell schlägt sie es auf und tut so, als ob sie lese.
„Willst du nicht zu uns in den Garten kommen? Es ist so herrliches Wetter!“ Papa setzt sich neben Britta auf das Bett und legt den Arm um ihre Schultern. Britta schluckt und dann kann sie die Tränen nicht mehr aufhalten.
„Was ist denn nur los, mein Schatz?“, fragt Papa und er hält seine Tochter ganz fest in seinen Armen. Lange bleiben die beiden so sitzen. Dann flüstert Britta:
„Ich bin ein schlechter Mensch, Papa, eine ganz garstige, gemeine Freundin bin ich. Ich habe es nicht verdient, dass es mir gut geht!“ Es sprudelt nur so aus Britta heraus.
„Um Gottes Willen, Kind, was ist denn nur passiert? Du bist schon seit gestern so seltsam. Willst du es mir nicht endlich erzählen?“
Britta schüttelt den Kopf.
„Ich kann nicht!“, sagt sie.
„Du kannst, du musst es nur wollen und mir vertrauen. Es gibt nichts, das so schlimm wäre, dass man es nicht wieder in Ordnung bringen kann!“, behauptet Papa.
Britta versucht es, zunächst noch stockend, dann aber merkt sie, wie gut es tut, Papa alles erzählen zu können.
„Du kennst ja Anja, sie ist … war meine beste Freundin.“ Papa unterbricht sie nicht sondern wartet geduldig ab was kommt.
„Sie war letzte Woche nicht in der Schule und alle fragten sich, ob sie wohl krank ist. Die Lehrerin hat uns nichts gesagt, sie sagte nur, dass Anja eine Weile nicht zur Schule kommen würde. Benny hat dann gesagt, dass Anja nicht ganz richtig im Kopf ist.“ Britta schluchzt und kann nicht weiter erzählen. Nach einer Weile hat sie sich beruhigt.
„Alle Kinder haben sich darüber unterhalten und so kam es, dass jeder ein wenig mehr wissen wollte und das Gerücht wurde größer und größer und schließlich waren alle davon überzeugt, dass Anja verrückt ist und ich …“ Ein heftiges Schluchzen unterbrach den Erzählfluss.
„Ich war die einzige, die etwas dagegen hätte tun können. Aber ich habe geschwiegen und nichts dazu gesagt!“
„Was hättest du denn sagen können?“, fragt Papa nun nach.
„Ich weiß, was mit ihr los ist. Sie hat es mir erzählt, aber ich musste ihr versprechen, dass ich es niemandem verrate.“
„Dann ist es doch gut, dass du geschwiegen hast, oder nicht?“
„Nein, Papa, ich hätte sie in Schutz nehmen müssen. Das macht man, wenn man die beste Freundin ist.“
„Magst du es mir denn jetzt erzählen?“ Papa zieht sein großes Stofftaschentuch aus der Tasche und hält es Britta hin.
„Anja hat manchmal Stromausfälle im Kopf. Sie hat mir das so erklärt. Die Krankheit heißt Epilepsie, das habe ich mir gemerkt. Es passiert dann, dass sie einen Black-out hat und dann wird ihr schlecht und manchmal kippt sie um und hat Schaum vor dem Mund. Sie nimmt Tabletten dagegen ein.“
Papa nickt, er versteht, was Britta ihm da erzählt.
„Ich kenne auch jemanden, der diese Krankheit hat“, sagt er.
„In der Schule haben alle gesagt, dass Anja nicht „richtig“ im Kopf ist und ich habe nichts gesagt und so getan, als hätte ich gar nichts mit ihr zu tun!“
„Du hast es ihr versprochen und daran hast du dich gehalten. Ich finde nicht, dass du deshalb eine schlechte Freundin bist. Du solltest sie besuchen. Was meinst du, soll ich mal Anjas Eltern anrufen und fragen, ob du kommen kannst?“

Eine halbe Stunde später fahren Britta und ihr Papa mit dem Fahrrad zu Anja. Sie ist noch ein bisschen blass, aber ihre Augen strahlen, als sie Britta entdeckt.
„Wie schön, dass du da bist!“, ruft sie glücklich und Britta nimmt sie in den Arm und drückt sie so, als wolle sie ihre Freundin nie wieder loslassen.
„Freunde für immer?“, fragt Anja, „Freunde für immer!“, bestätigt Britta glücklich und um das erneute Versprechen zu besiegeln reichen sie sich die Hand und drücken so fest, dass es fester nicht mehr geht.

© Regina Meier zu Verl

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Kommentare:

  1. Liebe Regina, es ist eine wunderbare Geschichte. Ich musste meine Tränen zurückhalten. Danke. Dir wünsche ich eine sehr schöne Woche.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Vielen Dank, liebe Margot,
      so ist das Leben, mal traurig, mal heiter ... nächste Woche gibt es dann wieder etwas Fröhliches von mir.
      Ich wünsche dir ebenfalls eine wunderbare Woche und grüße dich herzlich
      Regina

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  2. Liebe Regina,
    auch mir wurden beim Lesen die Augen feucht ... danke für die so schöne Geschichte!
    Ich wünsch Dir einen wunderschönen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Vielen Dank, liebe Claudia,
      vielleicht sind es die rührseligen Geschichten, die mir am besten liegen. Dabei bin ich ein fröhlicher Mensch ...
      Herzliche Grüße
      Regina

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  3. Guten Morgen liebe Regina,
    deine Geschichte hat mein Herz berührt, sie ist so voller Liebe. Wunderbar!!!
    Ich wünsche dir einen schönen Tag und alles
    Gute.

    Herzliche Grüße

    Anita

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    1. Danke schön, liebe Anita,
      ich freue mich sehr über die lieben Kommentare zur Geschichte. Es tut so gut!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Eine Geschichte, die zu Herzen geht liebe Regina, wunderschön, danke fürs Teilen.

    Liebe Grüße und einen schönen Tag für dich
    Angelika

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    1. Vielen Dank, liebe Angelika,
      durch das Teilen wird eine Geschichte erst lebendig und ich freue mich über die Reaktionen meiner Leser/innen immer sehr!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  5. eien herzzerreissende Geschichte liebe Regina.. ich muss sagen ich habe Tränen in den Augen so nah ging mir deine Geschichte!
    Die Mühe hat sich gelohnt und die ist wirklich eine besondere Geschichte geworden!
    Lieben Gruss Elke

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    1. Vielen Dank, liebe Elke,
      ich freue mich sehr, wenn meine Geschichten "berühren" können, so lohnt sich jedes Wort!
      Herzliche Grüße in den Norden
      Regina

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  6. Liebe Regina,
    das sist wieder eine wundervolle Geschichte. Wenn ich sie auch erst
    heue lesen konnte - aber das macht nichts. Ich freue mich immer darauf.
    Oftmals kann ich an einem Tag nicht kommentieren - ich fühle mich dann
    nicht so gut und es geht einfach nicht.
    Liebe Grüße Irmi

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