Montag, 17. Februar 2014

Aus dem Archiv :)

Taxi, bitte!

Verloren stand Eva auf dem Bahnsteig. Der Zug, mit dem sie gekommen war hatte die Halle längst verlassen. Die Fahrgäste waren zum Ausgang geeilt, manche wurden abgeholt und fielen sich glücklich in die Arme.
„Kann dieser Mann nicht ein einziges Mal pünktlich sein?“ Eva setzte sich auf ihren großen Rollenkoffer, zog ihr Handy aus der Tasche und wollte gerade Jans Nummer wählen, als ein zweifaches Signal den Eingang einer SMS ankündigte.
„Genauso habe ich mir das vorgestellt!“, schimpfte Eva.
„SORRY, ICH KANN NICHT KOMMEN! HDL J..“, stand auf dem Display. Das war typisch. Keine Erklärung, warum, nicht einmal seinen Namen schrieb er aus, immer darauf bedacht, sich das Verhältnis mir Eva nicht nachweisen zu lassen.
Sie schaltete das Handy aus und beschloss, es auch nicht wieder einzuschalten. „Der kann mich mal!“ Entschlossen zog sie den Koffer hinter sich her, Richtung Ausgang. Bielefeld war Evas Heimatstadt, hier kannte sie sich aus.
Sie fand ein freies Taxi, der Fahrer stieg geschäftstüchtig aus und verstaute das Gepäck im Kofferraum.
„Wo soll es hingehen, junge Frau?“, flötete er, doch das „junge Frau“ konnte Eva heute nicht freuen. Sie war Sechsundvierzig und wenn sie sich auf der Zugfahrt noch wie ein junges Mädchen in der Blüte ihrer Jugend gefühlt hatte, so war vor ein paar Minuten der Nachfrost eingeschlagen.
„Apfelstraße!“
„Gern!“
Eva starrte aus dem Fenster. Wie gut, dass sie noch immer die Wohnung besaß, auch wenn sie seit langem in Köln wohnte. Auf Jan konnte sie nicht bauen, er hatte seine Familie und auch wenn er ihr seit zehn Jahren versprach, sich zu trennen, so war Eva klar, dass das nie was werden würde.
„Halten Sie bitte da vorn, an dem Kiosk.“ Eva zückte einen Zwanzigeuroschein.
„Wie viel?“
„Siebenfünfzig!“
„Zehn!“
„Danke!“
„Scheißspiel!“, dachte Eva. Der Taxifahrer konnte nichts dafür, dass sie eine Scheißwut hatte. Sie rang sich ein Lächeln ab und stieg aus. Beim Ausladen des Koffers war der nette Mensch wieder behilflich.
„Ihnen geht es wohl nicht so gut heute?“
„Stimmt! Ich …“, Eva fühlte jetzt Zornestränen aufsteigen. Verdammt, was sollte das, sie würde doch nicht vor diesem fremden Menschen in Tränen ausbrechen? Zu spät, sie schluchzte auf.
Der Taxifahrer hielt ihr ein Taschentuch hin. Dankbar nahm es Eva an und schnäuzte kräftig hinein.
„Wissense was? Sie gehen jetzt ihren Koffer in die Wohnung bringen und ich warte hier. Und dann gehen se mit den alten Onkel Franz nen Kaffee trinken.“
„Aber…“
„Ich jönne mir ne Pause. Also los! Wo soll der Koffer hin?“
„Hier, gleich in dieses Haus, fünfter Stock!“
„Fahrstuhl?“
„Nee!“
Ohne ein weiteres Wort nahm „Onkel Franz“ den Koffer und schleppte ihn die Treppen hoch. Eva schloss die Tür auf.
„Moment, ich will schnell die Fenster öffnen, war lange nicht hier!“
Der Mann wartete, dann stiegen sie die sechzig Stufen wieder hinunter. Auf dem untersten Treppenabsatz kam der Fahrer ins Stolpern. Er versuchte sich noch zu halten, purzelte aber die letzten Stufen hinunter und blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen.
„Um Gottes willen!“, Eva versuchte, dem Mann aufzuhelfen, doch er heulte vor Schmerz auf.
„Mein Arm, ich glaube er ist gebrochen.“, stöhnte er. Sein Gesicht war bleich und Schweißperlen standen auf seiner Stirn.
„Ich rufe den Krankenwagen.“, stammelte Eva. Ihr fiel ein, dass ihr Handy fünf Stockwerke höher in ihrer Wohnung, lag. Sie konnte den Mann nicht allein lassen und schellte an der unteren Wohnungstür.
Eva kannte die Frau nicht, die ihr öffnete. Alles war anonym in diesem Haus.
„Mein Name ist Eva Scholl, ich wohne oben! Der Taxifahrer ist gestürzt. Bitte rufen sie einen Krankenwagen.“
„Helmut!“, rief die Frau. „Helmut, kommst du mal? Hier will einer was von uns!“
„Mein Gott, ist die blöd!“, dachte Eva. Laut sagte sie: „Keiner will etwas von Ihnen, rufen Sie den Krankenwagen, der Mann hat Schmerzen.“
Helmut kam nun aus der Wohnung. Er erfasste die Lage mit einem Blick und holte umgehend das Mobiltelefon. Er reichte es Eva.
Währenddessen hatte sich „Onkel Franz“ mit dem scheinbar unverletzten Arm am Treppengeländer hochgezogen.
„Ich glaube, es ist nichts weiter passiert. Können Se mich ins Krankenhaus fahren?“
„Werden Sie das aushalten?“
„Ja, es ist nicht so schlimm. Sicher ist der Arm jebrochen und es tut janz schön weh, aber bis der Krankenwagen hier ist, sind wir längst da.“ Mit sicherem Schritt ging er auf die Haustür zu. Eva fügte sich. Sie gab das Telefon zurück. Dann verließ sie mit „Onkel Franz“ das Haus.
„Der Autoschlüssel ist in meiner linken Jackentasche, packen se man ruhig zu!“
Offensichtlich ging es ihm ganz gut. Eva grinste.
„Na, Sie sind mir ja einer, gerade fliegen Sie mir vor die Füße und schon darf ich ihre Taschen ausleeren.“
Eva öffnete die Beifahrertür und ließ ihn einsteigen. Sie half beim Anschnallen und setzte sich dann ans Steuer.
„Ich habe mich nicht vorgestellt, ich heiß Eva Scholl!“ Sie lächelte.
„Anjenehm, ich bin der Franz, Franz Liebenau. Aber Sie können ruhig Onkel Franz sagen.“
Eva musste herzlich lachen.
„So viele Jahre trennen uns nicht. Also schlage ich vor, dass wir einfach Du sagen.“
Ein breites Grinsen ging über das Gesicht des Mannes.
„Klar, scheint trotz allem ein Glücktag für mich zu sein, so eine schöne Dame.“ Dabei betonte er das „schöne“ so gedehnt, dass Eva schon wieder lachen musste.
„Danke Dir, aber jetzt wollen wir mal losbrausen.“
„Bitte nicht brausen, bin ne ängstliche Natur!“
Eva manövrierte den Wagen geschickt aus der engen Parklücke und dann durch die Innenstadt.
„Jan! Ach du Schreck!“ sagte Eva, als sie beim Krankenhaus vorfuhren.
„Wieso, ach du Schreck?“, fragte Franz. Eva überlegte fieberhaft, was sie tun sollte, falls ihr Jan in der Unfallambulanz begegnen sollte, denn er war Arzt an diesem Krankenhaus. Die Wahrscheinlichkeit war gering und was sollte es auch. Sie hatte ja nichts zu verbergen. Sie half nur einem verletzten Taxifahrer, der nicht verletzt wäre, wenn Jan Wort gehalten hätte und sie, wie versprochen, am Bahnhof abgeholt hätte.
„Ach nichts, mir fiel nur ein, wie ich wohl aussehen mag, nach der Heulerei vorhin.“
„Mach´ dir ma keine Sorgen, du siehst wundaschön aus.“
„Und du bist ein Charmeur.“
„Wat bin ich?“ Eva lachte.
„Später! Jetzt müssen wir aussteigen. Komm, ich helfe dir.“
Eva wartete im Gang, es dauerte lange, bis Franz mit eingegipstem Arm wieder herauskam..
„Ein glatter Bruch!“, rief er ihr zu, er freute sich sichtlich, dass sie gewartet hatte.
„Dann werde ich dich jetzt nach Hause fahren. Kannst du mir dann einen Kollegen rufen, der mich chauffiert!“
Franz nickte.
„Klar. Vorher lade ich dich aber zum Essen ein. Der alte Franz weiß schon, wat sich jehört!“
Franz hatte eine besondere Art, Eva aufzuheitern. Übermütig hakte sie sich an seinem gesunden Arm ein und gemeinsam verließen sie das Krankenhaus.
Auf dem Parkplatz kam ihnen eine Gruppe von Männern in weißen Hosen und Kitteln entgegen.
„Jan!“
„Wat sagste? Ich heiß doch Franz.“
„Da vorn geht Jan, mein Freund. Lass dir nichts anmerken, der wird was erleben!“
Eva hakt sich ein wenig inniger ein und ehe Franz sich versah, hatte sie ihm einen dicken Schmatz auf die Wange gedrückt. Die Ärzte kamen näher, Jan blieb stehen und schaute wie ein begossener Pudel.
„Eva?“
„Ja, die bin ich! Ist ja nett, dass Sie sich noch an mich erinnern, Herr Doktor!“ Jan schaute Eva irritiert an. Er musste die Form wahren, schließlich waren die Kollegen anwesend.
„Wie geht es Ihnen? Alles gut verheilt?“, ein blöderer Spruch fiel ihm nicht ein. Eva ritt jetzt der Teufel, sie wollte ihn verletzen. Zu oft hatte er sie verleugnet, jetzt war sie am Zug.
„Danke, mir geht es gut, nicht wahr Schatz?“, abermals drückte sie dem überraschten Franz einen dicken Kuss auf. Der fasste sich aber schnell und spielte mit.
„Klar, Liebste. Bei meiner Pflege!“
Jan wurde blass. Die anderen Ärzte blieben überaus interessiert stehen.
Peinliches Schweigen.
„Na dann…“, Eva reichte Jan die Hand. „Vielen Dank noch einmal, Herr Doktor. Wir werden jetzt zum Essen gehen und am Abend beginne ich zu packen. Mich hält nichts mehr in Bielefeld, nicht wahr Franz? Köln ist eine schöne Stadt.“
„Ja, Köln ist eine schöne Stadt.“, wiederholte Franz.
Die anderen Ärzte gingen nun weiter, einer von ihnen klopfte Jan auf die Schulter:
„Kommst du? Die Konferenz!“
„Ja, ich komme.“, antwortete Jan, dann wandte er sich an Eva:
„Auf Wiedersehen! Vergessen Sie Bielefeld nicht, die Stadt hat einiges zu bieten.“ Er kniff den Mund zusammen, wie er es immer tat, wenn er sich vor einem Problem sah. Es war vorbei, Eva war das schon viel länger klar gewesen.
Sie gingen weiter, jeder in eine andere Richtung. Eva war erleichtert und doch traurig, immerhin hatte sie zehn Jahre ihres Lebens auf Jan gewartet. Doch was hatte sie bekommen? Gestohlene Stunden des Glücks, Liebesspiele mit Blick auf die Uhr und Tränen, ganze Meere voller Tränen.
„Komm, Franz. Ich habe es richtig gemacht und du hast mir geholfen. Ich bin jetzt nicht allein und muss mir die Seele aus dem Leib heulen. Das kann ich später noch machen. Jetzt gehen wir erst einmal was trinken.“

© Regina Meier zu Verl



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Kommentare:

  1. Das Leben geht manchmal seltsame Wege :-) .
    Eine Geschichte, ganz nach meinem Geschmack, liebe Regina.

    Liebe Grüße von mir ☺

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    1. Danke schön, liebe Gaby,
      ja, das ist wohl so mit den seltsamen Wegen im Leben, gut, dass es so ist, es bleibt spannend!
      Herzliche Grüße an dich
      Regina

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  2. Eine Geschichte, wie sie das Leben hätte schreiben können! Einen guten Start in die Woche!
    Martina

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    1. Danke schön, Martina,
      nun ist sie schon fast wieder rum, die Woche, aber der Start war gut und nun freue ich mich schon wieder auf das Wochenende!
      Liebe Grüße
      Regina

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  3. Eine Geschichte aus dem Leben gegriffen, schön gemacht liebe Regina.

    Liebe Montagsgrüße
    Angelika

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    1. Vielen Dank, liebe Angelika!
      Herzliche Grüße
      REgina

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  4. Ja, eine Geschichte, wie sie täglich passieren könnte ..........danke dafür Du liebe!
    Ich wünsch Dir noch einen schönen Nachmittag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Ich danke dir, liebe Claudia,
      fürs Lesen und deine lieben Worte!
      Liebe Grüße
      Regina

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  5. Mit dieser Geschichte beende ich den heutigen Tag.
    Sie ist direkt aus dem Leben entnommen.
    Danke dafür.
    Liebe Grüße
    Irmi

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    1. Danke schön, liebe Irmi,
      einen schönen Tag dir und liebe Grüße
      Regina

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  6. Schöne Geschichte! Und ich kenne sogar die Apfelstraße in Bielefeld.

    Lieben Gruß Annette

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    1. Liebe Annette,
      meine Urgroßeltern haben in der Apfelstraße gewohnt und ich hatte eine Wohnung an der Jöllenbecker Straße bevor es mich wieder nach Verl verschlagen hat. Heute wohnt mein Sohn aber ganz in der Nähe der Apfelstraße ...
      Danke für dein Lob, ich freue mich!
      Herzliche Grüße
      Regina

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