Samstag, 5. Oktober 2013

Zur Erinnerung an Renate

Heute war ich bei der Beerdigung einer lieben Freundin meiner Mutter. Als sie damals geheiratet hat, da war ich das Engelchen. Ich habe immer eine besondere Beziehung zu ihr gehabt, auch haben wir uns nie so ganz aus den Augen verloren.

Zum Andenken an sie stelle ich heute einen Ausschnitt aus meinen Kindheitserinnerungen hier ein.


1962 Hochzeit Renate und Hans


Ein ganz besonderer Tag in meinem Leben war der 31.8.1962. Gerade sieben Jahre alt, interessierte ich mich natürlich weniger dafür, dass an diesem Tag Trinidad und Tobago ihre Unabhängigkeit von Großbrittanien erreichten. Das habe ich erst später erfahren.

 Ich war an diesem Tag des Jahres 1962 dazu berufen, einem echten Brautpaar zu Diensten zu sein. Eine wichtige Aufgabe, die ich mit den entsprechenden Vorbereitungen und dem nötigen Ernst gern angenommen habe.

Zu diesem Zweck bekam ich eigens ein neues Kleid, denn schließlich war ich ein Engelchen, ein Blumenkind. Das Kleid wurde von unserer Hausschneiderin genäht und war todchic.

Der feine Batiststoff ließ es wunderschön fallen und ich gefiel mir sehr gut.

Wie alle Hochzeitsgäste, durfte ich auch am Morgen zum Friseur, der mir eine angemessene Frisur zaubern sollte, damit das weiße Kränzchen in meiner Kurzhaarfrisur auch gut zur Geltung kommen konnte.

Die Haare wurden auf viele kleine Lockenwickler gedreht und geduldig harrte ich unter der Trockenhaube aus. Ich konnte es kaum erwarten, mich im Spiegel zu betrachten.

Nachdem die Wickler entfernt waren, konnte ich meine Begeisterung kaum bremsen, sah ich doch meiner Puppe Ulrike zum verwechseln ähnlich. Ich konnte es absolut nicht verstehen, dass diese wunderbaren Locken nun wieder ausgekämmt werden sollten und ich weinte erst einmal ein bisschen. Schließlich ließ ich mich überreden und bekam die Frisur, die den Erwachsenen vorgeschwebt war, toupiert und mit ordentlich viel Spray drauf, damit die Sache auch bis zum Abend hielt.

Renate, die Braut, wurde zu Hause angekleidet und niemand durfte sie sehen. Wir wohnten nebenan und konnten hören, wenn es bei den Strothmanns schellte. Auch, als der Bräutigam kam, waren wir Kinder schnell an der Treppe, neugierig wie wir waren.

Hans kam die Treppe herauf und Renate trat aus der Stubentür. Nie werde ich den Blick des Bräutigams vergessen, als er seine wunderschöne Braut erblickte und niemals werde ich vergessen, wie schön Renate aussah, sie hatte etwas Engelhaftes an sich und ich war mächtig stolz, dass ich ihr Blumenkind sein durfte. Der Bräutigam hatte Tränen in den Augen und ich hätte vor lauter Rührung schon wieder weinen können, was sich an diesem Tage noch einige Male wiederholen sollte.

Dann ging es zur Kirche. Ich erhielt die Anweisung, mein weißes Blumenkörbchen, das am Henkel bezaubernd mit Asparagusranken geschmückt war, gut festzuhalten und nicht vor der Trauung die Blumen und Blüten zu verstreuen, sondern erst dann, wenn das Brautpaar die Kirche verlassen würde. Ich nahm das sehr ernst und nicht einmal die rutschenden Kniestrümpfe ärgerten mich, die meine Mutter zwischendurch immer mal wieder hochziehen musste, weil ich keine Hand frei hatte.

Das Blumen streuen ist ein heidnischer Brauch, der Duft der Blütenblätter soll die Fruchtbarkeitsgöttin anlocken, die dem frisch gebackenen Ehepaar reichlich Nachwuchs schenken soll.

Da ist es doch eigentlich ganz klar, dass das Streuen erst nach der Trauung vorgenommen werden sollte, nicht wahr? Natürlich kannte ich die Bedeutung damals noch nicht, aber Anweisung ist Anweisung, ich hielt mich dran und als man mich darauf aufmerksam machte, dass ich zu Anfang wohl vergessen hätte, Blumen zu streuen, war ich schon wieder den Tränen nahe. Erwachsene sind aber auch sehr kompliziert und wissen nicht was sie wollen.

Ich muss letztendlich dann doch alles richtig gemacht haben, denn Renate und Hans bekamen nicht jede Menge, aber doch zwei Kinder, Susanne und André.
Nach der Trauung ging es in die Waldklause, dort gab es Kaffee und Kuchen und später kamen immer mehr Gäste auch zum Abendessen.So viel leckere Sachen in einer einzigen Mahlzeit hatte ich bis dahin noch nicht gesehen, es war ja meine erste Hochzeit.

Als ein paar Gäste auf die Idee kamen, eine Platte mit Fleisch hinter der Gardine zu verstecken, damit man später noch einmal zulangen könnte, blieb mir fast das Herz stehen. Ich rechnete damit, dass diese Gaunerei jeden Moment auffallen könnte und dann sicher die Polizei kommen würde, um die Diebe festzunehmen.

Man kann es glauben oder nicht, ich habe mir echte Sorgen gemacht und wieder einmal bahnten sich Tränen den Weg in die Augen.
„Sie ist sicher müde!“, sagte meine Mutter und dann fuhren wir nach Hause. War ich auch, aber eigentlich wäre ich gern noch geblieben.

Was mit der Fleischplatte wurde, habe ich nicht mehr erfahren und die Braut, mit der ich  telefoniert habe, wusste es auch nicht mehr.

Kommentare:

  1. Liebe Regina,
    eine anrührende Geschichte. Schön, dass du sie mit
    uns geteilt hast.
    Mit stillem Gruß
    Irmi

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, liebe Irmi!
      Ein herzlicher Gruß an dich
      Regina

      Löschen
  2. Du hast einen schweren Weg heute hinter dir. Umso schöner finde ich, dass du deine Erinnerung so lebendig aufleben lässt, denn das eine ist untrennbar mit dem anderen verbunden.

    Liebe Grüße von mir.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, liebe Gaby,
      ja, es gehört zusammen und das habe ich gestern auch so empfunden, nachdem wir Abschied genommen hatten.
      Liebe Sonntagsgrüße
      Regina

      Löschen
  3. Eine herrliche Geschichte, auch wenn der Anlass, weshalb du sie niedergeschrieben hast, dich traurig machte.
    Ich dufte auch einmal Blumenkind sein - im Matrosenkleid mit einem weißen Blütenkranz im Haar und rutschenden weißen Kniestrümpfen. Das Brautpaar konnte in diesem Jahr die Goldene Hochzeit feiern und mein Mann und ich waren eingeladen. Der junge Mann, den sie in damals in einen Matrosenanzug mit kurzen Hosenbeinen steckten und der mit mir zusammen die Blumen streuen durfte, war auch da. Du wirst es glauben oder auch nicht - ich habe ihn leider nicht wieder erkannt. :-)
    Danke für deine Erinnerungsgeschichte!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ich danke dir, liebe Martina,
      fürs Lesen und deine Geschichte dazu, es sind diese Erinnerungen, die uns immer wieder schmunzeln lassen. Das ist so schön!

      Herzliche Grüße
      Regina

      Löschen
  4. Eine schöne Erinnerungsgeschichte liebe Regina, auch wenn der Anlass traurig ist.

    Liebe Wochenendgrüße
    Angelika

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, liebe Angelika,
      auch an dich ein herzlicher Gruß zum Sonntag

      alles Liebe
      Regina

      Löschen
  5. Liebe Regina, du bist im Tal der Tränen angekommen und gibst noch so eine nette Geschichte preis. Ein herzliches Dankeschön dafür, und für dich wünsche ich ein ruhiges Plätzchen.
    Ich werde an dich denken und dir nur Gutes wünschen.
    Ganz liebe Grüße, Margot.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke schön, liebe Margot,
      der Tag gestern war nicht so einfach, aber es war mir wichtig, die schönen Erinnerungen mit einzubeziehen und das hat mich schon sehr getröstet.
      Alles Liebe und einen schönen Sonntag dir
      Regina

      Löschen
  6. Erinnerungen sind sehr wichtig, was für mich ja auch im Moment sehr wichtig ist, und ich finde gerade die schönen Erinnerungen helfen einem die Trauer zu bewältigen. Auch wenn ein Mensch von uns geht, die Erinnerungen an ihn bleiben für immer.
    Musste schmunzeln bei deiner Geschichte wie ernsthaft und gewissenhaft du doch dein Amt verrichtet hast und die Angst die Polizei könnte den Diebstahl entdecken. An die ewig rutschenden Kniestrümpfe kann ich mich auch noch erinnern.
    Wünsche dir einen schönen Wochenanfang und schicke liebe Grüße, Lore

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Regina,
    schöne Erinnerungen hast Du da mit uns geteilt, auch wenn der Anlass dafür traurig war.
    Aber, es ist schön, daß wir solche Erinnerungen haben und es ist wichtig, sie zu haben und sie zu behalten ....
    Sei ganz lieb gedrückt!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Danke für den Drücker, liebe Claudia! :)

      Löschen
  8. Hallo Regina :)

    solche Tage sind schwer, umso schöner ist es da, glückliche Erinnerungen an die Person zu erhalten :)
    am besten sind die Erinnerungen, welche wir im Herzen tragen :)

    Fühle Dich gedrückt.

    Lieben Gruß und dennoch eine schöne Woche
    Björn :)

    PS: Endlich habe ich Deinen Blog auf Bloglovin "gefunden", nachdem mir meine Blogliste auf Blogger irgendwie zwischenzeitlich mal abhanden gekommen war ;)

    AntwortenLöschen

Ich freue mich über jeden Kommentar. Nicht immer schaffe ich es, alle Kommentare zu beantworten, ich bitte um Verständnis!