Dienstag, 29. Oktober 2013

Oma Neumann (7)



In der Nacht zum Montag schlief Frau Neumann sehr unruhig. Sie war aufgeregt wie ein junges Mädchen vor ihrem ersten Rendezvous. Die Kleidung, die sie am nächsten Tag tragen wollte lag bereit. Fieberhaft hatte sie überlegt, was sie anziehen sollte. Sie war ja lange nicht ausgegangen und gekauft hatte sie auch schon ewig nichts mehr. Schließlich entschied sie sich für eine schwarze Hose, dazu die weiße Bluse und eine dunkelrote Weste. Ja, und dazu würde sie die Goldkette tragen, die sie von ihrem Mann zur goldenen Hochzeit geschenkt bekommen hatte.
Pünktlich um viertel vor zehn holte Herr Wenzel sie zu Hause ab.
„Guten Morgen, ich freue mich und die Kinder freuen sich auch schon auf den Besuch. Sie haben in der letzten Stunde die Fragen zusammengestellt und sind gespannt darauf, was Sie uns erzählen werden“, begrüßte der Lehrer sie.
Lotta war schon in der Schule und erwartete Frau Neumann ungeduldig.
Als sie den Wagen des Vaters vorfahren sah, ließ sie ihre Freundinnen stehen.
„Da bist du ja, ich freu mich so!“, rief sie und nahm Frau Neumann an die Hand.
„Komm, ich zeige dir alles!“
„Immer langsam, Lotta. Zuerst möchte ich mit Frau Neumann zum Lehrerzimmer gehen, die Pause dauert ja noch ein wenig. Danach kommen wir dann in die Klasse.“
Lotta zog eine Schnute, gehorchte aber dem Vater und gesellte sich wieder zu den Mitschülern.
Nachdem es zur nächsten Stunde geläutet hatte, folgte Frau Neumann Herrn Wenzel in den Klassenraum der dritten Klasse. Die Kinder standen von ihren Plätzen auf, als die beiden Erwachsenen das Zimmer betraten.
„Ich möchte euch Frau Neumann vorstellen. Wie ihr ja wisst, wird sie uns heute ein paar Fragen beantworten und ein wenig von früher erzählen.“
Der Lehrer bot Frau Neumann seinen Platz hinter dem Pult an und gesellte sich zu den Kindern.
„Guten Morgen, liebe Kinder“, begann Frau Neumann, ganz so, wie sie es von ihrer eigenen Schulzeit kannte. Sie machte eine kurze Pause.
„Guten Morgen, Frau Neumann“, antworteten die Kinder im Chor. Dann stellte ein Mädchen die erste Frage:
„Ich heiße Andrea und bin acht Jahre alt. Darf ich Sie Fragen, in welchem Jahr sie geboren sind?“, las sie von ihrem Spickzettel ab.
Frau Neumann lächelte, mit dieser Frage hatte sie auch wirklich als erstes gerechnet.
„Ich bin im Jahr 1934 geboren, werde also im nächsten Jahr meinen achtzigsten Geburtstag feiern.“
Die nächste Frage lautete:
„Welche Spiele haben Sie gespielt, als sie noch klein waren?“
„Oh, da gab es viele Spiele. Mein liebstes Spiel war Völkerball, kennt ihr das auch noch?“
„Ja, ja!“, riefen die Kinder und Herr Wenzel erzählte, dass dieses Spiel im Sportunterricht immer am Schluss einer Stunde gespielt wurde. Die Kinder liebten es sehr.
Frau Neumann fand das toll.
„Dann haben wir ja schon eine Gemeinsamkeit gefunden“, freute sie sich. „Es gibt noch weitere Spiele, die meine Freundinnen und ich liebten, dazu gehörte besonders auch das „Machet auf das Tor“. Zwei Mädchen fassten sich an den Händen und bildeten ein Tor, durch das die anderen Kinder laufen mussten. Dabei wurde ein Lied gesungen und plötzlich schloss sich das Tor und das Kind, das sich gerade darunter befand, war gefangen.“
Herr Wenzel schlug vor, dass man zum Abschluss dieses Spiel einmal spielen könnte, vorausgesetzt, dass Frau Neumann den Text noch kannte und das auch wollte.
„Klar, ich war immer gut im Auswendiglernen, das bekomme ich noch hin.“
„Prima, dann machen wir jetzt mal weiter mit den Fragen.“
Die Stunde war im Nu vergangen, viele Fragen wurden noch gestellt und es konnten gar nicht alle beantwortet werden. Deshalb bat Herr Wenzel um einen erneuten Besuch. Frau Neumann nahm das gern an und versprach, in der nächsten Woche wieder in den Unterricht zu kommen. Dann sollte das Thema der Schulzeit in ihrer Kindheit genauer unter die Lupe genommen werden.
Bevor sie jedoch verabschiedet wurde, spielten sie gemeinsam das Spiel vom Tor, Frau Neumann sang mit glasklarer Stimme:
Machet auf das Tor, machet auf das Tor,
es kommt ein goldner Wagen,
Wer sitzet denn darin, wer sitzet denn darin,
ein Mann mit braunen Haaren.
Was will-er, will-er denn, was will-er will-er denn,
er will die Liebste holen,
aus Po-o-len!
Die Kinder hatten viel Spaß und auf dem Schulhof ging es in der Pause gleich weiter. Frau Neumann wurde nach Hause gefahren und sie war glücklich, aber sowas von!

Kommentare:

  1. Ein Glück, dass die Angelegenheit meines Nachbarn nicht so lange gedauert hatte, dann konnte ich noch ganz schnell hier lesen. Wunderbar, freue mich schon auf die Fortsetzung. Bei uns hieß das Lied, "er will die Prinzessin holen."
    Nun ab zum Mittagsschlaf, bevor dann Sidika zur Nachhilfe kommt. Erwartungsvolle Grüße, Lore

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    1. Hallo liebe Lore, hast du es doch noch geschafft, dann will ich mich mal beeilen mit der Fortsetzung für morgen.
      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina, eine wunderschöne Fortsetzung dieser Geschichte ist dir gelungen. Und, ich habe mich in meiner Klasse gesehen und mit Frau
    Neumann gesprochen, wunderbar, anheimelnd und dir dafür ein herzliches Dankeschön.
    Ganz liebe Grüße, Margot.

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    1. Auch ein herzliches Dankeschön an dich, liebe Margot,
      hab einen schönen Tag
      Regina

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  3. Liebe Regina,
    es wird von Tag zu Tag spannender und heute hast Du mich auch ein wenig in meine Kindheit zurückversetzt, denn dieses Lied am Ende, das haben wir früher auch immer auf dem Schulhof gesungen :O)
    Ich wünsch Dir einen schönen und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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    1. Hallo, liebe Claudia,
      das freut mich, dass ich Kindheitserinnerungen auch in dir wecken konnte!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Liebe Regina, eine Flut von Erinnerungen der unterschiedlichsten Art kommen gerade bei mir hoch. Zum einen erinnere ich mich an meine Mutter, die, als sie zum ersten Mal nach der langen Pflege meines Vaters und dessen Tod wieder zur 'Frauenhilfe' ging. Da stand sie auch am Tag zuvor vor dem Kleiderschrank und stellte fest, dass wir in den nächsten Tagen neue Kleidung kaufen müssten. Sie legte auch eine Goldkette am und ich musste ihr noch eine goldene Brosche an den Pulli stecken. Daran fühlte ich mich gerade erinnert.
    Und natürlich die alten Spiele. Ja, daran kann ich mich gut erinnern. Ich sitze jetzt hier und überlege den Text eines Lieder, der mir aber nicht komplett einfallen will. Wir machten dazu besondere 'Tanz'-Schritte. Ich schreib mal die Textstellen, die mir noch einfallen. "Er hat Hosen, wie ein Rock so weit, sie ein Häubchen auch zu jeder Zeit. Doch was soll man meinen, Hochschuh an den Beinen, tanzen sie zu jeder Zeit den Holzschuhtanz." Ach, schau mal, jetzt kam doch mehr Text, als ich erwartet hatte.Und wir zeigten dann mit den Händen die weite Hose und das Häubchen. Schöne Erinnerungen! Kennst du das auch?
    LG Martina
    LG Martina

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    1. Danke schön, Martina!!!
      Guck mal, meinst du das hier:

      Wenn wir im Sommer mal nach Holland geh'n,
      uns zu amüsieren an der blauen See,
      seh'n wir den Fischer und die Fischersfrau,
      das Röckchen rot, die Strümpfe blau.
      Er hat Hosen wie ein Rock so weit,
      sie hat ein Häubchen auf zu jeder Zeit.
      Und was sollt' man meinen,
      Holzschuh' an den Beinen,
      tanzen sie zu jeder Zeit den Holzschuhtanz.

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  5. Hallo Regina :)

    die Geschichte entwickelt sich sehr schön, nun kommen auch noch Erinnerungen dazu,
    ich kenne zwar dieses Lied nicht, aber das Spiel und Völkerball natürlich auch ;)

    Lieben Gruß
    Björn :)

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    1. Hallo Björn,
      eigentlich sollte die Geschichte gar nicht so lang werden, aber nun ist sie nicht mehr aufzuhalten!
      Danke dir und liebe Grüße
      Regina

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  6. Liebe Regina,
    lass die Geschichte bitte niht so bald enden.
    Sie gefällt mir ausnehmend gut und ich fühle
    mich etwas verbunden mit Frau Neumann.
    Einen wunderschönen Abend wünscht dir
    Irmi

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    1. Danke schön, Irmi,
      versprochen, sie endet noch nicht, es gibt noch so viel zu erzählen.
      Liebe Grüße
      Regina

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  7. Ja, das weckt Erinnerungen! Die Geschichte ist wunderbar! Vor allem schließe ich mich Irmi an: lass die Geschichte nicht so schnell enden. Da gibt es doch immer wieder was Neues zu erzählen!
    LG Calendula

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    1. Danke schön, Calendula,

      ich denke, es wird noch einige Forsetzungen geben! :)
      Liebe Grüße
      Regina

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  8. Liebe Regina, jetzt hätte ich fast die Nummer sieben verpasst. Aber die acht war zu weit da fehlte was.
    Herlich da werden Erinnerungen an die Kinheit wach. Ich kenne dieses Lied auch noch.
    Nun werde ich mich der Nummer acht zuwenden und habe nichts verpasst.

    Einen schönen Halloweenabend und liebe Grüße
    Angelika

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