Mittwoch, 23. Oktober 2013

Oma Neumann (3)



Am nächsten Tag …
Frau Neumann saß beim Frühstück, sie stippte einen Zwieback in heiße Milch und ließ es sich schmecken. Zwieback war ihr Leib- und Magengericht, besonders seit sie ihre dritten Zähne hatte und damit gar nicht so gut klar kam. Sie hatte alles versucht, Haftcreme, Pulver für den besseren Halt, Vliesstreifen, die man kunstvoll unter dem Gebiss drapieren musste, nichts half so richtig.
Wie gern hätte sie mal wieder kraftvoll in einen Apfel gebissen oder einen Knochen abgeknabbert, das konnte sie vergessen. Aber Zwieback, Jogurt und Pudding ging immer und da Frau Neumann eine ganz Süße war, ergab sie sich in ihr Schicksal.
Es klingelte an der Haustür, für den Briefträger war es noch viel zu früh, sie hatte ja noch nicht einmal den Kaffee gekocht. Sie erhob sich schwerfällig und schaute aus dem Fenster. Vor der Tür stand ein großer Mann, den sie noch nie gesehen hatte.
Sie schob das Alpenveilchen zur Seite, öffnete das Fenster und rief:
„Guten Morgen, wollen Sie zu mir?“ Ihr Sohn hatte sie gebeten, niemals die Tür zu öffnen, wenn ein Fremder davor stand, man hörte ja so viel.
Der Mann kam jetzt zum Fenster, freundlich sah er aus, gar nicht gefährlich. Er stellte sich vor:
„Guten Morgen Frau Neumann, mein Name ist Heiner Wenzel, entschuldigen Sie, dass ich sie so früh überfalle. Aber ich muss gleich zur Schule und wollte Sie gern etwas fragen vorher.“
Der musste zur Schule? Er war doch viel zu alt dafür, so oft konnte niemand sitzenbleiben, dass er in dem Alter noch immer zur Schule gehen müsste.
„Dann fragen Sie, junger Mann“, sagte sie aber trotzdem recht freundlich. Schließlich konnte ihr nichts passieren und neugierig war sie auch.
„Meine Tochter, die Lotta, hat Ihnen eine Karte geschrieben und ganz vergessen, unsere Adresse dazu zu schreiben. Der Briefträger Müller hat es mir gestern gesagt und da wollte ich Sie doch persönlich gern einladen, uns mal zu besuchen.“
Frau Neumann staunte. Da kam der Herr Wenzel persönlich vorbei, das war ja ein Ding. Damit hätte sie nun nicht gerechnet.
„Das ist aber lieb“, sagte sie und strahlte den jungen Mann an.
„Wenn es Ihnen recht ist, dann komme ich nachher nochmal vorbei und wir besprechen alles. Wir würden Sie nämlich sehr gern in die Schule einladen.“
Die alte Dame stutzte, sie hatte sich also doch nicht verhört, er ging noch zur Schule.
Herr Wenzel grinste.
„Ich bin Lehrer an der Grundschule hier in der Nebenstraße“, verriet er und Oma Neumann lachte herzlich.
„Ach so!“, gluckerte sie und Herr Wenzel stimmte fröhlich mit ein. Er hatte sich doch gedacht, dass Frau Neumann da etwas durcheinander geworfen hatte.
„Dann kommen Sie doch heute Nachmittag auf eine Tasse Kaffee zu mir“, lud sie ihn ein und er stimmte zu.
„Bis nachher dann und vielen Dank!“
Er reichte ihr eine Visitenkarte durchs Fenster, Frau Neumann musste ein wenig angeln, um sie zu erreichen, nahm sie dann aber fröhlich an sich.
„Ich freue mich sehr!“, rief sie Herrn Wenzel nach und der winkte so lange, bis er um die Ecke verschwunden war.





Kommentare:

  1. Da geht die Geschichte doch in eine Richtung, wie ich sie liebe. Solche Geschichten bräuchte es mehr in unserer Zeit, auch im richtigen Leben!

    Liebe Grüße

    Kerstin mit Finchen und Ayla

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    1. Danke schön, ich bin grad nicht zu bremsen und es geht schon weiter!

      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Das ist doch mal wieder eine schöne Geschichte, habe ja schon sehnsüchtig auf die Fortsetzung gewartet und dann habe ich sie doch verpasst, aber du weißt ja, wie turbulent es gerade bei mir zugeht. Nun bin ich aber belohnt worden und konnte gleich zwei davon lesen.
    Wunderbar! LGLore

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    1. Liebe Lore,
      danke, es geht schon weiter!

      Ich grüße dich herzlich
      Regina

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  3. Oh wie schön liebe Regina, die Geschichte geht schön weiter, gefällt mir was du da geschrieben hast.
    Diese Geschichte wäre im wahren Leben auch sehr schön, denn viele ältere Menschen sind allein zu Hause.

    Bin gespannt wie es weiter geht.

    Liebe Grüße und einen schönen Tag
    Angelika

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    1. Danke, Angelika,
      eine ganz neue Erfahrung ist es für mich, die Geschichte offen weiterzuschreiben, aber es macht Spaß, vor allem durch eure lieben Kommentare!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. Liebe Regina, hab vielen Dank für diese schöne Geschichte, die harmonisch weitergeht.
    Darüber freue ich mich sehr, und wünsche dir einen schönen Tag.
    Liebe Grüße, Margot.

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    1. Vielen lieben Dank, Margot,
      ich freue mich über deinen Zuspruch, es geht schon weiter!
      Liebe Grüße am Abend
      Regina

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  5. Liebe REgina,
    das sieht mir nach einer erfreulichen Begebenheit aus.
    Hoffentlich hat Oma Neumann Glück, und sie darf
    Leihoma bei der kleinen Lotta spielen. Das wären mal
    wieder Glücksmomente.
    Einen schönen Mittwoch wünscht Dir
    Irmi

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    1. Danke schön, Irmi,
      ja, vielleicht darf sie das - mir schwirren viele Möglichkeiten im Kopf herum, mal sehen, wie es sich entwickelt!
      Herzliche Grüße
      Regina

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  6. Hallo Regina :)

    sehr schön, mir gefällt die Geschichte :) Da kann ich mir alles so bildlich vorstellen.
    Bin gespannt auf den nächsten Teil.

    Lieben Gruß und viele schöne Einfälle ;)

    Björn :)

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    1. Vielen Dank, Björn,
      ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt!
      Liebe Grüße
      Regina

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