Mittwoch, 3. Juli 2013

Käthe wartet

Käthe steht an der Gartenpforte und schaut. Jeden Tag sieht man sie dort, immer zwischen Zwölf und Eins mittags. Sie schaut nach rechts, dann nach links, dann wieder eine Weile geradeaus. Sie wartet.

"Schau, Mama, die Käthe, da steht sie wieder!" Florian sitzt am Küchentisch und beobachtet die Nachbarin aus dem Haus gegenüber. Er kennt sie gut, aber in den letzten Monaten ist sie so komisch geworden, so dass Florian manchmal sogar etwas Angst vor ihr hat. 

"Sie wartet!", sagt Mama und Florian nickt. "Weiß ich ja. Aber merkt sie denn nicht, dass sie ganz umsonst dort wartet?"

"Nein, Florian, Käthe vergisst es immer wieder. Sie denkt, dass ihre Kinder jeden Moment aus der Schule kommen müssten. Das hat sie mir erzählt und als ich sagte, dass die Kinder doch längst erwachsen sind, da hat sie geweint und ist ins Haus gelaufen."

"Sie tut mir so leid!" Florian hat Tränen in den Augen, denn er mag die alte Dame so gern leiden. Früher hat sie ihm Geschichten erzählt. Aber heute ist Florian ja schon ein großes Schulkind und er kann seine Geschichten selbst lesen.

"Meinst du, ich sollte sie mal fragen, ob sie mir eine Geschichte vorliest?", fragt Florian die Mutter.

"Versuch es, aber jetzt essen wir erst einmal, später kannst du zu ihr gehen."
"Und wenn sie mich wieder nicht erkennt?"
"Dann stellst du dich vor und sagst ihr wer du bist, wo du wohnst und dass du immer so gern ihre Geschichten hörst. Dann wird sie sich bestimmt erinnern, noch kann sie das!"

Am Nachmittag geht Florian zu Käthe. Mama hat ihm einen schönen Strauß Löwenmäulchen aus dem Garten mitgegeben.
"Ach du lieber Junge", begrüßt ihn Käthe. "So schöne Blumen", sie nimmt die Blumen und holt gleich eine Vase aus der Küche.
"Setz dich doch, Kleiner!"
Großzügig überhört Florian das "Kleiner". Eigentlich mag er das nicht hören, aber Käthe darf das und heute ist sie auch wunderbar gelaunt und nicht so zickig wie beim letzten Mal, als sie sich so darüber geärgert hat, dass sie sich nicht an Florians Namen erinnern konnte und ihm einreden wollte, dass er gefälligst Josef zu heißen hat.

"Ich bin übrigens der Florian!", sagt er schnell.
"Aber das weiß ich doch, Kleiner. Magst du einen Kakao?"
"Nein, ich habe gerade zu Mittag gegessen, aber eine Geschichte würde ich gern hören."

Käthes Augen strahlen, sie setzt sich in den großen Sessel, legt die Beine auf die Fußbank und beginnt:
"Heute erzähle ich dir eine Geschichte, die der Josef auch immer so gern gehört hat, weißt du, der Josef, das ist mein Jüngster!"

Florian lauscht der Geschichte, er kennt sie schon, aber das macht gar nichts. Käthe ist glücklich und es tut ihr gut zu erzählen, das merkt Florian und er nimmt sich vor, sie nun wieder öfter zu besuchen.

© Regina Meier zu Verl 

 

Kommentare:

  1. Ja liebe Regina, Kinder tun den alten Menschen gut. Ich habe das immer bei meinem OPa bewundert, wenn meine Enkeltochter hier war, also seine Ururenkelin ist er richtig aufgelebt. Doch an manchen Tagen brauchte er Ruhe und es war zu laut.

    Eine schöne Geschichte, die zu Herzen geht.

    Liebe Grüße
    Angelika

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    1. Danke schön, Angelika!

      Ich freue mich, dass dir die Geschichte gefällt!

      Liebe Grüße
      Regina

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  2. Liebe Regina,
    eine wunderschöne, tiefsinnige Geschichte.
    Das zeigt wieder, dass man auch auf diese
    Menschen zugehen soll - sich mit ihnen
    beschäftigen sollte. Es ist immer noch so
    viel da.
    Einen schönen Restabend wünscht Dir
    Irmi

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    1. Danke, Imri,

      ja, gerade Kinder können da Glücksmomente fördern. Ich habe das oft erlebt und es beschäftigt mich sehr!

      Liebe Grüße
      Regina

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  3. Liebe Regina...welch bezaubernde, herzige Geschichten du hast.
    Habe schon mal am Nachmittag ein bissel in deinen Geschichten hineingelesen und sie haben mir sofort gefallen.

    Hab eine Gute Nacht.

    ♥-liche Grüsse Julia

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    1. Liebe Julia,

      danke für deinen lieben Kommentar, ich freue mich sehr darüber!

      Herzliche Grüße
      Regina

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  4. War schon gespannt und bin gleich nach meinem Eintrag hierher gekommen. Was für eine schöne Geschichte und es zeigt wie liebevoll und behutsam man mit Demenzkranken umgehen soll. Musste das ja auch die letzten Wochen.
    Wünsche dir einen schönen Tagesanfang und genieße die Stunden, die dir allein gehören. LGLore

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    1. Liebe Lore,
      wie schön, dass du nun wieder mobil hier im Internet sein kannst - aber wir zwei finden ja auch andere Wege, uns zu unterhalten und das ist auch schön!
      Lieben Dank und herzliche Sonntagsgrüße an dich
      Regina

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  5. Liebe Regina,
    eine schöne und berührende Geschichte!
    Danke dafür!
    Ich wünsch Dir einen wunderschönen und sonnigen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße,Claudia ♥

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  6. Liebe Regina, Deine Geschichte ist sehr gut erzählt und aus dem Leben gegriffen. Sie berührt mich, denn ich kannte eine Nachbarin, die mit dieser Erkrankung nicht umgehen konnte und freiwillig aus dem Leben schied. Sie war sehr liebenswert und ich konnte als Jugendliche nicht verstehen, warum man, wegen Vergesslichkeit, sich das Leben nimmt. Vielleicht, weil sie alleine lebte? Zuwendung hilft immer, auch wenn es nur für einen Augenblick ist ...
    Danke für das Erzählen dieser lebensnahen Geschichte.
    Wünsche Dir einen wunderschönen Tag.
    Liebe Grüße, Margot

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    1. Danke schön, liebe Margot,
      ich habe mir schon viele GEdanken darüber gemacht, wie ich damit umgehen würde, wenn ich wüsste, dass es mich auch trifft. Ich komme aber zu keiner Lösung und hoffe sehr, dass dann auch Menschen um mich herum sind, die Verständnis haben und mich auffangen.

      Danke und herzliche Grüße
      Regina

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    2. Liebe Regina, Du solltest solche Gedanken überhaupt nicht haben. Du bist ein sehr reger geistiger Mensch, der bestimmt nicht in so eine Lage kommen wird ... und bitte, verwechsel nicht normale Vergesslichkeit, die mit den Jahren zunimmt, mit Demenz. Sonst würde ich schon mit einem Halsband spazieren geführt ;-) ... ich schreibe diese Worte, trotzdem ich weiß, diese Krankheit ist sehr ernst zu nehmen. Ich wünsche Dir nur das Beste und deshalb auch keine trüben Gedanken.
      Herzlichst Margot

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  7. Sehr schöne Geschichte, sie geht ans Herz.
    Wünsche dir einen sonnigen Tag,
    liebe Grüsse Babs

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    1. Vielen Dank, Babs,

      ich freue mich, dass dich die Geschichte berührt hat.

      Ich wünsche dir einen wunderbaren Sonntag
      Regina

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  8. Hallo Regina :)

    eine wunderbare Erzählung mit einem sehr traurigen Hintergrund.
    Wäre schön wenn es im Leben mehr Jungen geben würde wie Florian, leider sind die Verwandten und Bezugspersonen solcher Menschen wie Käthe oft völlig überfordert. Eine schlimme Krankheit.

    Lieben Gruß
    Björn :)

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    1. Das stimmt, lieber Björn,

      und es kann uns alle treffen. Deshalb erzähle ich diese Geschichten, um ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es immer einen Weg gibt, Menschen, die daran erkrankt sind noch Glücksmomente zu verschaffen. Kinder haben da (glaube ich) eine besondere Gabe!

      Herzliche Sonntagsgrüße
      Regina

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  9. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es für den Kranken, aber auch für die Angehörigen nicht immer einfach ist, mit dieser Erkrankung umzugehen.
    Danke für diese liebevoll geschriebene Geschichte.
    LG Martina

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    1. Ich danke dir, liebe Martina,
      für deinen lieben Kommentar und ich wünsche dir einen schönen Sonntag.

      Liebe Grüße
      Regina (Die Daumen sind gedrückt)

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  10. Deine Geschichte hat mich auch sehr berührt; wunderschön geschrieben!

    Einen schönen Tag wünsche ich dir, liebe Regina!

    Herzlichst, Jadie

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    1. Liebe Jadie,
      ich danke dir für deinen lieben Kommentar und wünsche dir einen schönen Sonntag

      Regina

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  11. Sehr berührend.

    Lieben Gruß Annette

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    1. Vielen Dank, Annette,

      ich freue mich!

      Herzliche Grüße und einen schönen Sonntag dir
      Regina

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  12. Schöne berührende Geschichte. Super erzählt!

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    1. Vielen lieben Dank!!!!

      Herzliche Grüße
      Regina

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  13. Demenz ist eine schreckliche Krankheit! Aber deine Geschichte zeigt genau den richtigen Umgang damit: nicht dem Demenzkranken alle "Behauptungen" widerlegen, sondern das fördern, was er noch kann.
    Natürlich kann die Krankheit auch ganz andere Ausmaße annehmen, dass pflegende Angehörige an ihre Grenzen stoßen.
    LG Calendula

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    1. Liebe Calendula,

      ja, das ist richtig. Ich kenne auch einige Familien, die kaum noch Kraft hatten, damit umzugehen. In diesen Fällen ist es besonders wichtig, dass Hilfe von außen kommt, denn die Angehörigen sind oft völlig überfordert. Es ist nicht leicht, anzusehen, wie ein geliebter Mensch sich verändert.

      Viele Grüße am Sonntag
      Regina

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