Mittwoch, 24. April 2013

Vom Käfer, der nicht wusste, dass er fliegen kann

Das Marienkäferchen war völlig erschöpft. Den ganzen Tag war es nun schon gekrabbelt und kaum vorangekommen.
„Ach, ist das mühselig“, dachte es und krabbelte mit letzter Kraft einen Grashalm hoch und schaute sich um.
Auf einem Halm nebenan saß eine Fliege, die sich putzte.
„Na du!“, sagte der Marienkäfer. „Hattest du auch so einen anstrengenden Tag?“
„Das kann man wohl sagen“, antwortete die Fliege und breitete ihre Flügel aus. „Ich hätte beinahe mein Leben lassen müssen.“
„Oh, das tut mir leid. Wie kam das denn?“, fragte das Marienkäferchen mitleidig und vergaß seinen eigenen Kummer.
„Nun ja“, antwortete die Fliege, „ich hatte es mir gerade auf der Fensterbank in der Sonne gemütlich gemacht, als eine Fliegenklatsche auf mich hinab sauste. Ich bemerkte es gerade noch rechtzeitig und bin schnell weggeflogen.“
„Du hast es gut, du kannst fliegen!“, sagte das Käferchen traurig.
Die Fliege schaute es mit großen Augen an.
„Das kannst du doch auch, oder etwa nicht?“, fragte sie überrascht.
„Ich? Ich kann das nicht, ich bin doch ein Krabbelkäfer. Den ganzen Tag klettere ich schon die Grashalme rauf und wieder runter. Kannst du dir vorstellen, wie anstrengend das ist?“
Die Fliege lachte. Sie konnte gar nicht mehr aufhören damit.
Das Käferchen war beleidigt. „Was lachst du denn so blöd?“
„Mein lieber Marienkäfer, du kannst fliegen, du weißt es nur noch nicht. Wie kann man nur so dumm sein?“
Sie hielt sich den Bauch vor Lachen. Dann schämte sie sich aber doch ein bisschen und bot an: „Ich werde es dir zeigen, wenn du willst!“
Natürlich wollte das Käferchen das gern lernen.
„Schau her, du breitest die Flügel aus und beginnst damit zu schlagen, immer hoch und runter, guck her, so!“ Die Fliege machte es vor und hob sich in die Luft.
Das Käferchen tat es ihr nach und siehe da, ein wenig schwerfällig noch, aber mit der Zeit immer leichter werdend, flog es und summte dabei vor Freude.
Es ist doch schön, wenn da jemand ist, der dir sagt, was du alles kannst – wenn  du selbst es noch nicht weißt oder an dir zweifelst, oder?

© Regina Meier zu Verl

Kommentare:

  1. Eine sehr schöne Geschichte! Ich lese deine Geschichten sehr gerne - oft auch abends um den Tag nett ausklingen zu lassen.
    LG Calendula

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  2. Liebe Regina,
    wie schön! es macht mir immer viel Freude, Deine so schönen Geschichten am frühen Morgen lesen zu dürfen!
    Ich wünsch Dir einen wunderschönen und glücklichen Tag!
    ♥ Allerliebste Grüße Claudia ♥

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  3. Hallo Regina,

    wunderbar, ich konnte die beiden vor meinem inneren Auge auf ihrem Halm sitzen sehen.
    Manchmal braucht es erst einen "Anstoß" um sich zu trauen und sehr oft gelingt es dann auch.

    Toll.

    Lieben Gruß
    Björn :)

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  4. Wunderschön, liebe Regina. ♥

    Und ja, es ist schön, wenn da jemand ist, der einem sagt, was man alles kann, wenn man an sich zweifelt.

    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Martina, die oft an sich zweifelt

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  5. Eine wunderbare Geschichte. Einfach nur schön.
    LG Gisela

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  6. welch eine entzückende geschichte die direkt aus dem leben kommt...
    Hilfe geben wenn sie einer braucht und das gerne steht dahinter - für mich - als kleine Botschaft.
    Grüß den kleinen Krabbelkäfer von mir wenn du die geschichte vorliest und sag ihm ich hab dafür große Frösche im Garten die ebenfalls gerne mal fliegen würden ehe sie ein menschlein tottritt, doch leider - haben sie definitiv keine Flügel und brauchen jemanden der sie ins dichte Schutzgras setzt...
    herzliche Grüße in deinen Sommermorgen...denn eben hab ich wieder eine im Frühlingserwachen entdeckt--
    angel

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